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»Die Waffe am Ende aller Waffen«

SPIEGEL-Autor Wilhelm Bittorf über Wunsch und Wirklichkeit beim amerikanischen SDI-Programm (I) *
Von Wilhelm Bittorf
aus DER SPIEGEL 13/1986

Immer dieselbe Bildsequenz: Eine Kampfstation mit aufgemaltem Sternenbanner schwebt im Weltraum über dem fernöstlichen Ende der Sowjet-Union und späht über die Krümmung der Erdkugel hinweg nach Sibirien hinein. Da steigt eine Rakete über die Kimm, kommt in Sekundenschnelle näher und wird größer: ein grobschlächtiges, schmutziggrünes Ding mit einem roten Stern, der dem böse blickenden Auge des einäugigen Riesen Polyphem ähnelt.

Doch aus der amerikanischen Kampfstation zuckt ein Laserstrahl, der - ZAPP!! - das Russengeschoß trifft wie ein Zornesblitz des Allmächtigen. Die Rakete zerkrümelt und - PFFFT! - löst sich in Luft auf wie eine annihilierte Videospiel-Figur.

Aber ein Videospiel ist das nicht. Es ist ein Trickfilm-Ausschnitt, der von den drei großen amerikanischen Fernsehnetzen in ihren ernstgemeinten Nachrichtensendungen jedesmal dann gezeigt wird, wenn sie eine Meldung über »Star Wars« bringen; denn was vor neun kurzen Jahren nur ein neuer Spielfilm war, ein in den Weltraum verlegtes und mit Spezialeffekten aufgemotztes Prinz-Eisenherz-Märchen vom »Krieg der Sterne«, bei dem es um die Entführung der schmiegsamen Prinzessin Leia durch Agenten des üblen Imperiums ("evil empire") ging, das hat sich in eine nachrichtenintensive Daueraktualität verwandelt. Offiziell firmiert sie als »Strategische Verteidigungs-Initiative« der Vereinigten Staaten von Amerika und trägt das Kürzel »SDI«.

Die Tricksequenz mit dem Abschuß der Sowjetrakete ist Science-fiction. Sie ist ein Erzeugnis der Phantasie wie der »Star Wars«-Spielfilm mit seinen Raumkreuzern im »Titanic«-Format und seinen Mensch und Metall zerschmorenden Strahlenkanonen. Aber diese Science-fiction findet, oft mehrmals täglich, in den Nachrichten statt. Diese Phantasieszene ereignet sich Seite an Seite mit dem realen Tagesgeschehen.

Mit jedem Durchlauf dringt sie tiefer in die Köpfe der Zuschauer, wird sie, so unwirklich sie ist, Teil des Wirklichkeitsbewußtseins. Eine bloße Vorstellung ergreift Besitz vom amerikanischen Volk, oder doch von einem großen Teil dieses Volkes. Eine bloße Vorstellung regiert die Regierung der Supermacht USA. - aber ganz anders, als die es sich gedacht haben, die im Mai 1968 den Slogan »Die Phantasie an die Macht« aufs Pariser Pflaster malten.

Beobachter auf beiden Seiten des Atlantiks haben das Phänomen SDI deshalb als »Einbruch des Phantastischen in die Realität« definiert (so Grant Johnson im neuesten »Kursbuch"). Denn mehr als jedes erdgebundene politische Programm lebt die Initiative des US-Präsidenten von Beginn an

von Hoffnungen, Wünschen und Träumen - und der Traum von der Unverwundbarkeit ist nur einer davon.

So gesehen, trägt SDI geradezu religiöse Züge. Wie eine Heilslehre hat Ronald Reagan vor drei Jahren sein Ziel verkündet, die Gefahr des atomaren Untergangs für immer von seinem Volk und seinen Verbündeten abzuwenden. Vertrauensvoll haben sich viele seiner Landsleute und seine Getreuen bis hin nach Bonn daraufhin einer Abart des Wunderglaubens ergeben - dem Glauben an Wunderwaffen, die das Reich des Guten unbezwingbar machen sollen.

Andere Zeitgenossen, und zwar so unterschiedliche wie die Redakteure des konservativen Londoner »Economist« und des liberalen »New Yorker«, fühlen sich an Hans Christian Andersens Märchen »Des Kaisers neue Kleider« erinnert, wenn sie die irrlichternde massenpsychologische Situation erwägen, die um SDI entstanden ist; denn wie in Andersens Erzählung geht es dabei immer zwingender um das Problem, ob und wie die Menschen das Reale und Sinnvolle von Trugbildern und Selbsttäuschungen unterscheiden können.

Die neuen SDI-Kleider des Kaisers von Amerika - gibt es sie, kann es sie geben? Oder ist Ronald Reagan nackt und nur in durchsichtige Wunschträume gehüllt? Und die diese Kleider zu sehen meinen - bilden sie es sich bloß ein, weil die Rüstungsindustrie und deren politische Interessenvertreter ihnen, wie die schwindelhaften Schneider im Märchen, etwas vormachen? Kann man den eigenen Augen nicht mehr trauen, weil die Star-Wars-Technik auch dem informierten Bürger über den Verstand geht und sogar eine freie Presse sich hier am Rande ihrer Möglichkeiten bewegt?

Noch nie, das immerhin steht fest, haben gewählte Politiker in Washington wie in Bonn über eine Frage, die zur Schicksalsfrage wird, zu reden, zu streiten und zu entscheiden gehabt, von der sie« so wenig Ahnung hatten. Denn anders als in Andersens Märchen gibt es weit und breit kein respektloses Kind, das den konfusen Erwachsenen klarmacht, was sich bei SDI-typischen Forschungsprogrammen wirklich abspielt. _____« Wir sind eine Nation, die Wunder vollbringen kann. » _____« James A. Abrahamson, Generalleutnant der US. Air Force » _____« und Chef der SDI-Organisation im Pentagon »

Die Rainier Mesa liegt wie eine riesige, verwitterte Grabplatte auf dem schrundigen Wüstenboden. Wacholderbüsche wachsen in gemessenem Abstand voneinander auf dem kilometerbreiten Rücken des Tafelbergs. Die niedrigeren Anhöhen, die ihn umgeben, sind kahl, grau und faltig wie alte Elefanten.

