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»DIESER DEUTSCHE IM WEISSEN HAUS ...«

aus DER SPIEGEL 52/1970

Wenn er in Laune ist, dann parodiert Henry Kissinger vor seinen Freunden zuweilen den monströsen Mann, für den er von seinen Feinden gehalten wird: den Dr. Strangelove.

Das ist ein Wissenschaftler deutscher Abkunft, der in Peenemünde an der V-2 mitgebaut hat und darob von den Engländern bombardiert, von den Amerikanern importiert worden ist. In den USA hat er seinen seltsamen Namen »Merkwürdigichliebe« in Strangelove übersetzt uni ist schließlich ein Nuklear-Stratege von weitweitem Ruf und einer der wichtigsten Berater des amerikanischen Präsidenten geworden.

Dieser Mann ist freilich auch bloß eine Parodie. Er existiert nur in der Darstellung des Komikers Peter Sehers und ist in deutschen Kinos als »Dr. Seltsam (oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben>» zu sehen gewesen: ein verkrüppelter, an den Rollstuhl gefesselter Dämon, dessen schwarz behandschuhte Rechte immer dann, wenn er sich erregt, zum Deutschen Gruß aufzucken will, und der erst richtig munter wird, nachdem ein ebenso verrückter wie volltrunkener US-General die Atombomber des Strategic Air Command gen Rußland geschickt und damit den nuklearen Weltuntergang ausgelöst hat.

Die Frage stellt sich: Wer parodiert hier eigentlich wen? Bietet Henry Kissinger Anlaß, für Richard Nixons Dr. Seltsam gehalten zu werden?

Er ist Wissenschaftler, deutscher Abkunft, in den USA als Nuklear-Stratege weltberühmt geworden, auch ist er heute einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste Berater des Präsidenten.

Aber sonst ist alles anders. Kissinger hat nie V-2-Raketen gebaut. Vielmehr ist er 1938, als er fünfzehn war, mit seinen jüdischen Eltern vor den Nazis aus Deutschland geflohen. Auch dämonisch ist er nicht und schon gar nicht verkrüppelt. Er ist der Prototyp des Mannes in den besten Jahren; mit seinen siebenundvierzig könnte er ohne weiteres für fünf Jahre jünger -- oder auch älter -- gelten. Er hat einen Bariton wie Samt und Seide, sein deutscher Akzent klingt melodisch und mild, und wenn er will, kann er die bedrohliche Schärfe seines Verstandes im Gespräch mit intellektuell Unterlegenen hinter der lustvollen Langsamkeit seines Formulierens verstecken.

Vor allem aber: Er ist längst nicht mehr nur der zwischen Sein und Nichtsein behende argumentierende Doomsday-Ideologe, der (zum Beispiel 1957 in seinem Buch Kernwaffen und Auswärtige Politik") den Begriff des »Overkill« erfunden hat und der vielleicht ein paar Striche der Strangelove-Karikatur inspiriert haben könnte. Er ist ungleich mächtiger.

Es fällt heute im Machtzentrum der westlichen Welt keine Entscheidung über Krieg und Frieden mehr, an der Kissinger nicht entscheidenden Anteil, an der er nicht bereits im Stadium ihrer Entstehung maßgeblich mitgewirkt hätte.

Und genau das ist der Grund dafür, daß seine Feinde, daß sogar unparteiische Beobachter der Washingtoner Szene ihn wieder und wieder mit jenem utopischen Dr. Strangelove assoziieren: »That German in the White House«, dieser Kissinger, mindestens aber seine Position, ist ihnen unheimlich geworden.

Henry A. Kissinger, Beauftragter des Präsidenten für die Angelegenheiten der Nationalen Sicherheit, ist Richard Nixon näher und verbringt mehr Zeit bei ihm als irgendein anderes Mitglied des persönlichen Stabes oder der Regierung dieses Präsidenten: im Schnitt anderthalb Stunden täglich, meistens unter vier Augen, Telephonate nicht gerechnet. Er ist so gut wie immer dabei, wenn Nixon mit anderen Angehörigen der Administration oder mit Abgeordneten und Senatoren über Außenpolitik und militärische Entscheidungen konferiert. Er ist dabei, wenn ausländische Staatsmänner zu Besuch kommen. Er ist dabei, wenn der Präsident auf Reisen geht.

Im Quirinal zu Rom stand er gedankenschwer inmitten des Präsidentengefolges und knabberte Fingernägel, während zehn Schritt weiter vorn und eine Stufe höher Richard Nixon dem italienischen Staatspräsidenten Saragat mit der forcierten Herzlichkeit des Wahlkämpfers den linken Arm um die Schultern schlüpfen ließ.

In Marschall Titos mäßig modernem Regierungspalast zu Belgrad, wo es nach einem west-östlichen Gastmahl noch echt jugoslawische Volkstänze gab, saß er fünf Fauteuils von dem angestrengt zuschauenden und applaudierenden Nixon entfernt unter den Ehrengästen und ging mit einem auf seiner rechten Armlehne plazierten Assistenten, unbekümmert um die Folklore, dringliche Staatspapiere durch.

In San Clemente, Kalifornien, hat er sich, partiell auf eigene Kosten, die Richard Nixons Feriensitz nächstgelegene Villa gemietet, zwei Autominuten von dem Gebäudekomplex entfernt, der jetzt als das »Western White House« gilt.

Dort, an Amerikas Westküste, aber auch am anderen Ufer der Neuen Welt, in Key Biscayne, Florida, macht er mit Nixon wochenends weite, scheinbar ziellose Wege am Strand, nur der Fährte des Gespräches folgend und unterbrochen von langen Perioden gemeinschaftlichen Schweigens.

An seinem tastenreichen Telephon im Weißen Haus zu Washington ist ein rotes Blinklicht mit der Bezeichnung »PL Pres« (Private Line President) installiert, das samt dem Summer in Tätigkeit tritt, wenn es Nixon ist, der ihn sprechen will. Verläßt er das Weiße Haus, um zu einem Essen oder auf einen Empfang zu gehen, dann steckt er immer eine elektronische Rufvorrichtung ein, die in der Tasche vernehmlich zu summen beginnt, wenn Nixon seiner dringend bedarf.

