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USA Die Zumutung der harten Liebe

Mit rabiaten Mitteln wurde in den Vereinigten Staaten die Zahl der Sozialhilfeempfänger gesenkt - und ein Heer von »working poor« geschaffen: Menschen, die trotz Ganztagsjob nicht genug zum Leben verdienen. Der Wirtschaftsboom hat die Armen nicht erreicht.
aus DER SPIEGEL 39/1999

Manchmal ist es ein Segen, dass viele der Bedürftigen, die im Sozialamt Sedalia (Missouri) Hilfe suchen, kaum lesen können. Sonst würde sie der Mut schon im Warteraum verlassen. An der Wand des Flachbaus wird das amerikanische Ideal vom eigenständigen Individuum gepriesen: »Wir sind ein Produkt unserer Entscheidungen, nicht unserer Umstände«, steht da, und: »Ändere deine Gedanken, und du änderst die Welt.«

Mit freundlicher Aufmunterung haben diese Sinnsprüche kaum noch zu tun. Die Sozialhilfeempfänger im 20 000-Seelen-Städtchen Sedalia haben, wie alle ihre Schicksalsgenossen im Land, längst keine Wahl mehr. Seit Bill Clinton vor drei Jahren das »Ende des Sozialstaats, so wie wir ihn kennen«, ausgerufen hat, gilt: Jeder Fürsorgeempfänger, der arbeiten kann, muss auch arbeiten. Bezahlung, Wochenstunden, Arbeitsbedingungen sind dabei zweitrangig.

»Work first« heißt die Formel, um Sozialhilfeempfänger wieder in den Arbeitsprozess zu integrieren, »erst mal arbeiten«. Damit die Lust am neuen Job auch anhält, begrenzte Washington zugleich die Zuwendungen. Jeder Amerikaner hat höchstens fünf Jahre seines Lebens einen Anspruch auf Sozialhilfe. »Gesetz zur persönlichen Verantwortung« nannte Bill Clinton seine Reform. »Tough love«, harte Liebe, nennt sie der Volksmund.

Sozialhilfeempfänger gelten im Land der Do-it-yourself-Millionäre leicht als Parasiten, Faulpelze, Verlierer. Die Nation ist sich

* Bei einer Kundgebung am 5. Juli in Hazard (Kentucky).

einig: Um die ungeliebten Staatsgäste zurück an die Werkbank zu treiben, darf man nicht zimperlich sein. Wer etwa in Sedalia aufs Amt geht, um Stütze abzuholen, kann sich alsbald inmitten von blutigen Gedärmen wiederfinden.

»Direct Job Placement«, erklärt Joyce Dameron vom Sozialamt das System. Es funktioniert so: Die Hühnerfleischfabrik von Tyson Foods, dem größten Arbeitgeber am Ort, meldet ihre freien Stellen direkt ans Sozialamt, das postwendend seine Klienten schickt. Die können das Angebot, für 5,50 Dollar die Stunde am Fließband Innereien aus Hühnerbäuchen zu reißen, kaum ablehnen: Wer sich weigert, verliert die Beihilfe.

Auf diese Art entstand eine für Staat und Unternehmen praktische Symbiose. Der Lebensmittelmulti (Umsatz 1998: 7,4 Milliarden Dollar) kriegt Billigarbeiter frei Haus, das Sozialamt senkt die Fallzahlen.

Nötigung? Eine Art Zwangsarbeit? Dameron schüttelt den Kopf: »Wer Arbeit braucht, muss alles nehmen«, findet sie. »Wer solche Jobs nicht will, kann auch von uns nichts haben.«

Sedalias »Direct Job Placement« wurde Vorbild für den Staat Missouri, andere schlossen sich an. Drei Jahre nach Einführung der Clintonschen »Friss oder stirb«-Methode melden nun alle 50 Staaten Vollzug. Die Zahl der Fürsorgeempfänger ist um spektakuläre 40 Prozent gesunken. Zwei Drittel davon fanden Arbeit, 20 Prozent verschwanden spurlos aus der Statistik. Nur noch 7,3 Millionen Amerikaner leben heute auf Staatspump - ein Tiefststand wie zuletzt vor 32 Jahren.

