Zur Ausgabe
Artikel 1 / 93

GESELLSCHAFT / PROFESSOREN Diese Herren

aus DER SPIEGEL 8/1968

Wie Priester von ihren Kanzeln das Evangelium, so verkünden sie von ihren Kathedern das Wissen und die Weisheit dieser Erde.

Als seien sie Göttern gleich, erkennen sie, was die Welt im Innersten zusammenhält; sie spalten Atomkerne, verpflanzen Herzen, graben in Babylons Schutt, sichten unsichtbare Sonnen und tun überhaupt anscheinend nichts als Wunderdinge, von denen Volksschulweisheit sich nur wenig träumen läßt.

Sie sind überall in der Welt, in Deutschland aber über alles - Denkmäler des Dr. Allwissend, vornehm hingegeben an den hehren Auftrag, nach einer »geordneten Erkenntnis der Wahrheit« (so der Soziologie-Professor Schelsky in Münster) zu streben.

Und sie werden verehrt. Als Goethe in Leipzig studierte, schrieb er seinem Vater nach Frankfurt: »Sie können nicht glauben, was es eine schöne Sache um einen Professor ist. Ich bin ganz entzückt gewesen, da ich einige von diesen Leuten in ihrer Herrlichkeit sah.«

Karl Marx fand, daß diese Gelehrten »Gott seine intimen Gedanken abzulisten verstehen«. Heinrich Lübke fand, daß sie »Gottes Auftrag an die Menschheit« erfüllen. Und tatsächlich rangiert der Beruf des Professors in Volk und Vaterland an allererster Stelle.

* Bei der Rektoratsübergabe im November 1960 in Hamburg.

In Emnid-Umfragen nach der »Hangfolge der Honoratioren« ging in den letzten Jahren regelmäßig der deutsche Universitätsprofessor »als Sieger« (Emnid) durchs Ziel -- zuletzt mit 29 Prozent vor Bischöfen (24 Prozent), Ministern (14), Generaldirektoren (8), Prinzen (7) und Generälen (4).

Offenbar gebannt von Gestalten wie Dr. Faustus und Luther, Sauerbruch und Virchow, Hahn und Heisenberg, waren die Deutschen bislang allzeit bereit, den Professoren -- so Emnid -- z. B. bei einem öffentlichen Anlaß ... einen Ehrenplatz zu gehen«.

Neuerdings aber gibt es Deutsche, die haben etwas gegen Professoren. Es sind diejenigen, die den Meistern stets zu Füßen saßen: die Studenten. Sie bringen ihren Lehrern nicht mehr, wie in alten Zeiten, Ehrfurcht entgegen. Sie bedenken die Professoren mit Schimpf und Schande, nennen sie »autoritäre Scheißer« und »Fachidioten«, die »unter den Talaren Muff von tausend Jahren« tragen.

An der Herrschaft der deutschen Professoren innerhalb der Universitäten, an der Struktur der Hochschulen hat sich die jugendliche Unrast entzündet, die seit Monaten durch Berlin und die Bundesrepublik wogt. Selbstkritisch erkannte Professor Hövels, Direktor der Frankfurter Universitäts-Kinderklinik: »Die Struktur der deutschen Hochschulen ist für die exemplarische Demonstration einer autoritären Gesellschaftsstruktur hervorragend geeignet.«

Und so ist es auch konsequent, daß ausgerechnet die Studenten damit begonnen haben, »am Blattgold der Autoritäten zu kratzen« (so der junge Schriftsteller Günter Herburger im »Monat"). Überall an den Universitäten haben die Lernenden den Lehrenden die Gefolgschaft aufgekündigt und allen Respekt vor ihnen fahren lassen: In Berlin versuchten Studenten, sich mit Nachschlüsseln, Messern und Meißeln gewaltsam Zutritt zu einer Sitzung von 80 Professoren der Philosophischen Fakultät zu verschaffen. Als das mißlang, drehten sie die Sicherungen heraus, so daß die Gelehrten bei Kerzenlicht weitertagen mußten. Als die Sitzung zu Ende war -- die Studenten hatten die Tür eingedrückt -, mußten die Professoren auf dem Gang über Studenten hinwegklettern, die sich auf dem Fußboden niedergelassen hatten.

In Tübingen -- und ähnlich in Hamburg -- sprachen die Studenten ihrem Rektor wegen »offensichtlichen Versagens in der Amtsführung« mit großer Mehrheit ihr Mißtrauen aus. In München veralberten sie bei einer akademischen Feier die Spektabilitäten als »närrischen Elferrat unserer Universität«, bewarfen die Würdenträger mit Konfetti und bepusteten sie mit Seifenblasen.

Im Hörsaal II der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe -- Universität ließen Studenten während einer Vorlesung des Politik-Professors Fetscher einen gelben Papierflieger steigen und warfen mit Büroklammern. Im Hörsaal VI unterbrachen sie die Vorlesung des Bonner Bundesratsministers und Professors Carlo Schmid (SPD) mit Rufen wie: »Was Sie da reden, interessiert doch keinen«, streuten dem Lehrer Streichhölzer auf das Manuskript und rissen ihm einen Knopf von der Lederjacke.

Professor Dr. Wilhelm Hennis, 45, Ordinarius für Politische Wissenschaft in Freiburg, klagte, die Studentenschaft schlage Töne an, »die wir in der deutschen Universitätsgeschichte

nur in üblen Zeiten gehört haben« und die »man kaum anders als aggressiv, rüde, erbittert bis zur Bosheit, herrisch, in extremen Fällen als vulgär und bedrohlich bezeichnen muß«.

Der neue Ton hat die Professoren zum erstenmal um die schöne Ruhe gebracht, mit der sie majestätenhaft seit Generationen ihr Würdenamt versahen.

Vor zwei Jahren noch waren so gottesdienstliche Akte wie eine Rektoratsübergabe oder das Stiftungsfest auch für die Studierenden akademische Selbstverständlichkeiten, und niemand wagte zu lachen, wenn die Talarträger -- so in München -- wie ein Opernchor unter Fanfarenstößen einhergeschritten kamen, vorweg der Rektor mit zwei Szepter tragenden Pedellen zur Seite; oder wenn -- so an der Technischen Hochschule Hannover -- die Magnifizenz sich das Redemanuskript aus einer eigens für diesen Zweck bestimmten Ledermappe in die weißen Handschuhe reichen ließ.

