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ZEITGESCHICHTE Diese Haderlumpen

Britische und amerikanische Historiker haben die geheimste Überwachungsbehörde des Dritten Reiches wiederentdeckt, an der ihre deutschen Kollegen bisher achtlos vorübergingen: Göring, Forschungsamt.
aus DER SPIEGEL 31/1979

Jan Masaryk, Gesandter der Tschechoslowakischen Republik in London, konnte die Nachricht kaum fassen. Doch ein Zweifel war nicht mehr möglich: Englands Premierminister Neville Chamberlain schickte sich an, zu Adolf Hitler zu fliegen und mit ihm über dessen Forderung nach Abtretung des Sudetenlandes an das Deutsche Reich zu verhandeln.

Sofort verlangte Masaryk eine telephonische Verbindung mit Prag, gegen 21.50 Uhr kam sie an diesem 14. September 1938 zustande. Am Apparat meldete sich Eduard Benesch, der Präsident der Republik.

Masaryk: »Haben Sie schon gehört von Chamberlain?« Benesch: »Nein.«

Masaryk: »Er fliegt morgen um 8.30 Uhr nach Berchtesgaden.« Benesch: »Ist nicht möglich!«

Der Gesandte klärte seinen Präsidenten auf: Chamberlain wolle einen Versuch machen, sich mit Hitler zu verständigen, und er werde dabei auch noch von »der Sau Wilson« begleitet, einem seiner engsten Berater, der als besonders deutschfreundlich galt.

Benesch und Masaryk wußten nicht, daß ihr Gespräch in einem Keller des Gebäudekomplexes 116-124 der Berliner Schillerstraße abgehört wurde, in dem das Forschungsamt des Reichsluftfahrtministeriums (FA) saß. Die Telephonverbindungen zwischen London und Prag liefen durch Deutschland -- ideale Chance für das FA, auf dem Höhepunkt der Sudetenkrise alle Gespräche zwischen Benesch und Masaryk mitzuschneiden.

Kurze Zeit darauf lag Hitler das Transkript des Benesch-Masaryk-Gespräches vom 14. September vor, Von Stund an wußte der Diktator genau, was seine Gegenspieler in Prag und London dachten und planten,

»Seine geheime Kenntnis dieser bislang unveröffentlichten -- Telephongespräche erklärt«, so berichtet jetzt der britische Historiker David Irving in einem neuen Buch, »warum Hitler sich seiner Sache in den kommenden zwei Wochen so sicher fühlte.« Hitler wußte die täglichen FA-Aufzeichnungen bei den Verhandlungen »geschickt einzusetzen« (Irving)*.

* David Irving: »Hitlers Weg zum Krieg* F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung, München/Berlin; 532 Seiten; 38 Mark

Fast jeden Zug seiner Gegner kannte Hitler im voraus. Das Abbröckeln des Widerstands der Demokratien gegen Hitlers Aggressionspolitik, die Unstimmigkeiten im westlichen Lager, die Störmanöver Prags -- Hitler war immer im Bilde.

Die abgehörten Benesch-Masaryk-Gespräche boten ihm zudem eine Möglichkeit, Prag bei dessen westlichen Beschützern zu diskreditieren, sponnen doch Beneschs Diplomaten in ihrer Verzweiflung allerlei Intrigen, um die Appeasement-Kabinette in London und Paris zu stürzen. Mit den Männern um Chamberlain war Masaryk fertig: »Sie haben mich nicht gerufen, also scheiße ich auf sie!«

In London, erklärte er Benesch, gebe es viele »dumme Leute«, die sich vor der Verantwortung drückten, und in Paris seien ebenfalls »etliche Haderlumpen« am Werk. »Bonnet, das Schwein« (Frankreichs Außenminister), müsse bald gehen, auch Chamberlain sei fällig' der »kaum noch lallen« könne.

Das verlockte Hitler, der britischen Regierung eine Sammlung der derbsten Masaryk-Sprüche überreichen zu lassen und seine Forderungen gegenüber Prag immer mehr zu verschärfen. Jetzt wollte er sich nicht mehr mit der Abtretung des Sudetenlandes an Deutschland begnügen, jetzt war er darauf aus, die ganze CSR zu annektieren.

