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»Dieser Schlange den Kopf abschlagen«

Er trieb seinen Spott mit Amerikanern und Briten, vor allem aber tyrannisierte er sein Uganda, ein fruchtbares afrikanisches Land, dessen Wirtschaft nun am Boden liegt und in dem fremde Truppen stehen: Idi Amin Dada, Ex-Preisboxer und Ex-Feldwebel der britischen Kolonialarmee, wollte sein, wie er meinte, daß die Weißen seien.
aus DER SPIEGEL 16/1979

Ein Mohr, so recht nach dem Vorurteil der Weißen, grausam und naiv; ein afrikanischer Tyrann, dessen sich selbst hartgesottene afrikanische Tyrannen schämten; ein Massenmörder als lustiger Tausendsassa mit Nilpferd-Charme -- über acht Jahre lang hielt der Feldmarschall Idi Amin Dada, vieler Menschen Feind, doch der Krokodile Freund, die Großen der Welt mit seinen Eskapaden und Bluffs in Atem. Und er sorgte auch noch für Theaterdonner, als es ihm schon mächtig an den Kragen ging. Der Dicke kämpfte einen langen, absurden Kampf.

Vorige Woche, als sich seine Armee weitgehend aufgelöst hatte und die Artillerie-Granaten des tansanischen Kriegsgegners in seiner Hauptstadt Kampala einschlugen, kamen mit Tausenden Flüchtlingen, die über die Grenzen nach Kenia oder in den Sudan strömten, wieder Schreckensmeldungen aus dem Uganda Idi Amins:

In Mbarara im Süden des Landes hätten Amin-Soldaten Zivilisten so lange zum Blutspenden gezwungen, bis die Spender »regelrecht leer« gewesen seien. Mangels Kühlung verdarben die Blutkonserven dann in der glühenden Sonne.

Gleichfalls in Mbarara sollen »unzuverlässige Elemente lebendig gehäutet« worden sein, so ein Flüchtlingsbericht.

Ungebetene Zeugen der Schlacht um den nächst Kambodscha finstersten Terrorstaat der Welt büßten ihren Informationsdrang mit dem Tod: Die deutschen Journalisten Wolfgang Stiens und Hans D. Bollinger vom »Stern« sowie die Schweden Arne Lemberg und Carl Bergman fielen wahrscheinlich unter den Kugeln eines ugandischen Exekutionskommandos.

Denn Idi Amins Soldaten waren unberechenbar, wenn sie ihren Whisky genossen hatten, aber auch demoralisiert, wenn sie ihn, wie vorige Woche, nicht mehr bekamen: Ugandas »Whisky-Airline«, die zwei- bis dreimal wöchentlich für Regimeschranzen und Armee Alkohol, Zigaretten und anderen Luxus aus London eingeflogen hatte, durfte in England nicht mehr landen.

Den ugandischen Soldaten fehlten Proviant, Treibstoff, Munition. Sie marodierten im Land umher. Ein paar Dutzend palästinensischer Söldner und ein libysches Expeditionskorps schlugen sich für den Diktator -- niemand wußte warum.

Nach der Eroberung von Amins Hauptquartier in Entebbe.

Die Niederlage war nicht mehr aufzuhalten. In der Nacht zum vergangenen Mittwoch waren tansanische Truppen, denen sieh Exil-Ugander angeschlossen hatten, von drei Seiten in die Hauptstadt Kampala eingedrungen. Widerstand fanden sie kaum noch vor.

