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DIE ZEITBOMBE CÄSARS

Mit einer Glitzerparty, die alle Rekorde sprengt, taumelt das Abendland ins 3. Jahrtausend. Aber feiern wir eigentlich das richtige Datum? Die Geschichte der christlichen Zeitrechnung steckt voller Rätsel. Römische Kaiser und Mönche des Mittelalters fummelten an dem Zählwerk herum.
aus DER SPIEGEL 52/1999

Mindestens 60 Milliarden Menschen sind in ihm herumgetrampelt: Dante und Shakespeare ebenso wie Marika Rökk. Katapulte und Atombomben haben es erschüttert. Es erlebte den Bau der Chinesischen Mauer und die Geburt der Quantenphysik. Am Ende kam das Tamagotchi.

Nun sieht das Millennium ziemlich alt aus. Seit Wochen läuft ein gnadenloser Countdown. Noch rund 400 000 Sekunden (ab Auslieferung dieses SPIEGEL-Heftes), dann »brennt der Himmel« (Bild"). Die große Zeitenwende tritt ein, das ultimative Datum, das große Null ouvert. 1,9 Milliarden Christen feiern den runden Geburtstag des Herrn. Was für eine Nacht der Superlative rückt da heran!

50 Millionen Flaschen Schaumwein haben die Weinbauern der Champagne in Sonderschichten bereitgestellt. In London wurde das größte Riesenrad der Welt (137 Meter hoch) errichtet. US-Dermatologen verkaufen unter dem Namen »Millennium Mud« die teuersten Schlammpackungen (225 Dollar für knapp vier Kilo).

Von Hongkong bis Honolulu soll der Globus im Lichtgewitter von Feuerwerken erstrahlen. Millionen Volltrunkene werden auf den Beinen sein - Bleigießer und Konfettiwerfer, Endzeit-Apokalyptiker und jene Berliner Rabauken, die - mit illegal im Ostblock gemixten - Riesenböllern schon im Vorfeld ganze Telefonzellen gesprengt haben. Republikweit sind THW und Feuerwehr in Alarmbereitschaft.

Europas Hauptstädte hüllen sich derweil in pyrotechnischen Glanz. Paris plant einen Triumphzug auf den Champs- Elysées, flankiert von 24 Riesenrädern als Symbolen der Zeit. Mit dem großen Gongschlag sollen 20 000 Lichter am Eiffelturm aufleuchten. Alpinisten haben 20 Kilometer Kabel und elektrische Girlanden um die Eisenträger gelegt.

Auch Berlin mischt mit im Konzert der Großmächte. Punkt null Uhr werden zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule zwölf Heliumballons am Himmel schweben, angestrahlt von 250 Scheinwerfern. Für die Polit-Prominenz steht vor dem Reichstag ein Schlemmerpalast bereit (Menü für 1999 Mark).

Doch besteht überhaupt Anlass zum Jubel? Auf Geburtsurkunden und Scheckkarten wird die Doppelnull stehen, Künderin einer großen Leere. Schon den Griechen galt Chronos als Lehrmeister, der seine Schüler umbringt. Diesmal verschlingt er ein ganzes Jahrtausend.

Seit Monaten schüren Experten zudem Ängste vor Y2K, dem befürchteten Computerkollaps beim Datumswechsel. Die Deutsche Bahn stoppt kurz vor 24 Uhr aus Sicherheitsgründen alle Züge.

Auch sonst ist die Grundstimmung eher mau. Merkwürdig verzagt und illusionslos stapft der Bürger ins Futur. »Globalisierung« und gentechnisch optimierte Menschen drohen am Horizont, entfesselte Shareholder, Cybersex und der Zusammenbruch der Kleinfamilie. Selbst der Euro, als Vorbote einer neuen Ära gefeiert, ist, kaum geboren, schon weich wie Butter.

Wie viel vorwärts treibende Kraft und Dynamik hat da frühere Epochen beseelt: Vor 1000 Jahren, als Kaiser Otto III. die erste große Datumswende überschritt, bedeckte sich Europa gerade »mit einem weißen Mantel von Kirchen«, wie ein zeitgenössischer Chronist schreibt. In Speyer und Westminster zogen Maurer himmelstrebende Bauten hoch. Untergangsängste, wie vielfach kolportiert, haben den Schritt ins Jahr 1000 nicht begleitet. Alle derartigen Berichte seien, so der Mittelalterexperte Jan Dhondt, »eine bloße Erfindung von Historikern«.

Auch die folgenden Jahrhunderte wurden von zukunftsweisenden Denkern eingeleitet. Nach 1500 hob Martin Luther mit seinem Reformationswerk an, 1600 betrat der Geburtshelfer der modernen Naturwissenschaft, Galileo Galilei, die Bühne. 1800 preschte Napoleon vor. 1900 schrieb Freud seine »Traumdeutung« und erschloss den Kontinent des Unbewussten.

Und jetzt? DDR adieu, Karl Marx kaputt, und das Kapital zeigt sein schonungsloses Gesicht. Die alten Sinnbezüge der Geschichte sind längst zu Phrasen erstarrt. Apokalyptiker, die am Silvestertag den Messias auf dem Ölberg erwarten, rufen allenfalls Gelächter hervor. Und auch die angekündigte »Classwar«-Demo, zu der sich die letzten Versprengten des Weltproletariats in Berlin versammeln, zehrt vom Glanz verblasster Zukunftsparolen.

Ist der Fortschritt zum leeren Ticktack verkommen? So sieht es der Philosoph Peter Sloterdijk. »Optimismusmaschine« nennt er den Genitron, jene rückwärts laufende Sekundenuhr, die 1987 am Centre Pompidou installiert wurde. Ihr Countdown ersticke die Furcht vor der Zukunft in sinnlosem Zahlengerassel.

Ins ferne Übermorgen mag des Bürgers Blick nicht schweifen, wie ein Zeitkapsel-Projekt aus Rottweil zeigt. Der dortige Kulturamtsleiter Johannes Rühl möchte am Silvestertag einen Stahlbehälter vergraben - gefüllt mit »Briefen an die Zukunft«. 2099 soll der Kubus wieder ausgebuddelt werden. Doch Rühls Flaschenpost stieß auf breites Desinteresse. »Ich hatte 40 000 Briefe erwartet«, lamentiert er. Gekommen sind 1000.