In keinem anderen gesellschaftlichen Bereich herrschen Vorgesetzte noch so unumschränkt wie deutsche Lehrstuhlinhaber in ihren Fakultäten und Instituten. Sie sind fast 5000 an der Zahl und bestimmen

> was geforscht und gelehrt wird,

> wie studiert und geprüft wird und wer überhaupt forschen und lehren darf.

Sie thronen, die 300 000 Studenten tief unter sich, auf der Spitze einer hierarchisch aufgebauten Posten-Pyramide und befehlen über Hilfskräfte, Assistenten, Dozenten, Oberassistenten, Lehrbeauftragte, außerplanmäßige Professoren, Wissenschaftliche Räte Abteilungsvorsteher, Akademische Räte, Kustoden, Prosektoren, Konservatoren, Observatoren, Lektoren, Bibliothekare, Studienräte im Hochschuldienst, Arbeiter und Angestellte. Ein Göttinger Ordinarius von seinem Lehrstuhl herunter: »Ein Professor sein, das bedeutet schon einiges.«

Tatsächlich: Auf deutsche Lehrstühle gelangt man erst nach mühsamer Klettertour, und wer schließlich oben ankommt, hat oft »ein vielfach gebrochenes Rückgrat« (so der Göttinger Politologe Professor Rudolf Schuster). Durchschnittsalter daher: 53,6 Jahre.

Nach geglücktem Studium und gelungener Doktorarbeit (der Dissertation) muß der angehende Professor zumeist mehrere Jahre lang als Assistent an der Universität dienen und seinen Professor bewegen, ihm ein Thema für die Habilitationsarbeit (habilitieren = Lehrberechtigung erwerben) zu geben,. über der er neben seinen regulären Assistentenarbeiten oft zwei Jahre und länger brütet. Wird die Habilitationsschrift angenommen, muß der Kandidat eine Probevorlesung halten und erhält dann die »venia legendi«, die »Erlaubnis zu lesen«.

Wer habilitiert ist, sitzt noch nicht auf einem Lehrstuhl, sondern muß warten, bis ihn der Ruf für eine Fakultät erreicht, die einen leeren Lehrstuhl hat. Der Ruf wird über das zuständige Kultusministerium geleitet, dem die Fakultät eine Vorschlagsliste mit den Namen von (meist) drei Wissenschaftlern unterbreitet, an denen sie interessiert ist.

Außer den 5000 Lehrstuhlinhabern (Ordinarien und Extraordinarien) gibt es derzeit noch 3000 außerplanmäßige Professoren und andere Hochschullehrer, Leute mit »venia legendi«, aber ohne Lehrstuhl; 2000 emeritierte Professoren, die bei Weiterzahlung ihrer vollen Bezüge »entpflichtet« sind, aber auf Wunsch noch weiter lehren dürfen (der älteste noch lesende Professor ist in Köln der 91 Jahre alte Soziologe Leopold von Wiese); außerdem noch 1500 Honorarprofessoren von Ludwig Erhard über Heinz Nordhoff bis zu der Schauspielerin Elisabeth Flickenschildt. Sie bekam den Professorentitel von der Regierung Nordrhein-Westfalens als Ordensersatz verliehen.

Professoren dürfen sich auch noch 500 Lehrer an staatlichen Musik- und Kunstakademien nennen und sogar gut 10 000 bayrische Gymnasiallehrer -- wie einst Heinrich Manns Professor Unrat ("Der blaue Engel").

Das sind aber nicht die »professoralen Fachidioten«, von denen die Studenten -- zumeist übel -- reden. Die Rebellen meinen die Leute auf dem Lehrstuhl, von denen die Mitglieder des »Sozialistischen Deutschen Studentenbundes« (SDS) Wolfgang Nitsch, Uta Gerhardt, Claus Offe und Ulrich Preuß in ihrer Schrift »Hochschule in der Demokratie« meinten, ein so »pseudofeudales Gefolgschaftsverhältnis der Lehrlinge und Gesellen zum Meister« habe es nicht einmal »im alten Zunfthandwerk gegeben, das wenigstens noch die Wanderjahre und Auszüge der Gesellen kannte«. »Im Staat mündig«, so schrieb die Zeit«, »in der Universität ein unmündiges Kind, das ist der Status des deutschen Studenten.«

Sieben Stunden lang mußten zwanzig Münchner Examenskandidaten auf dem Flur stehen, ehe ihr »Chef«, ein Mediziner von Rang, endlich Zeit für sie hatte. Kürzer ging es bei einem anderen Medizinprofessor zu, der an seinen Exaministen, die er bestellt hatte, grußlos vorüberschritt, sich dann zu seinem Gefolge umwandte und befahl: »Schwester. sa-

* Oben links: am 20. November 1967 bei einer Vorlesung von Professor Carlo Schmid. Oben rechts: bei der Rektoratsübergabe im Herbst 1967. Unten: am 31. Januar 1968 vor dem Versammlungsraum der Philosophischen Fakultät, dessen Tür die Studenten zuvor eingeschlagen hatten. Im Türrahmen: der Berliner Ordinarius für Theologie. Helmut Gollwitzer.

gen Sie diesen Forschern, ich habe heute keine Zeit für sie.«

Umgekehrt müssen Studenten und Assistenten stets Zeit für die Professoren haben, zu wissenschaftlichen und ganz anderen Zwecken. So erinnert sich der Münchner Zeitgeschichtler Dr. Günther Plum, es sei »gang und gäbe«, daß der Assistent auch für private Gutachtertätigkeit seines Professors zumindest als Materialsammler Verwendung findet, »und hinterher stellt sich dann heraus, daß man dein Professor wieder ein Stück ans Häuschen angebaut hat«.

Dem Münchner Philosophen Helmut Kuhn steht mehrmals in der Woche einer seiner beiden Assistenten für den Privathaushalt zur Verfügung, wo er für Frau Professor Einkäufe machen darf. In allen Universitätsstädten sind Jung-Akademiker auf einen Wink des Professors gern bereit, Hasen zu mähen, den Bungalow für einen Kinderfasching herzurichten oder ihm, so hei dem Soziologen Emerich Francis in München, beim Zählen seiner Socken und »Unterleibchen« zu helfen.

