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KORRUPTION Dienst an Kunde

aus DER SPIEGEL 2/1961

Bei Rhynern in Westfalen, knapp auf

halbem Wege zwischen Köln und Hannover, sollten die Autobahnfahrer Einkehr halten können - in einer Raststätte, deren Architektur sich stilgerecht in den »westfälischen Raum« mit seiner »sehr bodenständigen Bauweise« einfügen müsse.

So beschloß man es in der Abteilung »Straßenbau« des Seebohmschen Bundesverkehrsministeriums. Und da der nordrhein-westfälische Wirtschafts- und Verkehrsminister jene Raststätte bauen sollte, entwarf ein Hilfsreferent der Bonner Ministerialabteilung ein Schreiben an das Düsseldorfer Ministerium, worin der Satz stand: »Ich bitte, einen geeigneten Architekten, der im Gaststättenbau Erfahrung hat, mit dem Vorentwurf zu beauftragen.«

Aber der Chef der Bonner »Straßenbau«-Abteilung, Ministerialdirektor Dr. -Ing. Hermann Kunde, strich diesen Satz An den Rand schrieb er: »Hierfür ist der Architekt Meyer vorgesehen.«

Der Architekt Meyer war nicht in Westfalen, sondern in Diez an der Lahn zu Hause. Postwendend warnte der Düsseldorfer Minister das Bonner Ministerium: DerAuftrag an einen stammesfremden Architekten stoße auf die Kritik einheimischer Kollegen, und die weite Entfernung vom Wohnsitz des Architekten Meyer zum Bauobjekt beeinträchtige die Baukontrolle - weshalb »zweckmäßig Architekten aus Westfalen beauftragt werden sollten, die mit der westfälischen Bauweise weitgehendst vertraut sind«.

Ministerialdirektor Kunde hielt an Meyer fest und schützte ihn vor Ungemach und Konkurrenz. Seine »Straßenbau«-Abteilung im Bonner Verkehrsministerium wies der Direktor an: »Wie mir Herr Architekt Meyer aus Diez gestern mitteilte, hat er vom Land Westfalen eine Mitteilung bekommen, wonach er umgehend Unterlagen über bisher ausgeführte Autobahnraststätten oder ähnliche Bauten vorlegen soll. Da diese Forderung des Landes Westfalen scheinbar darauf hinausgeht, noch andere Architekten für das Projekt Rhynern aufzufordern, bitte ich, dem Land klar und deutlich mitzuteilen:

»Ich wünsche, daß die Planungs- und Projektierungsarbeiten eindeutig an Herrn Meyer übertragen werden, dahingehend, daß der Auftrag nicht vom Land, sondern von uns hier unmittelbar erteilt wird.«

Ein Gutachten des Landesbaupflegers für Westfalen vermochte gegen dieses Diktum nichts mehr auszurichten.

Denn den Bundesländern obliegt es bei Bauvorhaben an Bundesfernstraßen zwar, in Auftragsverwaltung für den Bund die Bauverträge auszuschreiben und abzuschließen, aber Aufträge über mehr als eine Million Mark dürfen sie erst nach »Vorprüfung« durch die »Straßenbau«-Abteilung des Bonner Verkehrsministeriums vergeben.

Indes, auch in Fällen mit geringerem Kostenvolumen, an denen er interessiert war, ließ sich der Bonner »Straßenbau«-Direktor Kunde bei der Auswahl der Baufirmen nicht so ohne weiteres hineinreden, weder von den Verkehrsministern der Länder noch von den Sachbearbeitern seiner eigenen Ministerialabteilung.