Zwölf weiße Sattelschlepper-Anhänger stehen nebeneinander auf der Mesa. Bis zu zwanzig Kabelstränge kommen aus jedem der Trailer heraus, laufen aufeinander zu, vereinigen sich und verschwinden zweihundert Meter weiter dick gebündelt in einem Schacht, der mehr als fünfhundert Meter in die Tiefe führt. Nach Verlegen der Kabel ist er bis obenhin zugeschüttet und mit mächtigen Plastikpfropfen verstopft worden.

In der Tiefe hat man zuvor eine tunnelartige Höhle aus dem Tuftgestein herausminiert und dort eine für Laien wie für Fachleute gleichermaßen erstaunliche Versuchsanordnung aufgebaut. Denn Rainier Mesa, 120 Kilometer entfernt vom Flitter der Spielerstadt Las Vegas, gehört zum Atomtestgebiet der USA im Staate Nevada. Und was dort unter der Erde geschieht, ist ein wichtiger Teil des amerikanischen Ehrgeizes, den Himmel zu beherrschen.

Nahezu 100 Meter lang ist die Höhle. Am einen Ende steht ein Metallbehälter mit einer »nuklearen Vorrichtung« - einer Höllenmaschine mit der vierfachen Sprengkraft der Hiroschima-Bombe. Sie ist luftdicht mit einer aus Sektionen zusammengeschweißten, bauchigen Röhre verbunden, die bis zu vier Meter Durchmesser hat und fast bis zum anderen Ende der Hohle reicht. Dort sind, ebenso luftdicht, eigenartige Stäbe und eine Vielzahl von Meßgeräten montiert, von denen alle die Kabel hinauf zu den Trailern laufen.

Die Röhre wird luftleer gepumpt, ein Vakuum wie im Weltraum entsteht. Aber wenn dann, von einem der Trailer aus, der Zündimpuls für die Nuklearladung kommt, beträgt die Lebensdauer der ganzen, viele Millionen Dollar teuren Versuchsanordnung nicht einmal mehr den hunderttausendsten Bruchteil einer Sekunde. Das mächtige Vakuumrohr, die seltsamen Stäbe, alle die hochgezüchteten Sensoren und Meßgeräte, nie zuvor verwendet, samt den Kabelenden, die in die Höhle ragen - zehntausendmal rascher, als ein Lidschlag währt, zerstieben sie in der Sonnenglut rasender Atomkerne zu Dampf.

Der über eine Million Grad heiße Feuerball, der die Höhle ausfüllt und sich mit ungeheurer Wucht gegen ihre Wände wirft, verdampft und zerschmilzt auch das Gestein. Er drückt die Höhle auseinander, vergrößert sie und läßt die Erdschichten _(Bei seiner Fernsehansprache zum ) _("Star-Wars«-Programm am 23. März 1983. )

im Umkreis bersten. Rainier Mesa bockt und schüttelt sich wie einer der Wildesel, die in der Einsamkeit Nevadas, auch im Testgebiet, umherwandern.

Durch die Erschütterung sind auf dem Tafelberg zahllose kleine Staubfahnen aufgesprungen, die der Wind mitnimmt, während das nukleare Erdbeben sich mit vier Kilometern pro Sekunde nach allen Seiten ausbreitet. In der windschiefen »Shamrock«-Bar an der Straße ins Tal des Todes, 45 Kilometer von Rainier Mesa entfernt, fallen, nach Auskunft der Barmaid Rhonda, »bei einem starken Schuß Ketchup-Flaschen und Salzstreuer vom Tisch, wenn die Schockwelle hier durchkommt« - die Biergläser, fügt sie hinzu »haben unsere Gäste ohnehin immer fest in der Faust«.

Sogar in Las Vegas jagt dann ein Zittern, Rumpeln und Klirren durch die Stadt, das nur die Spieler im Lärm der Automatensäle nicht bemerken. »Den Einheimischen ist nicht entgangen, daß sich die Aktivität draußen im Testgebiet von neuem verstärkt hat«, erklärt Brian Greenspun, der Verleger der »Las Vegas Sun«. Ebenso klar scheint, daß unser Präsident vor allem wegen Star Wars nicht auf das (atomare) Teststopp-Angebot der Russen eingeht''

Willkommen im Zauberreich von SDI, wo kaum etwas so ist, wie es zu sein scheint. Denn Präsident Reagan hat zwar ausdrücklich bekundet, SDI habe den Zweck »nicht-nukleare Mittel« gegen die Atomraketen-Drohung zu finden. Trotzdem kommt ein Kernstück der SDI-Forschung nicht ohne Atomgewalt und nukleare Tests aus.

Um das zu begreifen, müssen wir zurück in die Höhle unter der Rainier Mesa. Was sich dort in der fürs menschliche Zeitgefühl unfaßbar kurzen Spanne abgespielt hat, ehe der Feuerball alles verschlang, das läßt sich nicht im Sekunden- und auch nicht im Tausendstelsekunden-Takt darstellen. Was da geschieht, ist nur nach Mikrosekunden (der millionste Teil einer Sekunde) oder gar nach Nanosekunden zu bemessen: Eine Nanosekunde ist eine Sekunde geteilt durch eine Milliarde.

Und doch sind dies passende Zeitmaße für elektromagnetische Strahlen (oder Wellen), die sich mit Lichtgeschwindigkeit fortbewegen und in einer Sekunde 300000 Kilometer zurücklegen. Eine Millionstel- oder Mikrosekunde ist dann schlicht die Zeit, die solche Strahlungswellen für 300 Meter brauchen. Eine Nanosekunde entspricht einer Wellenfortbewegung von 30 Zentimetern.

Auf diese absolute Spitzengeschwindigkeit im Kosmos stützt sich die unterirdische Versuchsanordnung. Denn von den drei Elementarkräften, die eine Nuklearexplosion erzeugt - Hitze, Druck und Strahlung -, ist die Strahlung am schnellsten. Die extrem harten und energiereichen Gammastrahlen, die bei der Kettenreaktion der Atomladung freiwerden, rasen der gleichzeitig entstehenden Hitze und dem Druck davon. Und nur auf diese Strahlen kommt es den SDI-Forschern an, die dieses Experiment schon mehrfach veranstaltet haben.

In weniger als dem Drittel einer Mikrosekunde jagt der gewaltige radioaktive Impuls durch das noch intakte Vakuumrohr und trifft auf die Stäbe am anderen Ende: sie bestehen aus einem »dichten« Material, dessen Zusammensetzung streng geheimgehalten wird.