Kissingers wegen ist in diesem Jahr sogar der Western Wing, der Westflügel des Weißen Hauses drastisch umgebaut worden. Sein Büro ist jetzt nicht mehr im Souterrain, gleich neben dem »Situation Room«, der in seiner walnußgetäfelten Enge eher an das Konferenzzimmer einer »Holiday Inn« erinnert als an die Geheimzentrale der westlichen Vormacht. Kissinger sitzt jetzt oben, dicht beim »Oval Office« des Präsidenten.

Dort, wo früher die White-House-Reporter ihre Tage in abgeschabten Ledersesseln oder am Telephon zubrachten, dominieren heute dicke Teppiche, gestreifter Chintz und englische Teetische. Kissingers Büro hat der Innenarchitekt unter anderem mit einem blauen Teppich, gelben Vorhängen und, als Sitzgelegenheit für Besucher, mit einem babyblauen »Loveseat« ausgestaltet. Es ist das Büro eines Stars. Das einzige, was hier noch ein bißchen an Dr. Strangelove erinnern könnte, ist der kleine graue Fernsehschirm, der neben einem abhörsicheren Telephon auf einem Sideboard hinter dem mächtigen Schreibtisch steht. Vermittels dieses Geräts kann der Chef sich durch Knopfdruck in die Büros von acht engen Mitarbeitern einblenden. »Big Brother« Kissinger findet das »höllisch eindrucksvoll«, aber entbehrlich. Als er dem SPIEGEL das TV-Telephon neulich mit viel Spaß am Spiel vorführte, waren die Büros der Mitarbeiter bereits verlassen, und so ließ er auf der Mattscheibe nur sein eigenes Konterfei erscheinen.

Kein Zweifel, daß Henry Kissinger Spaß daran hat, sein Bild, sein persönliches Monogramm, in den Hervorbringungen der Regierungsapparatur wiederzufinden, deren Knöpfe er bedient. Im Scherz gibt er das auch zu:« »Tut mir leid, daß ich nicht kommen konnte. Ich mußte den Geburtstag meines Schutzbeiligen feiern -- Bismarck.« Oder: »Nächste Woche kann es keine Krise geben. Mein Terminkalender ist schon voll.«

Im Ernst überragt der Professor für politische Wissenschaften aus dem efeubewachsenen Campus von Harvard das aus Rechtsanwaltbüros oder aus Werbeagenturen wie J. Walter Thompson rekrutierte Mittelmaß der Nixon-Mannschaft um mehrere Haupteslängen. Er ist einfach besser als seine Konkurrenz in der Regierung. Er kann eine ganze Menge republikanischer Polit-Profis an die Wand argumentieren. Er ist das intellektuelle Goldstück der regierenden Republikaner, das einzige,

Selbst wenn sich dies verheimlichen ließe -- Kissinger wäre nicht der Mann dazu. Er packt seine Verachtung für das kleine Karo, das um ihn herum getragen wird, in subtile Selbstironie. Wenn er zum Beispiel mit Nixons ebenso jungem wie unbedeutendem Pressesprecher Ronald Ziegler zusammen vor den Reportern erscheint, dann macht er daraus bei jeder Gelegenheit einen Auftritt, der an die traditionellen Hickhack-Shows von Bob Hope und Bing Crosby erinnert. Die Manier, mit der er sich dann als unwissendes. willenloses Werkzeug des allmächtigen Pressesprechers ausgibt, müßte jeden, der über ein empfindlicheres Sensorium verfügt als Ziegler, zutiefst beleidigen.

Ganz ungerochen bleibt dergleichen denn auch nicht, John Mitchell, Justizminister, Nixon-Intimus und (nur noch von seiner Frau Martha übertroffene) Party-Plaudertasche der republikanischen Reaktion, hat Kissinger gelegentlich einen egozentrischen Wahnsinnigen« genannt, »der sich gern mit Jill St. John (einem Hollywooder Sex-Symbol) In den Zeitungen abgebildet sieht. Aber wenn er wieder in seinem Büro ist, dann ist er wirklich ein brillanter Mann.

Kissinger, nicht maulfaul, hat sich alsbald (auf einer Party in der Deutschen Botschaft) revanchiert: »Man hat mich des Größenwahns bezichtigt. In Wahrheit leide ich aber an Verfolgungswahn, und das Angenehme an diesem Job in der Regierung ist, daß meine Feinde hier wirklich existent sind.«

Überhaupt läßt Kissinger keine Chance aus, darauf aufmerksam zu machen, daß er jede Menge Messer im Rucken habe; und er trägt sie mit einer Mischung aus Stolz und komischer Verzweiflung. »Bitte beachten Sie das Verhältnis echten Vertrauens und gegenseitiger Unterstützung, das im Stab des Weißen Hauses herrscht. In Harvard habe ich zehn Jahre gebraucht, mich total mit meiner Umgebung zu verfeinden. Ich möchte Sie darauf hinweisen, daß mir dies hier in achtzehn Monaten gelungen ist.«

Geistreich ist er auch noch, das kommt erschwerend hinzu. Der Mann, der bei John F. Kennedy weniger wegen seiner politischen Überzeugung als vielmehr wegen seines schwerblütigen Stils (oder besser: wegen Mangels an einer speziellen Leichtfülligkeit) nicht reüssierte -- in Nixons Washington, wo man dem Babysitter risikolos versprechen kann, vor Mitternacht wieder zu Hause zu sein, hier ist Henry Kissinger wahrhaftig »the only show in town«.

Aber auch dieser vergleichsweise belanglose Umstand ist unversehens zur Legende aufgewertet worden. Die vielköpfige Fama Washingtons hat den »swinger« in Henry Kissinger entdeckt -eben den Bruder Leichtfuß, den Draufgänger, den »Playboy of the Western Wing«. Dabei mag, vollends bei rechtskonservativen Republikanern, eine Rolle spielen, daß er nicht (mehr) verheiratet, also »zu haben« ist. Kissinger selbst hat, mit charakteristischer Selbstironie, bloß darum gebeten, sein Frauenheldentum dann wenigstens als geheim zu betrachten. Er sei, hat er (auf einer Party in der Türkischen Botschaft) gesagt, ein »secret swinger«.