Die große Nachfrage nach Arbeitern brachte sogar Ex-Drogensüchtige und Ex-Häftlinge wieder in Jobs. Die Arbeitslosenrate schrumpfte auf 4,2 Prozent. Grund zum Feiern, fand der Präsident. Er lud 2000 Unternehmer, die mittels staatlicher Förderung Sozialhilfeempfänger eingestellt haben, zum Navy Pier nach Chicago. Gerührt lauschten die Bosse von Burger King, Rank Xerox oder United Parcel Service der neuesten Version des amerikanischen Traums: Dankbare »Job-Rückkehrer« erzählten ihre Erfolgsgeschichten. Tatsächlich sind die meisten von ihnen froh, den Stempel des Schmarotzers los zu sein. Und sie hoffen, sich irgendwann die Leiter hochzuarbeiten.

Doch das Selbstlob am Lake Michigan passt nicht so recht zur harten Realität hinter Clintons Zahlen-Feuerwerk: Obwohl mehr Menschen arbeiten, ist die Armut kaum gesunken. Vielmehr, so fand das unabhängige Washingtoner Urban Institute heraus, hat die staatliche Arbeitsverordnung ein Heer von »working poor« geschaffen - Arbeitnehmern, deren Lohn nicht von der Armut befreit, Menschen, die trotz 40-Stunden-Woche mittellos sind.

So erleben die USA derzeit zwei Seiten der Globalisierung: hier eine entfesselte Börse mit Gewinnen jenseits der Vernunftgrenze, dort Arbeitsplätze, von denen viele Bürger nicht leben können.

Trotz der höchsten Beschäftigungsquote seit 29 Jahren sank die Armut nur geringfügig, berichtet das liberale Center for Budget und Policy Priorities. Das statistische Bundesamt der USA registriert für 1997 eine offizielle Armutsrate von 13,3 Prozent - 1989, nach der langen Rezession, betrug sie nur 12,8 Prozent. Heute lebt das ärmste Fünftel der Haushalte von durchschnittlich 8800 Dollar im Jahr. 1977 blieben ihm noch 10 000 Dollar. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich weiter und schneller als je zuvor. Im wirtschaftsstärksten Land der Erde gehen vier Millionen Kinder unter zwölf Jahren hungrig zu Bett, weitere 9,6 Millionen sind vom Hunger bedroht, meldet das Food Research and Action Center. Der eindrucksvolle Aufschwung nimmt die 35,6 Millionen Armen nicht mit nach oben.

So wird das Land der unbegrenzten Möglichkeiten nun um »flexible« Lebensformen wie die von Kenneth Lindo bereichert. Der 44-Jährige ist Bote im New Yorker Börsenviertel. Tagsüber läuft er durch die edlen Foyers der Investmentbanken, abends wartet er auf ein Bett im Obdachlosenheim. Manchmal müsse er die halbe Nacht Schlange stehen, erzählte er der »New York Times«. Denn die 20 Dollar für ein Zimmer in Harlem sind bei einem Stundenlohn knapp über dem offiziellen Mindestlohn von 5,15 Dollar nicht mehr drin. Der Wirtschaftsaufschwung, der Lindo den Job beschert, treibt gleichzeitig die Mieten in für ihn unerreichbare Höhen.

Die US-Bürgermeisterkonferenz berichtet, dass die Nachfrage nach Schlafplätzen 1998 um elf Prozent gestiegen ist - und immer mehr Obdachlose haben Arbeit. Sozialhilfeempfänger, die einen Job gefunden haben, verdienen laut Urban Institute etwa sieben Dollar die Stunde - zu wenig, um eine Familie über die Armutsgrenze zu hieven. Eine vierköpfige Familie mit zwei Kindern kann da nur mit Hilfe begleitender Maßnahmen wie Essensmarken, Kinder- und Krankenversorgung, Sozialwohnungen und Lohnsubventionen die offizielle Armutsgrenze von 16 530 Dollar überspringen. Was aber passiert, wenn nach fünf Jahren die Zugaben wegfallen?