In diesen Stäben, das ist die Absicht, sollen die chaotischungezielt ankommenden und eindringenden Gammastrahlen sich in »X-ray-laser«, also Röntgenlaser verwandeln: Sie sollen alle auf dieselbe (extrem kurze) Wellenlänge gleichgeschaltet und ausgerichtet werden. Ganz eng gebündelt, sollen sie die Stäbe am dünnen Ende als geballte Impulse verlassen, die imstande, sein könnten, auch weit entfernte feindliche Raketen mit Lichtgeschwindigkeit zu ereilen und zu zerstören.

Tatsächlich können die Röntgenstrahlen von der Zeit her die Laserstäbe schon verlassen haben, bevor Hitze und Druck der Explosion, die sich langsamer ausbreiten, heran sind und ihr Vernichtungswerk tun. In den wenigen Sekundenbruchteilen bis dahin muß der Laserprozeß abgeschlossen und das Testresultat registriert sein: deshalb die Vielzahl der Meßgeräte, deshalb die mehr als zweihundert Spezialkabel, deshalb die Datenspeicher in den Trailern, die lichtgeschwind die Strahlendaten aus der Tiefe aufzeichnen, bis nichts mehr geht.

Es mag die Gutgläubigkeit des Lesers überfordern - aber ganz ähnlich wie die sich selbst verzehrende Versuchsanordnung unter der Mesa soll auch die Waffe funktionieren, die den damit befaßten Forschern vorschwebt: Eine mit einer Atombombe geladene Laserkanone soll die Strahlkraft der Nuklearexplosion bündeln und sie vom Weltraum herab auf den Feind lenken, ehe sie sich - ein unerwünschter, aber unvermeidlicher Nebeneffekt - in der eigenen Glut einäschert.

Damit nicht genug. Denn ebenso unvermeidlich blendet der verpuffende Atomblitz der Röntgenkanone die Zielerfassungsgeräte der eigenen Weltraumwaffen. Und nie mehr gibt es, wenn der erste, einmalige Strahlenstoß danebengeht, eine zweite Chance.

»The ultimate weapon«, wie seine enthusiastischen Verfechter im Lawrence Livermore National Laboratory in Kalifornien den Röntgenlaser manchmal nennen, also die »endgültige Waffe«, die »Waffe am Ende aller Waffen«? Endgültig, nicht mehr zu überbieten, so scheint''s, in ihrer Absurdität.

Kanonen, ungeheuer teure dazu, die beim ersten Schuß in tausend Stücke zerspringen: Bei einer so ausgerüsteten Artillerie hätte es in den beiden Weltkriegen nicht viel Trommelfeuer gegeben. Dennoch ist der »nuklear gepumpte Röntgenlaser, wie der Fachausdruck lautet, das durchaus konsequente Ergebnis der Idee von einer Raketenabwehr im Weltraum

(bescheidener gesagt: oberhalb der irdischen Lufthülle in 300 bis 1200 Kilometer Höhe).

Gleißende Todesstrahlen, pure, gelenkte Energien, galten in der Science-fiction von jeher als ein für außerirdische Verwicklungen besonders geeignetes Killwerkzeug. Wie anders als mit einer lichtschnellen Waffe wollte man den Distanzen und Geschwindigkeiten im Raum gewachsen sein? Konventionelle Schießprügel wären da so nutzlos wie ein Flitzbogen in einer Panzerschlacht.

Als in den sechziger Jahren die Lasertechnik aufkam, schienen die so gebündelten Lichtenergien exakt den utopisch vorweggenommenen Strahlenwaffen zu entsprechen. Bald aber zeigte sich, daß es offenbar ungeheuer schwierig ist, mit elektrischen oder chemischen Energiequellen Laserstrahlen zu erzeugen, die auf größere Entfernungen stark genug bleiben, um eine aufsteigende Feindrakete zu vernichten.

Extrem harte, kurzwellige, energiereiche Röntgen-Impulse kann man nach dem bisherigen Erkenntnisstand am ehesten durch eine Nuklearexplosion produzieren - von den haarsträubenden Nebeneffekten einmal abgesehen. Tatsächlich ist das Röntgenlaser-Konzept das Lieblingsenkelkind von Edward Teller, dem »Vater der Wasserstoffbombe« und Miterzeuger von SDI. Und wie noch zu zeigen sein wird, hat Tellers Überzeugung, diese Waffe mit dem verharmlosenden Namen »X-ray-laser« sei machbar, erheblich daran mitgewirkt, daß SDI überhaupt zustande kam.

Die Bürger im Land aber sollen glauben. Amerikas künftige Weltraumkanonen könnten ihre Todesstrahlen so mühelos und ungeschoren verschießen, wie sie das von den Jedi-Rittern und dem Kampfstern »Galactica« gewohnt sind; denn die Amerikaner wären sicher sehr verstört, wenn der Star-Wars-Trickfilm auf ihren Fernsehschirmen ihnen zeigte, wie die US-Kampfstation im Weltraum in derselben Sekunde, in der sie die Russenrakete zerschmettert, selber in einem atomaren Blitz zerstiebt.

Ein dramatisches Photo: Die zweite Antriebsstufe einer ausgedienten »Titan« -Fernrakete der U.S. Air Force, ein über sieben Meter hoher, aufrecht stehender Metallzylinder, wird in Stücke gerissen wie ein an die Wand geworfenes Frühstücksei. Kein Feuerschein einer Explosion von innen oder außen ist zu sehen. Doch wie von einem unsichtbaren Riesenhammer getroffen, birst der Mittelteil des Metallzylinders qualmend auseinander.

Das Photo, im September 1985 auf dem Testgelände White Sands/New Mexico aufgenommen und von PR-Leuten der SDI-Organisation im Pentagon sogleich verbreitet, geht durch die Weltpresse. Bildunterschrift im Hamburger »Stern": »Test für den Krieg der Sterne: Die Antriebsstufe einer Titan-Interkontinentalrakete wird von einem Laserstrahl zerstört.«

Von einem nicht durch Nuklearexplosion erzeugten Laserstrahl. Also doch andere Wege, die Fetzen fliegen zu lassen? Und müßte es angesichts dieses Schauspiels nicht in absehbarer Zeit möglich sein. Sowjetraketen genauso zu zerlasern wie die Titan, wenn sie aus ihren Startlöchern kommen?

