Zur Ausgabe
Artikel 22 / 58
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

ABRÜSTUNG Dieser »kleine Bursche«

aus DER SPIEGEL 13/1958

Die Abrüstung sei »eine verlorene Sache«, verkündete der »Vater der H-Bombe«, Dr. Edward Teller, unlängst in einem Fernseh-Interview in den USA. Ihre entscheidende Vorbedingung, eine Atomwaffen-Kontrolle, sei unerfüllbar, weil die atomaren Test-Versuche des Gegners nicht mit Sicherheit festgestellt werden könnten.

Bereits im Januar hatte Dr. Teller in der amerikanischen Vierteljahrsschrift »Foreign Affairs« diese Behauptung erstmalig angedeutet: »Ein atomarer Test ist nur dann leicht festzustellen, wenn er in der offenkundigsten Weise durchgeführt wird.« Heimliche unterirdische Versuche aber könnten unbemerkt vonstatten gehen.

Diese These, die in der Tat jede Abrüstung problematisch machen würde, wurde von der offiziellen Atom-Energie -Kommission im Nationalen Sicherheitsrat und in der amerikanischen Öffentlichkeit mit Nachdruck verteidigt.

Tellers wissenschaftliche Gegner indes, geführt von dem Geochemiker des Technologischen Instituts in Kalifornien, Dr. Harrison Brown, bestritten die Behauptung. Ihrer Ansicht nach hatte der Bolschewisten-Haß des in Ungarn gebürtigen Teller sein wissenschaftliches Urteil getrübt.

Ein Test, den die Atom-Energie-Kommission im September letzten Jahres durchführte, und dessen Ergebnis erst Anfang März bekanntgegeben wurde, schien jedoch diesen Streit endgültig zugunsten des Schöpfers der Wasserstoff-Bombe zu entscheiden.

250 Meter unter der steinigen Erde Nevadas war, eine »winzige« Atom-Bombe zur Explosion gebracht worden. Dieser »kleine Bursche«, wie der Atom-Energie -Kommissar Dr. Willard F. Libby zärtlich meinte, hatte eine Sprengkraft von 1700 Tonnen hochbrisanten Explosivstoffs; die Explosion wurde - dem amtlichen Bericht zufolge - nur in einem Umkreis bis zu maximal 400 Kilometer Entfernung festgestellt.

Damit schien der wissenschaftliche Nachweis erbracht, daß heimliche Atom -Versuche möglich sind und die Abrüstung eine Illusion bleiben muß. Vorletzte Woche jedoch trat abermals eine jähe Wendung ein. Der demokratische Senator Hubert Humphrey, Vorsitzender des Kongreß -Unterausschusses für Abrüstung, hatte von der »US Coast and Geodetic Survey« erfahren, daß die unterirdische Explosion in einem amerikanischen Orte namens College von Seismographen aufgezeichnet worden war. College aber liegt in Alaska, nicht weniger als 3600 Kilometer vom Versuchsort entfernt.

Nach kurzer Zeit gab die Atom-Energie -Kommission ihren »vollkommen unbeabsichtigten« Fehler von 3200 vergessenen Kilometern zu. Eine Untersuchung des gemeinsamen Atom-Ausschusses von Senat und Repräsentantenhaus bescheinigte der Kommission zwar einstimmig, einen »ehrlichen Irrtum« begangen zu haben.

Geblieben aber ist ein großes Unbehagen. »Hat die Atom-Energie-Kommission wissenschaftliche Tatsachen zurechtgebogen, um damit eine vorgefaßte Position zu bestätigen?« erkundigte sich die .Washington Post« zweifelnd

Hinter dieser Frage verbirgt sich ein unheimliches Dilemma des Atomzeitalters. Seit Anbruch dieser Ära sind die Wissenschaftler in eine der Geschichte bisher unbekannte Führungsrolle gerutscht. Von ihren Erkenntnissen und Urteilen hängen die wichtigsten politischen Entscheidungen der Nationen ab. Ihr Arbeitsfeld ist dabei angesichts des technischen Charakters ihrer Fachgebiete in sich wertfrei,

Wertfrei und ausschließlich dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand entsprechend müßten auch ihre den verantwortlichen politischen Instanzen als Entscheidungs -Unterlage vorgelegten Forschungsergebnisse sein, wenn das Regierungsprinzip der Demokratie nicht aus dem Gleichgewicht gebracht werden soll.

Die Affäre des »kleinen Burschen« in Nevada hat nun den Verdacht geweckt, daß die Urteile der Wissenschaftler nicht wertfrei, sondern entsprechend ihren eigenen politischen Überzeugungen gefärbt sind

Die Auswirkungen einer solchen Entwicklung sind unabsehbar: Wäre der amerikanische Senat nicht zufällig dem »ehrlichen Irrtum« der Wissenschaftler der Atom-Energie-Kommission auf die Spur gekommen, so hätten die Begräbnis-Feierlichkeiten aller atomaren Abrüstungspläne in Amerika womöglich schon begonnen.

H-Bomben-Vater Teller

Das große Unbehagen

Zur Ausgabe
Artikel 22 / 58
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.