Kein Wunder: Homo internet, der Gegenwartsmensch, ist fest im Hier und Jetzt verkeilt. Ein wütendes Stakkato hat den Bürger erfasst. Mit Tunnelblick bewegt er sich auf der Zeitachse. Mit 180 beats per minute bebt die Techno- Szene. In sechs Monaten ist heute ein Schwein schlachtreif, in zwölf Stunden ein Auto gebaut. In der Wirtschaft herrsche »die Epidemie des Zeitwettbewerbs«, schreiben die Ökonomen Klaus Backhaus und Holger Bonus. Philosophen nennen das Syndrom »Beschleunigungsfalle«.

In »Modern Times« hat Charly Chaplin dieses Unbehagen in archetypische Bilder gefasst. Harold Lloyd hängt im Film »Ausgerechnet Wolkenkratzer« hilflos am Zeiger einer Hochhaus-Uhr. Das Netz von Chronometern, mit dem die Menschheit den Erdball überzogen hat, ist zur Bedrohung geworden. Mister Spock drückt es so aus: »Zeit ist das Feuer, in dem wir brennen.«

Die moderne Naturwissenschaft macht eine sinnvolle Standortbestimmung der Gegenwart nicht leichter. Unter ihrem Zugriff ist die Zeit längst in alle Richtungen explodiert. Neueste Berechnungen zeigen, dass das Universum 13 Milliarden Jahre alt ist. Die Lebensdauer von Quarks, in Teilchenbeschleunigern zum Leben erweckt, wird in milliardstel von milliardstel Sekunden gemessen - alles abstrakte Resultate, aus denen sich kein geschichtsphilosophischer Nährwert mehr ziehen lässt.

Höhepunkt der Entwicklung ist die »Cäsiumfontäne« in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig. Abgekühlt durch Laserblitze werden dort Cäsiumatome in einer Mikrowellenfalle gemessen. Erst vor einigen Wochen hat der Physiker Stefan Weyers die neue Superuhr zusammengebastelt. Ein Vergleichsapparat in Paris stellte jüngst einen neuen Rekord auf. Die Uhr geht in 20 Millionen Jahren um eine Sekunde falsch.

Angesichts solcher Präzisionsmaschinen scheint es fast unglaublich, dass noch Martin Luther kaum wusste, was die Stunde schlug. Vor wenigen Generationen schwamm der Homo sapiens im »wesenlosen und allmächtigen« Zeitfluss (Thomas Mann). Mit den Kühen ging er schlafen, der Hahn weckte ihn. Im 12. Jahrhundert machte sich der Stamm der Pruzzen Knoten in den Gürtel, wenn es galt, weit gespannte Termine einzuhalten. Uhren mit Sekundenzeigern sind eine Erfindung des 18. Jahrhunderts (siehe Chronik).

Der christliche Kalender diente dabei gleichsam als Ordnung stiftender Mantel. Gleichförmig, ohne Hast agierend, sah sich der Mensch des Mittelalters in einen heilsgeschichtlichen Prozess gebettet. Am Anfang stand die Schaffung Adams, am Ende das Jüngste Gericht. Dazwischen wurde, mit fetten Braten und Pfefferkuchen, Ostern und Weihnachten gefeiert.

Vielen Zeitgenossen scheint der Millenniums-Trubel denn auch abgeschmackt. Rückzugsreflexe, neudeutsch »Cocooning«, greifen um sich. Von »Zahlenfetischismus« ist die Rede. »Ein leerer Kult um drei Nullen« werde da zelebriert, glaubt der Konstanzer Historiker und Kalender-Experte Arno Borst.

60 Prozent aller Deutschen wollen zu Hause feiern oder gar, wie Buchautor Lothar-Günther Buchheim, das Jubiläum verschlafen. Die Reisebranche meldet stornierte Flüge und leere Hotels. Auch Kanzler Gerhard Schröder mischt sich unter die Muffel. Er belässt es daheim bei »einem gescheiten Rotwein« (Gattin Doris).

Versalzen wird die Stimmung aber auch durch Neunmalkluge, die das Freudenfest mit - scheinbar - logischen Argumenten torpedieren. »Eine kurze mathematische Überlegung lässt erkennen, dass alle Welt drauf und dran ist, unser turbulentes Jahrhundert zu früh zu Grabe zu tragen«, gibt die »FAZ« zu bedenken. Weil ein Jahr Null nicht existiere, beginne das neue Millennium erst am 1. Januar 2001.

Solche Argumente machen ihre Rechnung allerdings ohne den Wirt. Mit dem rationalen Dezimalsystem steht die moderne Zeitrechnung nur in lockerem Kontakt. Ungleich springen die Monate durchs Jahr. Der Tag hat 24 Stunden, die Minute 60 Sekunden. In der Anzahl der Wochentage steckt die magische 7 - eine Erblast der abergläubischen Sternenkundler aus Mesopotamien.

Nahezu 5000 Jahre lang hat die Menschheit an dieser Chronologie herumgetüftelt. Ägypter, Inder und Araber hinterließen darin ihre Spuren. Das Ergebnis ist ein »ziemlich komisches Ding«, wie Jakob Messerli vom Uhrenmuseum in Furtwangen formuliert. Der Naturforscher Roger Bacon nannte die christliche Zeitrechnung ein »Gräuel für die Astronomen« und einen »Witz aus Sicht der Mathematik«.

Eine Flut von historisch bedingten Ungereimtheiten schleppt das System mit sich herum. Immer wieder griffen Regenten selbstherrlich ein. Am brutalsten ging Kaiser Augustus (63 v. Chr. bis 14 n. Chr.) zu Werke. Er zwackte dem Februar einen Tag ab und hängte ihn dem nach ihm benannten Monat August an. Seitdem rollt der Kalender mit elf Monaten und einem Schrumpfintervall durchs Jahr.