So sollte das Publikum sich staunend fragen. Doch der real zerplatzende Raketenkörper sollte sich als Teil einer gezielten Fiktion entpuppen.

Richtig ist: Herkömmliche Lasertypen beziehen ihre Energie auf weniger abenteuerliche Weise als der Atomlaser. »Chemische Laser werden gespeist, indem man geeignete Gase (Wasserstoff und Fluor etwa) wie in einem Düsentriebwerk verbrennt. Die dabei freiwerdenden Protonen werden dann in einem aufwendigen, ständig gekühlten System von Spiegeln und Reflektoren gebündelt und in Laser-Gleichklang versetzt.

Nach dieser Methode arbeitete auch der Laser, der den Titan-Schuß losließ. Er war von der Rüstungsfirma TRW schon Ende der siebziger Jahre unter dem Namen »Miracl« (Abkürzung für »mittel-infraroter chemischer Laser) für die US-Marine entwickelt worden. Die Seesoldaten wollten ausprobieren, ob Laserwaffen zum Schutz ihrer Schiffe gegen Flugzeuge und Raketen taugen. Der Kongreß in Washington stoppte das Projekt, und Präsident Jimmy Carter war damit einverstanden. Unter Ronald Reagan und Caspar Weinberger freilich holte das Pentagon sein »Miracl« wieder hervor und reaktivierte diesen, auf pentagonesisch »Laser mit der höchsten Dauerleistung in der freien Welt«.

1984 wurde »Miracl« in White Sands, der anderen amerikanischen Waffentest-Wüste, installiert: ein Apparat, der an einen gigantischen Schiffsdiesel erinnert. 34000 Liter Wasser _(In White Sands, September 1985; ) _(unten: berstende »Titan«-Stufe. )

zirkulieren zur Kühlung in dem Ungetüm. Nicht weniger als 370 Leute sind nötig, um die gesamte Anlage in der schattenlosen Senke zu Füßen der Orgelpfeifen-Berge zu betreiben.

Aber es stimmt: »Miracl« hat den Raketenrumpf zerschmettert, und Generalleutnant James A. Abrahamson, der SDI-Boß, zeigte sich hinterher in Washington gegenüber den Journalisten, die bei dem Test nicht zuschauen durften, äußerst beeindruckt. »Du siehst dieses große Raketenteil dort stehen, dann hörst du die Meldung ''Laser liegt im Ziel'', und plötzlich hageln bloß noch Trümmer in der Gegend herum«, erzählte er. »Sehr, sehr dramatisch.«

Der infrarote Strahl, fürs Auge nicht sichtbar, traf den Raketenrumpf und sengte sich in ihn hinein. Zugleich lösten die in rasendem Rhythmus auftreffenden Laser-Impulse in der Titan-Hülle einen Materialschock aus, ein molekulares Beben, dessen Streßwellen die Außenhaut an den Nähten und anderen Schwachstellen zerrissen. Dabei half den »Miracl«-Experimentatoren noch, daß die Antriebsstufe mit Preßluft gefüllt war und unter hohem Druck stand; die Preßluft sollte die im Reallfall auf die Hülle wirkenden Beanspruchungen simulieren.

Doch der General verschwieg, daß es sich bei der Laseranlage um das weiterentwickelte Versuchsmodell der Marine handelte; er behauptete vielmehr, der verwendete Laser sei bereits »weapon grade«, also waffentauglich. Auf die Frage jedoch, wie groß bei dem Test die Distanz zwischen dem Laser und dem Ziel gewesen sei, verweigerte Abrahamson die Auskunft.

Mißtrauisch geworden, bohrten die Reporter nach und deckten auf, daß der spektakuläre Test ein »stunt« war: ein täuschender Trick also, eine Schau, ein auf Publicity angelegter Gag.

Der Abstand zwischen dem Miracl-Monster und der unbeweglichen Raketenhülle auf dem Testgelände betrug ganze 800 Meter, eine halbe Meile. Das ist eine etwas lachhafte Entfernung für einen vorgeblichen »weapon-grade« Laser, dessen Strahlen Tausende von Kilometern überwinden und dann noch so stark und konzentriert sein müßten wie in White Sands auf Gewehrschuß-Distanz, um eine für die Raketenabwehr ausreichende Energieleistung zu bringen. Die aber ist mit dem Miracl-System nicht entfernt zu erreichen.

»Wir nennen diese Art Test einen ''Festschnall-Huhn-Test'' (''strap-down chicken test''): Du schnallst ein Huhn fest, pustest ihm aus kurzer Distanz das Lebenslicht aus und präsentierst es dann als Beweis, daß Schrotflinten Hühner töten können«, spottet Philip Farley, Physiker an der Stanford University im kalifornischen Silicon Valley und Mitverfasser einer kritischen Studie zum Sternenkrieg-Konzept. »Mit dem Todesschuß aufs festgeschnallte Huhn aus drei Schritt Abstand beweist du zwar nicht im mindesten, daß du auch ein Huhn erlegen kannst, das in 1200 Schritt Entfernung durch dichtes Unterholz flieht. Aber bei schlichten Gemütern erzeugst du trotzdem den Trugschluß, dies läge im Bereich deiner Möglichkeiten.«

So sollte auch der Miracl-Test den Leuten suggerieren. Star Wars sei machbar. Er ist unter großen Kosten sogar einzig zu diesem Zweck veranstaltet worden. Für die Forschung nämlich war er zwecklos und überholt: Schon Ende der siebziger Jahre sind solche Versuche mit chemischen Lasern unternommen, aber nicht an die große Glocke gehängt worden - weil es damals noch kein SDI zu propagieren gab.

Chemische Laser wie Miracl oder wie die Großanlage »Sigma Tau«, die der Rüstungskonzern Rockwell International 1976 als Geheimprojekt für die US-Luftwaffe in den südkalifornischen Santa-Susana-Bergen zu bauen begann, haben ihre Zukunft bereits hinter sich. Voluminös wie eine kleine Ölraffinerie, sind sie dennoch ums Millionenfache zu schwach, um von der Erde aus tödliche Strahlen in den außeratmosphärischen Raum zu senden.

Um selber auf eine Umlaufbahn in den Himmel gehoben zu werden und von dort aus ZU operieren, sind diese Laser zu schwer und kompliziert - auch wenn man sie zum Transport in Portionen zerlegen und neue Raumfähren mit vervielfachter Nutzlast bauen würde.