In Wahrheit ist er noch nicht einmal das. Mit achtzehn Jahren hat er, beim nächtlichen Adressenschreiben in New York, das schöne deutsche Flüchtlingsmädchen Anna Fleischer kennengelernt; sieben Jahre später, 1949, als er bereits unterwegs war zu akademischen Ehren, hat er sie geheiratet Genug Zeit gefunden für seine Ehe hat er freilich nie, obwohl er es immer wieder versucht hat. Seine Tochter Elizabeth ist erst nach zehn Ehejahren zur Welt gekommen, 1959, sein Sohn David 1982. Im Frühjahr 1963 haben die Eltern sich endgültig getrennt, seit 1964 sind sie geschieden. Henry Kissinger hat diese Scheidung nicht leicht genommen. Die Kinder will er einmal monatlich sehen, nimmt sie auch gern mit nach San Clemente und teilt ihre Vorliebe für eine bestimmte »Tour« im »Disneyland«, betitelt: »It's a small, small world.«

In Washington sieht man ihn zuweilen mit diversen Damen um die Dreißig, alle blond, alle größer als er, alle ungewöhnlich gescheit: Gloria Steinern zum Beispiel, Kolumnistin des »New York«-Magazins, oder Nancy McGinnis, Tochter reicher Leute aus New York, derzeit Doktorandin der Geschichte. Die Washingtoner Gesellschaftsdame Barbara Howar aber, die ihn einen »Super-Kraut« nennt, weiß genau: »Henry hat überhaupt nicht die Zeit, ein swinger zu sein -- ein heimlicher, ein offener oder was auch immer. Wenn er Sie beispielsweise zum Essen abholt, brauchen Sie mit dem Umziehen gar nicht erst anzufangen, bevor er nicht das drittemal angerufen hat, um zu sagen, er sei jetzt unterwegs.«

Immerhin -- Nixons »Dr. Seltsam« und Washingtons Liebling: ein »Super-Kraut«, ein »Professor Bismarck«, ein »Deutscher im Weißen Haus«. Was Wunder, daß sich lieblose Legenden bilden. Denn nach den ungeschriebenen Gesetzen dieses Landes der unbegrenzten Möglichkeiten hätte Henry Kissinger durchaus Schwierigkeiten, vollbestallter Minister zu werden -- weil er nicht in Amerika geboren ist.

Geboren wurde er am 27. Mai 1923 in Fürth, Mathildenstraße 23, als Sohn von Paula Kissinger, geborene Stern, und Louis Kissinger, Hauptlehrer an der Städtischen Höheren Mädchenschule. Laut Eintragung Nr. 571"1923 im Standesamtsregister Fürth erhielt der Sohn die Vornamen Alfred Heinz.

Als Kind ist er aus Bayern nicht herausgekommen, außer einmal in den Ferien mit den Eltern nach Marienbad. »Mein Leben in Fürth«, teilt er auf Anfrage mit, »scheint ohne tiefere Eindrücke verlaufen zu sein Aber ich weiß noch sehr gut, daß ich ein fanatischer Anhänger der Kleeblatt-Elf (der »Spiel-Vereinigung Fürth«, die 1914, 1926 und 1929 Deutscher Fußball-Meister wurde) gewesen bin.«

Wenn er später -- 1934 wurde er zwangsweise an die jüdische Realschule in Fürth versetzt -- Fußball spielen ging, anstatt daheim Klavier zu üben, gab es freilich oft Prügeleien mit den arischen Schulbuben in der Mannschaft -- was Heinz so lange zu verheimlichen suchte, bis es sich nicht mehr verheimlichen ließ.

Louis und Paula Kissinger, seine Eltern, gehörten zu jenen deutschen Juden, die nicht für möglich hielten, daß Hitler seine Ausrottungsdrohung wahrmachen werde, und die sich ein Leben außerhalb Deutschlands ohnehin nicht vorstellen konnten. Bald nach der »Reichskristallnacht« (November 1938) wurde ihnen klar, daß es in Deutschland ganz gewiß kein Leben mehr für sie gab.

Aber sie sind in der New Yorker Flüchtlingskolonie Washington Heights, wo sie heute noch leben, nie richtig heimisch geworden. Louis Kissinger, der die Familie anfangs als Bürohilfskraft, dann als Buchhalter durchbrachte, sammelt, was die Zeitungen in Fürth über seinen Sohn drucken. Paula Kissinger hilft auch jetzt noch manchmal bei jüdischen Familienfeiern in der Küche aus -- inkognito.

Alfred Heinz Kissinger war ein fränkischer Fußball-Fanatiker von fünfzehn Jahren, als er nach New York kam. Die Riesenstadt faszinierte ihn nicht, bedrückte ihn eher. Sie brachte ihm bei, daß er -- der Deutsche, der Jude -- besser, viel besser sein mußte als die anderen, wenn er hier durchkommen wollte. Er lernte sehr schnell (wennschon nicht akzentfrei) »Englisch, nannte sich Henry A. und wurde auf der George Washington High School in Manhattan das, was er zu Hause nie gewesen war: ein Musterschüler.

Amerikanischer Staatsbürger aber durfte er erst 1943 werden, als die Army ihn einzog und alsbald, wegen seiner deutschen Sprachkenntnisse, der Abwehr überstellte. So lernte Henry A. Kissinger Deutschland kennen -- als Corporal, später als Sergeant des 970. Counter

Sohn David, Tochter Elizabeth, an der Atlantikküste.

Hollywood-Starlet Jill St. John, in Los Angeles.

Intelligence Corps, Mit zweiundzwanzig Jahren (im Mai 1945> war er Stadtkommandant von Krefeld, dann verantwortlich für die Verwaltung des Landkreises Heppenheim an der Bergstraße. Militärisch machte er als Instrukteur einer amerikanischen Geheimdienstschule in Oberammergau Karriere; letzter Dienstgrad: Captain.

Nicht gut genug für Kissinger. Mit Hilfe eines Kriegsteilnehmer-Stipendiums begann er, nach der Entlassung ans der Army, eine akademische Karriere, in Harvard, als Historiker und Politologe: 1950 Bachelor of Arts (summa cum laude), 1952 Master of Arts und 1954 eine mit dem Summer-Preis ausgezeichnete Doktorarbeit (Ph. D.) über die Verhütung von Kriegen.