Ganze Heerscharen von Forschern beschäftigen sich mit der Geschichte des Zeitmessers, der wie eine Strickleiter in den Brunnen der Vergangenheit führt. Doch der Abstieg ist gefährlich. Der Kalender, heute an jedem Kiosk als Leporello erhältlich, steckt voller Rätsel. Selbst über die Eckpunkte der Jahreszählung sind sich die Experten nicht einig:

* Seit Isaac Newton debattiert die Zunft über das wahre Geburtsdatum des Messias. Astronomen, orientiert am Stern von Bethlehem, nennen die Jahre 7 oder 4 v. Chr., Historiker, gestützt auf die Bibel, favorisieren 2 v. Chr.

* Bis heute ist unklar, wann sich in Europa die Datierung »Anno Domini« ("im Jahr des Herrn") durchsetzte.

* Neuerdings behauptet eine Gruppe von »Chronologierevisionisten« gar, Fälscherbanden im Mittelalter hätten zur Geschichte ganze Epochen dazuerfunden. Der Kalender enthalte etwa 300 Jahre »Phantomzeit«.

Der Siegeszug der modernen Zeitrechnung, so viel ist immerhin gewiss, begann an einem Oktobertag des Jahres 48 v. Chr. Damals lief in Alexandria, der Pharaonenmetropole am Nildelta, ein kleines Boot in den Hafen ein. Kleopatra war Tage zuvor vom eigenen Bruder entmachtet worden. Nun lag sie an Bord des Kahns, versteckt in einem eingerollten Teppich, und näherte sich dem Königspalast. Dort quartierte Julius Cäsar. Der Feldherr war nach Ägypten geeilt, um den Streit im Pharaonenstaat zu beenden. Kaum war die mandeläugige Schöne aus dem Vorleger gewickelt, verfiel Cäsar ihrem Charme und hob sie erneut auf den Thron. Geschmückt mit Perlenketten, so berichtet der Schriftsteller Lucan, »die weißen Brüste von Stoff aus Sidon umschmeichelt«, das Haar von Rosenblüten umkränzt, becircte sie den Fremdling. Livrierte Diener servierten »Vögel und Getier« auf goldenen Platten. Kristallkrüge mit Nilwasser zum Händewaschen wurden gereicht, dazu Wein »in großen juwelenbesetzten Bechern«.

Doch Kleopatra hatte mehr zu bieten als Erotik und kulinarische Genüsse. Ihr Reich, das schon damals auf eine 3000-jährige Tradition zurückblickte, verfügte über ein ungeheures astronomisches Wissen. Nach dem Mahl kam Cäsar mit dem alexandrinischen Gelehrten Acoreus ins Gespräch, »der in seinem Leinengewand am obersten Platz lag« (Lucan). Dieser Mann brachte den Feldherrn erstmals mit der ägyptischen Zeitrechnung in Kontakt: einem Sonnenkalender, eingeteilt in 365 Tage.

Alle anderen Kulturen hatten sich bis dahin mit dem Mond als Taktgeber zufrieden gegeben. Ob Chinesen, Germanen oder Mayas - das gesamte Erdenrund blickte zum Nachtgestirn, um lange Zeiträume zu eichen. Mond, Messen, Meter, Menstruation - in all diesen Begriffen steckt das indogermanische Wort menot ("wandern, abschreiten"). Im Psalm 104 der Bibel heißt es über Gott: »Du bist es, der geschaffen den Mond, dass er messe die Zeiten.«

Doch das lunare System hat Schwächen. Die Mondphase (Dauer: 29,5 Tage) lässt sich kaum ins Sonnenjahr (365, 2422 Tage) zwängen. Die Babylonier im Zweistromland feierten nach 12 Mondmonaten (354 Tage) einen 11-tägigen Ausnahmezustand. Rom rechnete, vor seinem Aufstieg zur Weltmacht, mit einem abstrusen 304-Tage-Kalender.

Wie erhaben dagegen bewegte sich der Solarkalender der Ägypter durch die Jahreszeiten. Bereits 2750 v. Chr., noch vor dem Pyramidenbau, wurde das System neuesten Forschungen zufolge offiziell im Pharaonenreich eingeführt.

Am Ende seiner Geschichte, unter den Ptolomäer-Herrschern, hatte das Nilland ein Know-how entwickelt, dass den Experten nahezu unbegreiflich erscheint. Die Astronomen von Alexandria verfügten über Wasseruhren, deren Austropflöcher in Edelstein gefasst waren. Mit komplizierten Sonnenuhren, deren Schattenwerfer auf Halbkugeln saßen, peilten sie den Sonnenlauf am Horizont bis auf wenige Bogenminuten genau an.

Mit solchen Instrumenten gelang dem Astronomiegenie Hipparch um 130 v. Chr. eine rationale Wundertat. Exakt fixierte er die die Äquinoktien am 21. März (Frühlingsbeginn) und 23. September (Herbstbeginn), an denen Tag und Nacht exakt gleich lang sind. Dann vermaß er die Dauer des astronomischen Jahres auf sechs Minuten genau - in Europa gelang dieses Kunststück erst Nikolaus Kopernikus.

Cäsar zeigte sich beeindruckt. Flugs engagierte er die Genies aus Alexandria, um seinem wachsenden Weltreich einen neuen Kalender zu geben. Angeführt von dem Meisterdenker Sosigenes machte sich die Truppe ans Werk. In einem jähen Kraftakt hievte sie den alten römischen Mondkalender auf die neue Zeitschiene und verzahnte ihn mit der Sonne. 46. v. Chr. erlebte Rom das »Jahr der großen Verwirrung«. Es war 445 Tage lang. Fortan galt folgende Regelung: Jedes Jahr hat 365 Tage. Alle vier Jahre wird ein zusätzlicher Schalttag eingefügt.

