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»Dieser Haß kann Erdbeben auslösen«

aus DER SPIEGEL 31/1992

Sanchez, 48, ist einer der bekanntesten noch im Lande verbliebenen Vertreter der kubanischen Opposition. Von den vergangenen elf Jahren war der ehemalige Philosophieprofessor achteinhalb Jahre inhaftiert. Sanchez, der als »demokratischer Sozialist« den gemäßigten Flügel der kubanischen Opposition vertritt, lebt in Havanna.

SPIEGEL: Hat die Unterdrückung der Opposition auf Kuba zugenommen?

SANCHEZ: Zweifellos. Nach dem Kongreß der kommunistischen Partei im vergangenen Oktober wurden Dutzende von Dissidenten verhaftet. Ich wurde zusammengeschlagen, mein Haus mehrmals belagert und mit Steinen beworfen. Die Regierung behauptet, das seien spontane Meinungsäußerungen des Volkes, aber der Mob wird von der Staatssicherheit organisiert.

SPIEGEL: Wie geht die Regierung gegen die Opposition vor?

SANCHEZ: Kuba verfügt über eine gewaltige Repressionsmaschinerie mit mehr als 100 000 Bewaffneten. Vor kurzem hat die Regierung paramilitärische Einheiten, sogenannte schnelle Eingreiftruppen, aufgestellt. In 30 Jahren hat der Staat es geschafft, fast jeden Bürger persönlich zu überwachen. Selbst Nachbarn bespitzeln einander.

SPIEGEL: Wie viele politische Häftlinge gibt es auf Kuba?

SANCHEZ: Offiziell nennt die Regierung keine Zahl. Insgesamt sind nach unseren Schätzungen 70 000 bis 100 000 Menschen auf Kuba inhaftiert, davon sind 2000 bis 5000 politische Gefangene. In Relation zur Bevölkerung von zehn Millionen hat Kuba das größte Gefängnissystem der Welt - mehr als hundert Haftanstalten und Gefangenenlager. Ich wurde im vergangenen Jahr aus einem dieser Lager freigelassen.

SPIEGEL: Wird auch gefoltert?

SANCHEZ: Die aus anderen lateinamerikanischen Ländern bekannte Methode des Verschwindenlassens kommt auf Kuba nicht vor. Es gibt auch keine physische Folter. Ich bin während meiner achteinhalb Jahre in kubanischen Gefängnissen nie geschlagen worden. Die Regierung zieht psychische Folter vor. Isolationshaft über mehrere Wochen oder Monate ist üblich, manchmal in totaler Dunkelheit. Bei den tropischen Temperaturen werden die fensterlosen Zellen zu Backöfen.

SPIEGEL: Warum gibt es nicht mehr Widerstand?

SANCHEZ: Wir waren auf ein derartiges totalitäres System nicht vorbereitet. Historisch gab es auf Kuba nie etwas Vergleichbares. Europa hat über Jahrhunderte Erfahrungen mit dem Totalitarismus sammeln können und gelernt, Unterdrückung zu widerstehen.

SPIEGEL: Wer sind die Dissidenten?

SANCHEZ: Es gibt zwei Oppositionsgruppen: einerseits die rechten Exilkubaner, die Washington unterstützt. Daneben gibt es ein breites pluralistisches Bündnis, das von Mitte-Rechts bis Mitte-Links reicht und dem auch ich angehöre. Diese gemäßigte Gruppe hat sich vor kurzem gespalten: Ein Teil ist nach rechts geschwenkt, hin zur militanten Opposition der Exilkubaner. Das war vorauszusehen, weil auch die kubanische Regierung ihre Position verhärtet hat. Aber wir dürfen nicht nach der Musik tanzen, die uns die Regierung vorgibt.

SPIEGEL: Wie stark ist die Opposition?

SANCHEZ: Die Regierung spricht von etwa 1000 Aktivisten, aber das ist nicht wichtig. Wir sind heute genauso viele, wie es Andrej Sacharow und seine Mitarbeiter waren oder Vaclav Havel und sein Häuflein. Wir sind nur der sichtbare Teil des Eisbergs. Die meisten Kubaner wollen einen friedlichen, demokratischen Wandel, sie müssen aber erst die Angst besiegen. Viele ziehen die Emigration dem politischen Kampf vor.

SPIEGEL: Die Menschenrechtsbewegung hat sich auch selbst zersplittert.

SANCHEZ: Ja, 1987 haben wir uns über die Frage der nationalen Versöhnung in zwei Flügel gespalten. Ich meine, daß es auch auf Kuba einen nationalen Versöhnungsprozeß geben muß wie in Chile, Nicaragua oder Spanien. Die Rechten lehnen das ab. Sowohl orthodoxe Kommunisten wie auch radikale Rechte sollten in unserem Land Platz haben.

SPIEGEL: Wie ist die Lage der Menschenrechte auf Kuba?

SANCHEZ: Wir versuchen, das System nicht zu dämonisieren. Auf sozialem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet geht es Kuba besser als etwa Honduras oder Bolivien. Bis jetzt konnte die Regierung auch ein Minimum an lebenswichtigen Versorgungsgütern garantieren. Es gibt keine bettelnden Kinder auf der Straße. Aber die Bürgerrechte werden massiv verletzt. Von den 30 Artikeln der Menschenrechtscharta mißachtet die kubanische Regierung mindestens 25.

