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MONTGOMERY Die Wüstenratte

aus DER SPIEGEL 45/1958

Als der Sizilien-Feldzug der Alliierten im Herbst 1943 beendet war, ging der damalige britische General Sir Bernard Montgomery eine denkwürdige Wette mit seinem amerikanischen Kameraden Eisenhower ein: Er setzte fünf Pfund Sterling gegen die Behauptung Ikes, der Zweite Weltkrieg werde bis zum Weihnachtsfest 1944 beendet sein. Sir Bernard war, wie er sagte, »überzeugt, daß wir unsere Chance verpfuschen und es bis dahin nicht schaffen würden«.

Prompt mahnte der Brite ein Jahr und zwei Monate später die Wettschulden Eisenhowers an. In einem dringenden Luftpostbrief an General Eisenhower konstatierte Montgomery, der Amerikaner habe die Wette verloren und schulde ihm

mithin fünf Pfund Sterling. Eisenhower

amüsierte sich über das gute Gedächtnis des englischen Generals und ließ ihm das Geld postwendend zukommen.

In den letzten Wochen dürfte dem heutigen Präsidenten der Vereinigten Staaten jedoch die Freude an dem guten Erinnerungsvermögen Montgomerys vergangen sein. Der britische Heerführer behauptet nämlich in seinen Memoiren*, die Anfang November in vier Ländern gleichzeitig erscheinen, der Feldherr Eisenhower habe nicht nur seine Wettniederlage selbst verschuldet, sondern durch seine strategischen Fehlentscheidungen auch den Zweiten Weltkrieg mindestens um ein halbes Jahr verlängert.

»Ich möchte Ike eigentlich nicht zu den ,großen Soldaten' zählen«, urteilt Montgomery über den alten Wett- und Kriegspartner. »Bis zur Landung in Nordafrika hatte er noch keinen scharfen Schuß gehört und noch niemals Truppen im Kampf geführt.« Das sei auch der Grund, warum Eisenhower als Befehlshaber der Erdtruppen während der Frankreich-Invasion »den Grundgedanken unseres (Feldzugs-) Planes, den er doch selbst ohne Einschränkung gebilligt hatte, nicht erfaßt hatte«.

Mäkelt Montgomery: »Eisenhowers Hauptquartier lag in Granville. Er saß dort über vierhundert Kilometer hinter der kämpfenden Front. Anfang September (1944) war er tatsächlich, soviel ich feststellen konnte, vollkommen ohne Fühlung mit den Landkämpfen.«

Eisenhowers mangelndes Verständnis für Strategie, meint der Memoirenschreiber Montgomery, könne man »in einem Satz zusammenfassen: Nach der (Schlacht in der) Normandie wurde unsere strategische Planung Stückwerk; richtiger gesagt, es gab überhaupt keinen Plan, und unser Vorrücken geschah ruckweise und unzusammenhängend«.

Die grobe Kritik Montgomerys an seinem »außergewöhnlichen, höchst liebenswerten Freund« im Weißen Haus mußte die Amerikaner aufbringen. Der ehemalige Luftwaffen-General Spaatz kanzelte Montgomery in einer Polemik als »streitsüchtigen, krittelnden Egozentriker« ab und wetterte: »Wenn man schon einen Sündenbock suchen will, dann ist es doch wohl Montgomery selbst, der die Hauptverantwortung für die Verlängerung des Krieges trägt.«

Versöhnlicher reagierte Eisenhower selbst. Er sei bisher »von jedem, der ein Buch schreiben kann«, kritisiert worden, erklärte er in einer Pressekonferenz, und das werde wohl auch in Zukunft so bleiben. Das Nachrichten-Magazin »Newsweek« wußte es freilich anders. »Privat ist Präsident Eisenhower über die Beschuldigungen des Feldmarschalls Montgomery hell empört«, schrieb das Blatt in der letzten Woche. »Ike soll der Auffassung sein, das Buch vermittle ein ungeheuerlich entstelltes Bild von den Planungen und Operationen im Kriege.«

Bernard Law Montgomery hat damit einen Streit neu entfacht, der bereits im Zweiten Weltkrieg die britisch-amerikanische Waffenbrüderschaft zu beeinträchtigen drohte Seine jetzt erschienenen Memoiren machen aber erst deutlich, warum die amerikanischen Generale sich immer wieder weigerten, unter Montgomery zu dienen: Es war letztlich das störrisch-selbstgefällige Temperament des Briten, an dem die Kriegspartnerschaft zwischen den beiden Nationen zu zerschellen drohte.