Mehr als nur eine Methode, Tage zu zählen, bildete diese Reform ein Symbol für Cäsars unangefochtene Autorität, aber auch für das Selbstbewusstsein eines Imperiums, das sich von Britannien bis in den heutigen Iran erstreckte. Legionäre in Trier und Waffenschmiede in Palästina lebten nun im gleichen Takt. Die Armee konnte Jahresurlaube organisieren, die Wirtschaft ihre Warenströme terminieren. Erstmals besaß die Menschheit ein verlässliches Gitternetz aus Tagen und Monaten, das sich nahezu passgenau in den Lauf der Gestirne einfügte.

Nur beim Ausgangstermin zeigte sich Cäsar ratlos. Wann sollte die Jahreszählung beginnen? Recht schwammig datierten die Römer ihren Kalender »ab urbe condita« - von der Gründung Roms an. Wann genau der legendäre Romulus die Stadt auf den sieben Hügeln errichtet hatte, wusste allerdings niemand. Erst im 1. Jahrhundert kam ein Kompromiss zu Stande: Die Gelehrten einigten sich auf das Jahr, das heute als 753 vor Christus bezeichnet wird.

Ähnliches Tohuwabohu herrschte in anderen Staaten. Krampfhaft suchten die Kulturen nach bedeutungsschwangeren Ausgangsterminen für ihre Chronologien. Die Mayas verlegten den Ur-Zeitpunkt ins Jahr 3113 v. Chr. In Griechenland diente die erste Olympiade (776 v. Chr.) als Startmarke. Die Sumerer und Ägypter verzichteten ganz auf einen Anfangspunkt. Sie datierten ihre Urkunden einfach nach den Regierungsjahren des jeweiligen Herrschers.

Dann jedoch betrat jene Gestalt die Szene, die bis heute die christliche Zeitrechnung eicht. Dem Evangelisten Johannes zufolge - nur er erzählt die Weihnachtsgeschichte - vollzog sich die Fleischwerdung Gottes zwischen Kühen und Schafen im Stall von Bethlehem. Etwa 30 Jahre später verschied Jesus Christus im römisch besetzten Jerusalem am Kreuz.

Das Vermächtnis dieses Mannes - möglicherweise ein uneheliches Kind - zog bald Scharen von Gläubigen an. Vor allem in Syrien, Ägypten und Palästina, alles römische Provinzen, fiel die Lehre auf fruchtbaren Boden. Gnadenlos wurden die Sektierer verfolgt und gekreuzigt. Doch die messianische Religion ließ sich nicht stoppen.

Den Jüngern des Kreuzes galt das heidnische Rom als große Hure Babylon, ein Reich, das sich in Gladiatorenkämpfen und Vielgötterei suhlte. Mit Jesus aber, so ihre Vorstellung, war eine prinzipiell neue Ära angebrochen. »Die Vertreter des frühen Christentums suchten nach einem sinnvollen Ursprungsereignis«, sagt der Historiker Borst, »sie wollten einen absoluten Anfangspunkt finden.«

Einen ersten Versuch unternahm der in Jerusalem geborene Julius Africanus. Angestellt in der Pantheon-Bibliothek von Rom, verfasste er um 217 n. Chr. eine »Weltchronik«. Darin macht der Gelehrte eine verblüffende Rechnung auf: Der Bibel zufolge schuf Gott die Welt in sechs Tagen. An anderer Stelle heißt es, vor Gott seien 1000 Jahre wie ein Tag. Demnach, folgerte Julius, habe der Schöpfungsprozess 6000 Jahre gedauert. Die Geburt des Erlösers verlegte er in die Mitte des 6. Schöpfungstages, also 5500 nach Schöpfung.

Das war zwar nur papierene Logik, doch die Kollegen zeigten sich angetan. Bald schoben die Frühchristen detailliertere Rechnungen nach. Der heilige Hieronymus (347 bis 419), Schöpfer der lateinischen Bibelübersetzung ("Vulgata"), korrigiert den Schöpfungstermin auf 5198 Jahre vor Christus. Victorius von Aquitanien wusste es noch genauer: Sein Datum für den biblischen Big Bang: 25. März 5201.

Zugleich wollten die »Computisten« genannten Urknall-Mathematiker wissen, wann die Heilsgeschichte ende. Der Prophet Johannes hatte das »Jüngste Gericht« zwar vorausgesagt, einen Termin aber nannte er nicht. Doch auch hier ging den Rechnern die Arbeit nach gewohntem Schema schnell von der Hand. Wenn Gott sein Großwerk um 5200 v. Chr. begonnen hatte, musste der 6. Schöpfungstag im Jahr 800 n. Chr. enden.

Den Rest stoppelten sich die Leute frei nach Johannes zusammen. Mit Beginn des 7. Weltentags, an dem Gott eine Ruhepause einlegte, werde Satan von den Engeln an die Kette gelegt. Für die Menschheit breche ein »1000-jähriges Friedensreich« an. Dann, bei Anbruch des 8. Weltentags, also 1800 n. Chr., folge das Jüngste Gericht - und damit das Ende der Welt. Deshalb die liegende 8 als Zeichen für die Unendlichkeit.

All diese Überlegungen fanden in einer äußerst bedrohlichen Umgebung statt. Das Römische Imperium knirschte an allen Grenzen. Zornige Balkan-Völker stießen bis nach Italien vor, die ersten Germanenstämme tauchten vor den Toren Roms auf.

In dieser dunklen Zeit lebte auch der Schöpfer der christlichen Zeitrechnung. Erst im letzten Jahr hat der Historiker Borst den wahren Urheber wieder entdeckt. 354 n. Chr. schrieb Philocalus, ein päpstlicher Hofschreiber, einen Kalender, der die Geburt Christi erstmals mit der herrschenden römischen Zeitrechnung verkettet. Ihm zufolge kam die Jungfrau Maria im 30. Regierungsjahr des Augustus nieder, 753 Jahre nach der Gründung Roms.

Zu einer Zeitreform, wie der kraftstrotzende Cäsar sie durchgezogen hatte, war das wackelnde Großreich jedoch nicht mehr fähig. Im Jahr 321 führte Kaiser Konstantin zwar den arbeitsfreien Sonntag ein und erklärte Weihnachten zum staatlichen Feiertag. Doch dann setzte sich der Herrscher Richtung Byzanz ab. Die Stadt am Tiber war ihm zu unruhig geworden.