Scheinbar unbeirrt preist das Weiße Haus den Erfolg der Reform. Doch dem Präsidenten ist klar, dass er die Zusatzhilfen massiv erhöhen muss, will er sein Werk nicht gefährden. Seine republikanischen Gegenspieler aber wollen die Haushaltsüberschüsse lieber an die Wähler verteilen. Um das öffentliche Bewusstsein zu schärfen, besuchte Clinton, eine Delegation von Unternehmern im Schlepptau, unlängst die ärmsten Regionen seines Landes. Seine Botschaft: Auch hier gibt es Märkte zu erobern.

So bereiste er die trostlosen Wohnwagenparks am Fuß des Appalachen-Gebirges in West Virginia, er fuhr nach Kentucky und Ohio, besichtigte die Wellblechhütten im Mississippi-Delta und East St. Louis. In diesen Gegenden herrscht tiefe Armut, die Bewohner haben oft seit Generationen keine Arbeit. Autowracks liegen im Garten, Kinder spielen im Müll. Hier erinnert Amerika eher an Bangladesch als an die modernste Technologienation der Welt.

Clinton besuchte auch das Pine-Ridge-Indianerreservat in Süd-Dakota - erstmals seit Präsident Franklin Roosevelt 1936 traute sich ein Präsident wieder zu den Allerärmsten. Nirgendwo ist die Arbeitslosigkeit und die Alkoholikerzahl höher. Der Häuptling aus Washington setzte sich vor das trostlose Häuschen von Geraldine Blue Bird und fühlte mit, als die Indianerin unter Tränen ihre Lebensbedingungen schilderte: wie sie mit 27 Personen fünf Schlafzimmer in Haus und Wohnwagen teilt, wie sie im Winter friert, weil sie die 50 Dollar nicht hat für das Propangas.

Clinton versprach zu helfen. Mit Subventionen, Steuervergünstigungen, garantierten Niedriglöhnen soll Kapital in strukturschwache Gebiete gelockt werden. Die Bank of America kündigte sogleich die Gründung eines 500-Millionen-Dollar-Fonds für Investitionen in Armutsgebieten an. Falls die Sache schief geht, bürgt die Regierung. »Dies sind eure neuen Märkte«, rief der Präsident den mitreisenden Unternehmern zu.

Für die Arbeitnehmer wird indes das Geldverdienen immer schwerer, wie die neueste Studie des Economic Policy Institute (EPI) zeigt. Dessen Analyse ergab, dass die Profite der Neunziger auch auf Kosten der Löhne gingen. Wären die wie früher mitgewachsen, hätten sie 1997 sieben Prozent höher sein müssen. Obwohl die Löhne momentan leicht steigen, verdienen viele Amerikaner real immer noch weniger als vor zehn Jahren.

Die Gehälter der Spitzenmanager dagegen verdoppelten sich laut EPI zwischen 1989 und 1997 - auf das 116fache des Lohns eines Durchschnittsarbeitnehmers. Zwölf Prozent der Amerikaner häufen 88 Prozent des privaten Vermögens an. Heute verfügen 2,7 Millionen US-Bürger - ein Prozent der Bevölkerung - über das gleiche Nettoeinkommen wie die ärmsten 100 Millionen - eine glatte Verdoppelung seit 1977.

Das Ungleichgewicht trifft neuerdings auch den Mittelstand hart, berichtet das EPI. Nicht nur, dass dessen Wohlstand nur noch halb so schnell wächst wie der der Reichen. Wollte eine Mittelstandsfamilie 1996 ihren Einkommensstandard von 1989 halten, musste sie 247 Stunden mehr arbeiten. Mittlerweile haben sieben Prozent der Arbeitnehmer mehrere Jobs, und in den Vororten sieht man Mittelstandsväter am Wochenende Nachbars Rasen mähen, um die Haushaltskasse aufzubessern.