Seine beiden wichtigsten Bücher schrieb Kissinger gleichzeitig; beide erschienen 1957: ein historisches ("A World Restored") über Metternich, Castlereagh und den Wiener Kongreß. das eine gewisse Verehrung für Metternich"s Meisterschaft erkennen läßt, Politik sozusagen auf dem Schachbrett zu machen; ferner ein militärpolitisches, eben jene Untersuchung über »Kernwaffen und Auswärtige Politik«, worin Kissinger, entgegen der damals gültigen Dulles-Strategie massiver nuklearer Abschreckung, begrenzte Atomkriege für denkbar hält.

So begann die politische Karriere des Henry A. Kissinger -- eine Karriere, deren Widersprüchlichkeit nur noch von ihrem Erfolg überboten wird.

Der General Eisenhower, Präsident und Vater-Symbol der Republikaner, konsultierte ihn als Militär-Experten. Der Demokrat John F. Kennedy machte ihn zum Berater in Fragen der nationalen Sicherheit. Das Engagement ging zu Bruch, als Kissinger, ehedem Advokat des Einsatzes strategischer Atomwaffen, sich mit Kennedy justament über dessen Projekt einer

* Oben: In Fürth, vor der Auswanderung. Mitte: Als amerikanischer Sergeant, 1945 auf dem Obersalzberg.

multilateralen Atomflotte für die Nato zerstritt -- nicht zuletzt deshalb, weil Kissinger dagegen war, die Deutschen auch nur in die Nähe des atomaren Drückers zu lassen.

Als überzeugter Republikaner kehrte er nach Harvard zurück. Von hier aus reiste er, nach Kennedys Ermordung, im Auftrag des Demokraten Lyndon B. Johnson dreimal nach Vietnam und entwarf schließlich einen Vietnam-Friedensplan für den Republikaner Nelson Rockefeller, den er im Kampf uni die republikanische Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen des Jahres 1968 aktiv unterstützte -- gegen Richard Nixon.

Es gibt Beobachter des republikanischen Parteikonvents in Miami 1968, die Kissinger, nach Nixons Sieg über Rockefeller, zutiefst deprimiert gesehen haben. Er hielt Nixon damals einfach nicht für fähig, die Nation aus dem Indochina-Konflikt zu lösen und im Innern zusammenzuführen. Frühe Abwerbungsversuche aus dem Nixon-Lager wies er brüsk ab -- weil er sich überhaupt nicht vorstellten konnte, daß Nixon je auch nur eine Zeile aus seinen Entwürfen übernehmen würde. Aber im Dezember des nämlichen Jahres 1968 akzeptierte er, unter allgemeinem Applaus, die Ernennung zum Sicherheits-Beauftragten des gewählten Präsidenten Nixon.

Warum? Freunde In Harvard meinen, Henry Kissinger habe einer Chance, »so viel Einfluß auszuüben«. noch nie widerstehen können. Er, der Bismarck mehr als Metternich bewundert (Germanys greatest modern figure), sei diesmal in der festen Absicht nach Washington gegangen, »den Bismarck bei Kaiser Nixon zu spielen.

Da ist was dran. Der Typ Gelehrter, der nichts weiter im Sinn hat, als aus Tinten und Tuben seine Pandekten satt zu machen, ist Henry Kissinger in der Tat nie gewesen. Er ist nicht nur an der Ansammlung, sondern vor allem an der Anwendung von Wissen interessiert. Er sagt ganz offen, daß er keinesfalls noch einmal bloß Berater einer Regierjung sein werde (wie er es früher war) -- ein Weiser ohne Weisungsbefugnis, ein Mann, dessen Etatschlag von der etablierten Bürokratie einfach überrollt werden kann. Für ihn ist die Relativierung der populären These, Wissen sei Macht, eine ärgerliche Erfahrung.

Macht, sagt Henry Kissinger, »ist das größte Aphrodisiacum«. Gemeint ist, daß mächtigen Männern die Frauen scharenweise nachlaufen. Doch der Gag charakterisiert auch Kissinger selbst. Macht auszuüben, stimuliert ihn, bewirkt eine Steigerung seines Selbstgefühls, die keine Kontemplation ihm geben kann.

Aber das alles ist nur die halbe Wahrheit, ist nur der halbe Kissinger -- nur die eine Seele in seiner deutschen Brust.

Der andere Kissinger ist Historiker »und wenn man als Historiker eines begreifen lernt, dann die Vergänglichkeit der Macht, der politischen Strukturen, auch der Staaten. Er weiß: »Nichts ist schwerer für Amerika, als die reale Möglichkeit des Tragischen zu verstehen«

Der andere Kissinger ist Pessimist. Er hegt tiefe, unausrottbare Zweifel an der weltverbessernden Wirksamkeit jeglicher Machtausübung. Er vermag nicht zu glauben, daß eine Regierung, und sei es die mächtigste der Welt, überhaupt etwas Entscheidendes am beklagenswerten Befinden der Menschheit ändern kann.

»Henrys Ansichten über sozialen Wandel«, sagt einer seiner alten Freunde, »erinnern mich an Goethes Ausspruch: Wenn er zu wählen hätte zwischen Unordnung und Ungerechtigkeit, würde er sich für Ungerechtigkeit entscheiden. Das gilt auch für Henry -- nicht weil er für Ungerechtigkeit wäre. sondern weil er bis ins Mark davon durchdrungen ist, daß es ohne Ordnung keine Gerechtigkeit geben kann.«

Soziale, aber auch institutionelle Veränderungen haben in diesem Konzept der Bewahrung und der Balance nur dann Platz, wenn sie das Gleichgewicht der politischen und gesellschaftlichen Kräfte nicht durcheinanderbringen. Und das gilt nicht nur für die USA.

Aber gerade mit diesem ais Pessimismus hergerichteten Konservativismus hat Henry Kissinger bei Richard Nixon unverhoffte Seelenverwandtschaft gebunden. »Das heißt, eigentlich ist es umgekehrt: Richard Nixon hat in Henry Kissinger den Mann gefunden, der in ein politisches Konzept, ja sogar in eine Formel für den Frieden übersetzen kann, was dem Präsidenten selber bloß seine Instinkte signalisieren: den Rückzug der USA auf sich selber.

