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TAIWAN »Die Wut kocht später hoch«

Der Wirtschaftswunderstaat hielt sich für gerüstet - mit strengen Bauvorschriften und geübtem Katastrophenschutz. Doch das große Beben deckte gefährliche Schlamperei auf.
aus DER SPIEGEL 39/1999

Wie ein abgesägter Baumstamm liegt der 15-stöckige Wohnblock da, er ist einfach schräg zur Seite gekippt. Die unteren drei Stockwerke wurden wie Pappe zusammengedrückt. Mit Presslufthämmern reißen Retter die freskenverzierten Grundmauern der einst schmucken Anlage ein. Sie wollen zu Bewohnern vordringen, die noch eingeschlossen sind.

Neun Menschen hält der Klotz an der Yuinn-Straße am Stadtrand von Taichung in Zentral-Taiwan gefangen. Sechs Tote haben die Suchtrupps bereits geborgen. Wong Hsiang-jenn, der übermüdete Leiter des Militärärzteteams, lässt schon vorsorglich die nächste Bahre heranbringen. Ein weißes Laken, das Leichen bedecken soll, liegt säuberlich gefaltet obenauf.

Hinter einer Absperrung der Polizei schauen bisherige Bewohner des erst vier Jahre alten Apartmentgebäudes den Rettungsversuchen verzweifelt zu. Statt Überlebende zu befreien, legen die Presslufthämmer den Blick auf die Folgen von kriminellem Pfusch und amtlicher Korruption offen:

Alle sehen jetzt, dass die Stützmauern ihre wichtige Funktion gar nicht ausüben konnten - in die Wände waren gebrauchte Plastikflaschen und Speiseöl-Blechkanister eingelassen. Mit dem illegalen Füllmaterial sparte die Baufirma am Beton. Und Taiwans Behörden war es offenbar egal, ob die strengen Bauvorschriften eingehalten wurden, eine Kontrolle fand nicht statt.

Wohl deshalb sind die Gebäude in fast allen betroffenen Gebieten ganz ähnlich umgefallen: Grotesk, wie Schuhkartons, liegen sie flach auf der Seite oder sind in der Mitte eingeknickt. Nicht nur in Nantou, der am schwersten verwüsteten Region in Zentral-Taiwan, zeigt sich das typische Bild. Selbst am Rand der sonst nur wenig beschädigten Hauptstadt Taipeh legte das Beben ein großes Wohn- und Geschäftshaus flach.

Doch wie in Taichung bleiben die Opfer stumm, resigniert ertragen sie ihr Leid, nur wenige schimpfen auf Baulöwen oder Behörden. »Die Wut kocht später hoch«, sagt der Arzt Wong, »noch lähmt der Schock die Menschen.« Für die regierende Kuomintang-Partei steht die Macht auf dem Spiel, die sie seit 50 Jahren ausübt - im März sind Präsidentschaftswahlen.

In nur fünf Sekunden hatte die Katastrophe die Taiwanesen in der Nacht zum Dienstag vergangener Woche aus dem Schlaf gerissen. Zwar war das 22-Millionen-Land vorgewarnt: Unter der gebirgigen Insel verursachen zwei aufeinander stoßende Erdplatten fast alle 30 Jahre große Beben. Doch mit knapp 2000 Toten, über 8000 Verletzten und rund 300 Vermissten wurden diesmal frühere Schrecken weit übertroffen.

In den Krisengebieten verloren mehr als hunderttausend Menschen ihre Wohnungen. Zahlreiche Nachbeben, meterbreite Risse im Asphalt und weggerutschte Berghänge erschwerten den Hilfsmannschaften den Zugang in entlegene Orte. Dort lagerten die Retter Tote häufig im Freien. Die Lebensmittel wurden knapp.

Dabei hat Taiwans Regierung im Vergleich zu anderen, von Erdbeben heimgesuchten Ländern wie der Türkei und Japan (dort hatte es 1995 die Stadt Kobe getroffen, 6430 Tote) relativ zügig und umsichtig reagiert: Sofort mobilisierte Präsident Lee Teng-hui das Militär, das - durch ständige Wachsamkeit gegenüber dem verfeindeten Festland-China geübt - blitzschnell ausrückte. Doch die Katastrophe überfordert auch die Soldaten, zu viele Opfer warten noch auf Hilfe.

Cheung Wen-bin, 41, zeltet mit seiner Frau, zwei Kindern und seinen greisen Eltern am Rand einer Trabantensiedlung von Taichung. Von dort aus kann der Chemiker seine vor drei Jahren errichtete Eigentumswohnung sehen. Das Apartment selbst ist zwar unversehrt geblieben, wurde aber ähnlich schlampig gebaut wie zerstörte Teile der Wohnanlage. Nun ist der riesige Komplex gesperrt, wie eine Geisterkulisse liegt er in der Finsternis.

Eingestürzte Brücken und umgefallene Hochhäuser zeigen geradezu bildlich, auf welch wackeligen Fundamenten Taiwan sein Wirtschaftswunder errichtete. Im Gegensatz zu anderen Tigerstaaten meisterte es die Asienkrise zwar elegant mit Wachstumsraten um jährlich fünf Prozent. Doch über der hastigen und einseitigen Förderung von Hightech-Industrien vernachlässigte das Aufsteiger-Land den Bau einer soliden Infrastruktur.

In ganz Taiwan blieb vergangene Woche fast die Hälfte aller Häuser zeitweise ohne Strom. In der Hightech-Region Hsinchu mussten Elektronikfirmen ihre Produktion stoppen. Nun drohen Taiwans »Silicon Valley«, das die Welt mit rund 45 Prozent aller Notebook-Computer und 13 Prozent der Mikrochips beliefert, Geschäftsausfälle in Milliardenhöhe. Um eine mögliche Panik unter Aktionären zu verhindern, stellte Taipehs Börse ihren Handel für den Rest der Woche ein.

Positive Kunde erreichte die gebeutelte Insel aus Peking: Dort sprach Staatschef Jiang Zemin den Landsleuten jenseits der Taiwan-Straße sein Beileid aus. Die Menschen auf beiden Seiten der Meeresenge seien »wie Fleisch und Blut«, sagte Jiang pathetisch und versprach Hilfeleistungen im Wert von rund 290 000 Mark.

Die versöhnliche Geste ließ aufhorchen: Seit Taiwans Präsident Lee im Juli die von Peking geforderte Wiedervereinigung in Frage stellte und Beziehungen wie zwischen souveränen Staaten verlangte, hat das Reich der Mitte den abspenstigen Lee immer wieder wüst beschimpft, der Insel gar mit Krieg gedroht.

Doch an ein rasches politisches Tauwetter, ausgelöst durch Mitgefühl, glaubt auf Taiwan kaum jemand. Solange Peking nicht von seiner Drohung abrückt, die »abtrünnige Provinz« notfalls mit militärischer Gewalt heim ins Reich zu zwingen, bleiben die Inselchinesen argwöhnisch. Daher lehnte die Regierung Jiangs Geste letztlich ab. WIELAND WAGNER

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