Alles dies sind Relikte aus einer Zeit, in der ein Professor der Patriarch war, dessen universale Bildung ihm natürliche Autorität und Bewunderung einbrachte. Damals konnte von den Professoren noch verlangt werden, daß sie den ganzen Umfang ihres Fakultätsgebiets parat hatten. So las Universitätsprofessor Immanuel Kant in Königsberg zugleich über Naturwissenschaft und Mathematik, Metaphysik und Logik

Heute vermag ein Professor nicht einmal mehr ein so abgegrenztes Fach wie die Ägyptologie zu überblicken. Der Ägyptologe Hans-Wolfgang Müller gestand. »Selbst hei uns ist alles so groß geworden, daß einer allein das gar nicht beherrschen kann.«

Anfang des vergangenen Jahrhunderts -- in der vorindustriellen Phase

* Mit dem Philosophen Johann Gottlieb Fichte.

der Wissenschaft -- hielten viele Professoren, oft im Schlafrock, ihre Vorlesungen vor ein paar Studenten zu Hause in der Wohnstube ab. Heute -- da die Universität zum Großbetrieb geworden ist -- stehen sie oft tausend Studenten in riesigen Hörsälen gegenüber und verkünden ihre Lehren über Mikrophone.

Die Explosion der Wissenschaften -- vor 1900 erschienen insgesamt soviel Bücher wie seit 1900 -- hat dazu geführt, daß, wie der Soziologe Max Weber notierte, »der einzelne das sichere Bewußtsein, etwas wirklich ganz Vollkommenes ... zu leisten, nur im Falle strengster Spezialisierung sich verschaffen kann«.

In der Kernphysik ist es sogar dahin gekommen, daß es -- so der Münchner Physik-Professor Paul Kienle, 36, -- »für den einzelnen ungeheuer schwierig ist, alles zu verstehen«.

Die Folge davon ist, daß nicht nur Assistenten, sondern auch ältere Studenten auf ihren Spezialgebieten häufig besser Bescheid wissen als ihre Professoren, die »auch durch andere Arbeit so belastet sind, daß sie nicht mehr soviel lesen und lernen können« (so der Politologie-Professor Peter von Oertzen in Hannover).

Zu den Prüfungen aber kehren die Professoren trotzdem gern den Meister hervor und verwirren ihre Kandidaten mit plötzlichen Fragen nach dem traditionellen Vornamen der Fürsten Reuß und reiten -- wie die Göttinger Studentinnen Inge Brose und Irmgard Pickerodt berichteten -- »trotz beteuerter Unkenntnis des Kandidaten zehn Minuten lang« darauf herum.

In einem anderen Fall wurde der Prüfling unvermittelt mit der Frage konfrontiert, was ihm bei Thomas Mann aufgefallen sei. Auf die verlegene Gegenfrage, was einem denn hätte auffallen sollen, erhielt der Student die von vorwurfsvollen Blicken begleitete Antwort: »Seine tiefe Menschlichkeit!«

Ein Göttinger Professor laut »Politikon«, der Göttinger Studentenzeitschrift für Niedersachsen: »Zum Denken sind die Studenten sowieso zu dumm. Dann sollen sie wenigstens auswendig lernen, was ich gesagt habe.«

Die Professoren dieses Typs sind augenscheinlich ebensowenig bereit, ihr patriarchalisches Gehabe fahren zu lassen, wie von der Machtfülle, über die sie als Ordinarien verfügen, auch nur den geringsten Teil abzugeben.

So ist es denn auch kein Wunder, wenn Professor Helmut Schelsky, Soziologe in Münster, die Forderung, »daß der Professor das, was man von ihm beruflich erwartet, auch mit einiger Anstrengung einigermaßen leisten kann«, mit dem Eingeständnis versieht: »Das ist heute nicht der Fall.«

In einem Vortrag über »Berufsbild und Berufswirklichkeit des Professors' rechnete Schelsky vor, daß ein durchschnittlicher Ordinarius 60,9 Wochenstunden Universitätsdienst abzuleisten hat und außerdem 7,6 Stunden lang forscht, meist »sonntags« und »in den Nächten«.

Von diesen insgesamt 68,5 Dienststunden entfallen 37,3 Stunden auf die Lehrfunktion des Professors, 15,5 Stunden auf Verwaltungstätigkeit und rund acht Stunden auf das was Schelsky »die Expertentätigkeit« nennt.

»Freiheit und hülfreich Einsamkeit«, die der Berliner Universitätsgründer Wilhelm von Humboldt vor 150 Jahren als Voraussetzung aller Gelehrtenarbeit nannte, sind längst zur Fiktion geworden.

So ist, wie Schelsky beschrieb, schon die Aufarbeitung der Literatur und Unterlagen »ein derart zeitraubendes Geschäft geworden, daß dabei meist das eigene Werk auf der Strecke bleibt. Hinzu kommt daß die erwünschte Kommunikation mit den Fachgenossen soviel Zeit in Anspruch nimmt, »daß man gut und gern ein Viertel bis ein Drittel des Jahres auf Reisen verbringen könnte«.

Der Münchner Klinikdirektor und Chirurgie-Professor Georg Maurer nimmt deshalb Einladungen zu Vorträgen und Tagungen nur noch an, »wenn es dort einen Flughafen gibt«. Und von einem anderen deutschen Ordinarius wird erzählt, daß er auf die Frage nach seiner Adresse die Antwort zu geben pflegt: »Schreiben Sie an die Panam.«

Auf der Eisenbahn, im Flugzeug und im Auto sind die Professoren zumeist als »außeruniversitäre« wissenschaftliche Experten unterwegs, um sich nebenberuflich in Beiräten, Beratungskommissionen, als Vortragssprecher oder Gutachter zum Wohle des Staates zu betätigen.

Staatliche Stellen hofieren die gelehrten Männer häufig so intensiv, daß mancher von ihnen sich im Kollegenkreis schon den Ruf eines »Callgirls der Bundesregierung« erworben hat.