Richard Nixon, späte Verwirklichung des ur-amerikanischen Selfmademan, Nachgeburt des American Dream, kam zur Macht in einer zerrissenen, zum erstenmal ernstlich an sich selber zweifelnden, ihrer weltweiten Kraftakte überdrüssigen Nation -- kam zur Macht mit dem dumpfen Drang, den rechten Weg in der Reduktion suchen zu müssen, im Abbau der amerikanischen Verpflichtung gegenüber der Welt der siebziger Jahre, aber auch in der Ermahnung an alle Amerikaner, »ihre Stimmen zu senken« und sich wiederzufinden im Glauben an die gute, alte, jeglichen Konflikt von selber regulierende Gesellschaft der freien Verdiener.

Und er engagierte Henry Kissinger, den konservativen Historiker mit der stillen Liebe für das europäische Staatenkonzert des neunzehnten Jahrhunderts, den geopolitischen Strategen der Balance of Power, in dessen Weltbild Recht und Ordnung als stabilisierende Faktoren eine nicht minder wichtige Rolle spielen als in Nixons Weltbild, wennschon eine wesentlich differenziertere.

Persönlich kannten die beiden sich überhaupt nicht. Kissinger hat Nixon, bevor dieser ihn engagierte, »buchstäblich nur mal die Hand geschüttelt« -- auf einer Weihnachtsfeier.

Dessenungeachtet zeigte Henry Kissinger sich bereit und in der Lage, etwas für Richard Nixon zu tun, was bislang noch niemand getan hatte: Er nahm Nixons vage, zwischen Antikommunismus und Appeasement vergebens Halt suchende Idee vom »niedrigeren Profil« der Weltmacht USA, versah sie mit einer intellektuellen Struktur, fügte alle erforderlichen Einzelheiten hinzu und reichte das Ganze dann, hübsch verpackt und jederzeit gebrauchsfertig, wieder zurück.

Wir«, so Kissinger, »hatten den Übergang anzuführen von der Ära eines beinah grenzenlosen Optimismus zu einer mehr an den realen Möglichkeiten orientierten Außenpolitik« -- und die geht von der These aus, daß Verpflichtungen, die Amerika zur Zeit des Kalten Krieges eingegangen ist, dem amerikanischen Interesse am Ende des Kalten Krieges nicht mehr dienlich sein können. »Es ist nicht gut für uns, aber auch nicht für andere Länder, wenn wir die Hauptlast der Verantwortung tragen für die Verteidigung und den Fortschritt der ganzen Welt.« Also sprach Kissinger. Und es entstand die »Nixon-Doktrin«.

Jeder Präsident »läßt denken«. Aber darum handelt es sich hier nicht. Die Beziehung zwischen dem Präsidenten Nixon und dem Beauftragten Kissinger ist im Kern eine Schüler-Lehrer-Beziehung. Wer einmal dabei war, wie Kissinger einem gestandenen Politiker die Lage erklärt oder« ein Problem analytisch verdeutlicht hat, der wird das nicht befremdlich finden. Gerade von Mann zu Mann ist der Professor Kissinger ein besonders effektiver Lehrmeister. Und qualitativ entspricht die Differenz zwischen ihm und Nixon ziemlich genau dem Abstand zwischen einem brillanten Historiker und einem gerissenen Rechtsanwalt.

Im übrigen erstreckt sich der Einfluß des Lehrmeisters keineswegs nur auf den Schüler, also den Präsidenten, sondern vornehmlich auf das Pensum, also auf die Außenpolitik -- genauer: auf deren Planung. Der Begriff außenpolitische Planung ist in Washington derzeit bloß ein Synonym für das »Kissinger-System«.

Dieses System fußt auf zwei grundlegenden Einsichten seines Erfinders: Amerikanische Außenpolitik kann heute, im Unterschied zu den Tagen jenes »fast grenzenlosen Optimismus«, nicht mehr empirisch betrieben werden, sozusagen als Lernprozeß für naive Weltverbesserer. Sondern: Die erste Lektion, die eine Weltmacht wie die USA heute zu lernen hat, ist die Notwendigkeit der Planung, der »Konzeptualisierung« ihrer Außenpolitik. Dazu aber bedarf es der Bürokratie -- »und die Schwierigkeit im Umgang mit der Bürokratie liegt eben darin, daß diese unter Planung immer nur die Bewahrung der Gegenwart und der Zukunft versteht«.

Gleich. nach seiner Ernennung zum Sicherheits-Beauftragten machte sich Henry Kissinger also daran, die Bürokratie bei der Vorbereitung außenpolitischer Entscheidungen zu unterlaufen -- indem er sie methodisch überholte. Das heißt, er setzte die eingefahrene Manier der Ministerien, allenfalls drei Lösungsmöglichkeiten als Entscheidungsgrundlage vorzuschlagen -- zwei absurde und in der Mitte die von der Bürokratie bevorzugte -, vermittels akademischer Arbeitsdisziplin matt.

Bei der Vorbereitung der unter dem Kürzel Salt bekanntgewordenen Abrüstungsgespräche zwischen Amerikanern und Russen zum Beispiel gab es in der Nixon-Administration zunächst im wesentlichen nur die übliche, abstrakt-ideologisch geführte Debatte zwischen den einen, die verhandeln wollten um des Verhandelns willen, und den anderen, die den Russen prinzipiell nicht zutrauen mochten, irgendeine Abmachung einzuhalten, und also nicht verhandeln wollten. Kissinger neutralisierte diese Debatte dadurch, daß er die vollständigste Studie anfertigen ließ, die zum Thema Salt bislang erstellt worden ist.

Er ließ unter anderem untersuchen: Welche Verletzungen eines möglichen Abkommens sind denkbar; welche Verletzungen wären strategisch bedeutsam; was könnte man gegen solche Verletzungen tun; welche Überwachungsmöglichkeiten hat der Geheimdienst im einzelnen. Die so gewonnenen Inforationen lösten die abstrakte Argumentation ab, und auf der Basis dieser Informationen wurde dann die amerikanische Verhandlungsposition für Salt ausgearbeitet.