Als Kunde dem Architekten Meyer nach dem Raststätten-Projekt Rhynern auch den Raststätten-Auftrag Grundbergsee (zwischen Bremen und Rotenburg) zuschanzte, wagte Kundes zuständiger Abteilungsreferent »Straßenbau 6 (Stb 6)«, Meyers Künste zu tadeln: »Ich habe Zweifel, ob diese Architektur, die an Schlösser in amerikanischen Walt-Disney-Zeichenfilmen, Schneewittchen und Aschenbrödel erinnert, für die Autobahn die richtige ist.«

Abteilungschef Kunde stäupte den Aufsässigen: »Als Straßenbauer ohne Hochbauerfahrung sollte Stb 6 sich derartiger Werturteile enthalten. Der Architekt hat sich dem niedersächsischen Stil mehr angepaßt als die Glasakrobaten in Hannover.«

Die Hannoveraner waren anderer Meinung. Der niedersächsische Finanzminister, Aufsichtsinstanz für das Projekt Grundbergsee, fand den Entwurf des Architekten Meyer »in seiner äußeren Form für die Landschaft und die Bauweise in dem Gebiet des Grundbergsees ... ungeeignet«.

Der Minister empfahl, »einen in oder bei Bremen beheimateten Architekten mit der Durchführung der Arbeiten zu betrauen, weil diesem die örtlichen Verhältnisse bekannt sind, was bei dem Architekten Meyer nicht der Fall sein dürfte«.

Verfügte Kunde: »Nein, wie bereits besprochen, erhält Meyer unter Einschaltung eines Bremer Architekten den Auftrag.«

Architekt Meyer durfte schließlich dank Kunde auch noch die Entwürfe sowohl für die Autobahn-Rasthöfe bei Baden-Baden und im Allertal als auch für eine Berggaststätte an der Roßfeld -Straße bei Berchtesgaden zu Papier bringen und die Honorare dafür kassieren.

Honorarfrei hingegen verfertigte Meyer Pläne, Zeichnungen, statische Berechnungen und Leistungsverzeichnisse für durchaus private Bauprojekte eben jenes amtlichen Gönners Kunde, der seinerseits dem Architekten zur gleichen Zeit, von 1955 bis 1957, mit so viel Nachdruck gegen jedermanns Widerstand zu ansehnlich dotierten öffentlichen Aufträgen verhalf.

Erst 1958, als der Bundesrechnungshof Kundes Amts- und Privatgeschäfte unter die Lupe nahm und der Ministerialdirektor besorgt sein mußte, die Gratisdienste des Architekten würden entdeckt und ihn belasten, rief er nach Meyer, bestellte Rechnungen unter falschem Datum, traf jedoch keinerlei Anstalten, sie tatsächlich zu begleichen.

Nachdem Kunde im Juli 1959 verhaftet worden war, leugnete er beharrlich: Die Rechnungen seien echt, Architekt Meyer könne es beschwören. Aber Meyer sagte die Wahrheit, und Kunde, den Bundesverkehrsminister Seebohm sein »tüchtigstes Pferd« genannt hatte, gestand.

Die Erste Bonner Strafkammer des Prominenten-Richters Quirini wird dem einstweilen in den Ruhestand versetzten Ministerialdirektor in den nächsten Wochen den Prozeß machen. Die Öffentlichkeit wird in diesem bislang spektakulärsten aller Bonner Korruptionsprozesse, erfahren, wie eng der Nachkriegsausbau des Autobahnnetzes samt Raststätten und Tankstellen mit strafrechtlich interessanten Akten verflochten ist (siehe Graphik Seite 18).

In 41 Fällen ist Kunde der schweren Bestechlichkeit angeklagt, zudem viermal des Betrugs, einmal der Untreue, und darüber hinaus hat sich die Staatsanwaltschaft vorbehalten, ihre Anklage zu ergänzen.

Neben Kunde sitzen drei private Straßenbauer, der aktiven Bestechung des beamteten Straßenbauers beschuldigt, auf der Anklagebank Sie zählten zu jenen Interessenten des Baugewerbes, die, sooft es ihnen nützlich erschien, dem Ministerialdirektor Kunde im Bonner Verkehrsministerium Besuch machten. Ihnen war zwar bekannt, daß Straßenbauverträge im Auftrag des Bundes von den Verkehrsbehörden der Bundesländer abgeschlossen wurden. Klar war ihnen aber auch, daß sich Ministerialdirektor Kunde, wann immer es ihm gefiel, in das Geschäft einschaltete und seinen Willen bei den Auftragsverwaltungen durchsetzte.

