Fehler bei der Corona-Bekämpfung Das China-Problem der WHO

US-Präsident Trump könnte mit seiner Attacke gegen die Weltgesundheitsorganisation einen richtigen Punkt haben: Der WHO mangelt es an Distanz zu Peking.
Eine Analyse von Dietmar Pieper
WHO-Generaldirektor Tedros mit Chinas Präsident Xi Jinping im Januar in Peking

WHO-Generaldirektor Tedros mit Chinas Präsident Xi Jinping im Januar in Peking

Foto: POOL/ REUTERS

Während sich die globalen Corona-Erkrankungen unaufhaltsam der Zwei-Millionen-Marke  näherten, hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Dienstag dieser Woche endlich wieder eine gute Nachricht zu verkünden.

In der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba stehe ein Flugzeug bereit, um Schutzkleidung, Thermometer und Beatmungsgeräte auf dem afrikanischen Kontinent zu verteilen.

WHO-Generalsekretär Tedros Adhanom Ghebreyesus, allgemein Tedros genannt, freute sich über diesen ersten "Solidaritätsflug". Die Lieferung sei "Teil einer größeren Bemühung, lebensrettendes medizinisches Material in 95 Länder zu schaffen", sagte er.

Trump attackiert WHO - und damit China

Wenige Stunden später musste Tedros allerdings einen schweren Schlag einstecken. US-Präsident Donald Trump erklärte, er werde bis auf weiteres kein Geld mehr an die WHO überweisen. Die Vereinigten Staaten sind der größte Beitragszahler, die mehr als 400 Millionen Dollar aus Washington deckten 2019 rund 15 Prozent des Budgets ab.

Die wichtigsten Hygieneregeln
  • Drehen Sie sich am besten weg, wenn Sie husten oder niesen müssen! Mindestens ein Meter Abstand sollte zwischen Ihnen und anderen Personen sein.

  • Ein Papiertaschentuch bitte nur einmal benutzen! Entsorgen Sie es anschließend in einem Mülleimer mit Deckel.

  • Halten Sie sich beim Husten und Niesen die Armbeuge vor Mund und Nase, wenn gerade kein Taschentuch zur Hand ist.

  • Wichtig: Waschen Sie sich nach dem Naseputzen, Niesen oder Husten gründlich die Hände, entweder mit einem Desinfektionsmittel auf Alkoholbasis oder mit Wasser und Seife.

Quelle: WHO, Gesundheitsministerium

Trump, der die WHO schon früher attackiert hatte, warf ihr schwere Fehler bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie vor. Die unter dem Dach der Uno arbeitende Organisation habe "bei ihrer zentralen Aufgabe versagt".

Vor allem ihr Verhältnis zu China sei ein ernstes Problem: Die WHO habe chinesische "Falschinformationen" propagiert und dadurch die Ausbreitung des Virus gefördert. Seine Regierung, so Trump, werde die Fehler der WHO in den nächsten zwei bis drei Monaten gründlich untersuchen.

Ein geschicktes PR-Manöver ist Trumps Vorstoß auf jeden Fall. Für ihn und seine Anhänger ist die WHO in Verbindung mit China der ideale Sündenbock. Auf einen Schlag trifft der US-Präsident gleich zwei seiner liebsten Feindbilder: eine internationale Organisation und den geopolitischen Konkurrenten Nummer eins.

"China hat sehr hart daran gearbeitet, das Coronavirus einzudämmen"

Gründe, von eigenen Fehlern abzulenken, hat er reichlich. Wochenlang hatte Trump das Virus unterschätzt und verharmlost, ehe die Krankheitswelle sein Land brutal überrollte.

Als im Januar der erste Covid-19 Fall in den USA bekannt wurde, sagte er ungerührt: "Wir haben es völlig unter Kontrolle." Noch Mitte März äußerte er sich ähnlich. Mehrfach lobte er den chinesischen Präsidenten Xi Jinping: "China hat sehr hart daran gearbeitet, das Coronavirus einzudämmen", schrieb er in einem Tweet. Und fügte hinzu, im Namen der Amerikaner wolle er Xi danken.

