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»Dient das dem Arzt draußen in der Praxis?«

Die deutsche Ärzteschaft »fordert«, »warnt«, »lehnt ab«, »verurteilt« -- aber wer sind eigentlich die Männer, die da auf dem »Deutschen Ärztetag« angeblich im Namen aller westdeutschen Ärzte sprechen? Eine Funktionärstruppe von nur 200 Mann errichtete eine Standesfilzokratie' die es mit solcher Machtfülle sonst nirgendwo gibt.
aus DER SPIEGEL 21/1978

Am Dienstag dieser Woche wird es wieder soweit sein: Mit Dienst-Mercedes und Chauffeur, den Stander vorne rechts, werden Westdeutschlands Ärzteführer anreisen, diesmal nach Mannheim, um ihr alljährliches Standesschauspiel zu inszenieren.

Im Musensaal des Mannheimer Rosengartens werden sie den »Deutschen Ärztetag« abhalten, den 30. nach dem Kriege. Während der vorgesehenen »dreieinhalb Verhandlungstage«, so Tagungspräsident Hans Joachim Sewering, werden die 250 »Delegierten« in Marathonsitzungen »äußerste Konzentration« aufbringen müssen, um all die »Umdrucke« und »Vorlagen« zu bewältigen, die ihnen der Vorstand der Bundesärztekammer -- teilweise mit Überraschungseffekt' als sogenannte Tischvorlage -- präsentiert.

Auch der Deutsche Ärztetag in Mannheim wird, Zweifel sind nicht angebracht, wieder einmal die »volle Geschlossenheit« des Ärztestandes beschwören, durch die allein die »Sozialisierung des Gesundheitswesens« verhindert werden könne. Die Teilnehmer der pompösen Standesschau werden wieder die gesetzlichen Krankenkassen, die Bonner Regierungsparteien' die Gewerkschaften und sogar die Arbeitgeberorganisationen als »Systemveränderer« schmähen, die der »freien ärztlichen Berufstätigkeit« auf hinterlistige Weise ein »Ende« bereiten wollen (Sewering).

Und wieder werden die versammelten 250 Ärztevertreter mit dem Anspruch auftreten' zu dem sie sich bereits 1961 auf dem Ärztetag in Wiesbaden selber ermächtigt hatten: »Beschlüsse des Deutschen Ärztetages stellen die Meinungsbildung der deutschen Ärzteschaft dar.« Sogar mit Ausrufungszeichen wurde dieser Satz damals beschlossen.

Die deutsche Ärzteschaft »wünscht«, die deutsche Ärzteschaft »fordert« wird es also auch in diesem Jahr wieder heißen, die deutsche Ärzteschaft »verlangt«, »warnt«, »lehnt ab«, »verurteilt«.

Aber wer ist das eigentlich, »die« Ärztestandesführung; wer sind die All

* Hauptgeschäftsführer Deneke, »Marburger Bund«-Vorsitzender Karsten Vilmar, »Hartmannbund-Vorsitzender Horst Bourmer.

gewaltigen, die da -- aufgrund welcher Legitimation? -- im Namen »der« Ärzteschaft Gesetze initiieren und torpedieren, kraft Amtes definieren, was medizinischer Fortschritt ist, was nicht, deklarieren, was »dem« Patienten nutzt oder schadet, und zu allem und jedem, was ihnen gesellschaftspolitisch relevant erscheint, mit der Anmaßung der allein Sachverständigen den Mund aufmachen?

Eine solche Fragestellung liefe hinaus auf die Analyse einer zwar der Zahl nach kleinen, aber mit weitgehender Macht und großem Einfluß ausgestatteten Gruppe von Berufsfunktionären in Ärztekammern, Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) und Ärzteverbänden -- fast durch die Bank professionelle Standespolitiker, die eigenem ärztlichen Handeln oft schon seit Jahrzehnten entsagt haben.

Die da im Namen von 145 000 westdeutschen Ärzten sprechen, sind in Wahrheit eine Funktionärstruppe von nur rund 200 Mann. Keiner dieser »sich bis zur Erschöpfung einsetzenden Mandatsträger"' wie das Hartmannbund-Blatt »Der Deutsche Arzt« sie nannte, hat nach Abschluß der Ausbildung noch hauptberuflich hart als Arzt gearbeitet -- ein Umstand, der auch von den Ärzten selbst nun kritisiert wird, so jüngst im »Berliner Ärzteblatt": »Eine lange Reihe von hochbezahlten Vorsitzenden und Mandatsträgern ... -- dient das wirklich dem Arzt draußen in der Praxis und dem Krankenhaus? Mit ziemlicher Sicherheit nicht. Es schadet ihnen vielmehr.«

Keiner von den Spitzenfunktionären der deutschen Ärzteschaft genießt wissenschaftliches Ansehen in internationalen medizinischen Gremien. Keiner beispielsweise bekleidet den Rang eines Vorsitzenden in einer international bedeutenden medizinisch-wissenschaftlichen Gesellschaft.

