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»Die Waffe am Ende aller Waffen«

SPIEGEL-Autor Wilhelm Bittorf über Wunsch und Wirklichkeit beim amerikanischen SDI-Programm (III) *
Von Wilhelm Bittorf
aus DER SPIEGEL 15/1986

Lautlos, weil mehr als doppelt so schnell wie der Schall, raste das hellgraue Kampfflugzeug der US Air Force, Typ F-15, durch den Himmel über dem Stillen Ozean. In 12000 Meter Höhe zog der Pilot die Maschine steil nach oben in einen weit ausholenden Looping.

Kurz vor dem Scheitelpunkt der Schleife löste sich eine Rakete vom Bauch des Jets. Ihr Triebwerk zündete, und mit eigener Kraft stieg sie weiter in die Stratosphäre, während die F-15 wieder in die dichteren Luftschichten hinabtauchte.

Von acht zielsuchenden Infrarot-Sensoren dirigiert und von vielen kleinen Lenkdüsen gesteuert, schoß das Projektil, das nach militärischen Maßstäben als »intelligent« gilt, über die Erdatmosphäre hinaus und prallte in 550 Kilometer Höhe mit »P 78-1« zusammen, einem altgedienten Forschungssatelliten der US-Luftwaffe. Die Kollisionsgeschwindigkeit betrug nahezu 50000 km/h. Vom Satelliten blieben mehr als hundert per Radar erkennbare Bruchstücke übrig, die als Weltraumschrott noch eine Weile um die Erde kreisen.

Das war, am 13. September 1985 der erste geglückte Test einer amerikanischen »Anti-Satelliten-Waffe« ("Asat"). Er ging über echte Distanzen gegen einen echten Satelliten - anders als bei den Laserstrahlen-Kunststücken, die SDI-Chef James A. Abrahamson für viel Geld veranstalten läßt, um in der Öffentlichkeit den Glauben an eine Raketenabwehr im Weltraum zu stärken und die parlamentarische Spendierlaune anzureizen.

Schon von 1987 an soll die Asat-Rakete bei der Air Force in Dienst gestellt werden - als erste Waffe für den Krieg der Sterne. Der Haken ist bloß, daß Asat sich zur Abwehr sowjetischer Atomgeschosse nicht eignet. Es ist keine Waffe für SDI, sondern gegen SDI: eine Waffe gegen alle die Raumstationen, gegen die Armada von Kampf-. Beobachtungs- und Kommunikations-Satelliten, ohne die ein »weltraumgestütztes Verteidigungssystem« nicht einmal im Traum vorstellbar ist. »Mit der F-15 plus Asat könnten wir den Himmel leerfegen«, zitierte »Time« einen Pentagon-Offiziellen.

Kurz: Eine von vielen möglichen »countermeasures ("Gegenmaßnahmen") gegen SDI ist fast schon einsatzbereit, während raketenbekämpfende Laser- oder Kinetikwaffen sogar für entfesselte Star-Wars-Enthusiasten noch in jahrzehnteweiter Ferne liegen. Denn mit schizophrenem Eifer befassen sich Pentagon, Forschungslabors und Rüstungsindustrie zugleich mit SDI und »countermeasures« gegen SDI, für den Fall nämlich, daß auch die Sowjets einen außerirdischen Raketenschutzzaun zu entwickeln versuchen.

»Wenn der Bau einer Abwehr gegen strategische Nukleargeschosse ein großes Geschäft wird, dann werden die Geschäftsaussichten nicht weniger aufregend sein, wenn die Sowjet-Union mit einem entsprechenden System reagiert«, umschreibt Fred Hiatt von der »Washington Post« die Haltung der Industrie mit angemessenen Sarkasmus.

Tatsächlich bietet oft dieselbe Firma den Streitkräften nebeneinander SDI - und Anti-SDI-Erfindungen an - wie deutlich bei den Rüstungsschauen zu beobachten ist, die von den Militärlieferanten alljährlich in den weitläufigen Festsälen des Washingtoner Sheraton-Hotels veranstaltet werden. Da preisen GA Technologies aus Kalifornien an ihrem Stand

»Hochenergie-Strahlen« zum Zerschweißen aufsteigender Sowjetraketen an, vorausgesetzt, das Pentagon finanziert die Entwicklung solcher Strahlen mit großherzigen Dollargaben.

GA Technologies offerieren aber auch ein Gegenmittel gegen solche Strahlen - zum Schutz der eigenen Projektile vor feindlichen »Energiewaffen": Neuentwickelte »überlebensfähige Materialien« sollen die Atomgeschosse Laser-resistent machen.

Der Luft- und Raumfahrtkonzern McDonnell Douglas, einerseits beim SDI-Programm stark engagiert, hat auf der anderen Seite einen längst durchkonstruierten »manövrierbaren Wiedereintrittskörper« ("Marv") parat. Das ist ein Nuklearsprengkopf, der beim Anflug auf sein Ziel Haken schlagen kann, um der Abwehr auszuweichen - technisch eine spottbillige Kleinigkeit im Vergleich zu dem Problem, auch nur einen Sprengkopf zu treffen, der keine Haken schlägt.

Doch Marvs sind nur eine von vielen »Penetrationshilfen« - so heißen in der absonderlichen Begriffswelt des Militärs die Verfahren, die eine noch gar nicht vorhandene Verteidigung täuschen, überwältigen und mattsetzen sollen. Allein die US-Luftwaffe hat im letzten Jahr 200 Millionen Dollar für die Entwicklung von »penetration aids«, kurz »penaids«, und anderen »countermeasures« ausgeworfen. Auch der Verband der US-Elektronikindustrie sieht in den Gegenmaßnahmen insgesamt »einen Wachstumsmarkt... reich an elektronischen Möglichkeiten«.

In allen wesentlichen Punkten überflügeln die erwiesenermaßen möglichen Gegenmaßnahmen heute schon die hypothetische »Maginotlinie am Himmel«, wie die erstrebte Weltraumverteidigung von Herbert York bezeichnet wird, dem ersten Direktor des Atomlabors Livermore, der aber schon 1964 erkannt hat, daß es für das Sicherheitsproblem zwischen den Nuklearmächten »keine technische Lösung« geben könne. Denn jeden Schritt, den eine der Mächte zu ihrem Schutz unternehmen könne die andere durchkreuzen, unterlaufen oder sonstwie zunichte machen.

Allein die für jeden Laien augenfällige Verwundbarkeit aller SDI-Komponenten, die auf metergenau vorhersagbaren Bahnen um die Erde kreisen, müßte bei nüchterner Betrachtung Star Wars als das erkennbar machen, was die Amerikaner eine »Rube-Goldberg-Maschine« nennen: eine Maschine, die ebenso kompliziert und kostspielig wie absurd ist. (Ein Karikaturist dieses Namens hat zwischen den Weltkriegen solche närrischen Apparate gezeichnet, um die Technomanie und Tüftelwut seiner amerikanischen Landsleute zu veralbern - Rube Goldberg starb 1970.)