Dem mochte freilich nicht einmal Chamberlain zustimmen, die Sudetenkrise geriet auf ihren Siedepunkt. Doch die FA-Berichte kühlten Hitler wieder ab: Die abgehörten Telephongespräche zwischen der britischen Botschaft in Berlin und der Regierung in London ließen keinen Zweifel daran, daß die Briten eher Krieg führen als eine völlige Zerstörung der Rumpf-CSR hinnehmen würden,

Hitler gab nach, und wieder war es eine FA-Meldung, die ihm das Abflauen der Krise ankündigte. Am frühen Vormittag des 28. September hatte das Forschungsamt ein Telephongespräch zwischen Italiens Diktator Mussolini und seinem Berliner Botschafter mitgeschnitten, dem Hitler entnehmen konnte, daß Chamberlain erneut versuchen wolle, sich mit ihm zu einigen -- auf der schon früher gefundenen Basis: Annexion der Sudetengebiete.

Um 11.30 Uhr hörten die FA-Männer ein Gespräch zwischen den beiden Italienern ab, das Hitler einen »grandiosen Sieg« (Mussolini) verhieß. Chamberlain kam nach Deutschland. Die Münchner Konferenz, auf der die Westmächte vor Hitler kapitulieren sollten, bahnte sich an.

Mit solchen Enthüllungen lenkt David Irving die Aufmerksamkeit auf eine geheime Überwachungsbehörde Hitler-Deutschlands, an der bisher die Historiker nahezu achtlos vorübergingen. »Abwehr, Gestapo und SD«, sagt Irving, »kennt mittlerweile jeder, doch mit dem Forschungsamt kann kaum einer etwas anfangen.«

Dabei war das Forschungsamt einmal die einflußreichste jener anonymen Mächte gewesen, die Millionen Deutsche im Griff hielten. Mit seinen 6000 Angestellten, Abhörposten in 15 deutschen Großstädten und Beauftragten in allen Hauptpostämtern, mit seinen Kodespezialisten, Entschlüsselungsmaschinen und Auffangstationen bespitzelte das FA die Nation wirkungsvoller als jede andere Behörde.

1000 fremde Telephonleitungen waren durchschnittlich vom Forschungsamt angezapft, allein in Berlin lasen FA-Zensoren täglich 34 000 Telegramme und Fernschreiben aus dem Inland und etwa 9000 aus dem Ausland. Unerreicht war die Leistungsfähigkeit der FA-Dechiffrierer: Im Zweiten Weltkrieg entschlüsselten sie pro Monat 3000 Telegramme fremder Diplomaten.

Das FA hörte die Telephongespräche zwischen den Berliner Missionen Englands, Frankreichs, Italiens, Japans, Belgiens, Bulgariens, Jugoslawiens und Lettlands und deren Außenministerien ab. Da das europäische Kabelsystem in Berlin und Wien durchlief, las das Amt die meisten Telegramme der japanischen Botschaften in Westeuropa, der türkischen Botschaft in Moskau und der bulgarischen Gesandtschaften in London und Paris mit.

Das Forschungsamt bespitzelte freilich nicht nur ausländische Diplomaten, es beschattete auch Volksgenossen und Parteifunktionäre. Den Gauleiter Streicher überwachte es ebenso wie die Goebbels-Geliebte Lida Baarova und den Hitler-Adjutanten Wiedemann, aber auch Widerstandskämpfer wie die Angehörigen des Kreises um den Abwehrchef Canaris.

Die Abhörberichte des FA, auf braunem Papier unter einem Hoheitsadler getippt und daher von Eingeweihten die »braunen Vögel« genannt, verbreiteten nicht selten Panik und Beklemmung. Manchem NS-Gegner wurden sie zum Verhängnis: mit den braunen Vögeln begannen oft Verfolgungsaktionen,

die in Konzentrationslagern und unter dem Galgen endeten.

Doch ebenso lautlos, wie es agiert hatte, verschwand das Forschungsamt im Getöse der braunen Götterdämmerung. Es hinterließ kaum eine Spur: Im Januar und April 1945 wurde sein Archivmaterial verbrannt -- nahezu bis auf das letzte Aktenstück.

So sahen die Historiker auch keinen Anlaß, sich mit dem FA eingehender zu beschäftigen. Bis heute blieb in der Bundesrepublik das Forschungsamt so gut wie unbekannt; weder (ler Brockhaus noch Kröners »Lexikon der deutschen Geschichte« kennen es.