Kundes Sekretärin bestätigte inzwischen: »Die meisten Länder beugten sich den Wünschen von Herrn Dr. Kunde und brachten jetzt von sich aus schriftlich die Firmen zum Vorschlag, die Herr Dr. Kunde offenbar bevorzugen wollte. Aufgrund dieser Vorschläge wiederum erteilte dann Herr Dr. Kunde in semer Eigenschaft als Abteilungsleiter für die Abteilung Straßenbau die notwendige Zustimmung zur Vergabe.«

Den Bauunternehmern zwischen Isar und Eider waren solche Praktiken geläufig. In einem Schreiben des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie e. V. an die Wirtschaftsvereinigung Bauindustrie e. V. Nordrhein-Westfalen hieß es: »Die Sitzung verlief außerordentlich angeregt, wie Sie sich denken können. Wir haben bis halb sieben abends fast ausschließlich den Tagesordnungspunkt besprochen, der im Protokoll nur angedeutet ist, nämlich wie soll sich die Bundesfachabteilung zu der durch die Verhaftung von Herrn Dr. Kunde geschaffenen neuen Lage stellen? Fast jeder der Herren konnte eine Reihe von konkreten Fällen berichten, in denen Herr Dr. Kunde sich mindestens nicht korrekt im Sinne eines Beamten benommen hatte.«

Schlimmer noch: »Man konnte den Eindruck haben, daß Herr Dr. Kunde sich seit Jahren auf einen Weg begeben hat, der ihn früher oder später an den Platz bringen mußte, wo er heute ist.«

Ursache: »Er hat sich offenbar über das zuträgliche Maß hinaus mit Grundstückspekulationen befaßt. Er besitzt wohl nicht weniger als drei Häuser und drei weitere Grundstücke, die er sich mit Darlehen beschafft hat. Zu welchen Bedingungen diese Darlehen gegeben wurden, ist nicht bekannt, läßt sich aber auf Grund der vorliegenden Situation vermuten.«

In der Tat, zu Kundes raschem Vermögenserwerb nach dem Kriege gehörte nicht weniger, wohl aber eine andere Art von Tüchtigkeit, als sie sein Minister Seebohm an ihm pries.

Schon vor der Währungsreform, mit einem auf den 2. Juni 1948 ausgefertigten Bezugschein, für den er sich bereits am 1. Juni bei den Daimler-Benz -Werken in Untertürkheim einen Mercedes 170 V anschaffte, begann sein Vermögensaufschwung. Der Wagen kostete 6288 Reichsmark, Kunde verkaufte ihn elf Monate später für 7500 D-Mark.

Das erste Grundstück - Hans-Sachs -Straße 12 in Frankfurt am Main - erwarb Kunde, damals Abteilungsleiter »Straßenbau« in der »Hauptverwaltung der Straßen« der britisch-amerikanischen Bizone, im Februar 1949; Grundstücks- und Baukosten: 71 000 Mark.

Im Mai 1950 kaufte Kunde, inzwischen »Straßenbau«-Chef im Bonner Verkehrsministerium, das Grundstück Ubierstraße 53 in Bad Godesberg; Gesamtkosten: 70 000 Mark.

Hinzu kamen

- 1952 rund 1850 unbebaute Quadratmeter am Stadtwald von Godesberg für 2212 Mark;

- 1954 das Villen-Trümmergrundstück Kaunstraße 9 in Berlin-Zehlendorf für 14 000 Mark nebst 1000 Mark Instandhaltungskosten; und

- 1958 wiederum in Godesberg 593 Quadratmeter für 11 860 Mark. Abgesehen davon fuhr Kunde mittlerweile außer einem Volkswagen - Preis: 4130 Mark, Reparatur: rund 2370 Mark - auch noch einen BMW 501, für den er nach Abzug reines Behörden-Rabatts von zehn Prozent 13 160 Mark bezahlt hatte.