Denn einmal angenommen, die Hoffnungen der SDI-Verfechter erfüllten sich. Angenommen, nach vielen Jahren, die gewiß nicht von den lauen Lüften der Entspannung erfüllt wären, kämen funktionierende Strahlenwaffen zustande, die sowjetische Fernraketen in ihrer Antriebs- und Aufstiegsphase ("boost phase") zerstören könnten, dann also, wenn diese Projektile durch ihren Feuerschweif am besten zu erkennen sind und bei einem Treffer auch alle Sprengköpfe und Täuschkörper, die sie tragen, auf einen Streich mitvernichtet würden.

Was dann? Wie hätte ein ohnehin von Schreckensszenarien zermartertes Hirn sich aus heutiger Sicht den weiteren Gang der Dinge vorzustellen? Genauer gefragt: »Wie stellt man sich unsere Beziehungen zur Sowjet-Union vor, wenn die Vereinigten Staaten damit beginnen, Kampfsatelliten mit Strahlenwaffen oder Laserspiegeln im Weltraum zu stationieren, das heißt, in Umlaufbahnen über Rußland zu bringen?«

Diese weitblickende und doch naheliegende Frage stellt Kosta Tsipis, geborener Grieche, naturalisierter Amerikaner, Physikprofessor am gerühmten MIT (Massachusetts Institute of Technology) und seit 15 Jahren ein kühler Analytiker strategischer Rüstung, der vor der Ära Reagan-Weinberger

auch vom Pentagon konsultiert wurde. In einer Studie über Laserwaffen sah Tsipis schon 1980 eine schwere und andauernde Krise zwischen den Supermächten voraus, wenn die USA mit der Weltraumstationierung solcher Kampfsatelliten anfangen.

Und das müßten sie, soll der gigantische Aufwand nicht umsonst gewesen sein, und vorausgesetzt, es gibt bis dahin genug zuverlässige Schwerlast-Raumfähren für den Hinauftransport. In ununterbrochener Kette mußten Schwärme von Kampfsatelliten in 350 bis 1000 Kilometer Höhe ständig über die Raketenfelder in der Sowjet-Union hinwegziehen.

Einen wahren Dornenkranz aus Strahlenwaffen und elektromagnetischen »Schienenkanonen« müßte das Pentagon um die Erdkugel legen, damit immer eine genügende Anzahl von ihnen in Schußposition über dem Sowjetreich ist. Denn selbst bei den heutigen, noch nicht auf Star Wars eingestellten russischen Fernraketen hätten die US-Satelliten nicht einmal zwei Minuten Zeit, sie in der Antriebsphase zu erkennen, zu berechnen, anzupeilen und zu zerstören. Nicht einmal zwei Minuten: die Zeit zwischen dem Auftauchen der Raketen aus der dichteren Lufthülle der Erde in 100 Kilometer Höhe und dem Brennschluß der Raketenmotoren, wenn die Sprengköpfe ihren freien Flug beginnen.

Unter 100 Kilometer Höhe schützt die Luft den Feind. Gerade harte, energiereiche Laserimpulse werden von der dichten Atmosphäre absorbiert und zerstreut.

Nicht anders bei den Metallgeschossen der Schienenkanonen, die »Abe« Abrahamson in den letzten Monaten hochgespielt hat und mit denen zahlreiche US-Industriefirmen und Forschungslabors experimentieren. Nach der SDI-Wunschvorstellung sollen die Geschosse dieser »rail guns« Geschwindigkeiten bis zu 20 Kilometer pro Sekunde (gleich 72000 km/h) erreichen. Aber nur im Weltraum: denn in der Reibungshitze des Luftwiderstandes würde das Projektil bei diesem Tempo verdampfen, ehe es sein Ziel durchbohren kann.

Die Naturgesetze selbst, so scheint''s, haben sich zu »countermeasures« verschworen. Auch aus diesem Grund konnten sich die Fachleute, pro wie contra SDI, bisher nicht einigen, wieviel hundert oder gar tausend »Waffen-Plattformen für die Weltraumstationierung notwendig sind. Nur etwa 15 Prozent dieser Plattformen befinden sich ja jeweils in Schußposition, während die übrigen 85 Prozent des erdumkreisenden Kampfsatelliten-Kranzes immer gerade nutzlos über den Südpazifik oder Afrika hinwegfliegen. Ehe sie eingreifen können bei dem sowjetischen Massenangriff, der von den SDI-Promotern ständig herbeibeschworen wird, ist alles vorüber.

Aber, wie Kosta Tsipis, und er nicht allein, betont: Auch unter der Annahme, daß diese globale Rube-Goldberg-Maschine technisch machbar ist und Amerika plus Verbündete nicht ruiniert hat, ehe der erste Abwehrtrabant seine Runden dreht, kann Ronald Reagans Schutzschirm-Traum nur als politisch-militärischer Alptraum Wirklichkeit werden. Denn die von dem Nachrichtenmagazin »Newsweek« wiedergegebene Absicht der Sternenkrieger in Livermore, »etwas da hinauf in die Umlaufbahn) zu bringen, was die Russen verrückt macht - dieses jungenhaft-frischfröhliche Vorhaben könnte nur allzu gut gelingen.

Die Dauerkrise zwischen den Supermächten, von der die Entwicklung der Weltraumwaffen begleitet sein werde, so Tsipis, drohe sich zur Gefahr eines »an-out war« zu verschärfen, wenn die ersten Exemplare solcher Waffen über der Sowjet-Union auftauchen.

Diese Kriegsgefahr entspringt dem Zorn der mit Erfolg verrückt gemachten Sowjetführer, denen zudem niemand den Verdacht ausreden wird, daß die US-Satelliten auch eine offensive und nukleare Bedrohung für ihr Land seien. Aber die dramatisch gesteigerten Konfliktrisiken werden in dieser hypothetischen Situation ebenso von der extremen und verführerischen Verwundbarkeit dieser Kampfstationen verursacht. Sie ziehen wie himmlische Zielscheiben über die UdSSR und könnten die ergrimmten Männer im Kreml in die Versuchung führen, demonstrativ eines oder mehrere dieser unbemannten Objekte des Anstoßes zu attackieren.

»Es wäre auch möglich, daß (die Sowjet-Union) versucht, Weltraum-Minen neben (amerikanischen) Anti-Raketen-Waffen zu stationieren«, schreiben Physik-Nobelpreisträger Hans _(Der Sowjet-Satellit (l.) schleudert ) _(einen Schwarm Stahlkugeln auf einen ) _(entgegenkommenden US-Satelliten. )

Bethe und Richard L. Garwin, Physiker und Rüstungsanalytiker seit 35 Jahren, in ihrer vielbeachteten SDI-Untersuchung im »Scientific American (deutsche Ausgabe: »Spektrum der Wissenschaft"). Eine »Raum-Mine ist ein mit Sprengstoff und Schrapnellkugeln vollgestopfter manövrierbarer Satellit, dessen Entwicklungs- und Herstellungskosten nur einen Bruchteil des Aufwandes für eine Laserwaffe oder auch nur einen Umlenkspiegel im Raum ausmachen.

