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PROZESSE Diese Augen

Erst seit »Holocaust« sind die Zuschauerbänke des seit dreieinhalb Jahren laufenden Düsseldorfer Majdanek-Prozesses wieder besetzt. Jetzt sind die ersten Urteile abzusehen.
aus DER SPIEGEL 12/1979

An 323 Tagen haben sich die älteren Herrschaften schon im Flur des Düsseldorfer Landgerichts getroffen, fünf bieder anmutende Frauen im Alter von 58 bis 61 Jahren und acht betuliche Herren zwischen 61 und 67. Sie plaudern ein bißchen, lesen die Zeitung, dann geht"s in den Saal der 17. Schwurgerichtskammer.

Seit fast dreieinhalb Jahren, seit dem 26. November 1975, findet dort unter geduldiger Leitung des Richters Günter Bogen der sogenannte Majdanek-Prozeß statt. Es ist das bislang längste und umfänglichste westdeutsche KZ-Verfahren. Doch es wurde über lange Zeit öffentlich kaum noch wahrgenommen.

Eigentlich ist das Verfahren nach dem Angeklagten Hermann Hackmann, 65, benannt, der damals den höchsten Rang hatte: Er war SS-Hauptsturmführer und »Schutzhaftlagerführer« im Konzentrationslager Majdanek bei Lublin in Polen. Den jetzt noch 13 Angeklagten -- bei Prozeßbeginn waren es 16; ein Fall wurde gleich, ein zweiter im Dezember 1978 abgetrennt, eine Angeklagte starb -- wird Beihilfe zum Mord in mindestens 250 000 Fällen vorgeworfen.

Nach polnischen Schätzungen aber wurden in Majdanek 1,5 Millionen Menschen gequält und getötet. Von 1942 bis 1944 wurden dort 7711 Kilogramm des Todesgases Zyklon B verbraucht -- und beispielsweise 730 Kilo Menschenhaar an eine Verwertungsfirma in Küstrin geliefert. Die jüdischen, russischen und polnischen KZ-Insassen, darunter auch Kinder und Kranke, Schwangere und Greise, wurden in Majdanek vergast und verbrannt, erwürgt oder erschossen, erhängt oder ertränkt, totgeschlagen oder von Aufseher-Hunden zerfleischt. Die Gerichtsakten darüber umfaßten zu Prozeßbeginn schon 80 Bände mit 20 000 Blatt.

Der Tatzeitraum, den die Anklage unterstellt -- Dezember 1941 bis Frühjahr 1944 -- ist kürzer als die bisherige Prozeßdauer. Die fünf angeklagten Frauen waren damals Aufseherinnen, in der Wäscherei etwa oder in der Bekleidungsbaracke, die Männer zumeist untere Dienstränge der SS-Wachmannschaft, Blockführer oder auch Sanitäter.

»Eineinhalb bis zwei Jahre«, so 1975 ein Leittext des Landgerichts, sollte die Majdanek-Verhandlung dauern, aber die Prognosen reichten bald bis 1980, Immer neue Zeugen mußten vernommen werden -- auch in den USA und in Kanada, in Polen, in der Sowjet-Union und in Israel, wohin das Gericht, die beiden Ankläger und ein Teil der dreißig Straf- oder Pflichtverteidiger reisen mußten. Nun jedoch kann, schon unerwartet, der Prozeßumfang verkleinert werden.

Für diese Woche sind die Plädoyers für vier Angeklagte vorgesehen. Vorzeitig abgeurteilt werden sollen der ehemalige SS-Truppenarzt der Majdanek-Wachmannschaft, Heinrich Schmidt, 66, und die ehemaligen Aufseherinnen Charlotte Mayer, 61, Hermine Böttcher, 61, und Rosa Süß, 58.

Damit zeichnet sieh wenigstens die Begradigung eines Verfahrens ab, das bis jetzt an die zwölf Millionen Mark gekostet hat. Darin sind auch rund 20 000 Mark Sitzungsgeld je Verhandlungstag für die Verteidiger enthalten. Staatsanwalt Dieter Ambach zum Aufwand: »Unsere Gesetze lassen keinen anderen Weg zu -- aber unser Gewissen auch nicht.«

Seit der Fernsehserie »Holocaust« sind immerhin die Zuschauerbänke voll, vor allem von Schulklassen. Sie erfahren dort Wahrheiten aus Zeugenmund und Dokumenten, die das Geschehen der Fernseh-Fabel auch im Detail übertreffen. Der 17jährige Hans Nogal von der 11. Klasse eines Gymnasiums in Dormagen erregte sich nach dem Prozeß-Besuch über die »unglaubliche Brutalität": »Hoffentlich bekommen die Angeklagten ihre gerechte Strafe.« Und sein Klassenkamerad Mathias Hoffmann, 16, begriff hinterher: »Solche Verbrechen dürfen nicht verjähren.«