Und niemand wußte zu sagen, wo sieh der große Idi Amin die letzten Tage aufhielt. Kleine Siege verleiteten ihn noch zu Äußerungen seines altbekannten grausligen Humors: Als ugandische Kanoniere eine tansanische MiG vom Himmel holten, die im Viktoria-See versank, jubelte der Landesherr: »Die Jungs im Cockpit werden eine wunderbare Zeit bei den Crocs (Krokodilen) verleben.«

Und Radio Uganda machte jenen Mut, die nun an Amins Stern nicht mehr glauben wollten. Beispiel: »Feldmarschall Idi Amin hat gestern gesagt, er kann leicht mit 20 tapferen Soldaten 20 000 Mann aufhalten.« Oder: »Feldmarschall Idi Amin hat heute wieder eine Bombenmoral.«

Exotisch klang's auch noch, als der »Präsident auf Lebenszeit« die japanische Regierung aufforderte, ihm Kamikaze-Flieger auszuleihen, denn: »Es gibt hier viele Möglichkeiten, zu üben.«

Doch bei einer Durchhalte-Rede an die Nation meinten viele Zuhörer, schwere Seufzer, manche gar Schluchzen aus dem Lautsprecher zu hören, als ein trauriger Amin seinem Volk vorrechnete: »Ich habe euch reich gemacht, euch Fabriken und Farmen gegeben. Schande über euch, wenn ihr mit den Imperialisten zusammenarbeitet.« Die seien Schuld an der Not des Vaterlandes -- und die »Zionisten«.

Mit denen freilich hatte kaum ein Ugander so eng zusammengearbeitet wie Idi Amin selbst, als er das erste Mal gegen Tansania losschlagen wollte.

Damals, im Juli 1971, Amin, erst wenige Monate an der Macht und noch gut Freund mit Israelis, Briten und Amerikanern, suchte er in Jerusalem Hilfe für ein aberwitziges Vorhaben: für eine Landverbindung vom Süden des Viktoria-Sees zum Indischen Ozean, also quer durch tansanisches Staatsgebiet.

Ohne Umschweife soll der Gast aus Afrika in Israel zur Sache gekommen sein: »ich möchte 24 »Phantom«-Flugzeuge von euch haben, ich brauche sie, um Tansania zu bombardieren«, bekannte er dem damaligen Verteidigungsminister Mosche Dajan.

Dajan daraufhin auf hebräisch zu Außenminister Abba Eban: »Der Kerl ist verrückt.« Eban: »Ja, aber laß« uns höflich sein.«

Nun beschied Dajan den Gast aus Uganda: »Wir können nicht ohne amerikanische Hilfe liefern.« Wegen des vergeblichen Bittgangs brach Amin kurz darauf mit Israel.

Abgewiesen auch noch von den USA, Frankreich und England, machte sich Amin mit mehr Erfolg an die Sowjet-Union und das arabische Lager heran. Von den Sowjets erhielt er Waffen, von den Arabern, allen voran dem Libyer Gaddafi, Millionen Petro-Dollars.

Anlaß für den verhängnisvollen Krieg gegen Tansania war schließlich profane Wirtschaftsnot: Es gab, schon Jahre vor Amins letzter Schlacht, keine Schraube und keine Seife mehr in Uganda, die Intelligenz war vertrieben, selbst die Handwerker hatten sich abgesetzt. Die Erzeugnisse des Ackerbaus auf Märkten anzubieten, lohnte sich für die Bauern nicht mehr, weil der Wert des Uganda-Shilling total verfallen war. Wegen fortgesetzer Verletzung der Menschenrechte verhängte die Regierung Carter im Oktober vorigen Jahres dann noch einen Handelsboykott über Uganda. Amin konnte seine Soldaten nicht mehr bezahlen, in den Lagern von Mbarara rebellierten die Elite-Einheiten »Simba« und »Chui« (Löwe und Leopard).

Eine äußere Bedrohung mußte her, die Aussicht auf einen lohnenden Feldzug, um die. Soldaten zufriedenzustellen. Am 12. Oktober vernahmen die Ugander schon frühmorgens die heisere Stimme ihres Herrn aus dem Lautsprecher. Er werde, verkündete der Diktator, »eine drastische und sehr ernste Entscheidung über Amerika fällen und über alle, die mit Amerika verbunden sind«.

Wenige Stunden später präzisierte Idi Amin: Tansanische Truppen seien über die Grenze vorgestoßen und hätten ugandische Einheiten 20 Kilometer im Landesinnern in schwere Kämpfe verwickelt.