Doch der Professoren-Glaube, daß die Hilfsarbeit im Staatsapparat womöglich politische Wirkung zeitigt,

* Emil Jannings mit Marlene Dietrich in dem Film »Der blaue Engel«.

ist häufig irrig. Wer so denkt, »überschätzt sich wie alle Intellektuellen« (so der Bochumer Politologe Schnur). Auch der Schnur-Kollege Waldemar Besson in Konstanz meint, daß ein Professor bei den Regierenden nur gern gesehen ist, »wenn er schon bestehende Linien mit Sachverstand unterstützt«.

Obwohl alle Parteien damit renommieren, wie viele Professoren in ihren Reihen mitlaufen, obwohl Volkshochschulen und andere Stätten der Begegnung sich gegenseitig mit der Zahl der Professoren auf ihren Tagungslisten zu übertrumpfen versuchen, halten die Gelehrten selber ihren politischen Einfluß für »sehr gering« (René König, Köln) oder »kaum existent« (Waldemar Besson).

Als die SPD zum Wahljahr 1965 kundtat, zu ihr gehörten 36 Ordinarien, konterte die CDU mit gleich 471 der Regierung verbundenen Hochschullehrern. Und Ehrendoktor Franz-Josef Strauß garnierte die 1964er Landesversammlung seiner CSU, die ihn wiederwählen sollte (und das auch tat), mit 22 professoralen Rednern in einem Dutzend Arbeitskreisen.

Aber als achtzehn deutsche Professoren 1957 ein Manifest gegen die atomare Bewaffnung der Bundesrepublik proklamierten, tat Kanzler Konrad Adenauer den Protest mit einer Handbewegung ab und erklärte, zur Beurteilung dieser Dinge »muß man Kenntnisse haben, die diese Herren nicht besitzen«.

Wenn auch vergebens, so wirken die Professoren doch nicht immer umsonst. Zwar hat Schelsky ausgerechnet, daß ein ordentlicher Professor bei seinem Endgehalt von 2521,21 Mark (so in Bayern) plus Wohnungsgeld und einer Kolleggeldpauschale von beispielsweise 5000 Mark im Semester gerade nur auf einen Stundenlohn von rund 10,50 Mark kommt, jedoch auch hinzugefügt, daß »das Realeinkommen ... in starkem Maße von Gehaltssonderregelungen und von Nebeneinkünften bestimmt ist«.

Zu den Sonderregelungen, die bei Berufungen ausgehandelt werden, gehören etwa Sondergehälter, ruhegehaltsfähige Zuschüsse und Kolleggeldpauschalen bis zu einer Höhe von 18 000 Mark pro Jahr, so daß das ordentliche Jahreseinkommen eines Professors die 70 000-Mark-Grenze erreichen kann.

Schon für einen Vortrag aber können Kapazitäten die Summe von 500 Mark kassieren, wovon etwa der Hamburger Theologie-Professor Helmut Thielicke so eifrig Gebrauch macht, daß seine Assistenten diesen Geldbetrag als »ein Thiel« bezeichnen.

Entscheidend ist, ob ein Wissenschaftler zur Gruppe der »gutachtenden oder der nichtgutachtenden Professoren« gehört. An der Spitze der gutachtenden Kategorie rangieren laut Schelsky »die Handeisrechtler, von denen viele so ihre 300 000 Mark nebenbei verdienen«. Auch manche Architektur-Ordinarien und Ingenieur-Professoren »brauchen ihr Professorengehalt nötig, um die Steuern für ihre Nebentätigkeit bezahlen zu können« -- so Professor Schuster in Göttingen.

Medizin-Koryphäen wie der Düsseldorfer Chirurg Professor Derra gelten gar als Einkommens-Millionäre. Und von dem verstorbenen Göttinger Gynäkologen Professor Martius, der -- wie manche seiner Fachkollegen auch heute -- durch immer neue Auflagen seiner Lehrbücher zusätzliche Gewinne verzeichnen konnte, wird erzählt, er habe es sich leisten können, manche Patienten gratis zu operieren, und dazu scherzhaft bemerkt:,, Das schlage ich dann bei Fabrikantenfrauen wieder drauf.«

Günstige Gelegenheit, sein Gehalt aufzubessern, bietet sich einem Professor immer dann, wenn eine auswärtige Alma mater ihm einen Ruf zukommen läßt. Bei den sogenannten Berufungs- und Bleibeverhandlungen, die daraufhin in den Hochschulabteilungen der Kultusministerien stattfinden, geht es -- wie Teilnehmer berichten -- zu »wie beim Teppichhandel« oder »wie auf dem Ferkelmarkt«.

In der Professorenbranche gilt als Regel, daß »jeder Ruf mindestens 500 Mark mehr« einbringt, so daß manche Professoren ständig nach neuen Rufen fahnden, ohne ernstlich die Absicht zu haben, ihre Universität zu verlassen.

1956 kehrte der Würzburger Staatsrechtler Friedrich August Freiherr von der Heydte von einer Exkursion nach Ägypten mit der Botschaft zurück, er habe einen Ruf ins Nildelta erhalten, und der bayrische Kultusminister Maunz, gleichfalls Professor, beeilte sich, dem Kollegen das Gehalt aufzubessern. 1962 war eine weitere Erhöhung fällig, als von der Heydte einen Ruf nach Wien präsentierte.

Die »Abendzeitung« wußte 1965 zu berichten, »ein hochgeschätzter Ordinarius der Münchner Universität« -- gemeint war der Philosoph Stegmüller -- habe »zum zweiten Male innerhalb von wenig mehr als einem Jahr angedroht, München zu verlassen, wenn nicht seine finanziellen Bezüge kräftig angehoben werden«. Stegmüller erhielt ein »Rufabwendungsangebot«. Die »Abendzeitung": »Die Methode mißfällt.«

Klagen über die »schlechte Salarierung« der Professoren (so in den Akten der Universität Königsberg) gibt es gleichwohl, solange es Universitäten gibt. Die erste war in Alexandria 284 vor Christus.

Der Titel Professor (von lat. profiteri öffentlich bekennen) wurde Rhetoren und Grammatikern im Römischen Reich verliehen. Deutsche Scholaren hörten ihre ersten Vorlesungen in Bologna und Paris, die ersten Universitäten im deutschen Reichsgebiet waren Prag (1348), Wien (1384) und Heidelberg (1385).