Doch ist seine Kritik an der Weltgesundheitsorganisation deshalb unbegründet? Es könnte beides richtig sein: Dass Trump sich aus einer von ihm mitverschuldeten Krise herauswinden will. Und dass die wichtigste globale Instanz für Gesundheitsfragen Fehler begangen hat.

Es gibt Indizien für Versäumnisse der WHO

Kaum ein Zweifel besteht, dass China in den ersten Wochen versucht hat, die aufkommende Epidemie zu vertuschen. Wie weit sich die WHO daran beteiligt hat, bedarf allerdings weiterer Aufklärung. Indizien für mögliche Versäumnisse liegen vor: beschönigende Äußerungen, zögerliches Handeln. Aus einer Chronik der Ereignisse lässt sich das gut ablesen:

  • 31. Dezember 2019: Die Gesundheitsbehörde in Wuhan gibt bekannt, dass sich 27 Personen mit einem neuartigen Virus angesteckt haben. Zuvor waren Ärzte, die auf die unbekannte Erkrankung hinwiesen, mundtot gemacht worden. Am selben Tag erlässt Taiwan Schutzmaßnahmen gegen die Verbreitung des Erregers. Der demokratische Inselstaat, aus Sicht Chinas eine "abtrünnige Provinz", gehört auf Betreiben Pekings nicht der WHO an.

  • 1. Januar 2020: Die WHO gibt an ihrem Genfer Hauptsitz eine Erklärung heraus: "Alle Indizien deuten darauf hin, dass der Ausbruch in Verbindung zu Ansteckungen auf einem Fischmarkt in Wuhan steht." Es gebe keine klaren Hinweise auf eine Übertragung von Mensch zu Mensch.

  • 4. Januar: Der Virologe Yuen Kwok-yung von der Universität Hongkong drängt darauf, dass die teilweise autonome Stadt ihre Grenzen zu China schließt. Zum Verdruss Pekings ruft Hongkong den Notfall aus.

  • 10. Januar: Ein Team um Yuen entdeckt, dass sich eine Familie aus Shenzen mit dem Coronavirus infiziert hat – ein deutlicher Hinweis auf eine menschliche Ansteckungskette.

  • 14. Januar: Die WHO sendet über Twitter eine beruhigende Nachricht in die Welt: "Vorläufige Untersuchungen der chinesischen Behörden haben keinen klaren Beweis dafür ergeben, dass sich das neue #coronavirus durch Mensch-zu-Mensch-Übertragung verbreitet." Die Chinesen selbst äußern sich in einem Bulletin vorsichtiger: "Die Möglichkeit einer begrenzten Mensch-zu-Mensch-Übertragung kann nicht ausgeschlossen werden."

  • 20. Januar: Erstmals bestätigt China öffentlich, dass sich Sars-CoV-2 von Mensch zu Mensch ausbreitet. Die Abriegelung von Wuhan beginnt. Bei einem China-Besuch lobt WHO-Chef Tedros das Land, es setze "einen neuen Standard für die Reaktion auf einen Krankheitsausbruch".

  • 30. Januar: Die WHO erklärt, dass nach ihren Kriterien eine "gesundheitliche Notlage internationaler Tragweite vorliege".

  • 31. Januar: Gauden Galea, WHO-Vertreter in Peking, informiert eine Runde internationaler Diplomaten in einer Videokonferenz über die Lage. Vehement vertritt er nach einem Bericht der kanadischen Zeitung "The Globe and Mail" die WHO-Linie, alle Grenzen offen zu halten. Dies deckt sich mit dem Interesse Chinas. Eine Sprecherin des Außenministeriums in Peking verurteilt Staaten, die entgegen der WHO-Empfehlung ihre Grenzen schließen: Sie würden "Panik in der Öffentlichkeit verbreiten".