Eine solche Mine läßt sich an einen US-Satelliten heranbugsieren. Sie wird zu seinem Schatten und bleibt es, bis sie von der Bodenstation das Detonationssignal bekommt. Dann zerreißt sie sich und den feindlichen Nachbarn.

Bethe und Garwin: »Diese Gegenmaßnahme (der Minen-Stationierung) allein könnte schon einen Konflikt (zwischen den Supermächten) auslösen, denn wenn das Anti-Raketen-System imstande ist, seine eigentliche Aufgabe zu erfüllen, so ist es auch in der Lage, eine Weltraum-Mine in beträchtlicher Entfernung zu zerstören.«

Da treten sie hervor, die Umrisse und Schemen künftiger Kämpfe und Kollisionen zwischen ferngelenkten Trabanten hoch über dem Globus. Was für ein Horizont eröffnet sich da, was für ungeahnte neue Möglichkeiten für Spannung und Feindschaft, für Zwischenfälle, Pannen und Krisen, für Provokation und Gegenprovokation, für himmlische Chickenspiele (wer kneift zuerst?) und Showdowns, die unblutig wie Atari-Spiele auf Bild- und Computerschirmen beginnen (aber werden sie unblutig bleiben?).

Anti-Raketen-Waffen. Anti-Anti-Raketen-Waffen. Das Pentagon plant bereits Anti-Anti-Anti-Raketen-Waffen: Es hat dem LTV-Aerospace-Konzern einen Entwicklungsauftrag für eine Schienenkanone erteilt, die vor allem dazu dienen soll »hochwertige US-Weltraumanlagen gegen Killersatelliten der Sowjet-Union zu verteidigen«. Die die Rüstungspostille »Aviation Week & Space Technology berichtete. _(Weil die Wochenschrift ständig gezielte ) _(Insider-Informationen aus Pentagon und ) _(Rüstungsindustrie durchsickern läßt, ) _(wird sie unter Journalisten in der US ) _(Hauptstadt »Aviation Leak (gleich Leck) ) _(& Space Mythology« genannt - letzteres ) _(wegen ihrer wundergläubigen ) _(High-Tech-Phantasieflüge in die Tiefen ) _(des Raums. )

LTV-Kanonen sollen Beobachtungs- und Kommunikationssatelliten, auch Raumfähren beschützen, die sich nicht selber wehren können. Sie sollen Jagd machen auf die Jäger, die auf das Abwehrsystem und seine Komponenten Jagd machen.

Dies erwägend und zu Ende denkend, folgern Hans Bethe und Richard Garwin: »In einem eisigen politischen Klima könnte selbst ein wohlmeinender Ansatz, eine strategische Verteidigung aufzubauen, einen Krieg provozieren.«

Die beiden Wissenschaftler verweisen auf 1914. Wie damals die Mobilmachungen, die zunächst nur Gebärden der Entschlossenheit waren, zwanghaft in einen Krieg führten, den so niemand wollte, so könnte es auch kommen, sollten Star-Wars-Waffen je im Weltraum stationiert werden. Denn eines müssen Bethe und Garwin dem Konzept der Sternenkrieger widerwillig zugestehen: »Es ist schwierig, sich ein System vorzustellen, das mit noch höherer Wahrscheinlichkeit eine Katastrophe herbeiführt...«

Wir sprechen nicht über Kampfstationen im All. Sie sind viel zu verwundbar. Wir sollten nur unsere Augen im Weltraum haben und dort behalten. Aber wenn wir bemerken, daß etwas faul ist, müssen wir Pop-up-Waffensysteme in Bereitschaft haben ...«

Edward Teller spricht, der »Star-Wars-Guru ("Los Angeles Times"). Sein Adressat, der Streitkräfte-Ausschuß des Washingtoner Repräsentantenhauses, horcht verdutzt auf. Denn Edward Teller gibt in der elementaren Frage der Verwundbarkeit raumgestützter Waffen den SDI-Kritikern recht.

Aber er denkt nicht daran, sein Evangelium vom Schutzschild gegen Atomwaffen deshalb zu widerrufen und sich reuig als falscher Messias zu bekennen. Noch weniger fällt es der SDI-Organisation des Pentagon, fällt es Caspar Weinberger oder »Abe« Abrahamson ein, die Vielzahl von Forschungsprojekten für Weltraumwaffen umgehend als offenkundig zwecklos abzublasen, wenn sogar der große Teller von der Stationierung im All nichts hält. Sie verlangen statt dessen, siehe oben, nach Abwehr der Abwehr der Abwehr. Doch nebenher verficht Edward Teller seinen alternativen »Popup«-Vorschlag unbeirrt als rettende Lösung des Verwundbarkeitsproblems.

Das Pop-up-Verfahren bewährte sich erstmals bei Toastern: Ist die vorgegebene Röstzeit um, schnippt ein Mechanismus die gebräunten Toastscheiben halb aus dem Einsteckschlitz heraus, läßt sie »hochhopsen (in Jerry-Lewis-Filmen bis an die Decke). Doch zur Verteidigung des großen Landes, das der Menschheit den Pop-up-Toaster (und Jerry-Lewis-Komödien) geschenkt hat, müßte dieses Verfahren nach den Vorstellungen Tellers und seiner Gefolgsleute im Labor von Livermore wie folgt abgewandelt werden:

Superschnelle Raketen, mit Röntgenlasern bestückt, sind auf U-Booten und in vorgeschobenen Landstellungen rund um die Sowjet-Union stationiert. Beim ersten Anzeichen eines sowjetischen Raketenangriffs hopst, automatisch ausgelöst, eine entsprechende Anzahl von Pop-up-Raketen aus ihren Löchern. Sie rasen mit höherer Beschleunigung als die Feind-Projektile parallel zu diesen in den Himmel, überholen sie, eilen ihnen voraus. Wenn die Sowjetgeschosse dann bei gut 100 Kilometer Höhe aus den dichteren Luftschichten auftauchen, lassen die Laserkanonen - ZAPP! ZING!! PFFFT! - ihre Strahlenblitze auf die Aggressoren mit dem roten Stern hinabfahren.

Doch auch diese Idee ist kalamitätenträchtig. Sehen wir ab von den technischen Zwickmühlen und Fallgruben, von den Fragen der Computersteuerung und der Koordination eines weltweiten Systems. Fragen, die allein ein Buch füllen würden und von denen hochrangige Computer- und Software-Spezialisten gewissenhaft versichern, sie seien bei dem komplexen, unvorhersehbaren, sekundenschnellen Ablauf eines Raketenangriffs nur in Teilen, nicht aber als Ganzes zu lösen. Beschränken wir uns auf wenige Punkte, zu denen sich auch die große bundesbürgerliche Laienschar ein Urteil herausnehmen kann.

»Wenn unsere Aufklärungsmittel den Beginn eines Angriffs erkennen, was gibt es da noch zu entscheiden?« Diese rhetorische Frage spiegelt die Meinung Edward Tellers, der nichts dagegen hätte, die Raketenabwehr einem vollautomatischen Sensoren- und Computersystem zu überlassen, das ohne menschliches Dazutun und ohne Befehl des amerikanischen Präsidenten in Aktion tritt.