Erst Ende der fünfziger Jahre stieß der britische Fachhistoriker Donald C. Watt in einem Archiv bei London unter den dort lagernden deutschen Beutepapieren auf eine 83-Seiten-Akte, die vom Forschungsamt stammte. Titel der Akte: »Zu der englischen Politik vom Münchner Abkommen bis zum Kriegsausbruch«.

Es war ein bedeutender Fund. Die im November 1938 entstandene Denkschrift enthielt alle vom FA vor Kriegsausbruch abgehörten Telephongespräche und mitgelesenen Telegramme der britischen Botschaft in Berlin, die nicht einmal den Nachkriegshistorikern Englands bekannt waren.

Für die FA-Akte interessierte Watt den Kollegen Irving, gemeinsam veröffentlichten sie 1968 das Buch »Breach of Security« (Bruch der Geheimhaltung), das zum erstenmal Organisation und Arbeit des Forschungsamtes beschrieb,

Später entdeckte Irving bei den Recherchen für sein neues Buch »Hitlers Weg zum Krieg« weiteres FA-Material: verstreute Aktennotizen in den Archivbeständen verschiedener NS-Dienststellen, einen Hinweis hier, einen Bericht dort, schließlich ganze Transkripte abgehörter Telephongespräche.

Unabhängig von Irving war inzwischen auch der amerikanische Geheimdienst-Autor David Kahn ("The Codebreakers") auf die Spur des Forschungsamtes geraten. Er hatte 1970 begonnen, eine Geschichte der deutschen Geheimdienste während der Hitler-Ära zu schreiben, wobei ihm bald die zentrale Rolle des FA aufgegangen war.

Kahn interviewte ehemalige FA-Funktionäre, fand in US-Militärarchiven die Protokolle von Nachkriegs-Vernehmungen und spürte neues Material auf. Am Ende war er überzeugt: »Das Forschungsamt war der reichste, geheimste, nazistischste und einflußreichste der neun Geheimdienste Hitler-Deutschlands*.«

So läßt sich jetzt die bizarr-gespenstische Geschichte des Forschungsamtes rekonstruieren -- ein Beispiel für die Manipulation des Menschen und den Mißbrauch der Technik in einem totalitären Regime.

Ersonnen hatte das alles ein kleiner, rothaariger Chiffrierbeamter namens Gottfried Schapper, der im Ersten Weltkrieg in den Dienst der militärischen Funkaufklärung getreten war. Schapper ärgerte schon damals das Durcheinander konkurrierender Dienststellen, die Funksprüche des Gegners auffingen und entschlüsselten.

Das gab ihm die Idee ein, man müsse eine einzige zentrale Abhör- und Entschlüsselungsbehörde schaffen, die »objektiv« -- ohne Rücksicht auf die Kompetenzrangeleien der Ministerialbürokratie -- die Regierung mit ihren Erkenntnissen und Materialien beliefert.

In der Chiffrier- und Horchleitstelle, einer Untergruppe der Abwehrabteilung des Reichswehrministeriums, der Schapper seit 1927 angehörte, formulierte er einen Reformvorschlag: Er wollte die Leitstelle von der Abwehr trennen und zu einer eigenen Abhörzentrale machen, die der Reichskanzlei zu unterstellen sei.

Die Politiker der Republik schraken vor solcher Machtzusammenballung zurück und lehnten den Vorschlag ab. Schappers Stunde kam erst, als die Na-

· *David Kahn: »Hitlers Spies«. Macmillan Publishing Co., New York; 672 Seiten; 16,95 Dollar,

tionalsozialisten 1933 die Macht übernahmen.

Alt-Nazi Schapper (erster Partei-Eintritt: 1920) trug Hitler seine Ideen vor, diesmal mit Erfolg. Von einer Unterstellung der neuen Behörde unter die Reichskanzlei wollte zwar auch der Geheimdienst-Verächter Hitler nichts wissen, doch er verwies den Bittsteller an Preußens neuen Ministerpräsidenten Hermann Göring, der eben dabei war, ein Reichsluftfahrtministerium zu schaffen.