Selbst bei den britischen Militärs galt Montgomery, Sohn eines protestantischen Bischofs, als unleidlicher Disziplin-Fanatiker, der nur seinem militärischen Handwerk lebte und im übrigen bei jeder Gelegenheit ohne Rücksicht auf die Reaktion von Vorgesetzten die eigene Meinung herausbellte. »Wenn er doch nur nicht immer mit dem Schwert auf die Bibel hauen würde«, stöhnte Churchill einmal.

Die rückhaltlose Offenheit des nordirischen Grobians, der zu keiner Intrige fähig schien, war in der britischen Armee berüchtigt. Kostproben solcher Offenheit gegenüber Vorgesetzten und sich selbst gibt Montgomery auch in seinen Memoiren. Wäre in der Jugendzeit »meine Undiszipliniertheit unbehindert geblieben, so wäre ich vielleicht noch unerträglicher geworden, als manche Leute mich ohnedies gefunden haben«. Über seinen Nachrichtenoffizier, General Williams, berichtet er: »Geistig war er mir ... weit überlegen, er ließ es einen jedoch niemals fühlen.«

Seine selbstgefällige Erkenntnis, ein Geistesverwandter des großen und groben Cromwell zu sein, ließ Montgomery Vorgesetzten und Untergebenen gegenüber immer wieder durchblicken. Churchill berichtet in seinen Kriegserinnerungen von einem Besuch, den er im August 1942 dem neuseeländischen General Freyberg in der Libyschen Wüste abstattete. Während des Dinners - es sollte gerade eine Austernsuppe gereicht werden - sei der General Montgomery, dem auch die Verbände Freybergs unterstanden, vor dem Freyberg-Zelt vorgefahren.

Der Neuseeländer habe sich, so erzählt Churchill, sogleich pflichtschuldig bei seinem Oberbefehlshaber gemeldet und ihm mitgeteilt, an der Tafel des Premierministers im Zelte Freybergs sei ein Platz für den General frei gehalten worden. Montgomery aber habe dem Freyberg bedeutet, er könne der Einladung nicht Folge leisten, da es zu seinen Grundsätzen gehöre, die Gastfreundschaft ihm unterstellter Kommandeure nicht in Anspruch zu nehmen. Churchill: »So saß er denn draußen in seinem Wagen und aß sein karges Sandwich und trank in aller Formalität seine Limonade dazu.«

Gerade der Eigensinn dieses englisch-irischen Eisenbarts hatte Churchill, der einen unfehlbaren Spürsinn für Exzentriker besitzt, veranlaßt, den General Montgomery an die Spitze der britischen achten Armee in Nordafrika zu stellen - als den einzigen Soldaten Englands, der in der Lage zu sein schien, dem Rommel - Mythos eine Ende zu bereiten. Der Legende vom unfehlbaren Schlachtenglück des deutschen

Wüstenfuchses sollte ein »Monty-Mythos« entgegenwirken.

Bald zeigte sich, daß die »Wüstenratte Monty« mehr war als eine Erfindung der psychologischen Krieger Englands. Der neue Oberbefehlshaber ging an seine Aufgabe, Rommel aus Afrika zu verdrängen, mit unendlicher Sorgfalt heran und erwies sich dabei als einer der klügsten Heerführer der Alliierten. Wochenlang studierte er mit nahezu wissenschaftlicher Akribie alle Operationen seines Gegenspielers, bis er das ganze Arsenal des Taktikers Rommel zu kennen glaubte. Einem Besucher prophezeite er damals: »Rommel ist ein glänzender Offizier, aber er macht einen Fehler: Er wiederholt seine Taktik. Auf diese Weise werde ich ihn kriegen.«

Der Oberbefehlshaber der achten Armee konnte voraussehen, Rommel werde aus seiner Ausgangsstellung im Raum El Alamein die alliierten Truppen, wie stets, auf dem linken Flügel angreifen, um die Briten im Rücken fassen und von ihrem Nachschub abschneiden zu können. Montgomery ließ daher den linken Flügel seiner Stellung verminen und kure dahinter die Masse seiner panzerbrechenden Waffen aufbauen.

