Zur Ausgabe
Artikel 42 / 99
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Pakistan Die Zelt läuft aus

Durch hektische politische Betriebsamkeit hilft Präsident Bhutto seinem Volk über den Schmerz der militärischen Niederlage hinweg. Populärste Maßnahme: Die Reichen werden enteignet.
aus DER SPIEGEL 3/1972

Im Hospital zu Rawalpindi tauchte Pakistans Staatspräsident mitten in der Nacht auf, wieselte über Flure und durch Krankensäle und kontrollierte, ob Ärzte und Pfleger gut für sein Volk sorgten. Säumige wurden an Ort und Stelle gefeuert.

Zur Zeremonie der Vereidigung beorderte Bhutto seine zehn Minister morgens um drei Uhr ins Präsidentenpalais.

In Städten und Dörfern, auf Tagungen von Vereinen und Parteien tritt der neue Präsident in einer Woche öfter auf als frühere Präsidenten in einem Jahr.

Sulfikar Ah Bhutto, 44, nach langen Jahren politischer Intrigen endlich an die Macht gekommen, hält sein Volk durch eine politische Nonstop-Show in Atem. Die Pakistanis, die nach Anlage und Gewohnheit eigentlich in selbstmitleidigem Zorn vergrämen müßten, weil sie vom Nachbarn Indien besiegt und amputiert wurden, kommen bei dem Brillantfeuerwerk des Alleinunterhalters Bhutto gar nicht zum Nachdenken über ihre Lage.

In den drei Wochen seiner Regierung berieselte der Präsident sein Land mit einer Unzahl populärer Beschlüsse:

* Regierungsbeamte dürfen künftig nur noch 20 Minuten täglich Teepause machen und müssen jeden Tag eine halbe Stunde lang Beschwerden ihrer Kunden anhören.

* Regierungsvertreter müssen ins Ausland Touristen-Klasse fliegen.

* Todesstrafe, Prügelstrafe und Zensur wurden abgeschafft, etwa 200 politisch straffällige Studenten, Gewerkschaftler und Bauern amnestiert.

Vetternwirtschaft ist neuerdings amtlich verboten -- was in einem Land wie Pakistan freilich wenig besagt. Und tatsächlich ernannte Bhutto denn auch seinen Vetter Mumtas Ah Bhutto sofort zum Gouverneur seiner Heimatprovinz Sindh. Begründung: »Er war schließlich in Oxford.«

Die Reichsten der Reichen, eine winzige Minderheit unter den verarmten 55 Millionen Westpakistanis, wurden am härtesten angefaßt. Bhutto, selbst Eigentümer von 5600 Morgen Land, entzog 500 Mitgliedern der 22 reichsten Familien die Pässe.

Denn diese Nabobs, die 90 Prozent der pakistanischen Industrie, 80 Prozent der Banken und 70 Prozent der Versicherungsgesellschaften besitzen, hatten seit Jahren ihre gesamten Gewinne nicht in der bedürftigen Heimat, sondern vorwiegend in Schweizer Banken angelegt. Schätzungen über die Höhe dieses Kapitalabflusses schwanken zwischen 1,7 und 17 Milliarden Mark seit 1970.

Bhutto möchte diese Summen wieder ins Land ziehen. Regelmäßig droht im Rundfunk ein Sprecher: »Die Zeit läuft aus, bringt das Geld zurück!« Melodramatisch tickt während dieser Sendung langsam und warnend eine Uhr. Bislang freilich ließ nur der frühere Staatspräsident Ajub Khan, der 1969 von Bhutto angezettelten Studentenunruhen zum Opfer gefallen war, einige zehntausend Dollar aus der Schweiz überweisen.

Die widerstandsfähigeren Kapitalflüchtlinge warnte Bhutto: »Gefängnis ist noch nicht das letzte Mittel, irren Sie sich da nicht!« Pakistans Gebildete erinnern deshalb bereits an einen von Bhuttos historischen Vorgängern, der Reiche so lange mit einem rauhen Stein rasieren ließ, bis sie das Versteck ihrer Schätze preisgaben.

Da Bhutto das Geld der 22 reichen Familien vorerst nicht zu fassen bekommt, nimmt er ihnen ihre Fabriken au: Die Grundindustriezweige -- Eisen, Stahl, Nichteisenmetalle, Schwermaschinenbau, Elektroindustrie, Auto- und Traktorenbau, Chemikalien, Erdöl und Gas -- wurden verstaatlicht. Regierungsmanager übernahmen bereits die Leitung in 20 Unternehmen mit einem Gesamtwert von 650 Millionen Mark. allerdings noch nicht deren Finanzkontrolle.

Mit dem Geldadel fällte Bhutto die letzte der drei Säulen, die bislang den pakistanischen Staat getragen hatten. Armee und Bürokratie waren schon vorher für ihr Versagen gesäubert worden. Der neue Präsident sagt, er wolle nur noch mit dem Volk regieren, und um diesen Eindruck auch im Ausland zu erwecken, scheut der gewiefte Taktiker keinen Trick.

Montag vergangener Woche fragte er nach langer vorbereitender Rede in Karatschi über 100 000 Zuhörer im Stadtpark vorsichtig: »Ich möchte (den in Westpakistan gefangenen ostbengalischen Führer) Scheich Mudschib-ur Rahman nicht als Handelsobjekt mißbrauchen. Seid ihr damit einverstanden?« Zögernd antwortete die Menge mit einem dünnen »Ja«. Im pakistanischen Rundfunk wurde dieser Dialog geschönt dargestellt: Bhutto zur Menge: »Wollt ihr die Freilassung von Scheich Mudschib, ja oder nein?« Die Menge. donnernd: »Ja.« Darauf Bhutto: »Ihr habt mir eine schwere Last von den Schultern genommen.«

Bis Freitag war Mudschib, im März vergangenen Jahres von Bhutto-Vorgänger Jahja Khan festgenommen, immer noch nicht frei. Doch Bhutto erklärte jedem, am Wochenende werde er im Auftrag seines Volks den Scheich bedingungslos entlassen.

Fasziniert folgen die Pakistanis den Darbietungen ihres Staats-Schauspielers, der neuerdings nur noch im folkloristischen Schalwar-Kamies (Pluderhose und Kittelhemd) auftritt und vorwiegend die Landessprache Urdu spricht, obwohl er Englisch besser beherrscht. Der nach der Niederlage erwartete Zerfall Westpakistans blieb vorerst aus.

Nur ein Fehler unterlief dem Aktivisten Bhutto bisher: In die Provinz Belutschistan an der persischen Grenze schickte er einen stammesfremden Gouverneur, der den Autonomie begehrenden Belutschen nicht paßte. Bei Unruhen in der Hauptstadt Quetta starb ein demonstrierender Student, drei wurden schwer verletzt.

Zur Ausgabe
Artikel 42 / 99
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.