Und verkleinern läßt sich der Miracl-Lasertyp nur in Grenzen, auch darin einem Schiffsdiesel ähnlich, der, soll er eine bestimmte Leistung bringen, halt nicht im Westentaschenformat zu haben ist.

Aber um PR zu machen und den uneingeweihten Massen zu imponieren, dafür taugen die Veteranen verfrühter Todesstrahlen-Romantik durchaus. Die SDI-Organisation hat gar keine andere Wahl: Diese renovierten Altanlagen sind gegenwärtig und bis auf weiteres die einzigen vorführbaren Laser, mit denen man Sachen kaputtmachen kann.

Neue Kunststücke sind schon in Vorbereitung. Miracl bekommt zur Zeit eine bewegliche Zieleinrichtung, die es erlauben soll, den Laserstrahl auch auf mobile Ziele zu richten. Zum Opfer eines solchen für den Sommer geplanten »dynamischen Letalitäts-Experiments« ist eine ausgemusterte Pershing-1A-Rakete ausersehen - sie soll in White Sands beim Aufstieg von ihrer Startvorrichtung erlegt werden. Das Huhn ist nicht mehr festgeschnallt; es soll auf vorgezeichneter Bahn ein Stück in die Höhe flattern dürfen.

»Stunts: Mehr kann SDI, so weit das Auge reicht, der Öffentlichkeit auf absehbare Zeit nicht offerieren. Doch auch stunts mißraten manchmal zu Flops, wie im vergangenen Juni, als die Raumfähre »Discovery an einem Laser-Experiment mitwirken sollte:

Auf der Hawaii-Insel Maui war am mächtigen Red Hill in 9000 Fuß (oder 2740 Meter) Höhe ein »grüner« Laser aufgebaut, der auf niedrigem Energiepegel arbeitet und, ähnlich wie ein Radargerät, nur zum Messen und Anpeilen ferner Objekte dient; jede bessere geodätische Vermessungsstation verfügt über eine solche Einrichtung. Der Laser von Maui sollte auf die »Discovery« zielen, wenn sie auf ihrem Orbit des Weges kommt. Der Strahl sollte durch einen Spiegel im Fenster der Shuttle reflektiert und auf der Erde wieder aufgefangen werden.

Im Prinzip ist das so ähnlich, wie wenn ein Lausbub mit einem Taschenspiegel Sonnenstrahlen einfängt, um arglose Passanten zu blenden. Die »Discovery« aber sollte per Computer in die richtige Lage für den Empfang des Lasers manövriert werden. Dazu wurde dem Computerprogramm der Fähre mit einer Vielzahl von Daten auch die Höhe der Laserstation über Normal-Null eingegeben mit der Zahl »9000« und im luftfahrtüblichen Höhenmaß »Fuß«.

Der Shuttle-Computer aber speicherte die Zahl nicht als Fuß (30,48 Zentimeter), sondern unter der Maßeinheit Seemeile (1,853 Kilometer). Damit lag die Laserstation für ihn auf einmal nicht 2740 Meter (gleich 9000 Fuß), sondern nicht weniger als 16677 Kilometer (gleich 9000 Seemeilen) über dem irdischen Meeresspiegel, fast fünfzigmal höher als die Shuttle-Umlaufbahn.

Doch gehorsam auch gegenüber dieser unsinnigen Angabe, drehte sich die Raumfähre im richtigen Moment auf die falsche Seite. Statt zur Erde kehrte sie ihren Laserspiegel dem Himmel und einem nicht vorhandenen Punkt in 16677 Kilometer Höhe zu. Der grüne Strahl von Maui her verlosch unreflektiert am Rumpf der »Discovery«.

»Offizielle Sprecher räumten ein, daß dies einer der schlimmsten Navigationsfehler in mehr als 20 Jahren amerikanischer bemannter Raumfahrt gewesen sei«, meldete der Korrespondent der Londoner »Times«.

Am nächsten Tag, dem 21. Juni. War der Mißgriff behoben. Bei einem zweiten Versuch, den es beim Sternenkrieg nicht geben wird, klappte das Shuttle-Manöver. Doch der hinaufgeschickte Laserstrahl, an seinem Ausgangspunkt äußerst konzentriert und dünner als ein Bleistift, hatte sich, als er bei der »Discovery« ankam, zu einem Durchmesser von nahezu neun Metern erweitert und aufgefächert.

Ein schon nach knapp 355 Kilometern so zerstreuter Strahl läßt sich nur dann auffangen und von neuem bündeln, wenn er auf einen ebenso breiten Spiegel trifft. Solche Reflektoren liegen außerhalb der Grenzen bisher absehbarer Technologie und jenseits der Erschwinglichkeit. Der Durchmesser des Spiegels an Bord der Raumfähre »Discovery« betrug nur 20 Zentimeter.

Der Bau der Atombombe im Zweiten Weltkrieg, das Manhattan Project«, wird oft als ermunterndes Beispiel herbeizitiert, wie für die Wissenschaft kein Ding unmöglich sei, wenn nur Regierung und Staat mit ihrem politischen Willen und ihren Ressourcen entschlossen genug dahinterstehen. Doch Donald Kerr, bis 1984 Direktor des Atomlabors von Los Alamos und keineswegs ein Verächter der Rüstungsforschung, warnt davor. SDI mit dem Manhattan Project zu vergleichen.

Die Uranspaltung und die Kettenreaktion waren neu«, sagt Kerr. »Aber auch sie entwickelten sich aus dem breiten, soliden, über Jahrzehnte gewachsenen Fundament der Kernphysik.« Deshalb hätten die Forscher damals »immer und übereinstimmend gewußt, woran sie waren«. Entsprechend rasch seien sie vorangekommen.

In der Tat: Anderthalb Jahre nach Beginn der geheimen Kettenreaktionsforschung in Chicago - und kein halbes Jahr nach dem amtlichen Start des Manhattan Project - lief am 2. Dezember 1942 die erste kontrollierte Kettenreaktion ab, hatten die Physiker den Beweis, daß die Atombombe möglich ist. Doch mehr als zehn Jahre nach den ersten Anläufen, den Laserstrahl in eine Waffe zu verwandeln, gibt es noch immer keinen entfernt vergleichbaren Durchbruch - nur exotische Einfälle wie den Atomlaser.