Seine drei Kinder unterhielt er im Internat und auf der Universität. 1959, als das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft gegen ihn anlief, verfügte er noch über ein Bankkonto mit ungefähr 48 000 Mark. Dies, obgleich er mit einem Direktoren-Monatsgehalt von rund 3000 Mark für Bausparkassen monatlich zwischen 540 und 1500 an Spar-, Tilgungs- und Zinsbeträgen abzweigen mußte.

Nach Angaben des Finanzamts überstiegen seine Ausgaben bis 1957 die Einnahmen um mehr als 100 000 Mark.

Gleichviel, Ministerialdirektor Kunde baute vergleichsweise billig. Im Oktober, 1948 ergatterte er für sein Frankfurter Haus ein erstes öffentliches Baudarlehen; für Zinsen und Amortisation wurden je dreieinhalb Prozent berechnet. Das Darlehen wurde 1949 um 5000 auf 15 000 Mark erhöht. Zu den gleichen Bedingungen, aber 1951, als Kunde dabei war, das Haus in Godesberg zu bauen, erreichte er, daß der Zinssatz auf drei, die Tilgungsquote auf ein Prozent herabgesetzt wurden.

Kundes Rezept: Er legte für sein Frankfurter Haus eine Wirtschaftlichkeitsberechnung vor, in der er die Mieteinnahmen um monatlich rund hundert Mark niedriger als tatsächlich angesetzt und eine »kurzfristige 1. Hypothek« über 25 000 Mark mit sieben Prozent Jahreszinsen aufgeführt hatte.

Diese Hypothek war in Wahrheit ein Darlehen, das die Verkaufsvereinigung für Teererzeugnisse in Essen dem für Teer-Straßenbauweise aufgeschlossenen Bundesbeamten Kunde bei der Westfalenbank in Bochum besorgt hatte, und zwar 1950, als Kapital so teuer wie rar war, zu dem, preiswerten Zinssatz von fünf Prozent.

Die Wirtschaftlichkeitsberechnung Kundes ging auf; sein Haus in Frankfurt litt an einem Jahresdefizit von knapp 1120 Mark, weshalb sein Bundesbaudarlehen fortan jährlich statt sieben nur noch vier Prozent Zinsen und Amortisation kostete.

Die Verkaufsvereinigung für Teererzeugnisse dankte ihm derweil für die »gute Nachricht, daß der Ruhrschnellweg in Teermakadam ausgebaut wird«.

Bei der Frankfurter Baufirma Kögel hatte Kunde 1948 rabiatere Methoden der Kostenersparnis anzuwenden versucht. Die Firma hatte dem Bauherrn Kunde für die Monate September bis Dezember 1948 vier

Einzelrechnungen

präsentiert. Die beiden ersten Rechnungen bezahlte Kunde, die beiden letzten focht er an. Beflissen schrieb Kögel dem Kunden, daß »die noch offene Rechnungssumme in Höhe von 4200 Mark auf 385 richtiggestellt wurde«. Eine zweite Forderung gegen Kunde über rund 1845 Mark strich Kögel ohne Rest. Ein Schwimmbecken schließlich, das Kunde im Garten seines GodesbergerGrundstücks wünschte, baute Kögel für Kunde sozusagen umsonst.

Der vom Sachverständigen errechnete Gesamtaufwand für diese Anlage, an der länger als drei Monate gearbeitet wurde,

betrug rund 20 000 Mark. Kögels Rechnung dagegen schloß mit genau 6448,08 Mark, einem Betrag, der gegen einen sogenannten Baukostenzuschuß aufgerechnet wurde, den Kögel für die Nutzung einer Wohnung in Kundes Frankfurter Haus angeboten hatte.

So hatte Kunde am Ende außer seinem 20 000-Mark-Schwimmbecken bei Kögel ein regelrechtes Guthaben über 51,92 Mark, das ihm zu allem Überfluß per Verrechnungsscheck ausgezahlt wurde.