Die Professoren, die ihr Amt als »reinen Gottesdienst des Intellekts« begriffen, waren gehalten, »gründliche Erfahrung« nicht nur auf ihrem Fachgebiet, sondern auch »die gute Gabe« zu haben, »dieselbe mit geschickten und vornehmlichen Reden auf eine angenehme und deutliche Weise vorzutragen«, sowie insgesamt »wohlgesittet« zu sein.

Der Aphoristiker und Physik-Professor Georg Christoph Lichtenberg (1742 bis 1799) jedoch fragte: »Was ist denn ein deutscher Gelehrter?« und antwortete: »Nichts, gelbe winddürre Seelengehäuse, deren Westen mehr Falten schlagen als andrer Leute ihre Mäntel. Gliedermänner ... die man herumzerren kann, wie man will.«

Wilhelm von Humboldt beklagte sich bei seiner Gattin: »Gelehrte dirigieren ist nicht viel besser, als eine Komödiantengruppe unter sich zu haben.«

Humboldt freilich war es, der bei Gründung »der Berliner Universität im Jahre 1810 die bis heute geheiligte »Idee der Universität« formulierte, daß nämlich »Einsamkeit und Freiheit« Professoren wie Studenten von den »Elendigkeiten des bürgerlichen Lebens« befreien sollte.

Ihm schwebte eine gleichberechtigte »Gelehrtengeselligkeit« von Professoren und Studenten vor, die auf der gleichzeitigen Lehr- und Forschungstätigkeit der Professoren -- »Einheit von Forschung und Lehre« -- beruhen sollte, in die Studenten mit einbezogen waren: »Das Kollegienhören ist eigentlich nur zufällig; das wesentlich Notwendige ist, daß der junge Mann zwischen der Schule und dem Leben eine Anzahl von Jahren ausschließend dem wissenschaftlichen Nachdenken an einem Ort widme, der ... Lehrer und Lernende in sich vereinigt.«

Doch an den Universitäten gab es Anfang vergangenen Jahrhunderts nicht nur weltabgewandte Gelehrsamkeit, sondern auch politisches Engagement. Die revolutionären liberalen Impulse, die aus den Hörsälen drangen, machten der Staatsautorität mehr und mehr zu schaffen.

1837 jagte der hannoversche König Ernst August sieben Göttinger Professoren -- darunter die Brüder Grimm -- vom Katheder, weil sie gegen die Aufhebung der Verfassung des Landes Protest erhoben hatten. Majestät befahl den Behörden, das »verbrecherische Beginnen« zu ahnden. Den sieben Professoren wurde das Gehalt entzogen, drei von ihnen hatten unverzüglich das Land zu verlassen.

Um Ersatz war dem König nicht bange. »Professoren, Huren und Ballettänzerinnen kann man für Geld überall haben.« Irrtum: Die deutschen Professoren ließen für lange Zeit Göttingen rechts liegen.

Mehr noch: Überall in den deutschen Landen erregten die Göttinger Professoren Bewunderung, und überall wurde Geld für sie gesammelt. Sogar arme Erzgebirgler spendeten. Der Historiker Golo Mann: »Nun zeigen die Professoren, daß sie ·die Meister sind, der geachtetste Stand im Lande.«

Die wissenschaftlichen Leistungen der deutschen Gelehrten, die nach ihnen kamen -- unter ihnen Robert Koch, Wilhelm ("Kilo") Hertz, Albert Einstein, Albert Schweitzer und Max Planck -, brachten zwar Weltruhm über die Professoren und verliehen ihnen den Nimbus von Halbgöttern.

Über Mikroben, Molekülen und Magnetfeldern vernachlässigten sie aber zunehmend, was noch der Göttinger Jacob Grimm für selbstverständlich gehalten hatte, daß nämlich »die Lehrenden bei aller Gelegenheit jede Frage über wichtige Lebens- und Staatsverhältnisse ... mit redlicher Wahrheit beantworten«.

Die Denker -- so ein altes Wort der französischen Schriftstellerin Madame de Stael -- bewegten sich »in himmlischen Gefilden, und auf. der Erde findet man nur Grenadiere«. Was in der Umwelt auch geschah -- die Universität blieb »Gralsburg der reinen Wissenschaft«, und »ihre Ritter vollziehen einen heiligen Dienst« (so der preußische Kultusminister Carl Heinrich Becker in der Weimarer Zeit).

Und die Professoren wurden dafür noch verehrt. Auf sie ging nach 1918, wie der Schriftsteller Robert Jungk notierte, etwas »von der bis zur Devotion gehenden Hochachtung über, die man zuvor im Kaiserreich den höheren Staatsbeamten und Offizieren gezollt hatte«.

Dem Kaiserreich trauerten erst recht die konservativen Professoren selber nach -- und konservativ waren sie inzwischen fast alle. Für sie war der Staat von Weimar das reichlich beschämende Ergebnis des verlorenen Krieges, und ihre Haltung der Demokratie gegenüber schwankte, wie der

* Oben v. l.: Wilhelm Eduard Weber, Wilhelm Grimm, Gottfried Gervinius. Mitte: Eduard Wilhelm Albrecht. Unten v. l.: Heinrich Ewald, Friedrich Christoph Dahlmann, Jacob Grimm.

Philosophie-Professor Helmut, Kuhn fand, »zwischen einer mehr vernünftigen als herzlichen Loyalität und offener Abneigung gegen eine unverstandene ... Staatsform« -- wobei »ein durch demokratische Gleichmacherei gekränktes Standesgefühl noch mitsprach, und der Ärger darüber, daß mao ihnen die Bezüge gekürzt hatte.

Andere, bessere Zeiten erhoffte auch »ein sehr beträchtlicher Teil« (so der ehemalige Heidelberger Rektor Wolfgang Kunkel) der Professoren von den Nationalsozialisten. Fast schien es, daß sie neidisch waren, daß jemand noch weiter rechts stand als sie selber. »Mit Gönnermiene« (so Helmut Kuhn) biederten sie sich »bei den Heißspornen an und gerieten so ins Schlepptau einer Bewegung, der sie ihre reifere Bedachtsamkeit mitzuteilen hofften«.

Mit der Bedachtsamkeit war es freilich bald vorbei. Der Theologie-Professor Joseph Pascher in München erinnert sich, daß es 1933 in der Universität nur »wenige zutiefst entsetzte Menschen« gab. Vielmehr sah Pascher »eine Menge leuchtender Gesichter, denen man die Hoffnung auf ein Tausendjähriges Reich der Deutschen von weitem ansah«.