Der offizielle Kommentar aus Tansanias Hauptstadt Daressalam bestand aus einem einzigen Wort: »Unsinn.« Immerhin aber mußte Amins Geschichte vielen Ugandern glaubhaft klingen, denn Tansania hatte den von Amin gestürzten Vorgänger Milton Obote aufgenommen, von Tansania aus hatten militante Exil-Ugander immer wieder Kriegszüge gegen ugandisches Gebiet unternommen -- aber diesmal offenkundig nicht.

Denn Anrufer in der Polizeistation der angeblich schwer umkämpften Grenzstadt Mutukula erhielten die Antwort: »Hier ist alles ruhig. Was habt ihr bloß?«

Schon tags darauf weigerten sich die inzwischen auf Einheitslinie vergatterten Behörden, zur Lage noch irgendeine Auskunft zu geben, Die kam fortan nur noch vom Feldmarschall persönlich.

Während Kampalas Radiosender pausenlos Militärmusik ausstrahlte, rüstete Amin seinerseits zur Offensive, die mangels Gegner einfach ein Erfolg werden mußte. »Mit Schallgeschwindigkeit«, so Idi Amin, schlugen die Truppen Ugandas denn auch den imaginären Feind zurück und besetzten einer. Landstreifen von 1800 Quadratkilometern bis zum Kagera-Fluß. Der sollte künftig Ugandas natürliche Grenze sein. Der Bevölkerung im besetzten Gebiet ließ Amin verkünden, sie stehe ab sofort unter der Herrschaft des »Eroberers des Britischen Empires«.

Schon öfter hatte Amin den tansanischen Staatschef Julius Nyerere, einen in der Dritten Welt, aber auch im Westen respektierten Sozialisten, schwer verletzt. Mal beschimpfte er ihn als »Syphilitiker, der sein Volk verseucht«, mal telegraphierte er ihm: »Ich liebe Dich. Wenn Du eine Frau wärst, würde ich Dich heiraten.« Dann wieder forderte der bullige Ugander -- 1,93 Meter groß, 140 Kilo schwer -- den schmächtigen Nyerere zum Boxkampf heraus: »Im Ring kämpfen wir es aus, dann brauchen keine Soldaten auf dem Schlachtfeld ihr Leben zu verlieren.«

Doch diesmal hatte Amin den Bogen überspannt, Nyerere rüstete zum Gegenschlag, um »dieser Schlange den Kopf abzuschlagen

In diesem Vorhaben ließ sich Nyerere weder durch ein Vermittlungsangebot von Libyens Gaddafi beirren noch durch Rücksichtnahmen auf die »Organisation Afrikanischer Einheit« (OAU). Noch im November begann der tansanische Gegenangriff und für Idi Amin der Anfang vom Ende seiner Karriere -- einer der ungewöhnlichsten im nachkolonialen Afrika.

Aufstieg und relativ langes Überleben verdankt Idi Amin vor allem seiner Eigenschaft, sich zu ducken, wann immer es brenzlig für ihn wurde. Dann wich er den Schlägen aus, konterte er, wie er es im Armee-Boxring der Engländer gelernt hatte -- nicht umsonst war er neun Jahre lang ugandischer Meister im Schwergewicht gewesen.

So zog er schon in den Anfangsjahren seiner Karriere, die er als Hilfskoch bei den »King's African Rifles« begonnen hatte, den Kopf aus Schlingen, in die seine Brutalität ihn gebracht hatte. Als williger Askari der Kolonialisten überfiel der damalige Stabsfeldwebel Ende der 50er Jahre mit einem Trupp ein Dorf, das angeblich von Mau-Mau-Rebellen beherrscht wurde.

Seine Soldaten metzelten die Bewohner wahllos nieder, massakrierten, vergewaltigten und plünderten. Ein britischer Militärrichter wollte ein Verfahren gegen Amin eröffnen -- doch der gab sich zerknirscht seinen weißen Vorgesetzten gegenüber, die ihn als »feinen Kerl, wenn auch vielleicht etwas knapp an grauen Zellen«, schätzten, ihn vor einem Prozeß bewahrten und schließlich vor ihrem Abzug noch zum Leutnant machten. Idi Amin war Ugandas erster schwarzer Offizier.

