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»DIE VOLKSREGIERUNG MORDET IHR VOLK«

In den polnischen Ostseestädten hat die Partei die Lage noch nicht wieder völlig unter Kontrolle. Diplomaten in Warschau berichten, die Sowjetregierung halte die Situation für so ernst, daß sie für den Fall einer Wiederholung der Dezember-Ereignisse zur Intervention bereit sei. Was damals in Gdingen geschah, beschreibt ein hektographiertes Flugblatt von Arbeitern der Hafenstadt. dessen Originaltext der SPIEGEL in wartgerechter Übersetzung veröffentlicht
aus DER SPIEGEL 6/1971

An alle Länder dieser Welt. Die Arbeiter der Pariser-Kommune-Werft in Gdynia (Gdingen), die Hafenarbeiter, wie auch die Arbeiter und Angestellten aller Unternehmen in dem Küstengebiet bitten auf das inständigste, das Verbrechen des Massenmordes zu verdammen, das an der unschuldigen Bevölkerung der Küste von dem polnischen NKWD begangen wurde. Es waren Moczars* Henkerknechte, die in speziellen Schulen in Slupsk (Stolp), Pila (Schneidemühl) und anderen polnischen Städten ausgebildet wurden.

Wir bitten, diesen Brief in allen Massenmedien zu veröffentlichen, und fordern die Bestrafung derjenigen, die verantwortlich sind für den Befehl des bestialischen Mordes an Kindern, Frauen, an schwangeren Frauen, an Müttern, Vätern, Söhnen, die am 17. Dezember, dem Appell von Kociolek** folgend, zur Arbeit in der Werft, im Hafen und in die Unternehmen eilten, welche sich auf der Polska-Straße, Marchlewski-Straße und Oksywie befinden.

Am 16. Dezember 1970, zwischen 20 und 21 Uhr, forderte Kociolek durch Radio alle Menschen auf, sie sollen den Streik beenden und sich zur Arbeit begeben. Diesem Appell folgend, begaben sich die Arbeiter der oben genannten Werke nichtsahnend in bester Absicht zu ihren Arbeitsplätzen. Auf dem Weg zur Werft, zum Hafen und zu den erwähnten anderen Unternehmen muß man eine Laufbrücke passieren, die über die Eisenbahngleise von der Czerwonych-Kosynierów-Straße (ehemals Morska-Straße) zu der erwähnten Polska-Straße führt.

Als erste ging die Treppe von der Laufbrücke auf die Polska-Straße eine schwangere Frau hinunter; im Abstand von etwa ein Dutzend Stufen folgten ihr vier Arbeiter, die wahrscheinlich aus der Werft waren. In diesem Augenblick, ohne irgendwelche Warnung, ertönte eine Reihe Schüsse aus einer Maschinenpistole. Mit dem Schrei: Jesus Maria 1 rollte

* Mieczyslaw Moczar, seit Dezember 1970 das für Sicherheitsfragen zuständige Politbüromitgiied.

** Stanislaw Kociolek, bis Juli 1970 Parteichef der Wojwodschaft Danzig, heute ZIC-Sekretär und Politbüro-Mitglied.

*** Piasnica Wielka ist ein Dorf im Kreis Puck bei Danzig, in dessen Nähe 1939 in einem Wald zehn- bis zwölftausend Polen von den Deutschen umgebracht wurden.

die Frau die Treppe hinab. Danach folgt die nächste Serie aus einer Maschinenpistole: Ein Arbeiter bleibt auf dem Treppengeländer hängen, drei andere fallen die Treppe herunter. Es entsteht eine unbeschreibliche Panik und Entsetzen; man hört Rufe »Sie morden!«, es fließt Blut.

Auf der Czerwonych-Kosynierów-Straße sammelte sich eine große Menschenmenge an. Die Leute schrien: »Mörder! Gestapo!« Es herrschte Verwirrung und Empörung über die angebliche Volksmacht, die den Befehl zum Massaker und zum Mord gegeben hat.

So ging es fort, bis es hell wurde. Und als es hell geworden war, traten auch Hubschrauber in Aktion. Sie warfen auf die Menschen Tränengas herunter und schossen auf sie aus Maschinengewehren. Viele wurden getötet oder verwundet. Die Menschen flüchteten, um sich vor den Hubschraubern zu verstecken.

Ohne die Schüsse zu beachten, nahmen junge Leute eine Haustür auseinander und legten auf sie die Leiche eines Knaben, der zur Schule lief, bevor er erschossen wurde. Sie tauchten in sein Blut eine polnische Nationalfahne und gingen in Richtung zur Stadt. Mindestens 2000 Menschen schlossen sich an. Sie wollten zum Stadt-Präsidium gehen, um die Lage zu klären.

Als sie die Swietojanska-Straße erreichten, wurden sie dort bereits von Moczars Zöglingen erwartet. Es folgte ein furchtbares Massaker und schreckliches Morden; ein großes Geschrei und Weinen der Mütter, vor deren Augen wehrlose Menschen umgebracht wurden.

Wir wissen nicht, warum die Behörden ihr Urteil gegen die Einwohner von Gdynia abgegeben haben, denn in Gdynia hat doch kein Mensch aus dem Volke auch nur eine einzige Fensterscheibe zerschlagen, niemand hat doch irgend etwas beschädigt. Deshalb fragen wir: Wofür?

Die Presse berichtet, 21 Personen seien getötet worden, aber sie irrt sich mindestens um eine Null. Die Verwundeten wurden auf unmenschliche Weise behandelt. Die Polizisten sagten, daß Banditen ruhig verrecken können, und es sei nicht nötig, sie In die Krankenhäuser zu transportieren. Daraus ergibt sich, daß ein Arbeiter in Polen, im Begriff der sogenannten Volksregierung, ein Bandit ist. Ewige Schande einer Volksmacht, die ihre eigenen Angehörigen und ihr Volk mordet!

Dem Moczar und dem Cyrankiewicz, der das Urteil gegen ihre Einwohner, wie auch gegen die Einwohner von Gdansk (Danzig), Elblag (Elbing), Sztum (Stuhm), Slupsk und Szczecin (Stettin) unterschrieben hat, wird Gdynia das unschuldig vergossene Blut niemals vergessen. Wir bitten, daß die Organisation der Vereinten Nationen van den polnischen Behörden verlangt, genaue Zahlen der Menschen, die in den erwähnten Städten ermordet wurden, zu veröffentlichen und die Leichen an die Familien zurückzugeben, denn sie wurden in eine unbekannte Richtung verbracht und dort begraben. Das zweite Piasnica***.

Die Arbeiter der Pariser-Kommune-Werft, des Hafens und der übrigen Werke.

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