Göring war von Schappers Vorschlägen begeistert, er witterte in ihnen sofort eine Gelegenheit neuen Machtzuwachses für sich, Er gab Schapper eine Planstelle in seinem neuen Ministerium, er akzeptierte auch Schappers Anregung, die Behörde »Forschungsamt« zu nennen. Göring feixte: »Natürlich, Sie forschen ja nur nach der Wahrheit!«

Am 10, April 1933 bezog Schapper mit zwei Freunden aus der inzwischen vom Reichswehrministerium abgetrennten Chiffrier- und Horchleitstelle eine Dachstube im Reichsluftfahrtministerium und begann, Mitarbeiter anzuwerben. Im Juli gebot er bereits über 20 Funker, Telephontechniker, Dechiffrierer und Auswerter.

Schapper sicherte sich mit Görings Hilfe Zugang zu einer Radiostation der Reichspost, die dem FA zum erstenmal ermöglichte, den internationalen Funkverkehr mitzuhören. Dann machte er sich an die Telephonkontrolle: Das Reichswehrministerium verlor an das Forschungsamt sein Vorrecht, Telephonleitungen anzuzapfen.

Das FA baute seinen Überwachungsapparat von Monat zu Monat weiter aus. 1934 entstanden Funkabhörstellen in Templin und Glienecke, dann telephonische Kontrollposten in Köln, Nürnberg, Hamburg und Königsberg, Das war nur ein Anfang, Hunderte neuer Mitarbeiter bevölkerten die FA-Büros, immer kompliziertere Techniken zur Überwachung von Deutschen und Ausländern wurden entwickelt.

Das Dachgeschoß im Reichsluftfahrtministerium war für die FA-Zentrale längst zu klein geworden. Ein Häuserblock in den sogenannten Schiller-Kolonnaden des Berliner Stadtteils Charlottenburg nahm die Organisation 1935 mit ihren sechs Amtsgruppen und 15 Abteilungen endgültig auf.

Die NS-Machthaber lernten rasch, die Materialien des Forschungsamtes zur Zementierung ihrer Herrschaft zu nutzen, Immer mehr Gegner des Regimes gerieten auf die Observationslisten des FA. Aber auch in den internen Kabalen des nationalsozialistischen Establishments spielten die braunen Vögel mit.

Vor allem Göring wußte FA-Berichte gegen seine Rivalen und Gegner einzusetzen. Die Kontrolle über das Forschungsamt, das in Deutschland allein Telephone anzapfen durfte, verstärkte noch seine Macht: Er allein entschied darüber, ob ein Antrag der Gestapo auf telephonische Überwachung eines suspekten Bürgers angemessen sei, er allein legte Hitler wichtige FA-Meldungen vor und machte sich damit dem Diktator unentbehrlich.

Göring las jede FA-Meldung, auch abgehörte Polit-Witze wie die Rätselfrage, die die Frau des Ex-Kanzlers Kurt von Schleicher einer Freundin am Telephon gestellt hatte: »Was ist das? Ohne ein i will es keiner sein. Mit einem i jeder.« Die richtige Antwort: »Arisch.«

Weniger amüsant war die FA-Meldung, die Göring seinem Führer am 29. März 1933 in eine Kabinettssitzung mitbrachte, in der es um »Greuelmeldungen« (NS-Jargon) über das Dritte Reich ging. Das Kabinettsprotokoll hielt als Göring-Mitteilung fest: »Die Greuelmeldungen seien hauptsächlich durch den Vertreter der Hearst-Presse, Deuss, nach Amerika gekabelt worden. Durch Abhören seiner Telephongespräche sei das einwandfrei erwiesen.« Deuss wurde ausgewiesen.

Als Ende 1933 eine Gruppe evangelischer Pfarrer unter Leitung Martin Niemöllers versuchte, den auf Druck der Nazis eingesetzten Reichsbischof Ludwig Müller zu stützen, waren es FA-Meldungen, die dem Führer die Taktik seiner Gegner enthüllten -- Niemöllers Telephon war angezapft worden.

Aus Niemöllers Gesprächen ging hervor, daß sich die evangelischen Kirchenmänner mühten, den greisen Reichspräsidenten von Hindenburg gegen Hitler ins Spiel zu bringen und ihn zur Absetzung Müllers zu bewegen. Niemöller am Telephon: »Dem Alten haben wir eine letzte Ölung gegeben. Wir haben ihn so eingeschmiert, daß er den Hund (Müller) jetzt endlich raussetzt.«

Das Transkript der Niemöller-Gespräche sicherte Göring einen theatralischen Auftritt, als Hitler am 25. Januar 1934 in der Reichskanzlei die renitenten Pfarrer, darunter auch Niemöller, empfing. Auf einen Wink Hitlers las Göring die deftigsten Niemöller-Sprüche vor. »Folge: peinliches Zusammensinken der Brüder«, höhnte später Parteipapst Rosenberg.