»Natürlich wußte jeder, daß Idi nicht die größte Leuchte war, aber wie alle Askaris wurde er schließlich nicht wegen umwerfender Intelligenz angeheuert«, zitierte die Londoner »Sunday Times« -- viel später -- einstige Vorgesetzte des Paradesoldaten vom 4. Bataillon.

Die Briten klatschten auch noch Beifall, als ihr einstiger Offizier Amin sich im Januar 1971 in Kampala an die Macht putschte. Londons »Daily Telegraph« bemerkte damals eine »große Erleichterung« bei den noch in Uganda lebenden Briten, die »Times« wunderte sich nur noch, daß Amins Putsch gegen den linkslastigen Präsidenten Obote »so lange hat auf sich warten lassen«.

Artig versprach Amin, der in seinen späteren Amtsjahren die Briten immer wieder genüßlich bis aufs Blut reizte, mit den Engländern gute Beziehungen zu pflegen, »weil dieses Volk Uganda gut regiert hat«.

Jahre später ernannte sich »Al Hadschi Feldmarschall Dr. Idi Amin Dada« noch zum »V.C., D.S.O., M.C.« -- mit diesen Titeln wie aus einem viktorianischen »Who"s Who« wünschten Seine Exzellenz von jedermann angesprochen zu werden.

Höhnisch offerierte er sein Sparkonto, um der notleidenden Briten-Wirtschaft zu helfen, bot er den Briten Bananen an, um sie vor dem Hungertod zu retten, narrte er sie durch die Ankündigung, er werde mit großer Delegation zur Commonwealth-Konferenz in London aufkreuzen.

Zwischen Charme und Spott, Liebesschwüren und Feuerfrei wechselte auch sein Verhalten gegenüber den afrikanischen Nachbarn. Mit Zaires Mobutu, dessen Herrschaft er während seiner Soldatenzeit durch Unterstützung kongolesischer Rebellen bekämpft hatte, verband ihn später lange ein Kumpelverhältnis. Die beiden feierten gemeinsam Orgien auf OAU-Treffen, doch als Mobutu pleite war und nicht mehr mit Barem aushelfen konnte, ging Amin auf Distanz.

Von Kenias großem alten Jomo Kenyatta wäre er zu gern geliebt worden. Da seine Anbiederungen nichts brachten, drohte er dem Nachbarn mit Annexion eines Drittels seines Landes, das »Uganda gehört«. Als daraufhin Kenia kurzerhand die Nachschubwege vom Hafen Mombasa in das Binnenland Uganda sperrte und in Amins Land nichts mehr ging, kroch der Diktator freilich wiederum zu Kreuz: Er wolle Freundschaft mit Kenia und habe keinerlei Ansprüche an den Nachbarn.

Auch die 50 000 Inder und Pakistanis, die der Ugander 1972 gleichsam über Nacht aus dem Land warf, verdanken ihr Schicksal· letztlich dem verschmähten Liebhaber Amin: Er hatte um eine Inderin aus der reichen Madhvani-Sippe geworben und war brüsk abgewiesen worden; alle Madhvani-Landsleute mußten dafür büßen.

Dann brüskierte Amin die Amerikaner. »Hitler hatte zu Recht sechs Millionen Juden ... bei lebendigem Leib mit Gas verbrannt«, schrieb er an den Uno-Generalsekretär Waldheim. Washington brach die Beziehungen ab, Amin zuckte abermals zurück und pries Nixon als »einen der brillantesten Führer der Welt«.

Erst als das nicht mehr zog, feuerte er seine Serie von Telegrammen ab, die die Welt erheiterte. So wünschte er seinem »lieben Bruder Nixon«, er solle sich »schnell von Watergate erholen«, und nannte Kissinger einen »dummen Mann«, weil der nicht nach Kampala komme, »um den Rat des größten Staatsoberhauptes der Welt einzuholen«.