SPIEGEL: Gibt es Chancen für einen friedlichen Wandel?

SANCHEZ: Ja, aber der Spielraum wird immer enger. Kuba befindet sich in der schlimmsten Krise seit der Gründung der Republik. Die Lebensmittelversorgung wird immer schlechter, das Erziehungssystem verkommt, es gibt immer weniger Medikamente. Das heißt zwar nicht, daß die Regierung nun überhaupt keinen Rückhalt mehr findet. Aber sie begnügt sich damit, daß die Menschen so tun, als ob sie sie unterstützten. Dabei nimmt sie nicht wahr, daß der Rückhalt nicht real ist. Das ist typisch für totalitäre Systeme.

SPIEGEL: Wie sieht denn die Zukunft für Kuba aus?

SANCHEZ: Es gibt nur zwei mögliche Auswege: einen gewaltlosen politischen, für den wir arbeiten, und einen gewaltsamen, sehr blutigen. Ich dramatisiere nicht: Wenn es hier zu einer blutigen Auseinandersetzung kommt, werden wir möglicherweise eine Tragödie erleben, wie es sie nie zuvor in diesem Jahrhundert auf diesem Kontinent gegeben hat. In 30 Jahren hat sich zuviel Haß in der Gesellschaft angestaut, und viele Kubaner können mit Waffen umgehen. Dieser Haß hat eine tellurische Kraft, er kann Erdbeben auslösen. Er ist unsichtbar, aber wenn einmal ein Machtvakuum entsteht, ist er nicht mehr zu kontrollieren. Leider gibt es keine Anzeichen, daß die kubanische Regierung sich auf eine Verhandlungslösung vorbereitet. Von Tag zu Tag verschärft sie die Unterdrückung. Das ist verantwortungslos. Wir brauchen einen nationalen Dialog.

SPIEGEL: Wie sehen Sie die Person Fidel Castro?

SANCHEZ: In den Worten des Romanciers Gabriel GarcIa Marquez: Er ist ein Patriarch, der seinen Herbst hinter sich hat und jetzt in den Winter geht. Das ist bedauerlich, weil er einst die Sehnsucht nach Fortschritt, Demokratie und Freiheit verkörperte. Das ganze Volk hat die Revolution 1959 unterstützt. Aber die Zeit der Revolutionshelden ist vorbei, heute wird das Volk unterdrückt und von der Herrscherklasse ausgebeutet. Die Regierung hat uns betrogen, heute ist der einstige Motor der Revolution ihr größtes Hindernis.

SPIEGEL: Gibt es in der Regierung Vertreter einer gemäßigten Linie?

SANCHEZ: Einige von ihnen sind mindestens so repressiv oder sogar schlimmer als Fidel Castro. Der Chefideologe Carlos Aldana, der eine Zeitlang als der große Reformer gefeiert wurde, war immer sehr repressiv, er hat sich nur eine Legende gebastelt. Aber nicht nur die Mehrheit des kubanischen Volkes will demokratische Reformen, auch die Mehrheit der kommunistischen Partei. Parteimitglieder haben uns oft heimlich geholfen. Selbst in der unmittelbaren Umgebung des Präsidenten gibt es Männer, die den Wandel wollen. Aber sie schweigen aus Furcht. Sie haben das Ende des Generals Arnaldo Ochoa vor Augen, der 1989 hingerichtet wurde.

SPIEGEL: Würde die Aufhebung des US-Embargos den Weg für Reformen öffnen?

SANCHEZ: Ich habe das immer wieder vorgeschlagen. Ich glaube, daß Havanna und Washington verhandeln sollten. Und wenn Europa nicht eines Tages Ambulanzen und Medizin schicken will, sollte es jetzt auch versuchen, zu vermitteln.

SPIEGEL: Hat die kubanische Regierung irgendeine Strategie, wie sie die nächsten Jahre überstehen will?

SANCHEZ: Sie versucht, Zeit zu gewinnen, und hofft auf ein Wunder. Beim Putschversuch in der ehemaligen Sowjetunion im vergangenen Jahr dachte sie, das Wunder würde geschehen. Jetzt hofft sie auf Rückschläge bei der Demokratisierung in Lateinamerika, um von der eigenen Misere abzulenken.

SPIEGEL: Könnte nicht Castro selbst den Wandel einleiten?

SANCHEZ: Ja, aber das setzt voraus, daß er eine revolutionäre Haltung annimmt. Das hat er immer wieder ausgeschlossen. Castro scheint heute der Konservativste von allen zu sein.

SPIEGEL: Wie lange kann das System noch überleben?

SANCHEZ: Zwei Wochen vor dem Fall Ceausescus in Rumänien hätte niemand gewagt, eine Veränderung vorherzusagen. Ich glaube, der Wandel wird mittelfristig, in ein bis drei Jahren geschehen. Aber niemand kann das vorhersagen, es kann schon morgen dazu kommen, und zwar aus einem einfachen Grund: Dieses System hängt wie Ceausescus Rumänien von einem einzigen Faktor ab, der überdies sehr anfällig ist. Wenn Castro fällt, bricht alles zusammen. Es gibt keine Nummer 2 oder 3 oder 4. Bedauerlicherweise scheint der Präsident davon auszugehen, daß er keinem Risiko ausgesetzt ist.

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