»Wie viele SDI-Wissenschaftler wären bereit, sich von einem intelligenten Roboter mit einem Rasiermesser den Bart schaben zu lassen?« fragt dagegen der Star-Wars-Kritiker Richard Ennals, ein namhafter englischer Computerforscher. »Und wenn sie dazu nicht bereit sind, wie können sie dann auf die Idee kommen, die Verteidigung unseres Planeten einem automatischen, ungetesteten und nicht testbaren System anzuvertrauen?«

Auch im US-Senat stößt auf Unwillen, daß jede Bekämpfung feindlicher Raketen in der Aufstiegsphase, nicht nur die Pop-up-Variante, dem Mann im Weißen Haus keinen Entscheidungsspielraum mehr läßt. Bei einer Anhörung des wissenschaftlichen Präsidentenberaters, George Keyworth, vor dem Auswärtigen Senatsausschuß im April 1984 kam es darüber zu einem Wortwechsel, der so skurril wie beklemmend vor Augen führt, mit welch bescheidenem Wissensstand und wie unbeschwert von Zweifeln Ronald Reagan seine Schutzschild-Botschaft kundgetan hat.

Senator Paul E. Tsongas, Demokrat aus Massachusetts, fragt Keyworth: »Hat irgend jemand dem Präsidenten gesagt, daß er aus dem Entscheidungsprozeß heraus ist?«

George Keyworth reagiert, als ob es verwerflich sei, Ronald Reagan über die Auswirkungen seiner Träume aufzuklären: »Ich hab''s ihm gewiß nicht gesagt«, beteuert er den Ausschußmitgliedern.

Pop-up-Raketen müssen, und auch dies macht sie prekär, möglichst dicht an den Grenzen des Sowjetreiches stationiert werden. Sonst müßten sie, der Erdkrümmung wegen, viel zu hoch steigen, ehe sie die Sowjetraketen über die Kimm hinweg in ihre Zielgeräte bekommen. U-Boote mit Pop-ups müßten also möglichst weit vorgeschoben im östlichen Mittelmeer, _(Mit Sowjet-Außenminister Gromyko (l.), ) _(US-Verteidigungsminister McNa mara (M.) ) _(und US-Außenminister Rusk (hinter ) _(Johnson). )

besser noch im Schwarzen Meer, in der Nordsee, besser noch in der Ostsee, und im Japanischen Meer kreuzen.

Wahrscheinlich aber kommen U-Boote doch nicht in Frage. Sie sind von der Kommunikation her nicht in ein blitzartig reagierendes Selbstschutzsystem einzubinden. Sie brauchen bei Tauchfahrt zu lange, um die Raketen abzuschießen, und zum Auftauchen ist erst recht keine Zeit. Deshalb denkt die von Edward Teller geförderte und von seinem Vertrauten Lowell Wood dirigierte Forschergruppe in Livermore seit einigen Monaten auch über die Landstationierung von Popups nach. Genauer: über die Aufstellung auf dem Territorium verbündeter und den Sowjets abgeneigter Völker, verbunden mit dem Versprechen an diese Völker, Amerika werde auch sie gegen rote Atomgeschosse schützen.

»Die Türkei, Japan, Westeuropa, Norwegen, vielleicht sogar China: Alle diese Länder haben ein legitimes Interesse daran, gegen einen sowjetischen Angriff verteidigt zu werden, erklärte Lowell Wood Ende Oktober 1985 einem Korrespondenten der naturwissenschaftlichen Zeitschrift »Science«, Jeffrey Smith. Warum, so Wood zu Smith, sollten diese Linder also nicht auch an Pop-ups interessiert sein?

Jeffrey Smith schüttelt darüber nur den Kopf. Aber Edward Teller ist bei seinem Deutschlandbesuch Anfang März sogar ein ganzes Stück weitergegangen. Auf der alljährlichen Wehrkundetagung in München schwärmte der SDI-Missionar vom Pop-up-Konzept und steigerte sich zu der Behauptung, es sei »relativ leicht, die Westeuropa bedrohenden SS-20 mit Popup-Waffen abzuschießen. Er erklärte sogar - und blieb ernst dabei -, die SDI-Forschungen kämen zuerst dem Schutz der Europäer vor SS-20 und Raketen kürzerer Reichweite zugute: »Erst zuletzt können die Sicherheitsforderungen Amerikas erfüllt werden.«

Da mag man staunen über die Wandlung des Wissenschaftlers Teller erst zum Dr. Seltsam, nun zum Pop-up-Münchhausen. Da mag man den Labour-Abgeordneten Denzil Davies zitieren, der jüngst im britischen Unterhaus von den »manischen Ergüssen des Dr. Teller« sprach. Doch nach den Glaubensregeln der Nato wäre es vom Blendwerk Tellers nur noch ein Schritt bis zu der Forderung, in der Türkei und in der Bundesrepublik tatsächlich Pop-up-Waffen zu stationieren, und zwar mit dem schon von der Nachrüstung her vertrauten Zweck, im Bündnis »keine Zonen unterschiedlicher Sicherheit entstehen zu lassen« und jawohl, »die Abkopplung Westeuropas von den Vereinigten Staaten« - der künftigen Festung Amerika- »zu verhindern«.

Aber wozu die Aufregung, wenn weder Pop-ups noch Abwehrwaffen im Weltraum technisch und finanziell machbar sind? Kann man nicht gelassen abwarten, bis bei den Amerikanern und ihren Volksvertretern die große Ernüchterung beginnt und das betörende Trugbild vom himmlischen Schutzschild ganz von selbst zerflattert ?

Doch die Rüstungsgeschichte der letzten zwanzig Jahre, vor der die SDI-Akteure ihre Augen verschließen, beweist eindrucksvoll, daß auch ein nicht realisierbares, gescheitertes und aufgegebenes Raketenabwehr-System einschneidende und unkontrollierbare Folgen hat.

Alexej Kossygin, Ministerpräsident der Union der Sozialistischen Sowjet-Republiken, blickte hinaus in das üppige Frühsommergrün auf dem Campus des kleinen »Glassboro State College« im US-Bundesstaat New Jersey. Dann faßte er sein Gegenüber, den amerikanischen Verteidigungsminister Robert McNamara, wieder ins Auge. »Wenn ich nachts nicht schlafen kann«, sagte er vorwurfsvoll, »dann liegt das an Ihren Angriffsraketen, und nicht an Ihren Abwehrraketen.«

Im Kleinstadt-Ambiente von Glassboro hatten sie sich, überraschend für die Weltöffentlichkeit, im Juni 1967 getroffen: Präsident Lyndon B. Johnson, von McNamara und Außenminister Dean Rusk begleitet, und der Sowjetpremier, damals führender Mann im Kreml, der den Ausflug aufs Land von der Uno in New York aus machte und Andrej Gromyko mitgebracht hatte.