Der Afrikaner Amin, in dem überhebliche Weiße oft nur den primitiven Schwarzen aus dem Busch sahen, war eben doch mindestens zur Hälfte Produkt der weißen Sergeanten und Obristen, die ihn erzogen hatten. Er äffte viel lieber und gekonnter weiße Vorbilder nach als Kameraden vom eigenen Kontinent.

Er zitierte ebenso gern wie falsch Hitler und Churchill, Napoleon und de Gaulle, wirkte wie ein afrikanischer Göring-Abklatsch in Marschallsuniform mit Orden, Schärpe und Lametta.

Und die Afrikaner, denen der Kollege in Kampala längst schon als »Idiot« (Tansanias Nyerere), »verrückter Hanswurst« (Sambias Kaunda), »feiger schwarzer Hampelmann« (Kenias Handelsminister Kiano) galt, wären wohl schon früher mit dem Sonderfall in ihren Reihen fertig geworden, hätten nicht hellhäutige Freunde bis fast zuletzt treu zu Amin gestanden:

Denn was immer die Welt über Amin zu spotten oder an ihm zu verurteilen hatte -- Geschäfte, politische wie finanzielle, machte sie mit ihm allemal.

Nebst den Engländern hatten die Israelis 1971 Amins Putschregierung als erste anerkannt Big Daddy war lange Jahre ihr guter Kamerad im Herzen Afrikas gewesen, sein in Israel erworbenes Fallschirmjägerabzeichen trägt der Moslem Amin bis heute an der Uniform. Und seine ersten Auslandsreisen als Uganda-Präsident unternahm Idi in einem von Israel spendierten »Jet Commander«, mit dem er fast immer in Jerusalem zwischenlandete ("zum Auftanken«, wie er sagte, und zum Umtrunk mit »meinem Freund Dajan").

Erst als ihm die Israelis scharfes Kriegsspielzeug verwehrten, ließ er sich von den Libyern kaufen -- die ihm bis fast zuletzt die Treue hielten.

Jahrelang half auch die Weltmacht Sowjet-Union, die Uganda als idealen Ankerplatz im Herzen Afrikas schätzte, Ugandas Soldaten auszubilden und zu bewaffnen. Moskau schickte gar einen ehemaligen Vize-Außenminister, Alexej Sacharow, als Botschafter nach Kampala, wo der bewährte Parteimann freilich nicht nur Freude erlebte.

Zuerst mußte er Amin die Idee ausreden, am Viktoria-See ein Hitler-Denkmal zu errichten. Dann setzte Amin ihn vor die Tür, weil Sacharow ihn bedrängt hatte, die kubanische Intervention in Angola gutzuheißen, an der Amin erst später Gefallen fand.

Nachdem der Kreml in Äthiopien einen wichtigeren Partner gefunden hatte, kühlte das Interesse an dem sprunghaften Riesen in Uganda ab.

Saudis und Iraker, Kuweitis und Palästinenser halfen, teils mit Öl-Millionen, teils mit Experten, zu ersetzen, was Ugandas Wirtschaft langsam auf die Knie brachte: die Abwanderung Tausender, die Amins wegen außer Landes gingen. Die Freunde konnten den Verfall der Wirtschaft allenfalls verlangsamen und Amins Stamm-Mannschaft mit dem Nötigsten versorgen.

Außerdem waren noch die Deutschen dabei. Bonns langjähriger Botschafter Richard Ellerkmann, der »eisern die Stellung hielt«, wie ein Kollege anmerkte, trat stets an -- ob zum Glückwunsch zu der (von Amin selbst kreierten) Marschallswürde oder zum Korbballspiel beim Präsidenten.

Der Bonner Mann vor Ort rückte Amin ins rechte Bild, indem er ihm Farbfernsehen made in Germany besorgte, er hielt deutsche Journalisten möglichst von Amin fern, um dem Präsidenten und sich selber unangenehme Wahrheiten über Uganda zu ersparen.