Ein knappes halbes Jahr danach stürmte Göring mit neuen aufregenden FA-Meldungen in die Reichskanzlei: Das Forschungsamt hatte Gespräche führender Angehöriger der SA, Hitlers Braunhemden-Armee, aufgezeichnet, die eine brisante Mißstimmung gegen den Diktator offenbarten. SA-Stabschef Ernst Röhm spielte mit dem Gedanken einer »Zweiten Revolution«, er hatte sogar Kontakt zu Frankreichs Botschafter Andre Francois-Poncet aufgenommen.

Da zeigte Görings Schnüffelbehörde, daß sie auch die Kodes fremder Staaten zu knacken verstand. Das FA entschlüsselte die Telegramme, die Francois-Poncet an das Außenministerium in Paris schickte. Sie bewiesen, daß der Botschafter Distanz zu Röhm wahrte -- Grund für Hitler, die Ermordung des Stabschefs und seiner Anhänger zu Planen.

Die Telegramme Francois-Poncets gaben den Ausschlag zur Mordaktion des 30. Juni 1934. Hitler: »Ich kenne alle seine Berichte. Ich wußte, daß Röhm mit ihm und Frankreich in hochverräterischen Verhandlungen stand. Ich kannte aber auch Poncets vertrauliche Vorschläge, nicht einzugreifen.«

Der erste große Kodeknacker-Erfolg verschaffte dem FA nun auch eine immer größere Rolle in Hitlers Außenpolitik. Der Führer verlangte, über die Aktionen des Auslands im voraus informiert zu werden, und Göring spornte seine Forscher an. Das bedeutete für das FA: Funkspionage im Ausland, Einbruch in fremde Kodes, Entwicklung eigener, einbruchssicherer Schlüssel.

Ab 1937 waren auch die komplizierteren Kodes der Franzosen vom FA gelöst, das Amt kannte ebenso viele, wenn auch nicht alle Briten-Schlüssel, und eine winzige Aktennotiz läßt den Autor Watt sogar »vermuten, daß einige Funksprüche zwischen der Sowjetbotschaft in London und Moskau aufgefangen wurden«.

Das FA schien nahezu alles zu wissen: daß der Außenminister des mit Deutschland verbündeten Ungarn »den Briten regelmäßig Informationen über die Vorhaben der NS-Regierung zuspielte«, wie Irving notiert, oder daß die französische Regierung und der britische Botschafter in Wien während der Anschluß-Krise von 1938 ernsthaft geplant hatten, durch eine französischbritisch-italienische Militärintervention die Unabhängigkeit Österreichs in letzter Stunde zu sichern.

Auch dies wußte das FA: In der Wehrmachtführung saß ein französischer Top-Spion. Das entschlüsselte Telegramm Nr. 4409, das die französische Botschaft in Berlin am 6. November 1937 nach Paris geschickt hatte, gab nämlich den genauen Inhalt einer Geheimkonferenz in der Reichskanzlei ("Hoßbach-Sitzung") vom Vortag wieder, in der Hitler sein kriegerisches Expansionsprogramm entwickelt hatte. (Der Spion wurde nie aufgespürt)

Allmählich aber wurde Hitler die scheinbare Allwissenheit des FA lästig. Görings »Braune Blätter« hatte er nie gerne gelesen, die kalte Perfektion des Forschungsamtes verdroß ihn. In der Sudetenkrise hatte er noch das FA-Material für seine politischen Schachzüge genutzt, doch je fanatischer er im Sommer 1939 auf den Krieg gegen Polen zutrieb, desto unwillkommener waren ihm die braunen Vögel.

Die FA-Meldungen störten seine »Intuition«, die ihm vorgaukelte, England werde Polen ebenso fallenlassen wie vorher die Tschechoslowakei. In den FA-Blättern stand es mit provozierender Deutlichkeit anders: Eine Auffangmeldung nach der anderen dokumentierte, daß die Briten für Polen kämpfen würden.