Der Apparat, dessen Kissinger sich dabei bediente« der Nationale Sicherheitsrat ("National Security Council«, kurz NSC) -- eine Art Kabinettsausschuß unter Vorsitz des Präsidenten, mit Unterausschüssen und eigener Bürokratie -- ist nicht neu. Harry Truman hat ihn 1947 als außen- und militärpolitischen Entscheidungshelfer des Weißen Hauses installiert und seinen Nachfolgern vererbt. Eisenhower benutzte den NSC als hochtourig leerlaufende Papierfabrik des Präsidenten-Stabes; Kennedy demontierte große Teile dieser Fabrik und verließ sich mehr auf die persönliche Meinungsfreudigkeit von Beratern wie McGeorge Bundy und WaR Rostow; und Johnson machte eine unverbindliche Tafelrunde daraus, die »Tuesday luncheons« mit Rostow, Robert McNamara und Dean Rusk. Unter Nixon nun ist der NSC zum »Kissinger-System« geworden.

Das System verfolgt einen doppelten Zweck: die außenpolitische Bürokratie (also im wesentlichen Außenministerium und Verteidigungsministerium) zur Ausarbeitung aller in einer gegebenen Situation denkbaren Verfahrensmöglichkeiten (Optionen) zu veranlassen und diese dem Präsidenten entscheidungsreif aufzubereiten; ferner den Präsidenten abzuschirmen von den regierungsinternen Auseinandersetzungen, die der Herstellung eines bürokratischen Konsensus unvermeidlich voraufgehen. Gesteuert wird dieses System von Henry Kissinger allein.

Er bespricht mit den engeren Mitarbeitern seines Stabes, der mit dem NSC-Stab praktisch identisch ist, welche vorhersehbaren außen- und militärpolitischen Entwicklungen eingehender Entscheidungsvorbereitung bedürfen. Er läßt Fragebogen (sogenannte NSC-Memoranden) entwerfen und an die sachlich betroffenen Ministerien verschicken, meist mit sehr detaillierten Fragestellungen. Nicht selten läßt er von seinem eigenen Stab eine Paralleluntersuchung machen, gleichfalls mit dem Ziel, entscheidungsreife Optionen zu entwerfen. Alle diese Entwürfe kommen entweder direkt oder über ein Geflecht interministerieller Gruppen und Revisionsausschüsse, in denen Kissinger zum Teil selbst den Vorsitz hat, auf seinen Schreibtisch. Henry Kissinger sitzt wie die Spinne im Netz seines Systems (siehe Graphik).

Sämtliche Vorlagen des Außenministeriums, des Verteidigungsministeriums und des Geheimdienstes CIA für das Weiße Haus laufen über seinen Schreibtisch, auch solche, die er nicht angefordert hat. Er bestimmt, ob der Präsident sie au sehen bekommt oder nicht. Er redigiert die Formulierung der entscheidungsreifen Alternativen. Er trifft unter ihnen die vorletzte Auswahl. Und er präsentiert diese Auswahl, oft auf einer Vollsitzung des Nationalen Sicherheitsrats, dem Präsidenten.

Dieses System ist, so wie es funktioniert, wohl nur unter Nixon möglich. Es entspricht haargenau dem Hang zur Ordentlichkeit und zur Einsamkeit, der jenseits aller populären Posen den Arbeitsstil dieses Präsidenten kennzeichnet. Nixon scheut Diskussionen mit vielen sachkundigen Teilnehmern, die »dann alle ins Detail gehen wollen. Er möchte seine sämtlichen Optionen schriftlich haben -- und dann will er möglichst nur noch mit einem Mann (pro Sachgebiet) darüber reden.

Kissinger hat das bald begriffen. Nicht lange nach seinem Amtsantritt, während einer neuen Vietcong-Offensive, wollten die Schlachtenlenker aus dem Pentagon wieder einmal in den Lageraum des Weißen Hauses umziehen und die Operationen von dort aus befehligen, wie sie das unter Johnson gewohnt waren. Kissinger, zuständigkeitshalber um sein Plazet gebeten, war skeptisch: »Lassen Sie mich erst mal den Präsidenten fragen.« Nixon aber wollte nur eines wissen: »Gibt es irgendeine Entscheidung, die ich jetzt treffen kann, treffen muß?« Kissinger verneinte. Dann, sagte Nixon, sollen die Herren bleiben, wo sie sind, und erst herüberkommen, wenn etwas zu entscheiden ist: »Ich will mich nicht von einer Menge taktischer Überlegungen behindern lassen, die nicht meines Amtes sind.

Der Mann, mit dem allein Richard Nixon noch reden will, nachdem Henry Kissinger ihm die Optionen präsentiert hat, ist Henry Kissinger. Ihn auf t er wenn er das Für und Wider im Dialog abwägen will, wenn er Zweifel hat, wenn er mehr Informationen braucht. Und erst, wenn die Entscheidung praktisch schon feststeht, zieht der Präsident sich zurück, um sie -- einsam -- zu treffen.

Solche Nähe zu Nixon bedeutet für Kissinger Glorie und Gefahr zugleich.

Die Glorie tarnt er fürs erste mit der gewohnten Selbstironie: »Heute morgen war ich allein mit dem Präsidenten in seinem Büro; da beugte er sich über den Tisch und sagte: Henry, ich würde Ihnen ja gern meine Pläne für Vietnam enthüllen, wenn nur nicht so viele Leute im Zimmer wären.«

Den Platz so nahe beim Thron aber teilt Kissinger, Spaß beiseite, mit niemandem. Keiner seiner Stabshelfer hat direkt mit dem Präsidenten zu tun, alle Pläne und alle Entwürfe erreichen Nixon in Kissingers Namen. Und der kann im vertrauten Kreise ganz schön sarkastisch werden, wenn jemand beispielsweise behaupten will, der Rogers-Plan für die Befriedung des Nahen Ostens stamme tatsächlich von Außenminister Rogers und sei nicht etwa in Kissingers fabelhafter Denkfabrik ausgearbeitet worden.