Dafür hörte er sich ungerührt auf der Diplomatentribüne an, wenn Amin die »westdeutschen Revolutionäre« pries, die bei der Flugzeugentführung von Entebbe »von zionistischer Mörderhand« gefällt worden seien -- die von Bonn gesuchten Terroristen Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann.

Amin übte in Uganda unterdes längst ein Schreckensregiment, dem nach Schätzungen internationaler Organisationen bis zu 300 000 Menschen zum Opfer fielen. Er duldete keinen Widerspruch, er brach jeden Widerstand.

Aber noch 1975, als Amin sein Land schon das fünfte Jahr terrorisierte, machte Bonns damaliger Entwicklungshilfe-Minister Egon Bahr 22,6 Millionen Mark für ihn locker.

Bis Entebbe landete auch die Lufthansa in Uganda, und solange die Kasse klingelte, leuchtete der Mercedes-Stern über dem Land. Noch Mitte 1977 orderte Amin zwei gepanzerte 600 er.

Im Lande überlebten trotz aller Greuel weiße Hiwis wie der einstige RAF-Pilot Bob Astles, Amins »Berater für britische Angelegenheiten«, außerdem Schweizer, die Amin Kleinflugzeuge verkauften und für ihn warteten, sowie Amerikaner, die Amins »Kaffeebomber« flogen -- zwei Boeing 707 und eine C-130 »Hercules«, die ugandischen Kaffee nach England und Amerika brachten.

Zum Rückflug wurden Whisky und Parfüm, frischgedruckte Uganda-Shilling und Hereford-Rinder nebst Mercedes-Gebrauchtwagen und Uniform-Lametta in die Rümpfe gepackt.

Der Handel lief auch noch, nachdem sich längst ein Kronzeuge gegen Amins Schreckensherrschaft zu Wort gemeldet hatte, der zweifelsfrei wissen mußte, was in Uganda vorging: Amins Gesundheitsminister und langjähriger Privatsekretär Henry Kyemba.

In einem Buch, das er 1977 veröffentlichte, schilderte Kyemba die Greueltaten seines Chefs, denen auch sein eigener Bruder zum Opfer gefallen war.

Er erzählte, wie Amin schon zu Beginn seiner Amtszeit seinen Soldaten erlaubte, »jeden niederzuknallen, den sie verdächtigten, ein Verbrechen begangen zu haben oder zu planen«. Mit »VIP-Behandlung« meinte Amin Tod nach Folter, »Kalasi« hieß einfacher Tod -- etwa von einem Panzer zerquetschen, mit einem Hammer erschlagen, erschießen oder in die Luft sprengen.

Die Leichen, so Kyemba, waren oft »entsetzlich verstümmelt -- ihnen fehlen Leber, Nase, Lippen, Geschlechtsteile oder Augen«. Und: »Als ich Gesundheitsminister war, bestand Amin mehrmals darauf, mit der Leiche eines seiner Opfer allein gelassen zu werden ... Man glaubt in Uganda allgemein, daß Amin im wahrsten Sinne des Wortes blutdurstig ist.«

Amin habe sich auch mehrmals gebrüstet, Menschenfleisch gegessen zu haben.

Laut Kyemba war Amin mit fünf Frauen zugleich verheiratet, unterhielt einen Harem von mindestens 30 Geliebten und zeugte etwa 34 Kinder.

Der schönen Prinzessin Bagaya, mutmaßt Kyemba, sei Amin sehr zugetan gewesen, da sie ihn aber nicht erhörte, habe er sie unter der grotesken Beschuldigung gefeuert, sie habe sich während des Rückflugs von einer Uno-Sitzung (auf der sie für Amin brillierte) mit einem Weißen in einer Toilette des Pariser Flughafens Orly eingelassen.

Kyemba bezeugt auch, daß die greise jüdische Geisel Dora Bloch nach dem Flugzeugdrama von Entebbe auf Amins persönlichen Befehl ermordet worden sei -- als Rache für den israelischen Handstreich, der die Geiseln befreite.