Der Geschichtsunterricht im Saal L 111 ist fast immer schockierend. Da schilderte die Zeugin Paula Jaskowitz, 54, deren Mutter, Schwestern und weitere Verwandte im KZ umkamen, wie eine Majdanek-Aufseherin einen speziell abgerichteten Schäferhund auf ein schwangeres junges Mädchen hetzte. Das Mädchen war von einem SS-Mann vergewaltigt worden, der Hund riß ihr den Bauch auf.

Paula Jaskowitz ging dann langsam durch die Reihen der Angeklagten und blieb vor Hildegard Lächert, 59, stehen: »Das ist sie -- diese Augen vergißt man nicht.«

Immer wieder wurden vor allem die Ex-Aufseherinnen Lächert -- in Majdanek »blutige Brygyda« genannt -- und Hermine Ryan-Braunsteiner (Lagerjargon: »Die Stute") belastet und identifiziert. So auch von der Zeugin Henrita Nitron, 58, die aussagte, wie Hunderte von Kindern zusammengetrieben, auf Lastwagen geprügelt und zu den Gaskammern transportiert wurden.

Im Lokalgespräch blieb der Prozeß durch die Verteidiger, die mehr als 50 Befangenheitsanträge gegen das Gericht und einen Sachverständigen stellten. Sie ersuchten mal darum, eine Zeugin, die in Majdanek als KZ-Häftling Zyklon-B-Behälter tragen mußte, noch im Gerichtssaal wegen Beihilfe zum Mord festzunehmen. Dann wieder beantragten sie, durch Human- und Tiermediziner gutachtlich klären zu lassen, ob verbranntes Menschenfleisch anders als verbranntes Tierfleisch riechen könne.

Als schließlich der Düsseldorfer Rechtsanwalt Jörg Weck, einer der Pflichtverteidiger im Majdanek-Verfahren, für die letzte Faschings-Saison Karnevalsprinz werden sollte und wollte, spürte der Verwaltungsdirektor der jüdischen Gemeinde, Paul Hoffmann, eine »Gefühlskälte« wie bei Beginn seines Leidensweges durch die KZs Auschwitz und Buchenwald.

Düsseldorfs SPD-Oberbürgermeister Bungert intervenierte beim Karnevalsausschuß: Die gedankliche Verbindung von Massenmord-Prozeß und Masken-Klamauk könne sich negativ auf seine Kommune auswirken. Dagegen wiederum protestierte der Anwaltverein, der dem Stadtoberhaupt »eine verfehlte Einstellung zu unserer freiheitlichen Rechtsordnung« vorwarf.

Bungert erwiderte, von den drei Ratsfraktionen unterstützt, ob ein Verteidiger aus der Rohe in das Gewand des Karnevalsprinzen schlüpfen wolle, sei keine Frage der Rechtsordnung, sondern allein des Empfindungsvermögens. Weck verzichtete dann zwar auf das Prinzenamt, aber die rheinischen Narren nahmen es bierernst.

Andere Verteidiger kamen ins Gerede, als die »Süddeutsche Zeitung« das »Tagebuch einer peinlichen Polen-Reise« veröffentlichte. Wieder einmal waren Gericht, Ankläger und Anwälte zu Augenschein und Zeugenvernehmungen nach Lublin gereist, ein Reporter notierte dabei eine Serie von »deprimierenden Umständen«. Da lärmten und lachten Verteidiger nachts in der Bar des Lubliner Hotels »Unia«, die Mädchen der Hotelrezeption mußten sich betrunkener Anwälte erwehren, einer schlief morgens seinen Rausch aus und versäumte den Beginn der Vernehmungen.

Obschon nun immerhin die ersten Urteile abzusehen sind -- ein Ende des Majdanek-Prozesses ist nicht in Sicht. Die bisherigen Belastungen der drei Frauen und des Arztes, deren Verfahren letzte Woche abgetrennt wurden, scheinen so gering, daß Prozeßbeteiligte mit Freisprüchen rechnen: Mord-Beihilfe muß in jedem Einzelfall nachgewiesen werden. Sollten aber die restlichen neun später doch verurteilt werden, ist das für etliche Anwälte kein Grund zur Aufgabe. Sie sehen schon lange »genügend Revisionsgründe«.

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