Bedrängt von raubeinigen Germanen, krachte das Westreich bald vollständig zusammen. 493 kam der Ostgote Theoderich anmarschiert, bekannt als Dietrich von Bern aus dem Nibelungenlied. Der Mann war Analphabet. Kurz danach entwickelte der Skythe Dionysius Exiguus in Rom zwar erneut eine Termintafel, die nach Christus zählte. Nur: Welches Staatswesen hätte sie in Kraft setzen sollen? Rom war zur Ruine verkommen, ausgebrannt, geplündert.

Unter den Hammerschlägen der Banausen aus dem Norden ging nahezu das gesamte astronomische Wissen der Antike verloren, Arithmetik-Bücher und naturkundliche Werke wurden ein Raub der Flammen. Europa verfiel in einen geistigen Tiefschlaf, aus dem es fast 1000 Jahre lang nicht erwachte.

Die frühen Kirchenväter störte das kaum. Von Sternenkunde und direkter Himmelsbeobachtung hielten sie nichts. Mit plumpen Sonnenuhren maßen die Kuttenträger die Zeit, manche Klöster orientierten ihr Tagwerk grob an Gebäudeschatten. Die Bauern Europas machten es ihnen nach. Im Sommer rackerten sie von morgens bis abends. Im Winter lagen sie 14 Stunden im Bett.

Einige Mönche betrieben zwar klammheimlich Astronomie. Doch sie mussten auf der Hut sein. Wer die Zeit in Stücke zerhackt, so lautete das Motto der frühen Bischöfe und Patriarchen, der verletze die Ewigkeit. Bereits im Jahr 404 hatte der heilige Augustinus (Wohnsitz: bei Karthago) seinen Glaubensbrüdern zugedonnert, Zeitrechnerei sei ein niederes Gewerbe. Gott, wetterte er in einem Brief, »wollte Christen schaffen, keine Mathematiker«.

Die Folgen dieser Gesinnung ließen nicht lange auf sich warten. »Um 500 brach die Vernetzung der historischen Ereignisse zusammen«, erklärt Borst. Herrscher wie die Merowinger datierten ihre Urkunden nach den eigenen Regierungsjahren, die Chronisten in den Klöstern griffen auf unterschiedliche lokale Ereignisse zurück. Niemand zählte mehr, wie viele Jahre seit der Herrschaft des Augustus oder des Kaisers Diokletian vergangen waren.

Die Konfusion war so groß, dass die Christenheit zwischen Britannien und Byzanz nicht einmal den Oster-Termin ermitteln konnte. Am ersten Sonntag nach Frühlingsvollmond sollte die Auferstehung des Herrn gefeiert werden, so hatte es die Konferenz von Nicäa (in der heutigen Türkei) im Jahr 325 beschlossen. Doch wann begann der Lenz? Die Ostkirche kramte in antiken Sternenkatalogen und tippte auf den 21. März, der Westen versteifte sich auf den 25. März.

Mit diesem Wirrwarr fiel Europa in einen archaischen Urzustand zurück, der für den Bürger der Gegenwart kaum nachvollziehbar ist. Umstellt von Weckdiensten und leuchtenden Digitaluhren, bewegt er sich sicher auf der Zeitachse. Doch stehen die Zeiger still, verliert der Mensch schnell die Orientierung. Er hat Augen und Ohren - ein verlässliches Sinnesorgan zur Wahrnehmung der Zeit aber fehlt ihm.

Eindrucksvoll zeigen Experimente, wie schwammig das subjektive Zeitempfinden ist. US-Studenten wurden mit einem nachgestellten Verbrechen konfrontiert, das sich über 34 Sekunden erstreckte. Den Probanden erschien die Aktion viel länger. Sie tippten im Schnitt auf eine Dauer von 81 Sekunden. Ähnliche Dehn-Effekte stellen sich bei höchster Anspannung ein. Jimmy Connors etwa fühlte sich beim Tennisspiel zuweilen in eine Art Slow-Motion-Welt versetzt: »Der Ball wirkte riesig, als schwebe er in Zeitlupe übers Netz.«

Sinkt die Reizung der Sinne unters »optimale Erregungsniveau (vulgo: Langeweile), scheint die Uhr dagegen zu schleichen. Das pathologische Extrem dieser Empfindung ist die Depression. Schwermütige fühlen sich in der Zeit wie eingefroren. Die Sekunden ziehen sich ereignislos ins Unendliche.

Wenn die Sonne als großes Metronom am Himmel verschwindet, ist es mit der Orientierung gänzlich vorbei. Vor einigen Jahren begab sich der Geologe Michel Siffre ohne Uhr in eine 115 Meter tiefe Gletscherhöhle. Anfangs orientierte sich der Franzose am Hungergefühl und an seinem Schlafrhythmus. Doch bald hatte er jedes Zeitgefühl verloren: Nach zwei Monaten brachen die oberirdischen Kontrolleure das Experiment ab. Nach Siffres Zählung waren da erst 34 Tage vergangen.

Die Verwirrung, die der Höhlenforscher durchlebte, kann als Symbol für den Zeitbrei stehen, in dem die Menschen des Mittelalters lebten. Ganze Heere von Mediävisten sind damit beschäftigt, jene dunkle Zeitspanne zwischen 400 und 1000 zu ordnen, in der »die Zeit still stand« (der US-Kalenderexperte David Duncan). Chroniken zufolge wurde Europa damals von Hunnenstürmen und Wikingereinfällen geplagt. Gleichzeitig formierten sich Araber unter der Fahne Mohammeds und stürmten bis nach Spanien. Zu ermitteln, wann sich diese Vorfälle ereigneten, bereitet oft großes Kopfzerbrechen.

Erschwert wird die Arbeit durch Berge von getürkten Dokumenten aus dem 11. und 12. Jahrhundert. Phantasiebegabte Kleriker erstellten rückdatierte Urkunden, sie fälschten kaiserliche Unterschriften und statteten die Falsifikate mit Phantasiedaten aus. Originaldokumente aus der Zeit sind nur spärlich erhalten.