Als Kyemba sich 1977 absetzte, war Amins beste Zeit wohl schon vorbei. Die meisten, die in Uganda ein wenig mehr als lesen und schreiben konnten, waren geflüchtet oder tot. Die Wirtschaft des Landes, das Churchill wegen seiner Fruchtbarkeit einmal »die Perle Afrikas« genannt hatte, war praktisch zum Erliegen gekommen, die Geduld ausländischer Freunde ging zu Ende.

Und die Welt reagierte nicht mehr so recht auf die spontanen Sprüche Amins, zumal sie kaum noch nach außen drangen: Journalisten lebten in Uganda immer gefährlicher.

Der Ruhm von »Idi Amin Dada, dem großen Afrikaner unserer Zeit«, so sein Hofpoet Ommar Nassar, begann zu verblassen, die Kaffeepreise sackten, da half es auch nichts mehr, wenn Idi selbst ihn so anpries: »Der ugandische Kaffee ist der beste der Welt. Wer ugandischen Kaffee trinkt, der wird so stark wie der Feldmarschall Idi Amin Dada.«

Da beschloß Idi Amin, gegen den Erbfeind Nyerere Krieg zu machen. So kam er wieder in die Schlagzeilen, doch diesmal läuteten sie wohl sein Ende ein.

Was für ein Ende! Der wohl schillerndste Staatschef Schwarzafrikas, der je aus der Mischung von Kral und Kaserne aufgestiegen ist. Amin war doch lange »ein Held von Afrika« -- so der Titel einer Biographie -, der selten Schwierigkeiten hatte, sich Afrikanern mitzuteilen. Die Schlichtheit seiner Argumente machte ihn mitunter zum Idol vieler Schwarzer.

Er war, trotz aller Morde, kein Nero, kein Hitler und kein Stalin, obwohl er all das vielleicht gern gewesen wäre. Für ihn war Töten alter Stammesbrauch -- ein guter Rivale ist nur ein toter Rivale, und der Medizinmann wußte allemal mehr übers Leben als Marx.

Wenn Amin größere Bildungschancen gehabt hätte, wie einer seiner ehemaligen Briten-Offiziere immer jammerte, vielleicht wäre er dann sogar ein methodischerer Killer geworden als er war.

Das Ende kam für Idi Amin dennoch nicht so rasch, wie alle Welt es erwartet hatte, nachdem ihm der größte Teil seiner Truppen vor den angreifenden Tansaniern und Exil-Ugandern davongelaufen war. Die Männer der Elite-Einheiten »Löwe« und »Leopard« mochten nicht mehr kämpfen, die Soldaten des »Selbstmord«-Bataillons dachten nur noch ans eigene Überleben -- wie letztlich auch die 2000 Libyer, die Gaddafi seinem Glaubensbruder zu Hilfe gesandt hatte.

Nach schweren Verlusten mußte Gaddafi mit Nyerere verhandeln, wollte er seine Soldaten überhaupt noch herausholen: Gegen einen Preis von 20 Millionen Dollar hielten die Tansanier von Kampala aus nach Jinja im Osten des Landes eine Straße frei.

Möglicherweise verschaffte dies dem bedrängten Amin noch eine Atempause, denn über die Straße vermochten nicht nur die Libyer abzuziehen eine nubische Einheit aus dem Stamm der Bombo konnte auch in die umkämpfte Hauptstadt einrücken.

Die Männer aus der Nil-Provinz sind Amin treu ergeben -- er hat sie seit Machtantritt mit Gunstbeweisen überhäuft, mit Geld, Whisky, Autos und Urlaub in Luxushotels.

Aber Nyerere hatte es auch nicht übermäßig eilig. Denn als brutaler Eroberer wollte er vor den afrikanischen Staaten nicht gelten, zumal gerade Tansania stets lautstark den Grundsatz der Nichteinmischung in die Angelegenheiten anderer afrikanischer Staaten vertreten hat.