Wer in dieser Gilde sich mit dem Professoren-Titel schmückt, wie etwa Bundesärztekammer-Präsident Sewering oder Hauptgeschäftsführer Volrad Deneke, hat solchen Glanz von Staats wegen erhalten oder allenfalls von der medizinischen Fakultät, deren Dekan Pflichtmitglied seiner (Landes-)Ärztekammer ist. Da mußte eine »Honorar-Professur für ärztliche Standeskunde« (Sewering) oder gar für »medizinische Publizistik« (Deneke) herhalten.

Die Analyse zeigt freilich auch eine Filzokratie' die es in diesem Ausmaß und in dieser Machtfülle sonst nirgends gibt, nicht einmal in den Parteien, nicht einmal bei den Gewerkschaften (siehe Seite 77).

Nach innen stützt sie ihr Regiment auf die Zuchtmittel der ärztlichen Berufsordnung und der Honorarverteilung, nach draußen nutzt sie den Freiraum der »Selbstverwaltung« zur Selbsterhaltung. Und bei allem kann sie sich auf einen eingeschworenen, weil hochdotierten Apparat stützen, der es ihr im eigenen Interesse erleichtert, dranzubleiben. Innerhalb von 30 Jahren gab es nur zwei erzwungene »freiwillige« Abgänge.

Wer weiß schon, daß die Bundesärztekammer (anders als die öffentlichrechtlichen Landesärztekammern) trotz des hochtrabenden Namens nichts als ein nicht rechtsfähiger Verein ist, der sich jedes Jahr aus den Kammer-Pflichtbeiträgen aller Ärzte fünf Millionen Mark für seine aufgeblasene Apparatur abzweigt?

Wer weiß schon, daß »Der Deutsche Ärztetag« nichts als eine wohlinszenierte, ebenfalls von jedem Arzt zwangsweise finanzierte Show ist? Wer weiß schon, wie undemokratisch es in den Länder-Kammern und -KVen zugeht, wie dort nach dem Gesetz der Erbhöfe regiert wird -- hinein in jede Praxis, in jede Klinik-Ambulanz?

Niemand beherrscht das Instrumentarium der »Geschäftsordnungen« souveräner als die ärztlichen Standesführer: Die Regisseure auf dem Podium, sei es in Kammern und KVen auf Landesebene, sei es beim Deutschen Ärztetag, wissen in jeder Minute des Versammlungsablaufs, wie sie diesen »weitergehenden« über jenen »nachgeordneten« Antrag obsiegen lassen, wie sie mit »Abänderungs«-, »Dringlichkeits«- und »Tagesordnungs«-Anträgen jonglieren oder auch mit einem »Umdruck außerhalb der Tagesordnung« (einem Schriftstück, das innerhalb von Minuten hervorgezaubert und zur Abstimmung gestellt wird) manipulieren können.

Manch einer, der zum erstenmal in den Chor der sogenannten Parlamente berufen wurde, mag den Vorsatz gehabt haben, das eine oder andere wirklich zu verbessern oder Wesentliches zur Diskussion zu stellen. Doch der routinierten Geschäftigkeit der Standesführer erlag noch jeder. Diese Standesführung aber, überwiegend rekrutiert noch aus heimgekehrten Stabsärzten und Sanis, hat niemals über den Tag hinaus gedacht.

Die Probleme, die seit Jahren anstehen und heute kulminieren, hat sie nicht einmal erkannt. Und wenn sie agierte, dann stets zu spät und im Grunde nur zu dem Zweck, sich durch Deklamationen, Einrichtung von Ausschüssen und dergleichen Alibis zu verschaffen.

Unter dieser Standesführung wurde der Hausarzt abgewertet, zu einem Trottel degradiert, der von wahrer Medizin nichts versteht, höchstens noch Rezepte ausstellen, Blutdruck messen, drei Laborwerte entziffern und den Opas auf die Schulter klopfen kann.

Unter dieser Standesführung also wurde dem Patienten der Arzt genommen, den er am dringendsten wünscht und braucht als erste Anlauf- und spätere Koordinierungsstelle.

Die meisten der noch praktizierenden Doktoren dieses Hausarzt-Typs sind schon nahe an, wenn nicht schon jenseits der Pensionsgrenze, und was unter dem Rubrum »Arzt für Allgemeinmedizin« an Nachwuchs kommt, ist wohl eher zweite Wahl: Zum »Praktiker« langt die Approbation allemal.

Statt dessen wurde dem Patienten die Facharzt-Ideologie beschert, der Spezialist für jeden Körperteil, fixiert auf sein eng begrenztes Fachgebiet, ohne Übersicht und Zusammenschau. Die immense Kostensteigerung ist nur eine der schlimmen Folgen.