Der Vorwurf, zum »Ein-Mann-Außenministerium« der Nixon-Administration geworden zu sein, fällt für Kissinger bestimmt mehr unter Glorie als unter Gefährdung. Wohl weist er, zu Recht, darauf hin, daß William Rogers als alter und vertrauter Freund Nixons jederzeit direkten Zugang zum Präsidenten habe und obendrein auf den Plenarsitzungen des Nationalen Sicherheitsrats Einspruch erheben könne, »wenn er der Meinung sein sollte, die Auswahl der Optionen sei manipuliert. Aber Kissinger braucht die Optionen gar nicht zu manipulieren. Nixon fragt ihn sowieso irgendwann nach .seiner Meinung. »Und wenn ich sage, ich mag Option A lieber als Option B«, konzediert Kissinger kokett, »dann macht das schon großen Eindruck auf ihn.«

Die Gefahr der Nähe zu Nixon liegt für Henry Kissinger denn auch eher darin: vor lauter Einfluß nicht mehr zu Einsichten zu kommen; immer mehr Macher zu sein und immer weniger Denker.

Angetreten hat er dieses Amt mit dem Auftrag, vornehmlich langfristige Planungen anzuregen. Heute kümmert er sich fast nur noch um Probleme der

* »In Krisenfällen reduziert sich das, aus Zeitgründen dann nicht mehr funktionsfähige, »Kissinger-System« auf die »Washington Special Action Group«, einen notfalls in Permanenz tagenden Krisenstab, zusammengesetzt aus Staatssekretären, dem Geheimdienstchef und dem Chef des Generalstabs. Vorsitzender: Henry Kissinger.

Tagespolitik, oder er betreibt aktuelles Krisenmanagement*. Er ist mehr und mehr zum Juniorchef der Exekutive geworden. Seine Entscheidungsbefugnisse wachsen. Aber im Unterschied zu den Ministerien, die er überspielt, bleibt er, als Beauftrager des Präsidenten, der parlamentarischen Kontrolle des Kongresses weitgehend entzogen.

Als er das Amt antrat, war auch nicht die Rede davon, daß er der außenpolitische Sprecher der Regierung sein und mit der Presse Umgang pflegen solle. Heute reist er sogar durch die Lande und verklart eigens zusammengetrommelten Provinzredakteuren die »Vietnamisierung« und die »Nixon-Doktrin«. Er macht das glänzend, denn er ist ja der eigentliche Urheber. Aber er macht es, teils aus Takt und teils aus Taktik, nur anonym. Man darf ihn nie mit Namen, immer nur als »Regierungskreise« zitieren, kann sich also auch nicht auf ihn berufen. Die stenographischen Niederschriften dieser »background-briefings« kann nicht einmal der Auswärtige Ausschuß des Senats einsehen, auch nicht auf ausdrückliche Anforderung.

Als Wissenschaftler aber lebt Kissinger seit bald zwei Jahren bloß noch »vom Kapital«. Er liest mehr Geheimberichte als der Präsident, aber für Bücher reicht die Zeit in der Regel nicht; letzte Ausnahme, an die er sich erinnern kann: die Memoiren des Albert Speer -- der für Hitler ja nicht nur Baumeister, sondern zuweilen auch so eine Art Kissinger gewesen ist. Der Akademiker, der Historiker Kissinger aber, der als Exempel für einen besonders schwierigen Verhandlungsfall immer noch gern »the Schleswig-Holstein question« zitiert, hat Pause.

Diese Gefahr sieht Kissinger genau. Er weiß auch, daß die meisten Intellektuellen, die Ins Regierungsgeschäft gehen, ihr nur zu gern erliegen: »Die haben dann plötzlich bloß noch einen Ehrgeiz -- möglichst perfekte »operators', Funktionierer, zu sein«, und halten »computerization« schon für politische Planung.

Nicht so Kissinger. Er ist nicht nur besser als die Konkurrenz, er ist auch skeptischer. Die »Polarisierung zwischen Leuten, die nur denken, und Leuten, die nur handeln«, hat er kurz vor seinem Amtsantritt in einem SPIEGEL-Gespräch gesagt (SPIEGEL 4/1969), »ist eine »der Kernfragen unserer Zeit. Ich weiß nicht, ob ich sie lösen kann. Ich allein werde es nicht können.«

Natürlich nicht. Aber auch sein »System« wird es nicht können. Selbst Mitarbeiter Kissingers und ihm wohlgesonnene Regierungsbeamte geraten in Verlegenheit, wenn sie sagen sollen, ob die amerikanische Außenpolitik iii irgendeiner entscheidenden Frage klarer formuliert oder anders ausgeführt worden wäre, wenn es kein »Kissinger-System« gäbe. Die meisten neigen dazu, die Frage zu verneinen oder in die Feststellung auszuweichen, gewiß sei man, dank Kissinger, in einigen Fällen besser vorbereitet und eingehender unterrichtet gewesen.

Nicht verhindert hat das »Kissinger-System« die neuerlichen Bombenwürfe auf Nordvietnam; auch nicht den -- miserabel vorbereiteten -- Handstreich zur Befreiung amerikanischer Kriegsgefangener.

Aber das liegt nicht am »System. Das liegt eher an jenen unverhofften Gemeinsamkeiten von Henry Kissinger und Richard Nixon. Beide haben den Kommunisten nie getraut, beide haben im Kalten Krieg ihre ideologischen Schlachten geschlagen. Und seit der Kalte Krieg zu Ende ist, sind sie beide die Sorge nicht losgeworden, in ihrer Bereitschaft zur Entspannung mißverstanden, in ihrer Entschlossenheit zur Verteidigung des freien Westens unterschätzt zu werden. Der Versuchung, den militärischen Muskel spielen zu lassen, fallen sie schon deshalb immer wieder anheim, weil sie beide so finster entschlossen sind, Amerika nicht als »pitiful, helpless giant« erscheinen und sich selber nicht vor den Augen der »schweigenden Mehrheit« herumschubsen zu lassen, schon gar nicht von diesen Roten.

Das »System« wiederum hat, nach Kissingers eigener Definition, bislang mindestens drei Probleme politischer Planung nicht lösen können.

Erstens die Frage der Prioritäten: »Als Wissenschaftler konnte ich mich mit einem Problem so lange beschäftigen, bis ich glaubte, es im Griff zu haben. Hier (in der Regierung) habe ich die Probleme erst einmal in der Reihenfolge ihrer politischen Dringlichkeit zu ordnen.« Das fällt einem Wissenschaftler schon schwer genug. Obendrein gerät »gelegentlich alles durcheinander, und man kriegt plötzlich ein Problem vor den Kopf geknallt, das eigentlich erst weiter unten auf der Prioritätenliste steht, das man zwar erkannt, für das man aber einfach noch keine Zeit gefunden hat.

