Moritz Pfeil DIESER SEEBOHM
Um einen Meter Lastwagenlänge ging es dem Dr. H.C. Seebohm bei seiner Rücktrittsdrohung vom letzten Mittwoch. Der Bundesverkehrsminister, der 1951 noch Lastzüge bis zu 20 Meter Länge verordnet hat, war letzte Woche sachlich im Recht, als er das Kabinett spektakulär um Rückenstärkung gegen die Interessenten ersuchte, die nicht, wie Seebohm heute, 15 1/2, sondern 16 1/2 Meter gestatten wollen. Und doch überkommt einen Bedauern bei jeder Dezimale, Bedauern darüber, daß der Rücktritt dieses dem Ansehen der Bundesrepublik schädlichen Mannes angesichts der üblichen Bonner Minister-Hemmungen wohl nicht zur Kabinettsreife gedeihen wird. Jedenfalls hat man den Trost, daß diverse Mitglieder des Bundestagsausschusses für Verkehr mit Freude einige Zentimeter zugelegt haben, um den unleidlichen Seebohm loszuwerden. Er ist der beständigste Schandfleck des Kabinetts.
Man hat nicht leicht. Mitleid mit dem Herrn Bundeskanzler, er verlockt dazu nicht, und trotzdem läßt sich nachfühlen, was er nach den zweiten Bundestagswahlen sagte: 'Ich kann es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, daß dieser Herr wieder Mini- ster im Bundeskabinett wird.« Das war vor sechseinhalb Jahren. Über das Gewissen des Kanzlers soll hier nicht philosophiert werden. Wohl aber steht der nicht leicht abzuschätzende Schaden zur Debatte, den Seebohm guten oder bösen Willens uns allen zufügt.
Noch haben die Ulbricht-Leute die Erledigung des Ministers Oberländer nicht ganz verdaut, noch haben sie das nächste Ziel nicht erkennbar anvisiert, da gibt der Verkehrsminister ein leibhaftiges Beispiel dafür, was der Unterschied zwischen einem gewesenen und einem heutigen Nazi ist, das Wort von dem Hitler-Nazi weg auf den gewissermaßen konstitutionellen, den »ewigen Nazi« hinbezogen, von dem auch noch andere Minister des Bonner Kabinetts sich Eigenschaften entliehen zu haben scheinen. Oder, wie Minister Seebohm sich in einem Trinkspruch angesichts skandinavischer Diplomaten und des Bundespräsidenten ausdrückte: »Es lebe das ewige Deutschland!«
Wir wollen diesmal nicht warten, bis Ulbrichts Leute diesen saftigen Braten aufspießen. Wir wollen ihn selbst auf den Grill stecken. Ungeachtet der prekären Lage, in der sich Deutschland derzeit befindet, hat der Alldeutsche Minister, der laut Auskunft des Herrn Bundeskanzlers in der Tschechoslowakei zwar nicht geboren, wohl aber gezeugt wurde, am 4. März in Hamburg derart schwadroniert: die Erschießung von 54 Sudetendeutschen vor 41 Jahren sei »der Beginn einer Kette von Ereignissen gewesen, die zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geführt haben«. Die Tschechen also, die unter Vertragsbruch überfallenen Opfer, und nicht Hitlers Großdeutsche sind letzten Endes schuld am Zweiten Weltkrieg. Diese 54 Sudetendeutschen von 1919 hat der Wahl-Böhme bei anderer Gelegenheit »die ersten Toten des Zweiten Weltkriegs« genannt. Es sei nicht zu verwundern, »daß die damals Unterdrückten eines Tages auch Gewalt anwandten«. Daß die während des Zweiten Weltkriegs überfallenen und zur Ausrottung vorgesehenen Polen und Russen heute eine harte Politik gegen Berlin und Deutschland betreiben, wundert Geister vom Kaliber des Ministers Seebohm dagegen sehr.
Soll man sich damit beruhigen, daß, laut Auskunft des Herrn Bundeskanzlers, ein Minister »nichts so sehr Entscheidendes« ist? Wird sich auch das Ausland damit beruhigen?, Oder wird es sich erinnern, daß dieser Angehörige aller bundesrepublikanischen Kabinette sich verneigt hat »vor jedem Symbol, ich sage ausdrücklich vor jedem, unter dem Deutsche ihr Leben geopfert haben«. Das Symbol, unter dem die Hekatomben des letzten Krieges gefallen sind, fand man unlängst an die Kölner Synagoge geschmiert.
Man weiß, wer mehr als jedes andere Volk unter dem Hitler-Symbol gelitten hat: die Polen. Über sie fand der Minister den passenden Vergleich »Das Polen Gomulkas hängt nur an einer längeren Kette als die anderen Satellitenhunde, es hat aber trotzdem nach Moskaus Anweisung zu bellen.« Vor sudetendeutschen Jugendlichen erklärte dieser Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaften: »Sehen wir denn nicht, wie aus dem Osten die Tollwut zu uns vordringt?« Die Ideologie der Sozialdemokraten habe ihre Wurzel in Asien, rief der Minister ein andermal, und führe auch nicht zum Deutschtum. Die »Rückversicherer« sollten laut Parteiredner Seebohm »schon jetzt die Tracht Prügel erhalten, die ihnen zukommt« (Zurufe: »Schlagt sie tot!").
Der sudetendeutsche »Sprecher« ist nicht einmal mit den Grenzen von 1939 zufrieden, sondern er verlangt »die Rückkehr aller Heimatvertriebenen in Heimat und Eigentum und das Verschwinden der Grenzen in Mittel- und Osteuropa« - man erinnert sich, wie Seebohms Kabinetts-Kollege Oberländer dieses Programm 20 Jahre zuvor formuliert hat. Deutsche Segelflugzeuge, so dekretierte der Verkehrsfachmann Seebohm, würden eines Tages auch wieder über die böhmischen Wälder fliegen. Damit nur ja niemand auf die Idee komme, dieses Programm könne friedlich bewerkstelligt werden, kommentierte Seebohm den 17. Juni folgendermaßen: »Ich frage die SPD, ob sie sich bewußt ist, daß sie dies alles (den 17. Juni) zu verantworten habe. Hätte die SPD vor einem Jahr nicht nein gesagt zu den Verträgen dann hätten wir am 17. Juni bereits zwölf Divisionen gehabt.«
Der Minister liebt Kolbenheyer (Seebohm: »Unser großer Dichter") und eine mehr als drastische Sprache. Dem bayrischen MdL Georg Bantele ließ er bestellen, sein Stiefelabsatz sei ihm, Seebohm, zu schade, um ihn, Bantele, In den ... zu treten. Den Herausgeber der »Sudetendeutschen Aktion«, Dr. Rudolf Hilf, beschimpfte er vor der »Bundesversammlung der Sudetendeutschen« mit dem grausigen Satz: »Scheiße, das ist alles Scheiße. Wenn jemand Scheiße in den Hosen hat und Scheiße auf die Erde fällt, so soll man ihm keinen Lokus unterstellen.«
Man bilde sich nicht ein, solche Repräsentanten ungestraft zehn Jahre an der Spitze haben zu können. Man beruhige sich nicht länger damit, daß der greise Kanzler schließlich nicht dafür könne. Die westliche Welt fängt schon zu Amtszeiten eben dieses greisen Kanzlers an, ihm und uns ihre Nachsicht zu entziehen. Es ist Zeit, Seebohm anstelle des Kabinett-Stuhls eine andere Sitzgelegenheit unterzustellen, und sei es, um in der Ministersprache zu bleiben, ein Lokus.