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SPD Die Wahrheiten der Witwe

aus DER SPIEGEL 5/1995

Eilig verließ Generalbundesanwalt Kay Nehm seinen Urlaubsort auf Sylt per Helikopter. Der Chefankläger sollte der Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger Bericht erstatten - Krisenstimmung in Karlsruhe.

Der oberste deutsche Ermittler hatte eine peinliche Panne zu erklären. Blatt zwei des Originalvermerks von Willy Brandt über die dubiosen Ost-Kontakte des einstigen SPD-Fraktionsgeschäftsführers Karl Wienand und Herbert Wehners war in den Reißwolf geraten.

Ein Ermittler im Spionageverfahren gegen Wienand, so die Erklärung, hatte Brandts Originalnotiz versehentlich für eine mißlungene Kopie gehalten und in den Aktenschredder gesteckt. Eine halbe Seite war schon perdu. Ein echter Verlust - im Autographenhandel sind Brandt-Handschriften solchen Inhalts kaum bezahlbar.

An dem Papier klebt das Unheil. Nicht nur der vage Inhalt der Aufzeichnungen über ein Gespräch Brandts mit dem früheren sowjetischen Botschafter Walentin Falin stürzt Ermittler, Sozialdemokraten und ihre politischen Gegner in Spekulationen. Auch wie das Papier verschwand und schließlich wieder auftauchte, hat Unfrieden unter Sozialdemokraten ausgelöst und letzte Woche den Austritt der Brandt-Witwe aus der Partei provoziert.

In der Staatsaffäre um das Dokument, das nun im Original eine halbe Seite weniger hat, ist die ganze Wahrheit noch verborgen, ein rätselhaftes Stück mit reichlich vielen Unbekannten. Ein gut informierter Anonymus aus dem Dunstkreis der SPD hatte den Strafverfolgern den entscheidenden Tip gegeben (SPIEGEL 4/1995). Karlsruher Bundesanwälte hatten danach keine Mühe, das Papier vorletzte Woche bei der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) zu finden.

Zweieinhalb Jahre lang war der Text verschwunden. »Führende« Sozis, teilte die Historikerin Brigitte Seebacher-Brandt vorige Woche SPD-Parteichef Rudolf Scharping in einem sechsseitigen Austrittsbrief mit, hätten die Aufzeichnungen ihres Mannes »tatsächlich beiseite geschafft«.

Sie fragt sich nun, warum. Sollte Brandts Verdacht gegen Wienand und den Rivalen Herbert Wehner über deren möglicherweise über viele Jahre gepflegte geheime Ost-Beziehungen am Vorsitzenden vorbei deshalb unterschlagen werden, weil er begründet war?

Die Union jedenfalls wittert ihre Chance. CSU-Mann Hartmut Koschyk verlangte einen Untersuchungsausschuß. Zumindest »an der Aufklärung« des »politischen Skandals« sollten die Sozis unverzüglich mitarbeiten, forderte Rupert Scholz (CDU) im Bundestag.

Der hessische CDU-Spitzenkandidat Manfred Kanther legte nach. Er sei überzeugt, stichelte der Bundesinnenminister, »daß viele alte Sozialdemokraten entsetzt darüber sind, wie Brandts Enkel mit dessen Erbe umgehen«.

Kanther traf daneben. Denn die Enkel hatten von der Geheimniskrämerei um Brandts Vermerk keinen Schimmer. Es sind die Alten, die noch einmal ihre alten Fehden austragen.

Hans-Jochen Vogel, 68, war über das Falin-Gespräch auszugsweise informiert, der langjährige Weggefährte Egon Bahr, 72, hatte sich eine Kopie des Vermerks besorgt und dann geschwiegen. Der Düsseldorfer Ministerpräsident Johannes Rau, 64, als politischer Testamentsvollstrecker von Brandt ausersehen, bekam vom Alten eine Kopie zugesteckt. »Das ist für die Historiker interessant«, soll Brandt gesagt haben.

Aber der Vermerk war auch von Interesse für jene, die seit Sommer 1993 mit großem Eifer gegen Wienand wegen Stasi-Verdachts ermitteln. Sie hätten schon gern früher gewußt, daß »Karl W. ab '75«, so der Brandt-Vermerk, »eine Verpflichtung gegenüber dem dortigen Dienst eingegangen« sei.