Pentagon-Chef Mc-Namara hatte zu dem Gipfel gedrängt; denn Sowjets wie Amerikaner arbeiteten damals emsig an Abwehrsystemen gegen die strategischen Atomwaffen der anderen Seite. McNamara, dem in puncto Abschreckung niemand etwas vormachen konnte, fürchtete nun, daß schon der Versuch der beiden Supermächte, sich gegen die Interkontinentalraketen des Rivalen zu verteidigen, unheilvolle Konsequenzen haben werde. Er war überzeugt, daß defensive Anstrengungen das Gleichgewicht des Schreckens auf unberechenbare Weise untergraben und ins Wanken bringen.

Alexej Kossygin verstand den Amerikaner nicht. Wie konnte denn Verteidigung schlecht sein? Gab es etwas Erstrebenswerteres als die Fähigkeit, die Heimaterde zu beschützen? Nicht für den Premier, der wie alle seine Genossen von der Kriegserfahrung und dem Gedanken geprägt war, wieviel Leid den Sowjetvölkern erspart geblieben wäre, wenn sie gegen den deutschen Überfall eine bessere Abwehr besessen hätten.

Das war auch der Grund, warum die Sowjets begonnen hatten, vor ihrer Hauptstadt Moskau Stellungen für Anti-Raketen-Raketen vorzubereiten. Mit diesen ABMs ("antiballistic missiles ) wollte die sowjetische Heimatverteidigung trotz aller technischen Unzulänglichkeiten versuchen, wenigstens die auf die Kremlstaat anfliegenden Nukleargeschosse der Amerikaner abzufangen. Doch Robert McNamara, anders als Kossygin - und anders als Caspar Weinberger heute - hatte das Problem bis zu Ende durchdacht.

»Es ist sehr einfach«, sagte er zu Kossygin. »Wenn Sie mit dem ABM weitermachen, wird unsere Antwort nicht ein ABM sein. Unsere Antwort wird sein, daß wir unsere Offensivkräfte verstärken.« McNamara räumte ein, eine solche zusätzliche Aufrüstung wäre weder weise noch im Interesse

beider Supermächte. Doch der Amerikaner beharrte auf dem Standpunkt, daß die USA imstande seien, jede denkbare Defensivmaßnahme der Russen zu konterkarieren und zu übertrumpfen.

»Sie können nicht das Geringste tun, um uns daran zu hindern«, schloß McNamara. »Wir werden keinem ihrer Schritte erlauben, uns daran zu hindern.«

Der Sowjetpremier, erinnerte sich McNamara, wurde auf diese Drohung hin »absolut wütend«. Er schlug mit der Faust auf den Tisch und beschuldigte den Pentagon-Boss und Präsident Johnson, sie betrieben eine bedenkenlose und unmenschliche Nuklearstrategie. »Wir verteidigen nur unser russisches Mutterland - das ist moralisch gerechtfertigt«. wetterte Kossygin. »Ihr Amerikaner verstärkt eure Offensivkräfte - das ist unmoralisch!«

Die Russen, fand McNamara, dachten wie die Konservativen in Amerika noch immer in den überlieferten Kriegsführungskategorien »Angriff« und »Verteidigung«. Sie glaubten. Verteidigung gegen feindliche Angriffe müsse auch im Zeitalter der Atomraketen möglich sein. Daß das eigene Land den Schlägen des Gegners preisgegeben und nur durch die Furcht dieses Gegners vor verheerender Vergeltung geschützt sein sollte, wollte nicht nur den Militärs der Sowjet-Union nicht in den Kopf. Sie betrachteten es als ihre Soldatenpflicht, wenigstens den Versuch zu unternehmen, den eigenen Schaden durch Abwehrwaffen in Grenzen zu halten, sollte die Abschreckung versagen und ein Atomkrieg beginnen.

Das Gleichgewicht des Schreckens beruht aber auf der Fähigkeit beider Supermächte, der anderen Seite unerträgliche Schäden zuzufügen. Beginnt einer der Protagonisten, eine strategische Heimatverteidigung aufzubauen, dann tut er es (oh sie im Ernstfall funktioniert oder nicht) in dem Bestreben, dem Gegner diese »gesicherte Zerstörungsfähigkeit (McNamara) zu beschneiden. Entsprechend verringert sich die Abschreckungskraft des Gegners in der Horrormathematik dieser Art von Kriegsverhütung.

Das werde der Gegner, versuchte McNamara dem Sowjetpremier klarzumachen, sich nicht bieten lassen. So würden die USA ihr durch die sowjetische Raketenabwehr theoretisch vermindertes Vernichtungspotential durch viele reale Nukleargeschosse vermehren, um die Abschreckungswirkung auf die Sowjets wiederherzustellen und über jeden Zweifel, auch den unsinnigsten, zu erheben.

Zudem, so McNamara, würde Amerika gezwungen, gleichfalls Abwehrsysteme zu stationieren. Damit aber potenziere sich der Rüstungswettlauf in ganz unkontrollierbarer und unbezahlbarer Weise: nicht nur Offensivwaffen gegen Offensivwaffen, sondern Offensivwaffen gegen Defensivwaffen und Defensivwaffen gegen Defensivwaffen. Ein solches Desaster für beide Mächte müsse man unbedingt vermeiden, redete McNamara auf Kossygin ein. Deshalb komme man um gemeinsame Rüstungskontrolle nicht mehr herum.

Auch wenn Alexej Kossygin manches noch nicht ganz begriff - das Treffen in Glassboro war der Anfang der Mühen, den eskalierenden Waffenwahn zu bremsen. Unerläßliche Vorbedingung und Angelpunkt jeder Kontrolle der strategischen Rüstung aber, das stand für den ungewöhnlichen Pentagon-Minister und dessen Berater fest, war ein Abwehrwaffen-Stopp.

Die Russen lernten rasch. Andrej Sacharow, damals noch im Dienst des Sowjetmilitärs, sprach schon 1967 in einem erstaunlichen Interview mit dem Moskauer Journalisten Semjon Rostowski offen über die paradoxe Gefährlichkeit von Abwehrsystemen in einer nuklearen Welt: _____« SACHAROW: Die Verei nigten Staaten und die So » _____« wjet-Union ... sind, bild lich gesprochen, mit nu klearen » _____« »Schwertern« be waffnet. Der Bau eines » _____« Anti-Raketen-Verteidigungssystems würde bedeuten, daß man » _____« dem »Schwert« einen »Schild hinzufügt. Ich glaube, daß » _____« eine solche Expansion der Rüstung sehr gefährlich wäre. » _____« ROSTOWSKI: Warum? » _____« SACHAROW: Ich sage Ihnen warum: Unter den » _____« gegenwärtigen politischen und technologischen Bedingungen » _____« könnte ein »Schild« die Illusion der Unverwundbarkeit » _____« erzeugen. Für die »Falken« und die »Verrückten« würde ein » _____« Schild die Verlockungen nuklearer Erpressung vergrößern. » _____« Es würde ihre Anfälligkeit für die Idee eines » _____« »präventiven« thermonuklearen Schlages verstärken. »

Konsequent sprach sich Sacharow auf einer vom KGB vor zwei Wochen in den Westen lancierten Bildkassette auch gegen Star Wars aus: »Ich habe für SDI nicht viel übrig.« Der von den Westmedien sonst so umsorgte Verbannte von Gorki wurde von dem ZDF-Conferencier Dieter Kronzucker denn auch prompt gerügt, er habe damit »dem Regime einen Gefallen getan«.