Die Gesichter hörten auch nicht zu leuchten auf, als schon im April 1933 aufgrund des Hitler-Gesetzes »zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« die jüdischen und andere unliebsame Professoren aus den Universitäten getrieben wurden, insgesamt 1684 Gelehrte, knapp 15 Prozent der Hochschullehrerschaft. Allein in Berlin mußten 32 Prozent der Professoren verschwinden.

Zugleich wurde die Selbstverwaltung der Universitäten abgeschafft: Der Rektor hieß nun »Führer der Universität«, wurde nicht mehr von der Professorenschaft frei gewählt. son-

* In der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität.

dem von der Regierung ernannt und ernannte seinerseits die Dekane.

Offenbar zum Dank dafür erging im November 1933 als »Ruf an die Gebildeten der Welt' von Leipzig aus ein »Bekenntnis der Professoren zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat«, das auch von dem Philosophen Martin Heidegger und dem Mediziner Ferdinand Sauerbruch gutgeheißen wurde. Der Kunst-Professor Wilhelm Pinder: »Unser Leben beginnt, Stil zu bekommen.«

Der NS-Frankenführer und »Stürmer«-Herausgeber Julius Streicher konnte sich leisten. Professoren einzuladen und ihnen einzubleuen: »Wenn man die Gehirne sämtlicher Universitäts-Professoren in die eine Waagschale legte und das Gehirn des Führers in die andere, welche Waagschale, glauben Sie. wird sich senken?«

Widerstand gegen die Nazis gab es an den Universitäten nur vereinzelt. Zum einsamen Symbol jener Professoren, die sich nicht gleichsehalten lassen wollten, wurde der Münchner Professor Kurt Huber, geistiges Haupt der Widerstandsgruppe »Weiße Rose« der Geschwister Scholl.

Vor dem Volksgerichtshof' der ihn und seine Mitstreiter wegen Hochverrats zum Tode verurteilte, bekannte der Professor: »Was ich bezweckte, war die Weckung der studentischen Kreise

zur sittlichen Einsicht in bestehende schwere Schäden des politischen Lebens.«

Nach dem Zusammenbruch wurden über 4000 braune Hochschullehrer entlassen, längst nicht alle freilich, die einst -- so Professor Götz Freiherr von Pölnit, Gründungsrektor der Universität Regensburg -- »die Stunde des Sieges« hatten kommen sehen, als über Deutschland die Hakenkreuzfahnen gehißt wurden.

Pölnitz trat schließlich zurück und starb alsbald. Andere leben und lehren bis heute, zum Beispiel

> in Hamburg der Pädagogik-Professor Hans Wenke, 64, der 1934 in Buchbesprechungen den »SA-Geist« gepriesen und die »Rassenpflege« als »eine Notwendigkeit für die Zukunft des deutschen Volkes« bezeichnet hatte:

> in München der Staatsrechtler Professor Theodor Maunz, 66, der 1936 die »Bezogenheit der Rechtswissenschaft ... auf die nationalsozialistische Weltanschauung« forderte und der bekannte: »Diesem Ziel müssen alle Kräfte des deutschen Hochschullehrers gelten«;

> in Hamburg der Psychologe Professur Peter R. Hofstätter, 54, der 1941 schrieb: »Es ist bestes deutsches Brauchtum, daß die Seelsorge Vorrecht und Verpflichtung des Führers ist«;

in Tübingen der Volkskundler Professor Gustav Bebermeyer, 77, der 1933 auf dem Marktplatz der Universitätsstadt redete: »Nun ist das große Wunder geschehen. Das deutsche Volk ist aufgestanden.«

Maunz mußte als bayrischer Kultusminister zurücktreten, Wenke konnte nicht Gründungsrektor der neuen Ruhr-Universität bleiben -- aber Professoren auf dem Lehrstuhl blieben beide; denn Selbstläuterung kannten die deutschen Hochschulen in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten nicht. Es herrschte Ruhe, die Universitäten waren konfliktfrei.

Es blieb bei der überkommenen Hochschulordnung. Die Professoren herrschten wie ehedem, die Studenten taten, was nach dem Kriege alle Deutschen taten: Sie suchten voranzukommen und machten hin und wieder ein bißchen Ulk. Abgesehen von Diskussionen um die Wiederbewaffnung zu Beginn der fünfziger Jahre trat, wie es in dem jüngst veröffentlichten Fischer-Band »Was wollen die Studenten?« heißt, die »politische Gegenwart vorwiegend im feierlichen Gewand in die Hörsäle ein« -- jeweils am 17. Juni etwa oder am 20. Juli. Gestreikt wurde allenfalls, wenn das Mensa-Essen teurer wurde.

Das änderte sich zusehends, als Mitte der sechziger Jahre offenkundig wurde, daß »die Universitäten dem Massenansturm der Studenten nicht

mehr gewachsen waren. Studenten und Professoren hatten über Jahre hinweg dicke Memoranden über die Notwendigkeit einer Hochschulreform verfaßt, aber die deutsche Universität zeigte sich unfähig, »sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zu ziehen« (Schelsky).

Die Professoren glaubten, das Dilemma beheben zu können, indem sie einerseits immer mehr Geld für die Hochschulen verlangten, andererseits für Studienbeschränkungen an den überfüllten Hochschulen plädierten. Institutionell wollten sie nichts ändern. Die Studenten wiederum verstanden nicht, was 1948 im »Blauen Gutachten« Hochschulprofessoren als Glaubenssatz verkündet hatten: die »im Kern gesunde Tradition der deutschen Universität«.

Denn so gesund war diese Tradition nicht, daß unter den Studenten einer neuen, nicht mehr durch Krieg geschreckten und nicht mehr vom Wirtschaftswunder geblendeten Generation nicht Zweifel am landläufig gepflegten Wissenschaftsbegriff aufkamen.