Zweitens das Problem, die Absichten des Gegners richtig zu erkennen·. »Es ist unmöglich«, g steht Kissinger, Geheimdienst hin, Geheimdienst her. Was zum Beispiel hat die Russen bewogen, in offenkundiger Verletzung des zuvor von ihnen akzeptierten Nahost-Waffenstillstands ihre Raketenbasen am Suezkanal vorzuverlegen? Kissinger gibt zu, daß ihn dies ratlos gelassen hat. Für ihn ist es geradezu »die Tragödie der Außenpolitik, daß die Skala möglicher Handlungen so groß, die Kenntnis aber, auf die solche Handlungen sich stützen, so begrenzt ist«.

Drittens die Frage, ob und wie die intellektuell gefundenen Lösungen in die Tat umgesetzt werden können. Hier hat Kissinger die Bürokratie nicht überholt, im Gegenteil: »Außenseiter glauben, eine Anordnung des Präsidenten wird immer ausgeführt. Unsinn! Ich verbringe eine Menge Zeit damit, mich darum zu kümmern, daß sie auch wirklich ausgeführt wird.«

Bloß falsche Bescheidenheit ist es also nicht, wenn er sagt: »Ich weiß nicht, wie lange man diesen Job machen soll. Man muß schon sehr an der Sache interessiert sein, sonst wird man verrückt.«

Die größte Gefahr der Nähe zu Nixon ist für Henry Kissinger deshalb die Entfernung von seiner akademischen Basis. Eins bedingt das andere -- mindestens solange in Vietnam noch gekämpft und an den Universitäten dagegen protestiert wird. Mit anderen Worten: Kissingers künftige Karriere als Akademiker hängt unmittelbar mit einem ehrenvollen Abzug der Amerikaner aus Indochina zusammen.

Es gibt da Zeichen, die Kissinger schrecken. Der ehemalige Außenminister Dean Rusk zum Beispiel hat sich mit einem Lehrauftrag für Internationales Recht an der, gewiß nicht gerade führenden, University of Georgia abfinden müssen (was Kissinger für eine »nationale Schande« hält). Und auch der Präsidenten-Berater Walt Rostow« ehedem Wirtschaftsprofessor am ehrwürdigen, Harvard unmittelbar benachbarten »Massachusetts Institute of Technology«, ist nach seinem Abschied aus dem Weißen Haus dort nicht mehr aufgenommen worden; nur die University of Texas in Austin hat ihn noch nehmen wollen. Seither fragt Kissinger die Damen, die ihn umschwärmen, ob sie sich wohl auch in Texas oder in Arizona wohl fühlen würden.

Daß aus solchem Scherz alsbald bitterer Ernst werden könnte, ist Kissinger spätestens in den Tagen nach der amerikanischen Invasion Kambodschas klargeworden.

Kissinger hat nie gesagt. und tut es auch heute nicht, daß er Nixon zu dem Einmarsch geraten habe. Er drückt sich da bewußt unklar aus. Allenfalls sagt er: »Es war ein haariges Problem, und Für und Wider waren annähernd gleich verteilt.« Im übrigen könne man aus dem Umstand, daß er nicht zurückgetreten sei, ja Schlüsse auf seinen Standpunkt ziehen. Aber die linken Studenten und die liberalen Professoren hatten eigentlich erwartet, daß er aus Protest gegen die Invasion zurücktreten werde.

Im Mai dieses Jahres erschienen zwölf ehemalige Harvard-Kollegen bei Kissinger im Weißen Haus, um ihm (und anschließend der Presse) zu sagen, sie seien über die Kambodscha-Entscheidung derart schockiert, dal! sie die Beziehungen zu ihm abbrechen wollten. Tom Schelling, Wirtschaftsprofessor aus Harvard, schildert Kissingers Reaktion so: »Er saß da und hörte zu. Er fragte, ob wir vertraulich weiterreden könnten, damit er die Entscheidung besser erklären könne. Die Professoren aber lehnten das ab, da sie nicht in irgendwelche Geheimdienst-Hintergründe einer Affäre verwickelt werden wollten, die sie moralisch verurteilten. Dies, sagte Kissinger, schließe dann freilich jede Möglichkeit aus, die Kollegen zu einer Revision ihres Urteils zu überreden. »Also«, berichtet Tom Schelling, »sagte ich »Danke, Henry', und wir gingen.«

Für Kissinger war das »eine schmerzliche Begegnung« -- und bei weitem nicht die einzige. Aller Terminnot zum Trotz (und kaum bemerkt von der Öffentlichkeit) lud er sich In den schwierigen Wochen nach der Kambodscha-Entscheidung mehrmals nicht nur ehemalige Kollegen zu Streitgesprächen ins Weiße Haus, sondern vor allem auch Studenten. Es ging ihm dabei weniger darum, den Dissens zu bekämpfen, als vielmehr die Entfremdung -- zwischen Staat und Studenten, Kissinger und Campus.

In Wahrheit würde er, kehrte er heute nach Harvard zurück, kaum noch Schwierigkeiten mit den Kollegen von der Fakultät, allenfalls Konfrontationen mit den Studenten zu gewärtigen haben. Er hat Freunde in Harvard, die sich die (wahrscheinlich übertriebene) Sorge machen, daß dann Studenten mit Plakaten demonstrieren gehen könnten, auf denen Henry Kissinger ein Kriegsverbrecher genannt würde.

Ob er zurückkehren will nach Harvard oder ob er in Nixons Nähe bleiben will -- das muß er in diesen Tagen entscheiden. Denn wenn der an das Weiße Haus ausgeliehene Professor Kissinger nicht bis Februar seine Lehrtätigkeit wiederaufgenommen hat, verliert er seine ordentliche Professur.

Er wird wohl in Nixons Nähe bleiben -- mit seinem Einfluß, seinen Zweifeln, seiner Selbstironie und seiner stillen Befürchtung, »zu enden wie Walt«.

Oder wie Strangelove.

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