Um den Überblick zu behalten, klammert sich die Zunft an den angelsächsischen Mönch Beda (672 bis 735), der jäh aus dem Zeitsumpf auftaucht. Er datiert seine »Kirchengeschichte des englischen Volks« ins Jahr 731 und verzahnt diesen Termin mit weiteren Daten aus Britanniens früher Geschichte. Von diesem Orientierungspflock hangeln sich die Forscher dann weiter zu Karl dem Großen (gestorben 814), dessen Kanzlisten die christliche Chronologie zumindest bei der Datierung kaiserlicher Urkunden übernahmen.

In dieser Dunkelzone haben sich die »Phantomzeit«-Anhänger um den Münchner Kulturhistoriker Heribert Illig eingenistet. Mit gezielten Hieben suchen sie das gesamte Chronologie-Gebäude der Geschichtswissenschaft zum Einsturz zu bringen. Illigs Kernthese: 297 Jahre der Zeitrechnung (die Spanne von 614 bis 911 n. Chr.) haben nie existiert.

Vor allem hat er es auf den »Urvater des christlichen Abendlandes« abgesehen. Am 25. Dezember 800, so steht es in Geschichtsbüchern, ließ sich Karl der Große in Rom zum Kaiser krönen. Exakt mit diesem Datum, so hatten es die frühen Endzeit-Computisten vorhergesagt, werde das »1000-jährige Friedensreich« beginnen. Zufall? Illig hat eine radikalere Erklärung parat: »Der Mann hat nie gelebt.«

Mit derlei abenteuerlichen Theorien steht Illig allein. Lehrreich sind sie nur deshalb, weil sie zeigen, wie spärlich die Dokumente aus der dunklen Epoche sind. Vor allem auf archäologischem Gebiet mangelt es an Relikten. In Aachen, Karls Residenz, konnte nicht ein einziger karolingischer Mauerrest freigelegt werden. Adelshöfe, Kirchen, Handwerkerhäuser sollen in der prunkvollen Hauptstadt gestanden haben. Doch wo sind die Spuren? »Alle bisherigen Aussagen zu Straßensystem, Siedlungsstruktur und Grenzen dieser Siedlung beruhen allein auf Schriftquellen und theoretischen Überlegungen«, gibt der Architekturhistoriker Matthias Untermann zu.

Seit Jahren wogt der Streit mit dem Querdenker Illig. Während der »Fantomas« aus München munter spekuliert, plagt sich die Mehrheit der Forscher mit der althergebrachten Messlatte. Unbestritten ist, dass der Kalender über 1600 Jahre humpelte. Zwischen Cäsar und Kopernikus war die Chronologie von einem schleichenden Virus befallen.

Das kam so: Cäsars Kalenderreform, so genial sie anmutet, hatte einen Haken. Das System schob in den 365- Tage-Zyklus jedes 4. Jahr einen Schalttag ein (das Jahr dauerte folglich im Durchschnitt 365,25 Tage). Das Sonnenjahr dauert aber nur 365,2422 Tage. Die Differenz - 11 Minuten und 14 Sekunden - klingt nach Peanuts. In Wahrheit hatte der römische Regent nach seinem Techtelmechtel mit Kleopatra eine Zeitbombe scharf gemacht, die erst an der Schwelle zur Neuzeit explodierte.

Jedes Jahr rückte der astronomische Frühlingsanfang im Kalender um 11 Minuten in Richtung Winter. Nach 128 Jahren war er schon um einen vollen Tag zurückgefallen. »Eine winzige Ungenauigkeit«, so Borst, »summierte sich langsam zu einem Riesenproblem.«

Die Mönche im frühen Mittelalter, sternenunkundig wie sie waren, merkten die Verschiebung anfangs überhaupt nicht. Sie türmten scholastische Theorien auf, hohle Gottesbeweise und Glaubensformeln. Die Natur im Experiment zu beobachten, auf diese Idee kam kaum einer. Das in Bagdad entwickelte »Astrolab«, ein Winkelrad, mit dem die Äquinoktie gemessen werden kann, galt in Europa lange als Teufelswerk.

Dann, 1267, trat Roger Bacon an. Dieser Franziskanermönch hatte sich ein Astrolab besorgt. Aufgeregt schickte er eine Abhandlung an den Lateranpalast. Sein Fazit: Ohne Kalenderkorrektur werde das Osterfest bald im tiefsten Winter stattfinden.

Doch der Vatikan stellte sich taub. Bacon, der später als »doctor mirabilis« (bewundernswerter Lehrer) in die Geschichte einging, wurde unter Arrest gestellt: »Meine Prinzipalen und meine Brüder bestraften mich mit Nahrungsentzug und hielten mich unter strenger Bewachung.«

Vom Katheder aus ließ sich das Problem indes nicht wegeskamotieren. Während in Europa die ersten mechanisch ausgelösten Glockenschläge ein neues Zeitalter einläuteten, knirschte es im Makrokosmos. Der Himmel lief aus dem Ruder. Der Christenkalender war astronomisch falsch geeicht. Er hatte zu viel Schalttage.

Erst im 16. Jahrhundert zog Papst Gregor XIII. die Notbremse. Eine Fachtruppe, angeführt von dem bayerischen Jesuiten Christoph Clavius, sollte den Missstand beheben. Am 4. Oktober 1582 schlug die Kurie zu. Die folgenden zehn Tage (vom 5. Oktober bis 14. Oktober) wurden übersprungen. Mit einem Riesensatz war der davoneilende Kalender wieder eingeholt. Für die Zukunft ordnete der Vatikan an: Die Jahre 1700, 1800 und 1900 fallen als Schaltjahre aus.

Ein Gemälde, das heute in Siena hängt, hat den großen Augenblick festgehalten. Gregor, damals 80 Jahre alt, sitzt in vollem Ornat auf dem Thron. Um ihn scharen sich die Mitglieder der Kalenderkommission, einige mit fließenden Roben und breitkrempigen Hüten. Auf dem Tisch liegen Bücher und astronomische Geräte. Der Wortführer bewegt mit der linken Hand einen Himmelsglobus. Seine Rechte zeigt auf das Bild mit dem Tierkreis.