Nun aber ist eben dieser Nyerere der erste afrikanische Staatschef, der mit Gewalt in die inneren Angelegenheiten eines Nachbarstaats eingreift -- das Exempel könnte für Afrika mit seinen künstlichen, von den Kolonialmächten gezogenen Grenzen verheerende Folgen haben.

Nachbarstaat Kenia stand dem Vormarsch der Tansanier noch besonders mißtrauisch gegenüber. Denn die Regierung in Nairobi ging davon aus, daß Nyerere seinem Freund, Ugandas Expräsidenten Milton Obote, wieder in sein altes Amt verhelfen wollte.

Den sozialistisch eingestellten Obote aber sahen Kenias Kapitalisten nicht gern in Kampala. Ihnen war »Amin trotz allem lieber als Obote«, so unlängst Kenias Justizminister Charles Njonjo.

Denn in Nairobi breitete sich Einkreisungsangst aus. Sozialisten regieren heute schon in Somalia, Tansania und Äthiopien. Mit Obote als Regierungschef in Kampala wäre Kenia auf allen Seiten von sozialistischen Staaten umgeben.

Es stellte sieh auch heraus, daß die von Idi Amin terrorisierte Bevölkerung Ugandas keineswegs geschlossen zu den Tansaniern überlief. Niemand wollte so recht an ein Ende Amins glauben. Mehr als einem Dutzend Attentatsversuchen war der Feldmarschall bisher entkommen. Oft hatte er Verschwinden nur gespielt, um nach seiner Rückkehr um so grausamer unter denen zu wüten, die sich zur Unzeit zu freuen gewagt hatten.

Ein Exil-Ugander über seine Mitbürger in der Heimat: »Die sind vor Angst geradezu verblödet.«

Erst als die Invasionsverbände Kampala wirklich und für jedermann sichtbar genommen hatten, getrauten sich die Einwohner, ihre Freude zu zeigen. Zu Tausenden umjubelten sie die Invasoren, tanzten und sangen und ließen den tansanischen Präsidenten Nyerere als ihren Befreier hochleben.

»Nyerere, wir danken dir«, schallten die Rufe durch die Stadt. Dann aber beeilte sich die ausgepowerte Bevölkerung Kampalas, die Früchte des Sieges über Idi Amin einzuheimsen. Sie plünderte die von ihren Besitzern verlassenen Geschäfte.

Überlebenskünstler Idi Amin hatte sich rechtzeitig in die Stadt Jinja, siebzig Kilometer östlich von Kampala, abgesetzt. Zumindest vorläufig war er seinen Feinden noch einmal entkommen.

Am Mittwochabend vergangener Woche riefen die siegreichen Tansanier und Exil-Ugander eine neue Regierung aus. Präsident des Landes wurde jedoch nicht, wie weithin erwartet, der Amin-Vorgänger Milton Obote, sondern der Chef der Ugandischen Befreiungsfront, Jusuf Lule, 68, Ex-Professor, Ex-Minister unter britischer Kolonialherrschaft und Studienfreund Nyereres.

Radio Kampala vermeldete lakonisch, »der faschistische Rassist Amin« sei endgültig von der Macht vertrieben.

Anmerkung der Redaktion: Herr Ellerkmann legt Wert auf die Feststellung, dass diese Berichterstattung falsche Tatsachenbehauptungen enthält. Mit der Einführung des Farbfernsehens in Uganda habe er nichts zu tun gehabt. Dieses sei auf der Grundlage eines Vertrags eingeführt worden, den der damalige Informationsminister mit der Robert Bosch GmbH schloss. Auch sei es unzutreffend, dass Ellerkmann deutsche Journalisten an einer – kritischen – Berichterstattung habe hindern wollen. Dass ein Interview zwischen dem SPIEGEL und Idi Amin nicht zustande kam, habe nicht an ihm gelegen. Auch habe er entgegen der Darstellung des SPIEGEL nie an einem Korbballspiel beim Präsidenten teilgenommen.

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