Zusammen mit dem Salt-I-Abkommen wurde im Mai 1972 im Kreml der ABM-Vertrag unterzeichnet, der strategische Abwehrwaffen strikt und unbefristet beschränkte, um »die Entwicklung eines Wettbewerbs zwischen offensiven und _(Auf einer wehrpolitischen Tagung in ) _(München. )

defensiven nuklearen Raketenwaffen zu verhindern«, wie der bekehrte Marschall Gretschko, der damalige Verteidigungsminister, verlautbarte. In der Tat ist der ABM-Vertrag, weit wichtiger als die Salt-Abkommen, das einzige solide Stück Rüstungskontrolle, das es bisher gibt.

Und doch hat schon dieser im Keim erstickte, technisch primitive, untaugliche Verteidigungsversuch horrende Nachwirkungen provoziert. Denn obwohl die ABMs über klägliche Anfänge nicht hinausgediehen und McNamaras Drohung von Glassboro damit gegenstandslos war, hat sich die Zahl der offensiven Atomsprengköpfe in den folgenden Jahren trotzdem ungeheuer vermehrt - erst bei den Amerikanern, dann bei den Sowjets.

»Wir sprachen (Mitte der sechziger Jahre) bereits über 50000 Sprengköpfe zur Überwindung der sowjetischen Abwehr. Mit anderen Worten: Wir würden unsere Offensivkapazität in geometrischer Progression ausweiten, um mit der sowjetischen Verteidigung fertig zu werden, berichtete James Schlesinger, Pentagon-Chef von 1973 bis Ende 1975, in den sechziger Jahren Nuklear-Analytiker in der strategischen Denkfabrik Rand Corporation.

So wurden Amerikas Rüstungsplaner schon durch die bloße Erwartung sowjetischer Abwehrbemühungen dazu angespornt, den nuklearen Mehrfachsprengkopf zu erfinden, auch »Mirv« genannt nach der englischen Abkürzung für »mehrfache, unabhängig zielbare Wiedereintrittskörper«. Mirv bedeutet, auf eine Rakete mehrere Atomsprengköpfe zu packen, die im Flug nacheinander aus ihrem Behälter ("Bus« genannt) ausgestoßen werden und ebenso viele verschiedene Ziele treffen können.

Heute trägt eine einzige Landrakete bis zu zehn Sprengköpfe, jeder davon mindestens zehnmal so stark wie die Hiroschima-Bombe. Durch das »Mirven« hat sich die Zahl der strategischen Nuklearsprengköpfe seit den siebziger Jahren allein auf amerikanischer Seite von 2000 auf mehr als 10000 erhöht. Mirv, schreibt im Rückblick der erste amerikanische Salt-Delegationsleiter Gerard Smith, »war die bedeutendste Nuklearwaffen-Entwicklung seit der ballistischen Interkontinentalrakete«.

Was als Gegenmaßnahme gegen eine kaum vorhandene gegnerische Abwehr gedacht war, verselbständigte sich wie ein Frankenstein-Monster: denn mit bedrückender Kurzsichtigkeit haben die Supermächte 1972 versäumt, zusammen mit den ABMs auch die Mehrfachsprengköpfe zu stoppen - trotz des ursächlichen Zusammenhangs zwischen beiden. Die Pentagon-Militärs wollten damals um keinen Preis auf Mirv verzichten, weil sie, von früheren Erfahrungen unbelehrt, wieder einmal glaubten, sie hätten einen Vorsprung von zehn Jahren vor den Russen. Weiter blickten die Falken in Menschengestalt nicht - und auch damit lagen sie noch falsch: Die Sowjets meisterten die Mirv-Technik schon in knapp fünf Jahren.

Sie begannen nun ihrerseits, die Zahl ihrer Sprengköpfe gewaltig aufzustocken. Sie konnten das sogar besser als die Amerikaner, weil ihre schweren Interkontinentalraketen ein größeres »Wurfgewicht« in den Himmel tragen können als die amerikanischen. Bis zu dreißig Sprengköpfe, hat der Physiker Sidney Drell von der Stanford University ausgerechnet, könne eine russische SS-18 notfalls schleppen. Maximal 14 sind es bei den strategischen Waffen der USA.

Da war des Wehgeschreis der Falken kein Ende über die multiplizierte rote Bedrohung und das »Fenster der Verwundbarkeit«, _(Über dem amerikanischen Testgelände von ) _(Kwajalein im Pazifik. )

durch das ihnen der Eiseshauch der Erstschlagsfurcht ins Gefieder blies. Aber zeigten sie Einsicht und Reue, weil sie die Misere durch ihren Widerstand gegen ein Mirv-Verbot selbst verschuldet hatten?

Im Gegenteil. Die Rüstungsverfechter stellten die Wahrheit auf den Kopf und legten die russische Sprengkopf-Vermehrung der Rüstungskontrolle zur Last, die doch von ihnen durchlöchert worden war. Sicherheit durch Verträge mit dem ärgsten Feind, das funktioniere eben nicht, behaupteten sie nun mit demagogischer Unverfrorenheit. Und wenn Rüstungskontrolle nicht funktioniert, so argumentierte der Atomkriegsdenker Herman Kahn schon in den sechziger Jahren, »dann laßt es uns mit Verteidigung probieren«. Dieselbe Haltung steht hinter SDI.

Die Fronten haben sich gewendet. Die bekehrten Kremlherren nehmen heute den Standpunkt ein, den Robert McNamara in Glassboro gegenüber Alexej Kossygin vertrat. Und die SDI-frommen Getreuen Ronald Reagans sagen die widerlegten Sprüche von der »moralischen'' und »humanen« Verteidigung her, mit denen Kossygin damals aufwartete. Denn anders als die Russen haben die wehrhaften Konservativen keine ihrer Voreingenommenheiten vergessen und aus vierzig Jahren Wettrüsten nichts dazugelernt.

Deshalb, warnt eine an der Stanford University von Sidney Drell, Philip Farley und David Holloway verfaßte kritische SDI-Studie, drohe ein neuer »Rüstungszyklus« ähnlich dem ABM-Mirv-Teufelskreis: ein Zyklus, bei dem nur sicher sei, daß an seinem Ende noch viel weniger Sicherheit herrschen werde als nach dem Mirv-Taumel.

Zehn Jahre lang schafften die Franzosen unter Mühen und großen finanziellen Opfern an dem imposanten Verteidigungsgürtel an ihrer Nordostgrenze. Von der Schweizer Grenze bei Basel bis zu den Ardennen im Norden wuchs eine Kette von waffenstarrenden Befestigungsanlagen und unüberwindlichen Panzersperren aus der Erde. An ihnen sollte eine neuerliche deutsche Invasion zerschellen.