Ministerialdirektor Kunde hielt das alles für angemessen. Zu Beginn der Ermittlungen gegen ihn allerdings drängte er Kögel, die Papiere, auf denen jene Geschäfte der beiden notiert waren, zu vernichten:

Bauunternehmer Kögel tat ein übriges. Für eine »Feldblumen«-Ölarbeit des Malers Hermann Fricke, die er für 750 Mark einschließlich des Rahmens gekauft und nebst 25 Flaschen obligaten Weihnachtsweins dem Beamten Kunde 1954 zum Christfest geschenkt hatte, ließ er sich nun noch eine zweite Rechnung - ohne Angaben über den Käufer - ausstellen, um seinen Gönner Kunde zu entlasten.

Hernach meinte Kögel, »oft nützt es uns schon, wenn ein solcher Beamter zu gegebener Zeit darauf hinwirkt, daß wir bei einer beschränkten Aussehreibung zur Abgabe eines Angebots aufgefordert werden«.

Im Februar 1957, bei der Vergabe eines Bauauftrags für die Autobahn Frankfurt - Würzburg zwischen Stockstadt und Waldschaff wurde Straßenbauer Kögel aufgefordert, eine Offerte vorzulegen. Freilich, Straßenbauer Moll unterbot Kögel. Aber Kögels privater Auftraggeber und Geschenkadressat Kunde machte die Vergabe an Moll - wenigstens teilweise - davon abhängig, daß Moll mit Kögel in Arbeitsgemeinschaft die Fahrbahn baute.

Infolge derart willkürlicher Teilungen ein und desselben Bauvorhabens durch den Ministerialdirektor Kunde konnte nicht zuletzt die Kölner Strabag -Bau-AG in Arbeitsgemeinschaft mit anderen Unternehmen am Autobahn -Geschäft partizipieren.

Umgekehrt verrichtete die Firma Strabag - repräsentiert durch den Kölner Prokuristen Buchholz und den Berliner Niederlassungschef Bolz - Instandsetzungsarbeiten an Kundes Sommervilla in Berlin, und in sein Godesberger Eigenheim baute sie ein Wandsafe ein, beides im Werte von 2350 Mark, aber völlig kostenlos.

Nach einem durch Kunde verursachten Unfall ersetzte die Strabag die Kosten für die Reparatur an seinem Wagen in Höhe von 1411 Mark; 500 Mark zahlte die Firma aus eigener Kasse, 911 Mark bürdete sie, ohne daß eine Ersatzpflicht geboten war, ihrer Haftpflichtversicherung auf. Ob der falschen Angabe über Unfall und Schadensumfang kam die Versicherung sogar für Zubehörteile auf, die Kunde erst nach dem Unfall angeschafft hatte.

Obendrein nahm die Strabag Bau-AG dem Beamten Kunde den reparierten Unfallwagen Marke »Isabella« zu einem um etwa 2000 Mark übersetzten Preis ab.

Der Architekt Dr. Jacobi aus Kassel, dem Kunde insgesamt sieben Entwurfsaufträge für Bundeshochbauten zukommen ließ, hielt seine Gaben für den Ministerialdirektor in bescheideneren Maßen: Blumen, Alkohol, Konfekt, Tabakwaren, Delikatessen, Schallplatten und Turngerät.

Dagegen erließ der Frankfurter Bauunternehmer Maertins, heute in Braunschweig, der sich an Kundes Hausbau in Bad Godesberg beteiligte, dem Bauherrn Baukosten, die sich nach sachverständigem Urteil auf rund 26 000 Mark beliefen.

Unternehmer Maertins durfte sich unterdes im Auftrage Kundes, aber wider die Haushaltsvorschriften und den Protest des Finanzbauamts, am Bau der Bundesanstalt für Straßenbau in Köln beteiligen - mit einem Kostenvolumen von mehreren Hunderttausend Mark und zu Preisen, die nach einem Gutachten der Wirtschaftsvereinigung Bauindustrie e. V. um zwölf Prozent übersetzt waren.

Niedrigere Kostenangebote für das Kölner Hochbau-Objekt waren vom Bonner Straßenbau-Direktor Kunde verworfen worden.