Wissenschaft im elfenbeinernen Turm zu treiben, zu einer Zeit, da Wissenschaft bis in den letzten praktischen Bereich hineinreicht -- und sei es als Bratpfanne, die aus Weltraum-Werkstoff gefertigt wird: Das erschien immer mehr Studenten fragwürdig. Die politisch engagierten unter ihnen, die heute Filme über die Herstellung von Molotow-Cocktails zeigen, wollten auf den Kathedern keine »Fachidioten« mehr sehen, die zwar die chemische Formel für Napalm entwickeln, aber sich keine Gedanken darüber machen, wozu Napalm verwendet wird.

Der Bruch zwischen Studenten und Professoren wurde in Berlin vollzogen, wo Lehrende und Lernende zwei Jahrzehnte lang in antikommunistischer Eintracht gelebt hatten. Dort wurde eine linksorientierte Studenten-Minderheit zum Kristallisationskern des Protests, ·der sich alsbald ebenso gegen antikommunistisches Schablonendenken wie gegen demokratische Lippenbekenntnisse Bonner Politiker und gegen autoritätsgläubige Professoren richtete.

Ausgerechnet Studenten der freiesten, nämlich der »Freien Universität« in Berlin (wo sie, wenn auch nur als Konzessionsschulzen, von Anfang an sogar bei Professorenberufungen mitreden durften), formulierten es als erste, daß die Zustände an den überfüllten Hochschulen nicht so sehr durch mehr Geld, mehr Lehrstühle oder durch Zulassungsbeschränkungen verbessert werden könnten, sondern vor allem durch innere Reformen, nämlich »Minimisierung« der Professoren -- Herrschaft.

Ihre Kernforderungen, die -- von kaum jemand beachtet -- im Herbst 1961 der damals gerade von der SPD verstoßene »Sozialistische Deutsche Studentenbund« (SDS) in Worte faßte, lauteten:

> Aufhebung aller »sachfremden Herrschaftspositionen und Abhängigkeitsverhältnisse«

> »gleichberechtigte Teilhabe der Dozenten, Assistenten und Studenten« an allen Angelegenheiten der Universität.

Die Berliner Jungens, so fanden deutsche Studenten bald an allen Universitäten, waren richtig. Von links bis rechts meldeten die Studiker ihre Ansprüche an:

> Mitbestimmung von Studenten und Assistenten bei der Berufung neuer Professoren bislang zum Beispiel wird nach alter Sitte kein Professor berufen, der seinem Vorgänger aus irgendwelchen Gründen nicht paßt;

> Mitbestimmung bei Prüfungen, bei der Auswahl des Lehrstoffs und der Forschungsvorhaben -- bislang allein Sache der Ordinarien, die beispielsweise selbstherrlich Verträge mit Geldgebern wie der VW-Stiftung oder Industriefirmen abschließen und damit auf Jahre hinaus festlegen, in welche Richtung geforscht wird;

> Mitwirkung in den Senaten der Universität, in denen neben allen anderen Selbstverwaltungsangelegenheiten etwa darüber verhandelt wird, wer sich habilitieren darf -- bisher Privileg von Ordinarien bestenfalls unter Anwesenheit von Beobachtern der Assistenten und Studenten, die aber das Senatsgeheimnis wahren müssen;

> Öffentlichkeit aller Sitzungen der Universitätsgremien, die nicht mehr wie bisher hinter verschlossenen Türen stattfinden, sondern jedem Interessierten zugänglich sein sollen;

> Abschaffung der herkömmlichen Massenvorlesung, bei der Studenten wie Sextaner beim Deutschdiktat mitschreiben, was Professoren ex cathedra verkünden -- zugunsten kleiner Studierzirkel (Vorschlag des »Rings Christlich-Demokratischer Studenten": höchstens 30 Teilnehmer), in denen gefragt und diskutiert werden kann;

> Politisches Mandat für die (vom Asta -- dem Allgemeinen Studentenausschuß -- repräsentierte) Studentenschaft, der nicht nur gestattet sein soll, sich zu Hochschulfragen zu äußern, sondern auch zu Fragen der großen Politik -- von Vietnam bis zum deutschen Notstand.

Solange junge Akademiker gegen Ulbricht, die Mauer und den Kommunismus schlechthin politisierten, machten die Professoren feste mit und eskortierten sogar ihre Demonstrationszüge. Nun aber, da die Studenten zum erstenmal seit den Tagen des Hambacher Festes* wieder links von den Vätern zu marschieren begannen, verstanden die Professoren die Welt nicht mehr, und ihre Reaktion begann.

Im Senat der Münchner Universität fragte ein Ordinarius den Asta-Vorsitzenden Rolf Pohle: »Was haben wir denn bloß falsch gemacht, daß Sie das jetzt alles wollen?«

Allen Ernstes schlug der Münchner Philosophie-Ordinarius Max Müller, 61, vor, im Flur zwischen Rektorat und Aula Brausen zu installieren, um vordringende Studenten mit kalten Güssen zurückzuschlagen.

Und der Politologe Roman Schnur, 41, von der neuen Universität in Bochum ist zusammen mit einigen seiner Kollegen sogar entschlossen, »woanders was Nützliches zu leisten«, wenn die Studenten es so weit treiben, daß die Hochschulen noch ganz und gar »funktionsunfähig« werden.

Als die Studenten sogar damit begannen, in ihren Zeitschriften öffent-

* Volksversammlung auf dem Hambacher Schloß (Rheinland-Pfalz) im Jahre 1832, auf der, unter anderem von Studenten, demokratisch-republikanische Ideen -- etwa die Volkssouveränität -- proklamiert wurden. Führte zur Abschaffung der Presse- und Versammlungsfreiheit durch den damaligen Bundestag.

lich Vorlesungen zu kritisieren ("Ein Mehr an Fakten und, mit Verlaub, Herr Professor, etwas weniger an hamletscher Selbstbespiegelung"), reagierten viele Professoren wie der Berliner Ordinarius Kaiser: »Das ebenso arrogante wie wissenschaftlich ahnungslose Produkt Ihres anonymen Schmierfinken richtet sich selbst.«

Die sonst liberale Magnifizenz Lieber von der Freien Universität Berlin erwog ein Disziplinarverfahren gegen den Herausgeber des »FU-spiegel«, und der SDS-Mitbegründer Professor Wilhelm Hennis klagte über die aufsässigen Studenten: »Auf jede Perfidie muß man gefaßt sein.«

Und sie alle verteidigten ihre Monopolstellung »mit allen Mitteln unter der Sonne: Religion, Moral, Legenden, Fiktionen«, wie der Soziologe Eduard Baumgarten ermittelte. Als zum Beispiel in Regensburg zum erstenmal an einer deutschen Universität Lehrstühle öffentlich ausgeschrieben werden sollten, wehrte sich Rektor Franz Mayer dagegen mit dem Argument, das sei doch noch nie gemacht worden.