1938 galt der 250 Kilometer lange Wall aus Stahlbeton, nach seinem leidenschaftlichsten Förderer, dem Politiker Andre Maginot benannt, als vollendet. Doch die französisch-belgische Grenze, über die 1914 die Deutschen eingefallen und bis an die Marne gestürmt waren, blieb von der Maginotlinie ungeschützt. Es war kein Geld mehr da - und außerdem waren nach Pariser Auffassung für Belgien die Engländer zuständig.

Als die deutschen Stoßkeile sie 1940 einfach durch Belgien hindurch umgingen, war die Maginotlinie als eine der größten Torheiten und Blamagen der an Idiotien nicht armen Militärgeschichte bloßgestellt: ein Schutzschild gegen einen Angriff, der vorhersehbar nicht dort kommen würde, wo der Schutzschild stand; ein Abwehrwall, mit dem sich die Franzosen eine Illusion von Sicherheit vorspiegelten, der aber nicht im mindesten imstande war, die Nation vor feindlichen Waffen zu bewahren.

Dasselbe treffe auf Reagans »Maginotlinie am Himmel« zu, sagt Herbert York, der gewandelte Bombenbauer. Denn in der Auseinandersetzung mit der Science-fiction von Star Wars gerät meist völlig aus dem Blick, daß sogar eine hundertprozentig wirksame Abwehr gegen sowjetische Interkontinentalraketen Amerika nicht sicherer machen würde, als es Frankreich hinter der Maginotlinie war, die das Land nur zur Hälfte - und damit gar nicht - schützte.

Außer den landgestützten Großraketen der UdSSR, auf die das Falkenauge bis zur Blindheit für alles übrige fixiert ist, könnten dann immer noch Bombenflugzeuge, U-Boot-Raketen auf verkürzter Flugbahn und Cruise Missiles (Marschflugkörper) Ziele in den USA erreichen. Gerade von den Ozeanen her, die Amerika so lange beschützt haben, ist das Land äußerst verwundbar: 60 Prozent aller Amerikaner leben an Ost- und Westküste, 15 weitere Prozent rings um den Golf von Mexiko.

Da gibt es kaum Penetrationsprobleme, wenn Schwärme von Cruise Missiles, von getauchten Sowjet-U-Booten losgelassen, wenige Meter über dem Meer und ungreifbar für die Raketenabwehr ihre Nuklearköpfe nach Washington oder in die großen Marinestützpunkte von San Diego bis Seattle, von Charleston bis New London tragen: Wieder kehrt sich, wie bei Mirv, eine von den Amerikanern zuerst entwickelte Waffe gegen sie. »Ähnlich wie SDI sollte die Maginotlinie vor allem Furcht bannen«.

sagt Herbert York. »Es kam mehr auf die symbolischpsychologische Wirkung an als darauf, ob das Ding im Ernstfall funktioniert - der Gegner sollte abgeschreckt, die eigene Bevölkerung beruhigt werden.

Völker in Furcht, das ist wahr, tun und glauben Irrationales, Widersinniges. Sie lassen sich einreden, daß eine Befestigung sie schütze, obwohl doch jeder sehen kann, wie leicht sie zu umgehen wäre. Sie glauben, ja klammern sich an Lügen über kommende Wunderwaffen, wie die Deutschen im Zweiten Weltkrieg, die nur zuviel Grund hatten, sich über die elende Realität hinwegzutäuschen.

Doch die Franzosen der dreißiger Jahre, um bei Herbert Yorks Beispiel zu bleiben, hatten eine höchst konkrete Ursache für ihre Furcht. Zweimal in einer Lebenszeit, 1870 und 1914, hatten die Deutschen Frankreich bereits heimgesucht; es bestand kein Zweifel, daß sie es wieder tun würden, Mithin richtete sich die Maginotlinie, wie unzulänglich auch immer, gegen eine gegenwärtige, drängende Gefahr, gegen eine so gut wie sicher bevorstehende Aggression.

SDI dagegen richtet sich, so York, »gegen ein Phantom - nämlich die Gefahr eines verheerenden sowjetischen Überfalls auf die Vereinigten Staaten«. Pausenlos läßt das Pentagon dieses Phantom durchs kollektive Unterbewußtsein der Amerikaner spuken; aber die Rüstungs-Insider selber nennen es ironisch »the Boob« als Kürzel für »bolt out of the blue« gleich »Blitz aus heiterem Himmel«. Denn sie halten »the Boob« für den allerunwahrscheinlichsten Fall eines Konflikts mit der Sowjet-Union. Sogar Edward Teller räumt in ruhigen Momenten ein, die Sowjetführer seien »zu vorsichtig«, um eine solche Wahnsinnstat zu wagen.

Doch Star Wars konzentriert die öffentliche Aufmerksamkeit und einen wachsenden Anteil anderswo dringend benötigter Ressourcen auf eben diese entlegenste Undenkbarkeit und verpulvert, was auf Erden bitter fehlt, in die Leere des Alls. Auch ein Franzose, Paul Quiles, Verteidigungsminister der verflossenen Regierung, hat die Ansicht geäußert, dabei werde nur »eine neue Maginotlinie« herauskommen. Jedoch: »Ihre Kosten werden die Gesamtkosten aller Vorangegangenen Militärprojekte übersteigen.«

Ein von drei demokratischen Senatoren angeforderter Überblick über den aktuellen Stand von SDI wurde in der letzten Woche publik; darin wird energisch Widerspruch erhoben gegen die Wunderlampen und fliegenden Teppiche, mit denen sich die SDI-Publicity über die Probleme des Forschungsprogramms emporzuschwingen versucht. Der 62seitige Report bestreitet die verwegene Behauptung von »Abe« Abrahamson, die Grundbestandteile des SDI-Konzepts hätten sich als »technisch machbar« erwiesen, und schon Anfang der neunziger Jahre könne die Entscheidung fallen, das Abwehrsystem bis zur Einsatzreife zu entwickeln.

Bisher, so der Report, habe »der wissenschaftliche Fortschritt des Programms keine Durchbrüche erreicht, sondern nur die Schwierigkeiten verdeutlicht, vor denen es steht«. Wo man Meilen zurücklegen müsse, komme man nur zollweise voran. Bei Fundamentalfragen wie der Verwundbarkeit sei nirgends eine »plausible Antwort« in Sicht. Caspar Weinberger dagegen, dem Wunderwaffenglauben anheimgefallen, möchte die ersten Star-Wars-Komponenten schon Mitte der neunziger Jahre in Stellung bringen.