  • 7. Februar: In Wuhan stirbt der Augenarzt Li Wenliang an den Folgen einer Coronavirus-Infektion. Li gehörte im Dezember zu den ersten chinesischen Ärzten, die auf die Gefahr durch den neuen Erreger aufmerksam machten. Von den Behörden wurde er deshalb gemaßregelt. Öffentliche Kritik der WHO an dieser Zensur gab es nicht. Michael Ryan, einer der WHO-Exekutivdirektoren, sagt nach Lis Tod beschönigend: "Es gibt eine nachvollziehbare Verwirrung, die zu Beginn einer Epidemie auftritt." Es sei wichtig, "Missverständnisse und Fehlinformationen begrifflich zu unterscheiden".

  • 16.-24. Februar: Ein 25-köpfiges WHO-Team informiert sich in China. Im anschließenden Report heißt es: "Chinas mutiges Vorgehen (...) hat den Verlauf einer schnell eskalierenden und tödlichen Epidemie verändert." Kein Wort der Kritik. Bruce Aylward, einer der Delegationsleiter, lobt China für den "wahrscheinlich ambitioniertesten und meiner Meinung nach entschlossensten und flexibelsten Versuch einer Krankheitseindämmung in der Geschichte". Sollte er an Covid-19 erkranken, so der Kanadier, "dann möchte ich in China behandelt werden".

  • 11. März: Die WHO erklärt die globale Coronavirus-Verbreitung zur Pandemie – zweieinhalb Monate, nachdem die Organisation erstmals aus China über die neuartige Krankheit informiert wurde.

Bei Sars trat die WHO härter gegen Peking auf

Aufschlussreich ist der Unterschied zur Sars-Epidemie. Unter der damaligen WHO-Chefin Gro Harlem Brundtland verhielt sich die WHO gegenüber China deutlich entschiedener. Als im November 2002 erste Sars-Fälle in China auftraten, erstatteten die Behörden keine Meldung an die WHO. Die Organisation bekam dennoch Wind davon und setzte China unter Druck, Informationen zu herauszugeben.

Brundlandt kritisierte die Chinesen öffentlich: Der Ausbruch hätte eingedämmt werden können, sagte die Norwegerin, "wenn die WHO in der Lage gewesen wäre, in einem früheren Stadium zu helfen".

Der heutige Amtsinhaber hat sich als äthiopischer Gesundheitsminister von 2005 bis 2012 dadurch einen Namen gemacht, dass er energisch gegen schwere Krankheiten wie Malaria, Aids und Tuberkulose vorging und die Zahl der Toten deutlich gesenkt hat.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Anschließend war er vier Jahre Außenminister seines Landes. Lawrence Gostin, Professor für Globales Gesundheitsrecht an der Georgetown University Law School in der US-Hauptstadt Washington, sagt über Tedros: "Er ist sehr politisch, keine Frage. Und manchmal ist er zu politisch."

Die Europäer halten sich aus guten Gründen zurück

Wie weit ist die WHO unter seiner Führung mitverantwortlich für die Ausbreitung? Das muss näher untersucht werden. Ob die Trump-Regierung einen objektiven Bericht abliefert, wird sich herausstellen.

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

Die Europäer halten sich aus guten Gründen zurück, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Denn viel zu lange haben sie die Logik des exponentiellen Wachstums, das für Seuchen charakteristisch ist, ignoriert.

Das Ergebnis sieht man heute in der traurigen Liste der Länder, die auf 100.000 Einwohner gerechnet die meisten Corona-Toten haben: Auf den ersten zehn Plätzen stehen ausschließlich europäische Staaten. Selbst Länder mit gravierenden Problemen wie die USA und Iran kommen bislang danach.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version war von ersten Sars-Fällen in China im Jahr 2012 die Rede, richtig ist allerdings die Jahreszahl 2002. Wir haben die Stelle aktualisiert.