Die FA-Auswerter wußten längst, daß die Appeasementpolitik der Vergangenheit angehörte. Unter den vielen Meldungen hatte es ihnen auch dieser Bericht über das Telephongespräch eines nicht identifizierten Foreign-Office-Beamten mit der britischen Botschaft in Berlin enthüllt:

Der Unbekannte glaubt, man sei auf dem richtigen Weg. Sie (die Deutschen) konnten wirklich nicht erwarten, wiederum damit Erfolg zu haben, daß sie Leute herzitieren, ihnen Schriftstücke aushändigen und diese von ihnen auf der vorgedruckten Linie unterschreiben ließen. Das sei alles vorbei. Man müsse dies in Berlin ebenso wissen wie in London.

Hitler wischte solche Meldungen ärgerlich vom Tisch, in seinen Illusionen bestärkt von dem antibritischen Außenminister Joachim von Ribbentrop. Göring aber, der dem FA mehr glaubte als seinem Führer, witterte die Gefahr für Regime und Land. Mit dem FA-Material versuchte er, Hitlers Fahrt in die Katastrophe zu bremsen.

Göring stellte sich gegen Ribbentrop und munitionierte die höheren Beamten des Auswärtigen Amtes mit den Meldungen des Forschungsamtes, er schaltete sich heimlich in die deutschbritischen Verhandlungen ein und konterkarierte Hitlers Brachialkurs -- durch Entsendung zweier Unterhändler nach London, die den Ausbruch des Krieges um nahezu jeden Preis verhindern sollten.

Doch Göring scheiterte. Hitler wollte den Krieg gegen Polen und ließ sich nicht mehr aufhalten. Watt urteilt: »Das FA hatte gewarnt, doch die Warnungen waren ignoriert worden. Und Hitler stolperte in den Krieg gegen Großbritannien.«

Bei Hitler aber hatte das Forschungsamt vollends ausgespielt, keine Macht konnte den Diktator bewegen, noch einmal FA-Meldungen zu lesen. Der Führer, so ließ Hitler-Adjutant Julius Schaub die Herren in den Schiller-Kolonnaden wissen, lehne nun einmal »das pessimistische Material des Forschungsamtes« ab, es hindere ihn »an der Bildung seiner Intuition«.

Das Forschungsamt hatte seine zentrale Rolle verloren, von nun an sah es sich zu bloßen Handlangerdiensten für die deutsche Kriegsmaschine bestimmt. Die FA-Männer um Schapper waren frustriert und dachten fortan etwas kritischer über das Regime und seinen Führer, doch sie arbeiteten mechanisch weiter, ja, sie verbesserten ihr Überwachungssystem noch von Jahr zu Jahr.

Dabei gelang ihnen manches Bravourstück der Funkspionage:

* Im April 1940 fing das FA einen Bericht des finnischen Botschafters in Paris auf, aus dem hervorging, daß die Briten Vorbereitungen für eine Invasion Norwegens trafen.

* Anderthalb Jahre später gelang es dem Forschungsamt, die Funksprüche der sowjetischen Ostseeflotte und der Zentrale der sowjetischen Rüstungsindustrie zu entziffern.

* 1942 versorgte das FA Rommels Afrikakorps mit den Kampfaufträgen der britischen 8. Armee, die es durch systematische Überwachung von Englands militärischem Funkverkehr in Erfahrung gebracht hatte.

* Zur gleichen Zeit verfolgte das FA den diplomatischen Funkverkehr zwischen London und Moskau und las die Churchill-Stalin-Korrespondenz des Jahres 1942 mit.

* 1944 entschlüsselte das FA die Funksprüche der französischen Widerstandsbewegung, denen zu entnehmen war, daß binnen 48 Stunden nach Durchgabe eines bestimmten Stichwortes im britischen Rundfunk die Frankreich-Invasion der westlichen Alliierten beginnen würde.

Je aussichtsloser jedoch Hitlers Krieg wurde, desto mehr verringerten sich die Aufgaben des Forschungsamtes. Das Funkmonopol hatte es schon bei Kriegsbeginn verloren, Wehrmacht und SS beschnitten die FA-Befugnisse, zumal auch die Position Görings im NS-Herrschaftsapparat zusehends schwächer wurde.