Aber die Öffentlichkeit und die Kongreßabgeordneten in Washington steigen durch diese verwickelten technischen Zusammenhänge nicht hindurch. Und stets, wenn Zweifel aufzukommen drohen, ist der SDI-Boß und Verkaufsartist Abrahamson, genannt »Abe«, zur Stelle. Hintergründig lächelnd und vertrauenheischend zugleich, schaut er dann über den Rand seiner Lesebrille hinweg und zaubert einen neuen »stunt« aus einem Hut.

Ein besonders verblüffendes Beispiel seiner Fertigkeit bot Abe Ende November 1985 in einem Hotel bei Colorado Springs, zu Füßen der Rocky Mountains. Dort hatten sich mehrere hundert hochmögende SDI-Interessenten zu einer Tagung über Raum-Technologie versammelt: Militärs und Beamte aus dem Pentagon. Industriemanager und »Verteidigungs-Intellektelle« aus den konservativen »think tanks« an beiden Küsten.

Offenkundig um von den Laser-Problemen abzulenken, hob Ahrahamson bei seinem Auftritt andere denkbare Waffen hervor, die, im Weltraum stationiert, nahende Sowjetraketen bekämpfen könnten, und zwar mit stählernen Geschossen, nicht mit launischen Strahlen. Zu großen Hoffnungen, meinte _(Versuchsmodell einer elektromagnetischen ) _(Kanone in den Maxwell Laboratories in ) _(San Diego, Kalifornien. )

der SDI-Boß, berechtige besonders eine Erfindung namens »railgun« (Schienenkanone).

Die Grundidee dabei ist, ein Geschoß statt mit einer Pulverladung oder mit einem Raketentreibsatz durch elektromagnetische Kräfte zu beschleunigen. Zwischen zwei Schienen, um die herum sich ein enorm starkes Magnetfeld aufbaut, könnte das Projektil mit einer Rasanz fortgerissen werden, die alle mit explosiven Treibladungen erreichbaren Werte in den Schatten stellt.

In vielen Industrie- und Universitäts-Laboratorien experimentiert man seit einigen Jahren mit kleinen railguns. Typisch die Versuchsschleuder der University of Texas, die über zehn Meter lang ist, aber nur einen Durchmesser von gut zwei Zentimetern hat. Sie beschleunigt Metallkugeln, die 8,5 Gramm wiegen, auf Geschwindigkeiten von einigen Kilometern pro Sekunde.

Aber es reicht immer nur zu einem Schuß, weil es schwierig ist, genügend hochgespannte Energie bereitzuhalten, die sich beim Start in einer Millionstelsekunde entlädt. Auch wird die Schleuder von diesen Kräften so strapaziert, daß man sie nach jedem Schuß mit neuen Teilen instandsetzen muß. Und erst jetzt hat man auch in Texas begonnen, mit SDI-Geld neue und größere Elektrokanonen zu bauen.

All dies hielt James Abrahamson nicht davon ab, vor den Konferenzteilnehmern in Colorado Springs ein Photo an die Wand zu projizieren, das auf den ersten Blick eine sowjetische Fernrakete vom Typ SS-18 abzubilden schien. Doch ein großes Loch im unteren Teil, aus dem Holzsplitter herausragten, machte deutlich, daß es sich nach Abrahamsons Worten um ein »mock-up«, ein von Amerikanern gebasteltes Modell des feindlichen Flugkörpers im Maßstab 1:3 handelte, bestehend aus Sperrholz, Pappmache und Gips.

Geschickt steuerte der SDI-Boß auf seine Pointe los: Man habe dieses SS-18-Modell zu Versuchen benutzt, und dabei habe es das Loch - einen glatten Durchschuß - bekommen. Das Geschoß aber, das den Schaden angerichtet habe, sei, so Abrahamson wörtlich, von einer »experimentellen Schienenkanone«, einer railgun, auf die SS-18-Attrappe geschleudert worden.

Da brandete im Auditorium donnernder Applaus auf. Viele Zuhörer sprangen begeistert auf wie die Teenager im Kino, wenn in dem Film »Rocky IV« der amerikanische Faustkämpfer Sylvester Stallone den russischen Box-Roboter Drago umnietet.

Abes Geschichte gefiel ihnen, den Rüstungsmanagern mit und ohne Uniform, obwohl sie auf Anhieb erkennen mußten, daß dies ein neuer stunt war - denn eine railgun, die im freien Schuß ein so großes Loch reißen könnte, und sei es nur in Gips und Sperrholz, existiert noch nicht.

Später, bei einem Briefing für einen kleinen Kreis von Vertrauten, räumte Abrahamson dann auch ein, das Geschoß, das die Raketen-Attrappe durchschlagen habe, sei nicht von einer elektromagnetischen railgun katapultiert worden.

In Wirklichkeit, so Abrahamson, sei das Geschoß aus einer »airgun« gekommen, einer Druckluft-Kanone. Deren Funktionsweise abergeht zurück auf das jedem Knaben vertraute, allenfalls für Spatzen gefährliche Luftgewehr, das im 16. Jahrhundert in Frankreich entwickelt wurde. Er habe, meinte der oberste Sternenkrieger, vor allem anschaulich machen wollen, wie künftige railguns auf die Waffen des Gegners wirken könnten.

Doch keiner der frohlockenden Manager wäre auf den Gedanken gekommen, dem Generalleutnant Abrahamson seine »hype«, seine hyperbolisch übertreibende Vorwegnahme von etwas gar nicht Vorhandenem zu verübeln. Denn was wäre das Rüstungsgeschäft ohne hype, Tamtam und ballyhoo?

Die amerikanische Waffenindustrie hätte seit dem Zweiten Weltkrieg kaum 2500 Milliarden Dollar Umsatz machen können ohne »showmanship« und »salesmanship«, ohne eine hochentwickelte Kunst des Anpreisens und Verkaufens, ohne immer neue Versprechungen und immer neue Waffensysteme, die Amerikas Sicherheit auf immer neue Art verbürgen sollten.