Weiter: Diese Standesführung hat das Problem der Vorsorge überhaupt nicht begriffen. Was als sozialpolitischer Fortschritt gedacht war und hinführen sollte zum Bewußtsein der Notwendigkeit von Krankheitsvorbeugung, haben die Funktionäre reduziert auf ein ebenso unpopuläres wie ineffizientes Mini-Programm von Schmalspuruntersuchungen, das wenig bringt und Millionen kostet. Schlimmer noch: Sie haben die Idee der Vorsorge damit kompromittiert.

Auch die jahrelang diskutierte, endlich konzipierte Reform der Medizinerausbildung hat diese Standesführung torpediert. Das Fiasko mit dem »Praktischen Jahr«, das demnächst in eine Studikerverschickung zu Provinz-Klitschen münden wird, ist ihr anzulasten.

Und schließlich: Diese Standesführung hat das Arztbild ruiniert. Sie hat den Arzt zum Geldverdiener, zum Technokraten degradiert, dem Labor- und Röntgenbefunde über alles gehen, der kein ärztliches Gespräch mehr führen kann und will -- zu einem Arzt, der wie keine frühere Ärztegeneration Geld verdient hat und trotzdem mit seinem Berufsalltag unzufrieden ist, meist ohne zu wissen warum.

Denn wenn er überhaupt nach den Gründen forscht -- von seiner Standesführung bekommt er keine Antworten. Sie speist ihn lediglich ab mit der Parole von vorgestern, mit dem Wutgeheul über das üble »Linkskartell«, mit der Neuauflage von Aktionsgemeinschaften, Kampffonds und »Konsultationsringen« -- kurzum mit Aktionen, für die er bereits Tausende hinausgeworfen hat, ohne den geringsten Erfolg. Noch niemals war der Graben zwischen der ärztlichen Standesführung und den Ärzten in Klinik und Praxis so tief wie heute.

Bisher hatten Deutschlands Ärzte kritiklos »die da oben« machen lassen; vertrauensvoll, denn schließlich kam schön viel Geld herein. Doch nun, da man sich an den Besitzstand gewöhnt hat, scheint gerade der gefährdet, nicht zuletzt durch eine zu erwartende Ärzteschwemme; zumindest wird er sich nicht so leicht wie bisher mehren lassen.

An Greuelnachrichten über die »so düstere Zukunft« des Ärztestandes, über die »drohende Wirtschaftskrise« und den jeweils neuesten »Atomschlag gegen das Kassenarztrecht« hat Ärztekammer-Präsident Sewering es nie fehlen lassen. Er hat damit so viel Unruhe in Westdeutschlands Arztpraxen getragen, daß unlängst, bei einem Fortbildungskongreß in Badgastein, gar schon der aberwitzige Auftrag an die Standesführung erging, »Vorkehrungen gegen einen etwaigen Zugriff des Staates auf die ärztlichen Versorgungswerke zu treffen« (wie das »Deutsche Ärzteblatt« berichtete).

Doch derselbe Mann, der das Schreckbild der Sozialisierung ärztlicher Praxen schauerlicher als jeder andere ausmalte, ging mit dem Finanziellen weiter als wohl irgendeiner seiner westdeutschen Kollegen.

Nicht nur, daß er sich den »Internisten« selber bescheinigte. Deutlich zugunsten seiner neben dem Funktionärsgeschäft betriebenen Praxis -- und zugunsten der Praxen seiner Funktionärskollegen -- wurde die ärztliche Berufsordnung dahingehend geändert, daß Assistenzärzte auch ohne Aufsicht des Praxis-Chefs arbeiten (und dafür »Scheine« abgerechnet werden) dürfen.

Sewering gilt als Erfinder des

einstweilen durch Sozialgerichtsspruch gutgeheißenen -- Verleihgeschäfts von Mammographiegeräten: Frauenärzte aus der Nachbarschaft schickten reihenweise Patientinnen zur Mammographie in Sewerings Praxis, gegen alle zwischen niedergelassenen Ärzten und Kassen ausgehandelten Regeln. Jahresumsatz in der Sewering-Praxis: rund 1,8 Millionen Mark -- sechsmal soviel wie im bundesdeutschen Durchschnitt.

All das fügt sich zu dem »Fall Sewering«, dem nun noch einige biographische Besonderheiten nachzutragen sind (siehe Seite 84). Der Fall ist mittlerweile auch unter den Ärzten so umstritten, daß in Mannheim selbst die beste Präsidiumsstrategie nicht einfach darüber wird hinweggehen können.

Das in Wiesbaden erscheinende Mediziner-Wochenblatt »Medical Tribune": »Was die ärztlichen Funktionäre in ihrer großen Mehrheit nicht zugeben wollen oder dürfen, das empfinden die Ärzte im Lande und sprechen es auch aus: »5. sollte gehen oder abberufen werden.«

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