Und wenn gar zum Gesetz werden sollte, daß die Studenten an den Universitäten gleichberechtigt mitbestimmen, dann fürchten die Professoren »die Anarchie und das Chaos«, wie ein Ordinarius in Göttingen kundtat' denn: »Eine Hochschule kann nicht demokratisch sein.«

Sie wollen unter sich bleiben, weil es an einer Universität so ist »wie in einer Familie: Manche Gespräche würden die Eltern auch nicht vor den Ohren der Kinder führen. Das ist zu delikat«, wie Doktoranden des Göttinger Soziologischen Seminars von Professoren bei einer Umfrage erfuhren. Die Professoren gaben ihre Stellungnahmen nur unter der Bedingung ab, daß ihre Namen nicht genannt werden.

Von 41 Göttinger Professoren aller Fakultäten, die sich von den Doktoranden befragen ließen, fanden nur 17, weniger als die Hälfte, daß die Universität »reif für Veränderungen« sei. 19 Professoren wollten nichts von »Krise« hören und gebrauchten lieber den Terminus »Unruhe"' drei fanden alles in bester Ordnung, zwei hatten keine Meinung.

Einer meinte: »Manch einer macht sich interessant, sieht nur einen blinden Fleck und nicht die fruchtbare Arbeit, die geleistet wird, die durchaus noch geleistet wird.«

Ein anderer: »Über Grundsatzfragen zu diskutieren hat wenig Sinn, denn da ist eine Entscheidung ohnehin unmöglich.«

Ein dritter: »Ich weiß von der Unruhe eigentlich nur aus zweiter Hand.«

Und schließlich ein Professor, der an den guten alten Zeiten hängt: »Neben der mangelnden Schulbildung ist zu bedenken, daß wir ein ausgebombtes Volk sind. Es gibt keine Privatbüchereien mehr. Daneben gehen alte Kenntnisse und Fertigkeiten verloren. Wer von den Mädchen kann heute noch Spitzen klöppeln?«

Ein »erstaunliches Bild« ergab die Auswertung der Antworten auf die Frage: »Was, meinen Sie, stellen sich die Studenten unter mehr Mitbestimmung vor?« Informiert darüber war nur ein einziger Professor, 25 konnten »einige Argumente referieren« oder wußten nur »sehr vage Formulierungen« zu äußern, elf machten »keine oder falsche Angaben«, drei wichen einer Antwort aus, einer hatte die »Frage nicht verstanden«.

Rund die Hälfte der interviewten Professoren kennzeichneten gleichwohl die studentischen Forderungen als »abstrus«, »diffus«, »zu radikal« und »nicht realisierbar«. Ein Professor befand: »Das gibt es nicht, das ist nicht gesund.«

Andere meinten, eine Mitsprache der Studenten würde nur dazu führen, daß die Sitzungen der Hochschulgremien immer länger werden, »was zu anstrengend wird für die älteren Herren«, oder daß die wichtigsten Entscheidungen dann eben doch ohne Studenten »irgendwo im Bierkeller von den Professoren getroffen werden«.

Der hannoversche Politologe und SPD-Landtagsabgeordnete Professor Peter von Oertzen schätzt, daß nur »eine prozentual kaum erfaßbare Minderheit« von Professoren die studentischen Forderungen »im Prinzip« akzeptiert, daß »eine etwas stärkere Minderheit«, zu denen er etwa »reformerische oder gar progressive« Rektoren wie Killy in Göttingen und Kaluza in Hannover zählt, diesen Forderungen »liberal aufgeschlossen« gegenübergeht, daß aber eine »breite Mittelgruppe« zur Diskussion nur mit dem Hintergedanken bereit ist: »Wir wollen wieder Ruhe haben, also geben wir ein bißchen nach.«

Professoren, die jeden Gedanken an Neuerungen »massiv zurückweisen«, gehören laut Oertzen ("Das ist der Muff") zu jener Minderheit, »die Politik anders als in der Form von Intrige nicht kennt und deshalb dauernd überall Drahtzieher wittert«.

Vor allem, wenn kesse Studenten »Drittelparität« -- gleichgewichtige Aufteilung des Mitspracherechts für Professoren, Assistenten und Studenten -- fordern, sehen sogar die meisten progressiven Professoren Räterot, erst recht natürlich alle anderen. Der Freiburger Professor Wilhelm Hennis zum Beispiel prophezeit eine »phantastische Senkung des Niveaus«, und der Frankfurter Rektor Walter Heinrich Rüegg, Vorsitzender der Westdeutschen Rektorenkonferenz, ängstigt sich gar: »Die paritätische Mitbestimmung der Studenten würde ... die Universität funktionsunfähig machen.« So denken nahezu 100 Prozent der Professorenschaft.

Untypisch und ganz vereinzelt bekennen sich Professoren zur Drittelparität, aber auch dann nur, weil »die Assistenten dann bestimmt immer mit uns Professoren stimmen« oder »weil sie sowieso kommt«, so die beiden jungen Münchner Physiker Kienle und Hans-Joachim Körner, die beide schon in den USA geforscht haben.

Ein für studentische Belange so aufgeschlossener Professor wie Kurt Sontheimer, der Berliner Politologe, findet, daß die Drittelparität einerseits »demokratisch nicht gerechtfertigt ist«, weil dann »die Studenten viel mehr als nur ein Drittel der Stimmen haben müßten«, daß andererseits eine solche »formale Demokratisierung im Sinne gleicher Rechte für alle« das Ziel der Studenten verfehlt.

Entscheidend ist für ihn, daß die Universität »der auf Amt und Würden pochenden Autorität« enträt und »herrschaftsfrei« liberale Haltung praktiziert.

Kurz: »Wir hätten vielleicht eine demokratischere Universität in unserem Lande, wenn ... der »Herr Professor' nicht mehr der Herr Professor wäre.

Zur Ausgabe
Artikel 1 / 93
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.