Nur die innerdeutsche Telephonkontrolle behielt das FA ungeschmälert, und das machte das Forschungsamt immer mehr zu einem Repressionsinstrument des Regimes. Wo immer Gegner und Kritiker des Systems überwacht werden sollten, zapften FA-Techniker die Telephonleitungen der Verdächtigen an und lieferten der Gestapo das gewünschte Belastungsmaterial.

Gleich zu Kriegsbeginn hatte ein Hitler-Opponent, der General Joachim von Stülpnagel, zu spüren bekommen, wie gefährlich es war, auf die Tonplatten des FA zu geraten. Er war zum Befehlshaber des Ersatzheeres ernannt worden und rief umgehend den Ex-Kronprinzen Wilhelm in Potsdam an, »um die Befehle Seiner Hoheit entgegenzunehmen«. Er wußte nicht, daß der Kronprinz überwacht wurde. Anderntags war Stülpnagel seines Postens enthoben.

Wie Stülpnagel erging es anderen Militärs und Beamten, die im Verdacht standen, gegen das Regime zu arbeiten. Ein Antrag der Gestapo genügte, und schon zogen die Techniker des Forschungsamtes los, ihre Abhörgeräte gegen den vermeintlichen Staatsfeind in Stellung zu bringen.

Als der Abwehr-Oberst Hans Oster, Motor des militärischen Widerstandes und selber ehemaliger Mitarbeiter des Forschungsamtes, im Mai 1940 das Datum der deutschen Westoffensive an den holländischen Militärattaché Sas und den belgischen Gesandten Nieuwenhuys verriet, waren es FA-Berichte, die den Coup des NS-Gegners entlarvten.

Die vom FA festgehaltenen Telephongespräche und Telegramme von Sas und Nieuwenhuys enthielten so deutliche Spuren, daß die Verhaftung Osters und seiner Helfer nur noch eine Frage von Stunden schien. Schon klagte der zuständige Ermittlungsoffizier der Abwehr-Zentrale Oster des Geheimnisverrats an, da rettete Canaris seinen Freund Oster durch ein Machtwort.

Der Fall illustrierte, daß die Macht des Überwachungsapparates begrenzt war. Das FA konnte nur NS-Gegner erreichen, die am Telephon oder in Briefen unvorsichtig waren. Es führte keine Agenten, es arbeitete nicht einmal mit Mikrophonen. Es wies zudem noch andere Lücken auf.

Mancher seiner Mitarbeiter betrieb die innenpolitische Schnüffelei nur lustlos. Das Forschungsamt war politisch nie eine monolithische Organisation gewesen; allein Fachwissen zählte, nur die Hälfte seiner Angestellten war in der NS-Partei. Es gab auch echte Widerstandskämpfer im FA.

Deren führender Kopf, der Oberregierungsrat und Canaris-Freund Hartmut Plaas, gehörte zu den ältesten Mitarbeitern Schappers und leitete die für die innenpolitische Auswertung der Auslandsmeldungen zuständige Abteilung 13. Als der Innenpolitiker des Forschungsamtes hatte Plaas Zugang zu vielen FA-Geheimnissen, was dem Widerstand zugute kam: Plaas warnte die Betroffenen, wann immer die Gestapo Antrag auf deren telephonische Überwachung stellte.

Über seinen ehemaligen FA-Kollegen Oster und seinen Freund Canaris ließ er wichtige Informationen des Forschungsamtes an die Widerständler weitergeben, die so immer wußten, was das FA und die Gestapo gegen sie vorhatten. Die militärischen Widerstandsgruppen konnten in Ruhe den Umsturz planen, sie wußten: Plaas paßt auf.

Doch einige Widerständler konnten den Mund nicht halten. Im Widerstandskreis um die Botschafterwitwe Hanna Solf erzählte man sich mit insiderischem Stolz, wer der Mann sei, der alle Observationsversuche der Gestapo zunichte mache. Ein Gestapo-Spitzel merkte sich den Namen, im Januar 1944 schlugen die Regime-Wächter zu: Plaas wurde verhaftet, am 19. Juli töteten ihn SS-Männer im Konzentrationslager Ravensbrück.

Als Hartmut Plaas starb, war das Forschungsamt bereits auf der Flucht. Am 22. November 1943 hatten britische Brandbomben die FA-Zentrale in der Schillerstraße vernichtet, das Forschungsamt zog von einem Notquartier zum anderen -- bis zum bitteren Ende.

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