Oder wie es der erfolgreiche Werbungsmacher David Ogilvy einmal ausdrückte: »Da der Nutzen moderner Waffen größtenteils in der Einbildung der Käufer besteht, sind Werbung und effektvolle Public Relations für die Rüstungsindustrie im Grunde wichtiger als für die Konsumindustrie. Noch mehr als beim Verkauf von Sportautos oder Schönheitsmitteln kommt es darauf an, die Phantasie und die geheimen Wünsche der Leute zu mobilisieren, die dafür bezahlen

sollen. Phantasie - das SDI-Schlüsselwort. Denn gerade weil die Heilsbotschaft des Präsidenten der kollektiven Einbildungskraft solchen Schub verliehen hat, sehen die Rüstungsmanager in der Weltraumverteidigung die potentiell größte Chance, die sich ihnen je eröffnet hat. Und wie bei einem exklusiven Goldrausch sind sie alle längst eingestiegen, die formidablen Konzerne, die das Rüsten zu »America''s number one business« gemacht und meist schon vor dem früheren Werbesprecher der General Electric Company, Reagan, an Weltraumwaffen gedacht haben.

Lockheed, Rockwell International, McDonnell Douglas, LTV Aerospace, General Dynamics, Grumman, Aerojet General, Martin Marietta, alle zu 50 und mehr Prozent rüstungsabhängig, sind dabei und bilden nur den Anfang einer langen Liste. Weit mehr als 1000 Forschungsverträge sind bisher allein an Industriefirmen vergeben worden. Die Kontrakte binden diese Firmen mit allem, was an politischem Einfluß und Wählerstimmen daran hängt, erst einmal an die SDI-Idee.

»Das Geld, das bisher fließt, auch wenn es noch nicht das große Geld ist, dient größtenteils dazu, Freunde und Anhänger zu schaffen und eine schlagkräftige Interessentengemeinschaft aufzubauen, erklärt John Pike, der SDI in Washington für die »Föderation Amerikanischer Wissenschaftler« kritisch beobachtet.

Eine machtvolle Anhängerschaft, so erläutert Pike die Taktik der SDI-Promoter, sei in diesem Fall um so wichtiger, weil in den entscheidenden Fragen noch keinerlei konkrete Forschungsergebnisse in Aussicht stünden: »Die Initiative muß sich mit ihren eigenen Versprechungen und den Hoffnungen ihrer Gefolgsleute in Schwung halten«, sagt Pike - ein Satz übrigens, der ebensogut auf eine religiöse Gemeinschaft zutreffen würde wie auf ein windiges Spekulationsgeschäft.

Getreulich ist die SDI-Marketing-Kampagne bisher nach den Methoden verfahren, die von den großen Reklame-Agenturen an New Yorks Madison Avenue erprobt worden sind. Dazu gehörte auch, daß Caspar Weinberger und James Abrahamson beizeiten mit testimonials aus Europa arbeiteten - einer Werbeform, bei der zum Beispiel Filmstars gegen Gage beteuern, daß sie ihre Schönheit und Jugend einer Seife verdanken, mit der sie sich nur selten waschen.

Ungesäumt lieferten Margaret Thatcher, Franz Josef Strauß und Helmut Kohl ihre »testimonials« für SDI ab. Und obwohl die drei Politiker mit der Realität des Forschungsprogramms, das sie befürworten, so viel Berührung haben wie die Haut der Stars mit jener Seife, helfen solche Bekenntnisse von Verbündeten den Promotern dabei, zögernde Kongreßabgeordnete in Washington bei der Geldbewilligung unter Druck zu setzen. Man dürfe, heißt es dann, das Vertrauen und die Erwartungen, die Europa in die technische Innovationskraft Amerikas setze, nicht durch Kürzungen der Finanzmittel enttäuschen.

Kaum war der SDI-Mitwirkungsvertrag unterfertigt, den Weinberger Ende letzten Jahres mit der Regierung Thatcher abschloß, ohne sich zu irgendeiner konkreten Finanzleistung zu verpflichten, wußte Alex Brummer vom Londoner »Guardian« aus den Korridoren des Kapitals zu melden: »Offizielle der Reagan-Administration benutzen das britische Einverständnis, an der Star-Wars-Forschung teilzunehmen, als Hebel, um für das nächste Haushaltsjahr einen großen Zuwachs der Mittel für das Projekt aus dem Kongreß herauszustemmen« - nämlich einen Zuwachs von 2,5 auf 4,9 Milliarden Dollar.

Woraus zu ersehen ist, daß Abrahamson und seine Pentagon-Kollegen die Nato-Verbündeten nicht unbedingt deshalb umwerben, um sie selbstlos mit den erhofften technologischen Segnungen von SDI zu beglücken. Das Projekt möglichst eng mit der Allianz zu verknüpfen, ist, wie die »Washington Post« notierte, vielmehr »Teil einer Strategie, die sicherstellen soll, daß Star Wars nicht vom nächsten Bewohner des Weißen Hauses wieder abgedreht wird«. Denn ist etwas einmal zur Sache und Prestigefrage der Nato geworden, kann auch ein künftiger Präsident kaum noch etwas dagegen ausrichten, ob das Vorhaben Sinn hat oder nicht - siehe Nachrüstung.

Auch die vertragliche Bindung, die Bonn an SDI schmieden soll, ist vor allem dazu bestimmt, das Projekt gegen die inneramerikanische Opposition und über die Amtszeit Reagans hinaus am Leben zu erhalten.

Das Pentagon, kurzum, will SDI bis zum Ende der Ära Reagan 1988 zu einer unumkehrbaren Institution, zu einem vollendeten Faktum machen, und zwar möglichst unabhängig vom Nutzen des Unternehmens. Nach fast vierzig Jahren Wettrüsten wollen das Pentagon und seine Lieferanten, so scheint es, sich mit Star Wars ihre eigene Apotheose schaffen, die ihr verschwenderisches Gewerbe krönt und verewigt »Wir

stehen auf der ersten Stufe der Entwicklung von Verteidigungssystemen, die unsere Industrie in den nächsten zwanzig Jahren beherrschen wird«, verkündet der TRW-Konzern in Cleveland/Ohio »Verteidigung mit Lichtgeschwindigkeit« verheißt die »Lockheed Flugkörper- und Weltraum-Gesellschaft«, wenn nur die Forschungsdollars rollen.