In der Bestechungssache gegen Seebohms Straßenbau-Direktor Kunde und Genossen fehlt es dem Kammerdirektor Quirini bei der Beweiswürdigung zumindest nicht an Anhaltspunkten dafür, daß dem Hauptangeklagten durchaus bewußt war, wie riskant seine Geschäfte werden könnten. Kundes vielerlei Verschleierungsmanöver sind beredtes Zeugnis.

Dem Bauunternehmer Maertins zum Beispiel, der sich um Kundes Haus in Godesberg verdient gemacht hatte, hieß der Bauherr, einen auf Juli 1950 rückdatierten Schriftwechsel zu fabrizieren, um damit für die Geschäftsbeziehungen der beiden einen vorweisbaren Rahmen zu zimmern.

Dabei machte das Duo Kunde-Maertins einen Fehler: Die Briefbogen der Firma Maertins, die unter falschem Datum Juli 1950 ausgefertigt wurden, trugen im Kopf eine Telephonnummer aufgedruckt, die von der Bundespost erst im Frühjahr 1953 zugeteilt worden war.

Daß dem Kunde schließlich bewußt gewesen sein muß, was seine Geschäftsfreunde aus der Bauindustrie mit ihren kostengünstigen Arbeitsleistungen und Präsenten im Schilde führten, zeigt ein Kabinettstückchen, das den Beamten Kunde als eine Art von Naturtalent im Anschaffen ausweist.

Der Ministerialdirektor reiste in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Forschungsgesellschaft für das Straßenwesen e. V. per Flugzeug zum X. Internationalen Straßenkongreß nach Istanbul. Unterwegs verlor er eine Kamera vom Typ »Contaflex II ». Mittels Sammelversicherung aller Kongreßteilnehmer bei der »Helvetia« in Paris war er gegen diesen Schaden gewappnet.

Aber zunächst überredete Kunde den Geschäftsführer der Forschungsgesellschaft, die Anschaffungskosten für eine neue »Contaflex« zu übernehmen, das Gerät zu inventarisieren und ihm leihweise zu überlassen.

Beim Photohändler Hilgers in Bonn kaufte Kunde alsdann diese »Contaflex«, dazu eine Tasche und gleich noch eine zweite Kamera - »Contina II«

- wiederum mit Tasche. Auf den Rechnungsbetrag von 765,50 Mark bekam er 15 Prozent Rabatt, so daß die beiden Kameras nebst Taschen insgesamt 650,70 Mark kosteten.

Diesen Betrag und ausschließlich die »Contaflex« mit Zubehör ließ Kunde auf die Rechnung setzen, die von der Straßen-Forschungsgesellschaft - Vorsitzender: Kunde - prompt beglichen wurde.

Nachdem Kunde so gleich zwei Kameras kostenlos angeschafft hatte, die »Contina« für immer, die »Contaflex« für dauernden Gebrauch, verlangte er von der »Helvetia«-Versicherung in Paris für den Verlust der alten »Contaflex« Schadenersatz in Höhe von 650,70 Mark. Beleg: die falsche Rechnung (für zwei Kameras) des Bonner Photohändlers Hilgers. Die »Helvetia« zahlte 714 Mark, den Überschuß für Zubehörteile, deren Verlust Kunde zusätzlich angezeigt hatte.

Ministerialdirektor Dr.-Ing. Hermann Kunde aber rüstete nun - nach der Untreue gegenüber der Forschungsgesellschaft und dem Betrug gegenüber der Versicherungsgesellschaft - immer noch mit den gleichen Kameras zu einem dritten Streich.

In seiner Einkommensteuererklärung setzte Steuerzahler Kunde die - halbierten - Anschaffungskosten für die »Contaflex«, die von der Forschungsgesellschaft mit, 650,70 Mark bezahlt, von der Versicherungsgesellschaft mit 714 Mark ersetzt worden waren, als eigene Ausgaben für schriftstellerische Arbeit von der Steuer ab.

Beschuldigter Kunde, Dienstherr: Naturtalent im Anschaffen

Kundes Frankfurter Grundstück: Die Darlehens-Bedingungen ...

... lassen sich nur vermuten: Kundes Godesberger Swimming Pool

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