Auf den Angriff des deutschen Generalfeldmarschalls vorbereitet, konnte Montgomery, seinem Gegner in der Abwehrschlacht von Alam Halfa (30. August bis 6. September 1942) eine entscheidende Niederlage beibringen. Montgomerys Offensivsieg in der Schlacht von El Alamein trieb den Wüstenfuchs sechs Wochen später vollends zum Rückzug.

Die Schlachten in der nordafrikanischen Wüste enthüllten Größe und Schwäche des Feldherrn Montgomery: Der »General der Materialschlachten«, wie ihn der britische Kriegshistoriker Fuller nennt, war immer nur dann bereit, eine Schlacht zu beginnen, wenn ihm genügend ausgebildete Truppen, gesicherter Nachschub und starke Luftunterstützung absoluten Erfolg garantierten. Auf »unsichere« Schlachten ließ sich Monty nicht ein; hatte sich aber seine Kriegsmaschine erst einmal in Gang gesetzt, dann waren Logik und Konsequenz seiner Vormarschtaktik unübertrefflich.

Daß ein Militärautokrat wie Montgomery unvermeidlich mit den amerikanischen Generalen, Anhängern einer so ganz anders gearteten Tradition, zusammenstoßen würde, mußte den Alliierten klar sein, als sie Anfang 1944 vor dem Problem standen, dem Sieger von Alamein für die bevorstehende Invasion in Frankreich amerikanische Truppen zu unterstellen. Den US-Generalen widerstrebte es in ihrem althergebrachten Mißtrauen gegen allzugroße Machtbefugnisse eines einzelnen Mannes, einem Armee-Oberbefehlshaber die unbeschränkte Macht über ihre Truppe zu geben.

Noch mehr mußte es den Nationalstolz der Amerikaner verletzen, daß die GIs einem britischen General unterstellt werden sollten, der unverhohlen äußerte, die

amerikanischen Truppen seien noch viel zu unerfahren, um allein einen Krieg zu führen. In der Tat bedenkt der Memoirenschreiber Montgomery die amerikanischen Truppen in seinem Erinnerungsbuch zunächst mit einer recht ungünstigen Note.

»(Der britische General) Alexander erzählte- mir«, berichtet Montgomery, »er habe schreckliche Zustände vorgefunden, als er zu General Eisenhower kam Allgemein stieß er auf Stillstand und mangelnde Aktivität: kein Ziel, keine Planung, die ganze Front durcheinander, keine Reserven, nirgends Ausbildung, keine Vorkehrungen für die Zukunft, die sogenannten Verstärkungslager in einem schmachvollen Zustand. Von 'den amerikanischen Soldaten war er enttäuscht: Er fand sie geistig und körperlich weich' und sehr grün'.

Wider Erwarten gelang es der britischen Regierung, bei den Amerikanern die Ernennung Montgomerys zum Befehlshaber der Landungsoperationen in der Normandie durchzusetzen, obwohl das Invasionsheer zu zwei Dritteln aus GI's bestand.

Während der Normandie-Schlacht kam es dann zu den ersten Reibereien zwischen Tommies und GIs, weil die Amerikaner den Briten vorwarfen, sie träten auf der Stelle und überließen den GIs das Kämpfen. US-General Patton: »Lassen Sie mich bis Falaise durchstoßen, dann treiben wir die Briten ins Meer und bereiten ihnen ein zweites Dünkirchen!«

Klagt Memoirenschreiber Montgomery: »Gerade in diesem Augenblick, in dem der Sieg in Sicht war, ging ein Raunen durch die englischen Streitkräfte, der Oberste Befehlshaber (Eisenhower) habe Klage darüber geführt, daß wir im Kampf nicht das Unsere täten. Ich glaube nicht, daß dieser große, gütige Mann, der jetzt zu meinen besten Freunden gehört, damals auch nur geahnt hat, was er mit seinen Bemerkungen angerichtet hat.«

Noch heftiger aber geriet Montgomery mit den amerikanischen Generalen aneinander, als die alliierten Truppen die Seine-Linie erreicht hatten und ein schwerwiegender Konflikt über die weiteren Operationen ausbrach. Montgomery schlug vor, den offensichtlichen Zusammenbruch der deutschen Verteidigungsfront auszunutzen und mit 40 alliierten Divisionen unter seinem Oberbefehl einen geballten Vorstoß in das Ruhrgebiet und später vielleicht bis nach Berlin zu unternehmen.