Bleibt die Hoffnung, vom Aktienboom zu profitieren. Doch die Vorstellung, dass jeder Amerikaner in irgendeiner Form Aktien besitze, trügt. Noch 1995 hatten knapp 60 Prozent aller Haushalte keinerlei Wertpapiere. Der anhaltende Taumel an der Wall Street zog zwar immer mehr Menschen an, die meisten jedoch nur mit kleinen Beträgen um die 5000 Dollar.

Den untersten Schichten ist der Zugang zur Börse versperrt durch ein Problem, welches »das dreckige kleine Geheimnis der USA« genannt wird: Über ein Fünftel der Erwachsenen zählt zu den »funktionellen Analphabeten«. Sie können ihren Namen schreiben und einfache Anweisungen entziffern. Doch jeder komplexere Text - die Gebrauchsanweisung eines Medikaments, das Ausfüllen eines Bewerbungsbogens - überfordert sie. Und schätzungsweise acht Millionen US-Bürger können überhaupt nicht lesen und schreiben.

Marsha Hurst, Lehrerin vom Work Force Development Board in Sedalia, trainiert Härtefälle - Langzeitarbeitslose, allein stehende Mütter. Die meisten, die zu ihr kommen, sind ohne Schulabschluss, ohne Arbeitserfahrung. Manche haben Drogen- oder Gesundheitsprobleme. »Diese Menschen haben ernsthafte Schwierigkeiten, im Arbeitsleben zu funktionieren«, sagt Hurst. Also übt sie mit ihnen: Pünktlichkeit, Verantwortungssinn, die Benutzung von Deodorant. Das Lösen von Konflikten mit Worten statt Fäusten. Und natürlich: lesen, schreiben, rechnen.

Eine solch intensive Betreuung bessert die Chancen auf einen dauerhaften Rollenwechsel. Doch nur wenige dürfen an dem Projekt teilnehmen. Beispielsweise Vonda Welsh. Die 25-Jährige ist stolz auf den Dreck unter ihren Fingernägeln: Sie hat nach einem Kurs bei Hurst einen Job bei Elektro Leesons in Sedalia ergattert und baut, für sieben Dollar die Stunde, kleine Motoren zusammen.

Welsh hat eine typische Fürsorgekarriere hinter sich: High School in Sedalia, ein Job als Zimmermädchen im Motel, mit 17 wurde sie schwanger und bezog seitdem Sozialhilfe. Mit 18 heiratete sie einen Mechaniker ohne feste Anstellung. Die Familie lebte von gelegentlichen Aufträgen, von Stütze und Essensmarken. 1996 kam das zweite Kind. Zwei Jahre später erkrankte der Sohn und wurde taub. Um ihn versorgen zu können, fing Vonda beim Billigmarkt Wal-Mart als Verkäuferin an. Als das Sozialamt die Beihilfen kürzte, gab sie auf.

Schließlich wurde sie zu Marsha Hurst geschickt. Sie bekam ihren neuen Job und setzt nun alles daran, ein ganz normales Familienleben zu führen. 1150 Dollar verdient die junge Frau im Monat, doch ohne die 500 Dollar Rente für das behinderte Kind kämen sie nicht über die Runden. Für eine Krankenversicherung reicht es nicht, auch nicht für ein Auto. Das Sozialamt steuert noch Essensmarken für Milchprodukte zu.

Vonda Welsh nimmt Tabletten gegen Depressionen. »Jeden verdammten Tag kämpfen wir ums Überleben«, sagt sie, »ich arbeite 40 Stunden, und wenn ich ins Bett falle, frage ich mich: Wie, um Himmels willen, machen es die, die es zu etwas bringen?« MICHAELA SCHIEßL

* Bei einer Kundgebung am 5. Juli in Hazard (Kentucky).

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