Doch Mitwisser Rau hat tapfer geschwiegen - auch als Wienand die Witwe im Frühjahr 1994 wegen deren Äußerungen über die Spitzeldienste des einstigen Fraktionsgeschäftsführers verklagte. Sie durfte fortan nicht mehr behaupten, daß Brandt von Falin erfahren habe, Wienand sei »dem KGB verpflichtet gewesen«.

Wenn der Vermerk vorgelegen hätte, argumentiert die Witwe, »hätte Wienand mich nicht verklagt«. Besonders »enttäuscht« sei sie von Rau. Dessen Verhalten sei »menschlich so abgründig«. So etwas »haben wir Rau doch nicht zugetraut«.

Solche Töne von Witwe Brandt kommen der Union gerade recht. Die Gattin soll im CDU-Wahlkampf gegen die NRW-SPD und den Düsseldorfer Landesvater Rau zur Kronzeugin aufgebaut werden.

Das Zusammenspiel funktioniert: Die Witwe lobt den CDU-Kanzler Helmut Kohl, über den sie sich wahrlich »nicht beklagen kann«. Der Regierungschef wiederum appelliert an die »Redlichkeit« von Rau, der »halt jetzt die Antwort geben soll«.

Rau will sich nicht erklären. Kein letztes Wort über letzte Worte mit Brandt. Der Düsseldorfer Profi weiß, daß jede Erklärung von ihm eine Gegenerklärung provozieren würde. Deshalb spielt er seine Lieblingsrolle - toter Mann.

Egon Bahr, der andere Papier-Inhaber, schwieg ebenfalls lange. Als ihn im März 1994 die Bundesanwälte wegen Wienand befragten, erwähnte er den Brandt-Vermerk mit keinem Wort. »Wie komme ich dazu«, sagt Bahr dem SPIEGEL, »einen Verdacht, den ich nicht beweisen kann, der Staatsanwaltschaft mitzuteilen, die ohnehin auf der wahrscheinlich richtigen Fährte ist?« (Siehe auch Seite 23.)

Der Mann, den Brandt sofort ins Vertrauen zog, reagierte umgehend. Hans-Jochen Vogel trug dem BND-Chef Konrad Porzner den Spionageverdacht in Sachen Wienand vor. Später notierte Brandt: »Am 17. 6. teilte mir HJV (Hans-Jochen Vogel - Red.) mit, Porzner könne hierzu nichts sagen.«

Der BND-Chef verbreitete Unklarheit: Sein Dienst sei »weder direkt« durch Willy Brandt »noch mittelbar über eine Tätigkeit Herrn Karl Wienands für das KGB informiert« worden. Dieses Dementi gibt es in mehreren Variationen zu verschiedenen Zeitpunkten, auch als dienstliche Erklärung liegt es im Kanzleramt vor.

Doch der verläßliche Vogel blieb auf Kurs. Letzte Woche wiederholte er vor dem Bundesanwalt, was er zuvor schon dem SPIEGEL gesagt hatte: Selbstverständlich habe er damals Porzner gefragt, ob »was gegen Karl Wienand« vorliege. Die Rede sei wohl von der Mitarbeit für »östliche Geheimdienste« gewesen. Dies hat jetzt auch der BND-Chef gegenüber den Ermittlern eingeräumt. Warum aber hat er dann vorher so anders gesprochen?

Die meisten Rätsel gibt der Brandt-Gesprächspartner Walentin Falin auf. Vehement bestritt er vorige Woche, gegenüber Brandt von einem Spionageverdacht gegen Wienand gesprochen zu haben. Dies deckt sich mit einer eidesstattlichen Versicherung, die er vor einem Jahr abgegeben hat.

Falin erklärte damals, er habe Brandt nicht gesagt, »daß Wienand ein KGB-Mann sei oder gewesen sei«. Und dann: »Ich habe auch nichts Ähnliches oder in diese Richtung Gehendes erklärt.«

Das paßt nicht zu den Erklärungen Egon Bahrs. Der erinnert sich sehr genau an ein Gespräch mit Falin im Herbst 1993. Damals hat ihm der alte Vertraute gebeichtet, er wisse definitiv, daß Wienand für einen östlichen Geheimdienst gearbeitet habe. Bahr verstand damals Stasi.