Aerojet General erbietet sich unter der gleichen Bedingung »US-Besitz im Welltraum und in der Heimat zu beschützen, während die Firma »GA Technologies« in San Diego schlicht »Verteidigungsträume zur Wirklichkeit machen« will. Ein Wallstreet-Finanzberatungsdienst analysiert das Sternenkrieg-Programm unter der Überschrift »Geld vom Himmel« und zieht die Bilanz: »Für die US-Aerospace-Industrie kann die Umorientierung der strategischen Rüstungskonkurrenz auf defensive Ziele kaum früh genug kommen.«

Ein »Füllhorn auf dem jüngsten Stand der Technik« ("state of the art cornucopia") ist SDI in den Augen der »Amerikanischen Ingenieursgesellschaft«. Der"Verband der Elektronischen Industrie« schätzt, daß sich die SDI-Einnahmen der beteiligten Firmen bis 1994 auf 69 Milliarden Dollar belaufen könnten. »Time«-Magazin mutmaßt, Star Wars werde sich zum »dicksten Pökelfleischfaß aller Zeiten« auswachsen - ein »pork barrel« ist ein Staatsauftrag, den Politiker ihren Gönnern zuschanzen.

Der Markt für Offensivwaffen sei »ausgereizt« und der voll Ronald Reagan 1981 angekurbelte Rüstungsboom laufe allmählich aus, meint der Aerojet-Vizepräsident James R. Rowe. Da müsse man sich zwangsläufig auf Defensivsysteme werfen. Nur sie könnten für eine neuerliche (Geschäftsbelebung sorgen uns eine »Zukunft auf lange Sicht« sichern.

Aber dieses kolossale, schier unaufhaltsam sich heranwälzende Faß mit seinem Konglomerat aus Spekulationen und stunts, aus dem Gewinnstreben einer mächtigen Industrie, aus politischen Pressionen und showmanship wird nur von dünnen technologischen Dauben zusammengehalten. Denn in einem Punkt sind sich Verfechter und Kritiker der Verteidigungsinitiative ausnahmsweise einig: Ohne funktionierende, bezahlbare und unverwundbare Laserwaffen läßt sich das Abwehrkonzept als ganzes nicht halten.

Nur mit Wirklichkeit gewordenen Todesstrahlen kann man die Feindraketen treffen, wenn sie am verwundbarsten sind: beim Aufstieg, wenige Minuten nach dem Start, wenn die Feuerschweife ihrer Triebwerke ein gutes Ziel bieten. Und nur in der Aufstiegsphase trifft man mit der Rakete auch die Nuklearsprengköpfe, die sie trägt, und die vielen »Täuschkörper, die ihr mitgegeben werden, um im späteren Stadium des Fluges die gegnerische Abwehr zu verwirren. Sind nach dem Aufstieg Sprengköpfe und Täuschkörper einmal ausgestoßen, werden aus einem großen Ziel mindestens hundert kleine - und die sind, wenn überhaupt, ungleich schwerer zu orten, während sie mit mehr als 20000 km/h durch den Raum rasen.

Deshalb steht und fällt der Sternenkrieg mit der Laserentwicklung. Er steht und fällt nicht zuletzt mit der Gruppe junger Wissenschaftler, die am Atomlaser arbeiten und mit missionarischem Eifer glauben, sie hätten damit die Basis für die »endgültige Waffe«, ja, für eine »Waffe des Lebens«, die moralisch makellos sei; denn sie allein kann nach ihrer Überzeugung den Fortbestand der Zivilisation garantieren, wenn der Dritte Weltkrieg kommt.

Im nächsten Heft

Sternenkrieger erstreben »die Kontrolle der Erde vom Weltraum aus« - Nikita Chruschtschow wollte Schutz für Moskau - US-Falken rebellieren gegen Gleichgewicht des Schreckens - Wie sein »Küchenkabinett« Reagan vom »Star Wars«-Konzept überzeugte

[Grafiktext]

SCHUTZSCHIRM GEGEN ATOMRAKETEN Amerikanisches Denkmodell für eine mehrstufige Raketenabwehr durch Kampfstationen im All und auf dem Mond ("SDI") Beobachtungssatellit: Verfolgt die Bahn von Sprengköpfen und Täuschkörpern Weltraum-Umlenkspiegel: Soll Strahlen der Boden-Laser bündeln und auf Ziele lenken Sprengkopf-Sensor: Soll Sprengköpfe von Täuschkörpern unterscheiden und Zieldaten liefern Frühwarnsatellit: Mit optischem und Infrarot-Sensoren, erkennt und meldet Raketenstarts Nach-Antriebsphase (bis etwa elf Minuten nach dem Start), danach werden Sprengköpfe und Täuschkörper ausgestoßen und fliegen antriebslos weiter. Mittelphase, bis etwa 26 Minuten nach dem Start Umlenkspiegel Atomexplosion als Energiequelle für einen Röntgen-Laser, der Raketen während der Aufstiegsphase zerstören soll Endanflug-Phase: Dauer etwa drei Minuten, Sprengköpfe und Täuschkörper treten in die Atmosphäre ein Antriebsphase mit brennenden Raketentriebwerken (bis etwa vier Minuten nach dem Start Bodengestützte Elektronen-Laser: Sollen über Umlenkspiegel Sprengköpfe und Täuschkörper zerstören Radar für Anti-Raketen-Raketen Atom-U-Boote: Sollen komplette Röntgen-Laser-Kampfsysteme bei Bedarf ins All schießen Anti-Raketensystem (ABM): Letzter Verteidigungsgürtel zum Schutz von US-Raketenstellungen Zielsuchende Raketen, von Flugzeugen abgefeuert: Sollen Sprengköpfe während Endanflug-Phase zerstören Strahlenbündel aus der Bombe Wie Atombomben Röntgenlaser zünden sollen Versorgungsturm Meßwagen Versorgungsschacht, wird vor der Explosion versiegelt Zündkabel Meßkabel Vakuumrohr, verbindet A-Bombe mit Lasergerät Atombombe Laser-Gerät Röntgenlaser-Impuls Extrem harte Gammastrahlen, die bei Zündung der Atombombe frei werden, erreichen noch vor der Hitze- und der Druckwelle die Laser- und Versuchsanordnung: Im Bruchteil einer Millionstel Sekunde passieren sie das Vakuumrohr und treffen auf die Stäbe im Laser-Gerät. In den Stäben wandeln sich ungerichtete Gammastrahlen in parallel schwingende Röntgenstrahlen um, die als Röntgenlaser-Impuls aus den Stäben treten. Sensoren messen die Laser-Strahlung, noch ehe die Versuchsanordnung im Atomblitz verdampft.

[GrafiktextEnde]

Bei seiner Fernsehansprache zum »Star-Wars«-Programm am 23. März1983.In White Sands, September 1985;unten: berstende »Titan«-Stufe.Versuchsmodell einer elektromagnetischen Kanone in den MaxwellLaboratories in San Diego, Kalifornien.

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