So überspannt und unerklärlich erscheinen diese Erwartungen, daß viele Europäer, besonders in Bonn, noch immer glauben, die Rhetorik vom himmlischen Schutzschild sei nur ein anspornender Vorwand für weniger beängstigende Ziele. Die Bangemänner haben SDI für ein besseres Technologieprogramm a la Riesenhuber gehalten. Deshalb haben sie sich so leichtfertig drangehängt. Erst als es zu spät war, wieder abzuspringen, haben sie begriffen, wie ernst es ein Mann wie Caspar Weinberger mit der Fata Morgana meint, der er nachjagt und die er im April 1984 so beschrieben hat: _____« Wenn wir ein System bekommen können, das wirksam ist » _____« und ihre (die sowjetischen) Waffen nachweislich nutzlos » _____« machen kann, wären » _(Britische Soldaten bei der Übernahme ) _(eines Teilabschnitts im Herbst 1939. ) _____« wir wieder in der Si tuation, in der wir wa ren als » _____« wir als einzi ges Land Atomwaffen hatten und andere » _____« Länder nicht damit bedrohten. »

Die Bonner hätten sich beizeiten bei James Schlesinger erkundigen sollen, dem Verteidigungsminister Nixons und Fords, der damals ein Falke war aber neben Reagans Crew wie ein Fels des Wirklichkeitssinns wirkt. Immer wieder hat Schlesinger von der Kluft zwischen Reagans »Rhetorik, die sich auf der politischen Bühne gut verkaufen mag«, und den »technischen, fiskalischen und strategischen Realitäten« gesprochen. Doch er betont auch, daß der Präsident sein Land mit seiner Rhetorik über eine Schwelle geführt habe, von der es kein Zurück mehr gebe: _____« Die Frage, ob der Präsident hatte sagen sollen, was » _____« er im März 1983 sagte oder nicht, diese Frage ist von den » _____« Ereignissen überholt worden. Man kann die Worte des » _____« Präsidenten nicht löschen. Es ist eine Illusion der » _____« SDI-Kritiker, daß man die ganze Sache auf die eine oder » _____« andere Art wieder zurückdrehen kann. Man kann nicht. » _____« Wir müssen uns den Konsequenzen stellen - der Unruhe » _____« unter unseren Verbündeten, der verstärkten sowjetischen » _____« Überzeu gung, daß die Vereinigten Staaten ihre » _____« strategische Vorherrschaft wiederherzustellen versuchen, » _____« und den Auswirkungen, die diese sowjetische Überzeugung » _____« auf Verhandlungen und Rüstungskon trolle haben wird. »

Auch Bluff, will James Schlesinger sagen, schafft Tatsachen. Auch eine großsprecherische Ankündigung setzt das Prestige der amerikanischen Nation aufs Spiel und provoziert das Selbstbewußtsein des Gegners, dessen Waffen »nutzlos« werden sollen.

Die Russen sind nach Genf gekommen, solange sie glauben konnten, SDI sei wegzuverhandeln, wie Robert McNamara 1967 auf Kossygin zuging, um ABM zu stoppen (hat er es aus Angst getan, wie der Stammtischverstand heute den Russen nachsagt?). Da aber Washington forsch erklärt, es gebe über SDI und einen Atomteststopp nichts zu verhandeln, wird Moskau die Herausforderung so ingrimmig annehmen wie noch bei jedem neuen Rüstungsschub und kalten Kriegsgeklirr.

Aber diesmal geht es um mehr. »Die Regierung Reagan hat der Sowjet-Union den technologischen Krieg erklärt«, sagt in Washington Marcus Raskin, der als junger Mann Mitarbeiter des Kennedy-Sicherheitsberaters McGeorge Bundy war und heute dem liberalen Institute for Policy Studies vorsteht.

»Doch Reagan führt uns in ein technologisches Vietnam. Wir können diesen Krieg nicht gewinnen, weil wir den verheißenen Schutzschild weder bauen noch bezahlen können. Aber wir kommen aus dem selbstgemachten Schlamassel auch nicht wieder heraus, ohne daß das Ansehen der Nation Schaden leidet«.

Schon heute, meint Raskin, »wäre die Blamage enorm, wenn die Verantwortlichen nach dem bisherigen Getöse um SDI zugeben würden, was ihr Verstand ihnen vielleicht sagt: daß sie sich auf etwas eingelassen haben, was nicht gutgehen kann. Aber noch liegt das nicht offen zutage, noch läßt sich die Stunde der Wahrheit weit hinausschieben. Also spielen sie das Spiel weiter in der Spielerhoffnung, daß bei der SDI-Forschung ihre Glücksnummer doch noch kommt.«

Ronald Reagan, so Raskin, habe eben nicht nur sein eigenes, sondern nationales Prestige leichtherzig als Einsatz beim SDI-Roulette eingebracht. Deshalb werde es auch für Reagans Nachfolger schwer, die Verluste abzubuchen und auszusteigen, »wenn ihn nicht ein Aufstand im Kongreß, in der Wählerschaft und in der Nato dazu zwingt«.

Marcus Raskin ist nicht optimistisch. Die Ausnüchterung nach dem Reagan-Trip werde ein »cold turkey«, der »Wiedereintritt in die Realität aus den Star-Wars-Sphären »ein harter Ritt«. Selbst wenn der Aufruhr komme, meint er, würden bis dahin »viele Jahre, ungezählte Milliarden Dollar und wahrscheinlich alle Chancen für Rüstungskontrolle vertan sein«.

»Eine der unverantwortlichsten Handlungen irgendeines Staatsführers in der Moderne« - so hat George W. Ball, stellvertretender US-Außenminister unter Kennedy und Johnson, den SDI-Beschluß Reagans genannt.

Allmählich wird begreiflich, warum.

Ende _(Text: Wie Star Wars funktioniert ... (A) ) _(Die Sowjet-Union schießt Atomra keten in ) _(Richtung USA. (B) Star Wars fängt die ) _(Raketen ab und (C) zerstört sie. (D) Die ) _(Sowjets starten neue Raketen (E) und ) _(neue Raketen (F) und neue Raketen (G) ) _(und neue (H) und neue (I) und neue ) _(Raketen (J) und neue (K) und neue (L) ) _(und neue (M) und neue (N) und neue ... )

Der Sowjet-Satellit (l.) schleudert einen Schwarm Stahlkugeln aufeinen entgegenkommenden US-Satelliten.Weil die Wochenschrift ständig gezielte Insider-Informationen ausPentagon und Rüstungsindustrie durchsickern läßt, wird sie unterJournalisten in der US Hauptstadt »Aviation Leak (gleich Leck) &Space Mythology« genannt - letzteres wegen ihrer wundergläubigenHigh-Tech-Phantasieflüge in die Tiefen des Raums.Mit Sowjet-Außenminister Gromyko (l.), US-Verteidigungsminister McNamara (M.) und US-Außenminister Rusk (hinter Johnson).Auf einer wehrpolitischen Tagung in München.Über dem amerikanischen Testgelände von Kwajalein im Pazifik.Britische Soldaten bei der Übernahme eines Teilabschnitts im Herbst1939.Text: Wie Star Wars funktioniert ... (A) Die Sowjet-Union schießtAtomra keten in Richtung USA. (B) Star Wars fängt die Raketen ab und(C) zerstört sie. (D) Die Sowjets starten neue Raketen (E) und neueRaketen (F) und neue Raketen (G) und neue (H) und neue (I) und neueRaketen (J) und neue (K) und neue (L) und neue (M) und neue (N) undneue ...

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