Der britische General empfahl, den rechten Flügel des Invasionsheeres am Westwall stehenzulassen und mit einem schlagkräftigen Linksflügel über Belgien in Norddeutschland einzufallen. Montgomery: »Im Grunde war dies der Schlieffen-Plan der Deutschen im Jahre 1914, nur umgekehrt und mit dem Unterschied, daß er gegen einen zerschlagenen und bereits in Auflösung befindlichen Gegner durchgeführt werden sollte . . .«

Doch Eisenhower lehnte ab. Er wollte in breiter Front gegen das Reichsgebiet vorgehen. Selbst als Montgomery sich bereit erklärte, seinen Plan unter dem Oberbefehl eines amerikanischen Generals durchzuführen, blieb Ike bei seinem Nein. Mehr noch: Eisenhower verwirklichte jetzt zur Freude der amerikanischen Militärs eine alte Vereinbarung der alliierten Regierungen, derzufolge General Montgomery nach dem Erreichen der Seine-Linie den Oberbefehl über die Landstreitkräfte in Frankreich an einen Amerikaner abzugeben hatte. Montgomery war ausgeschaltet.

»Ich war natürlich sehr enttäuscht«, resümiert Montgomery in seinen Memoiren. »Ich hatte gehofft, wir würden den Krieg gegen Deutschland schnell beenden, Zehntausende von Menschenleben sparen und dem englischen Volk Erleichterungen bringen können. Doch es sollte nicht sein.«

Daß die Alliierten in jenem September 1944 tatsächlich eine einmalige Chance verpaßt haben, wird durch deutsche Militärs bestätigt. Die Heerführer Hitlers, so urteilt Korvettenkapitän Walter Lüdde -Neurath, hätten »Montgomerys Konzeption befürchtet und keine Möglichkeit rechtzeitiger Abwehr gesehen. Als die Alliierten am 17. September mit der groß angelegten Luftlandeoperation im niederländischen Raum doch noch eine schnelle Entscheidung zu erreichen suchten, war es bereits zu spät«.

Deutsche Militärs, wie der Panzergeneral Hasso von Manteuffel und der General Günther Blumentritt, unterstützten denn auch sofort nach dem Erscheinen der Montgomery-Memoiren die Kritik des britischen Feldmarschalls, der sich bei ihnen nicht zuletzt wegen seiner physiognomischen Ähnlichkeit mit Friedrich dem Großen einiger Beliebtheit erfreut. Blumentritt: »Unsere Front war damals bereits so zerrissen, daß wir nicht verstanden haben, warum die Alliierten nicht einfach den Angriff weiter fortsetzten. Der deutsche Widerstand wäre zusammengebrochen, hätte Montgomery seinen Stoß fortgesetzt.' Montgomery war es denn auch, der die Amerikaner im Dezember 1944 davor bewahrte, daß ihre Truppen eine Fehlentscheidung Eisenhowers allzu teuer bezahlen mußten. Monty spielte gerade im holländischen Eindhoven mit dem heute weltbekannten Profi Dai Rees eine Partie Golf, als die Meldung eintraf, die deutschen Truppen hätten die US-Stellungen in den Ardennen angegriffen. Hitlers letzte militärische Blitzaktion hatte die amerikanischen Generale derartig bestürzt, daß sie dem Sieger von Alamein auch den Befehl über amerikanische Verbände und damit den Ruhm überließen, die deutschen Truppen wieder zurückgetrieben zu haben.

Montgomery brach damals seine Golfpartie ab, um zu seinem Hubschrauber zu stürzen, mit dem er auf dem berühmten Eindhovener Golf-Rasen gelandet war. Und eben daran wurde der Mentalitätsunterschied zwischen ihm und seinem Freundfeind Eisenhower erkennbar: Eine Golfpartie, die Ike - wegen welcher dienstlichen Nachricht auch immer - abgebrochen hätte, hat die Muse Klio noch nicht erspäht.

* Montgomery: »Memoiren«. Paul List Verlag, München; 613 Seiten; 25,80 Mark.

Memoirenschreiber Montgomery: Wer hat den Krieg verlängert?

Rommel in Afrika

Mit eigenen Waffen geschlagen

Churchill, Montgomery, Eisenhower: Zuwenig scharfe Schüsse gehört

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