So sinnvoll die Zeitraff-Aktion war, sie stieß auf breiten Protest. »Ich beiße die Zähne zusammen, aber mein Verstand ist immer zehn Tage zu früh«, maulte der Philosoph Montaigne. Praktischere Beschwerden kamen von Seeleuten, Webern und Schmieden, die in dem Rumpfmonat weniger Lohn erhielten. Das protestantische Europa lehnte den Datumswechsel rundweg ab. »Wir kennen diesen Lycurgus«, wetterte ein Tübinger Theologe gegen den Papst. Das ganze Unternehmen sei ein »abscheulicher und widerwärtiger Irrtum«, ausgedacht vom »römischen Antichrist«.

Auch Reformchef Clavius erntete Hohn. Der Mann, dem zu Ehren heute ein Mondkrater benannt ist, wurde als »deutscher Fettwanst« beschimpft. Seine Landsleute mussten die Suppe auslöffeln: Wer am 1. Januar im katholischen Regensburg ins benachbarte (lutherische) Nürnberg fuhr, kam dort am 21. Dezember an.

Nahezu 200 Jahre dauerte es, ehe das zeitgespaltene Deutschland vollständig zu Gregor wechselte. Japan folgte 1873, Rumänien und Jugoslawien erst nach dem Ersten Weltkrieg. Die Kirchen von Jerusalem, Russland und Serbien sowie die Klöster auf dem Berg Athos in Griechenland verweigern sich der Gregor-Reform bis heute.

Dennoch hat der Heilige Stuhl letztlich gesiegt. Selbst Israel (das sich im Jahr 5760 nach Schöpfung befindet) und der arabische Raum (1420 nach Mohammeds Auszug nach Medina) datieren ihre Handelsströme nach der Geburt Jesu.

Wie viele Abgründe und Absurditäten dieser Kalender in sich birgt, wie »lang und steinig« (Duncan) sein Siegeszug war, ist dabei den wenigsten bekannt. Für die trunkene Silvesterschar, die in der kommenden Freitagnacht den Erdball erschüttern wird, ist Nullenfieber angesagt, Knallbumm und gute Laune.

Hamburger Metzger offerieren Millenniumswürste, die britische Post Millenniums-Briefmarken. Der Luxusliner »Europa« schaukelt seine Passagiere für 36 000 Mark durch die Zeitzonen der Südsee. Die Rock-Gruppe Pink Floyd wird die Pyramiden mit »Dark side of the moon« beschallen. Den Dalai Lama treibt es auf eine Dancefloor- Veranstaltung nach Kapstadt. Einschätzung eines ARD-Kommentators: Die Welt dreht durch.«

Vor allem an der Datumsgrenze am 180sten Längengrad herrscht ein schlimmes Gerangel. Winzige Pazifikstaaten streiten darüber, wer als Erster die Ziellinie 2000 überquert: Erst gab sich Tonga eine eigene Ortszeit, 13 Stunden vor Greenwich, um das Millennium vor dem Rest der Welt zu begrüßen. Die Fidschi-Inseln konterten mit der Einführung der Sommerzeit und planen nun ein »Festival des Ersten Lichts«. Dann beulte der Inselstaat Kiribati die Linie zwischen Heute und Gestern nach Osten aus und taufte das nächstliegende Atoll »Millennium«.

Dort, im fernen Pazifik, finden sich auch die wahren Propheten der Zukunft ein. Der Computer-Tycoon Bill Gates hat auf den Fidschis 1000 Betten gebucht. Pop-Homunkulus Michael Jackson zelebriert den Jahrtausend-Ausstieg in Honolulu.

Bei solch einer Parade an Höchstleistungen mag die Pornoindustrie nicht hintanstehen. Sie hat für den jüngsten Tag einen Orgasmus-Rekord mit der US-Darstellerin Sabrina Johnson angekündigt. 2000 Männer will die Frau in 24 Stunden befriedigen; die alte Bestmarke steht bei 742.

Wer angesichts solcher Aussichten verzagt, dem bietet die Nordelbische Kirche einen"Segenskoffer« an. Der Survival Set enthält Kerze und Holzkreuz, einen Bronzeengel sowie Sonnenblumenkerne als »Zeichen der Hoffnung«.

Also: Bange machen gilt nicht. Mit Feuerwerk und lautem Jubel begrüßt das Abendland das neue Jahrtausend - wie jemand, der im dunklen Keller pfeift.

Matthias Schulz

[Grafiktext]