Auch wird die detailreiche Schilderung Falins, der damalige DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker habe mit Helmut Schmidt bislang unbekannte Verbindungen gepflegt, die Wehner dann prompt an die Russen verraten habe, vom Altkanzler bestritten: »Unfug.«

Das sieht so auch ein sehr ranghoher Offizier des früheren DDR-Ministeriums für Staatssicherheit: »Glatter Unsinn.« So etwas hätte Honecker dem Schmidt niemals geschrieben, »nicht einmal beim Jagdausflug in der Staatskarosse zugeflüstert«, allenfalls dem früheren DDR-Wirtschaftslenker Günter Mittag »im Suff zugeraunt«.

Falin bleibt dabei. Am Freitag mittag dieser Woche soll er in Düsseldorf vernommen werden. »Ich verstehe diese ganze Diskussion nicht«, sagt Falin, »eine Zumutung, ein Sturm im Wasserglas.«

Falin trete auf, »als sei er nicht von dieser Welt und in deren Wirren wider Willen verstrickt«, hat vor Jahren eine Publizistin über den Russen mit der »Melancholie in den Augen« geschrieben - die Autorin war Brigitte Seebacher-Brandt.

Doch auch die Wahrheiten der Witwe geben Rätsel auf. Ins Bild der authentischen Interpretin ihres Mannes und seiner Politik paßt nicht, daß Willy Brandt ihr das Schriftstück offenbar bewußt vorenthalten hat. »Wie irre«, berichtet sie, habe sie nach dem verschwundenen Vermerk gesucht. Überall, »absolut«.

Kann schon sein: Bevor Brandt im Sommer 1992 daheim in Unkel seinem langjährigen Wegbegleiter Rau die Notizen heimlich zusteckte, soll er die Gattin unter einem Vorwand aus dem Zimmer geschickt haben. Er zweifelte damals an der politischen Zuverlässigkeit seiner Frau.

Nicht nur in diesem Fall. Seinem langjährigen Büroleiter Klaus Lindenberg vertraute er einen Packen weiterer Unterlagen an, darunter für Historiker wichtige Brandt-Erinnerungen. Sie landeten zunächst im Büro-Tresor und dann in Lindenbergs Depot in der FES. Kein Zugang jedenfalls für die Historikerin und Ehefrau.

Deren Erkenntnisse über die Geschichte weisen noch andere Lücken auf. Nach Rücksprache hatten ihre Anwälte beispielsweise im Vorjahr im Wienand-Verfahren zu Papier gebracht: Egon Bahr komme als Zeuge überhaupt nicht in Frage. Der habe in der Zeit nach dem Falin-Termin nur einmal mit Brandt telefoniert. Im Austrittsbrief an Scharping klingt es ganz anders: Am 4. April habe Brandt ihr einen Besuch Bahrs für den nächsten Tag angekündigt.

Die Sozialdemokraten suchen nun nach dem Unbekannten, der an allem schuld ist: den Tipgeber der Bundesanwaltschaft. Der Anrufer, der die Bundesanwälte auf die Spur brachte, kam angeblich auch aus dem Zeitungsmetier. Er stellte sich bei Bundesanwalt Joachim Lampe als Journalist vor und behauptete, ein Mittelsmann zu sein. »Erführen die mit dem Geschehen vertrauten Personen«, so hielt Lampe die Erzählungen des Anrufers fest, »daß er der Hinweisgeber sei, so könnten diese in Verbindung mit Einzelheiten der Darstellung auf den Informanten schließen.«

Der anonyme Tipgeber könnte Nachfolgetäter ermutigen. Schon hat sich ein ranghoher Stasi-Mann gefunden, der behauptet, Licht in die Affäre bringen zu können. Er ist sich sicher, daß Wienand »Geld von uns bekommen hat, auch höhere Summen«.

»Ich bin immer davon ausgegangen«, erklärte der Mann vorigen Dienstag dem SPIEGEL, »daß Wienand materiell interessiert war. Daß Wienand KGB-Mann war, halte ich für ausgeschlossen.«

»Eine Zumutung, ein Sturm im Wasserglas«

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