Von Stonehenge zur Nanosekunde Chronik der Zeitmessung 28 000 v. Chr. Knochentafel mit Einkerbungen aus dem Dordogne-Tal (Frankreich), gedeutet als ältester »Lunarkalender«. 11 000 v. Chr. Adlerknochen von Le Placard mit Mondmarkierungen. 4800 v. Chr. Frühe Ackerbauern errich- ten in Mitteleuropa monumentale Kreis- tempel, die auf die Sonnenwenden aus- gerichtet sind. For- scher deuten die An- lagen als »Kalender- bauten«. um 3000 v. Chr. Die Sumerer nut- zen die Fließgeschwindigkeit des Wassers als Maßeinheit der Zeit. 2750 v. Chr. Das Pharaonen- reich führt das Sonnenjahr ein (365 Tage). 1450 v. Chr. Älteste erhalte- ne Sonnenuhr unter Pharao Thutmosis III. um 1400 v. Chr. Fertigstel- lung der »Prähistorischen Sternwarte« von Stonehenge. Theorien zufolge wurde die Anlage zur Vorhersage von Mondfinsternissen genutzt. um 700 v. Chr. Pries- ter in Babylonien teilen die Woche in 7 Tage à 24 Stunden ein. um 500 v. Chr. Grie- chische Gerichte be- messen die Redezeit mit Wasseruhren ("Klepsydra"). 380 v. Chr. Platon lässt im Garten der Athener Akademie einen wasserbe- triebenen Zeitmes- ser aufstellen, der durch Luftkom- pression Flötentö- ne erzeugt. 307 vor bis 150 nach Christus goldenes Zeital- ter der Astronomie in Alexandria. Mediziner messen den Puls von Fie- berkranken mit Präzisions- Wasseruhren. Der Astro- nom Hipparch bestimmt die Länge des Sonnenjahrs auf 6 Minuten genau. Bildunterschriften: Höhlenmaler von Lascaux (Zeichnung) Kalender von Le Placard Zeiger einer ägyptischen Sonnenuhr mit Titulatur und Namen von Pharao Thutmosis III. Stonehenge in Südengland Credits: J. OSTER / MUSÉE DE L''''HOMME SPL / AGENTUR FOCUS BPK CORBIS / PICTURE PRESS 46 v. Chr. Große Zeitreform unter Julius Cäsar. In allen römischen Provinzen gilt fortan das ägypti- sche 365-Tage-Jahr mit einem Schalttag alle 4 Jahre. 10 v. Chr. Kaiser Augustus weiht in Rom die größte Sonnenuhr der An- tike ein. Als Schattenwerfer dient ein über 20 Meter hoher Obelisk. um 4 v. Chr. Mutmaßliches Geburtsdatum Jesu Christi. 2. Jahrhundert n. Chr. Hoch entwickelte Kalen- dersysteme der Mayas. 321 n. Chr. Kaiser Kon- stantin erklärt den Sonn- tag zum Ruhetag. 354 n. Chr. Am Hof des Papstes wird der erste Kalender entwickelt, der sich auf die Geburt Jesu bezieht. 800 n. Chr. Karl der Große gibt den zwölf Monaten althochdeutsche Namen. Die Neuerung scheitert. nach 1000 n. Chr. Die christliche Zeit- rechnung setzt sich in Europa auf brei- ter Front durch. 1092 Der Chinese Su Song baut einen 10 Meter hohen Uhrturm. Ein Wasserrad dreht einen 15 Tonnen schweren Himmels- globus. Doppel- und Viertelstunden wer- den durch Töne und Bewegung von Pup- pen angezeigt. um 1280 Erfindung der mechanischen Uhr, wahr- scheinlich durch Mönche in Oberitalien. 1284 Die Kathedrale von Exeter (England) erhält als erste Kirche Europas eine Turmuhr mit Räderwerk. 1335 Erste öf- fentliche Uhr mit Stundenschlag. 15. Jahrhundert Sanduhren in den Universitäten bemessen die Vorlesungszeit. Glockenschläge regeln die Arbeitszeiten der Handwerker. Bildunterschriften: Büste Julius Cäsars Kalender der Maya-Kultur, der das Datum 11. Februar 526 darstellt Modell der Su-Song-Uhr Mittelalterliche Darstellung einer Uhrmacherwerkstatt Credits: AKG AKG SCIENCE & SOCIETY PIC LIB. BIBLIOTECA ESTENSE 1509 Peter Henlein fertigt in Nürnberg tragbare Uhren. 1543 Nikolaus Kopernikus berechnet die Länge des Sonnenjahrs. Das Ergebnis weicht nur um 43 Sekunden von der realen Dauer ab. 1582 Kalenderreform unter Papst Gregor XIII. Im Kalender werden zehn Tage (5. bis 14. Oktober) übersprungen. Im protestantischen Teil Deutsch- lands stößt die Reform auf er- bitterten Widerstand. Um 1770 Gerichte in den Niederlanden versehen ihre Folterprotokolle mit Minutenangaben. 1777 Jean Moise Pouzait baut Uhren mit Sekundenanzeiger. 1793 Frankreich führt einen Revo- lutionskalender auf Dezimalbasis ein, in dem alle christlichen Feierta- ge abgeschafft sind. Die Woche hat 10 Tage, die Stunde 100 Minuten. Nach 13 Jahren wird das Experi- ment unter Napoleon beendet. Bildunterschriften: »Nürnberger Ei« Nikolaus Kopernikus Credits: WUPPERTALER UHRENMUSEUM AKG um 1800 Britische Pferde- rennen werden mit Stopp- uhren gemessen. 19. Jahrhundert Stempel- uhren in den Fabriken wa- chen über den Arbeitstakt. 1884 Einteilung der Welt in verbindliche Zeitzonen. 1916 Deutschland führt erst- mals die Sommerzeit ein. 1923 Griechenland passt sich als letztes europäisches Land dem Gregorianischen Kalender an. Bei der Umstel- lung müssen 13 Tage über- sprungen werden. 1928 Erste präzise Quarzuhr. 1929 bis 1931 Großes Zeit- experiment in der Sowjetuni- on unter Stalin. Die 7-Tage- Woche wird abgeschafft. Alle Werktätigen gliedern sich in Gruppen, die - fortlaufend ge- staffelt - jeweils am fünften Tag freihaben. Das System führt zu einem Organisations- chaos in den Betrieben. Bildunterschriften: Stempeluhr in tschechoslowa- kischer Schuh- fabrik 1932 Josef Stalin Credits: ULLSTEIN BILDERDIENST DHM 1947 Der US- Chemiker Willard Frank Libby ent- wickelt die Radio- karbonmethode (C-14) zur Mes- sung sehr großer zurückliegender Zeiträume. 1954 UNO-Vorstoß für eine Kalenderreform: Ziel sind gleich lange Quartale und ein Fe- bruar mit 30 Tagen. Eine Mehrheit der Voll- versammlung lehnt den Vorschlag ab. 1967 Beginn der Atomzeit: Die Sekunde wird über das Licht an- geregter Cäsium-Atome definiert (1 Sekunde entspricht 9192 631770 Schwingungen). 1999 Mit Hilfe des Hubble- Teleskops wird das Alter des Universums auf etwa 13 Mil- liarden Jahre datiert. Bildunterschriften: Hubble-Teleskop Tod eines Sterns (Hubble-Aufnahme) Credits: NASA GAMMA / STUDIO X

[GrafiktextEnde]

* Szene aus »Deep Impact« (1998).* Oben: Szene aus »Die Zeitmaschine« nach H. G. Wells; unten:Gemälde von Sandro Botticelli (1444 bis 1510).

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