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»DIESER ZAR IST BÖSE«

Im ersten Anlauf scheiterte die mächtige russische Armee am Widerstand eines kleinen Kaukasus-Volkes. Für den Kriegsherrn Boris Jelzin ging es um den Bestand seines Reiches - aber auch um sein Amt. Verlassen von Parlament und Reformern, regiert der eigensinnige Präsident nur noch mit einem Klüngel alter Kumpane.
aus DER SPIEGEL 2/1995

Einem zaristischen Beamten widerfuhr einmal ein böses Ungemach - seine Nase kam abhanden. Und mit ihr verlor der karrieresüchtige Aufschneider seine ganze Identität. Den grotesken Fall schilderte der russische Nationaldichter Nikolai Gogol 1836 in seiner Novelle »Die Nase«.

Im wirklichen Leben geschah es am 9. Dezember vorigen Jahres, daß sich Boris Jelzin, Präsident aller Russen, ins Krankenhaus begab, um sich an seiner Nase operieren zu lassen. Seine nächsten Getreuen versammelten sich am Krankenbett und beschlossen eine »exakte Polizeiaktion, schmerzlos für alle Beteiligten« - eine Strafexpedition gegen die Kaukasus-Republik Tschetschenien.

Jelzin: »Handeln Sie, meine Herren!« Am 11. Dezember rollten die Panzer.

Nach zehn Tagen kehrte ein gut erholter Jelzin aus der Klinik zurück, die Nase trug er noch immer im Gesicht. Aber es war ein anderes Gesicht - nicht mehr das des jovialen, stets zu Scherzen aufgelegten Landesvaters und Staatsmanns, sondern das eines harten, blutigen Despoten.

Seine Untertanen erschraken: »Rußland befindet sich auf dem Weg in den Polizeistaat«, verkündete der Duma-Abgeordnete Lew Ponomarjow, ein bekannter Liberaler und ehemaliger Parteigänger Jelzins: »Dieser Zar ist böse.«

Der Mann, der Rußland in eine Demokratie hatte verwandeln wollen, traf seine Entscheidung zum Sturm auf Grosny gegen den Willen der Mehrheit seiner Bürger, gegen eine Resolution seines Parlaments, ohne einen Beschluß seiner Regierung, ohne den Segen des Patriarchen, unter dem Unmut einflußreicher Militärs und dem Protest der Moskauer Demokraten.

Dieser Zar Boris hatte 1991 das Völkergefängnis UdSSR zerschlagen - jetzt suchte er sich mit einer Waffentat auszuzeichnen, zu der noch jeder Kreml-Herr auch nach dem großen Landräuber Stalin ausgeholt hat: einem Gewaltschlag gegen ein kleines Volk.

Hatte Chruschtschow seine Panzer und Soldaten nach Budapest geschickt, Breschnew nach Prag und Kabul, Gorbatschow nach Baku und nach Vilnius (damals protestierte Jelzin), so setzte Jelzin die Armee jetzt nach Tschetschenien in Marsch, in eine abtrünnige Kleinrepublik, die beim Verschwinden der Sowjetunion 1991 ihre Unabhängigkeit erklärt und den Russischen Föderationsvertrag nicht unterschrieben hatte.

Er befahl Moskaus größte Militäroperation nach Afghanistan: 60 000 Mann und 600 Panzer fielen in das 16 100 Quadratkilometer große Ländchen ein, wo eine Dreiviertelmillion Tschetschenen - ein autochthones Kaukasus-Volk mit eigener Sprache - auf einem Tausendstel der Bodenfläche des gesamten Jelzin-Staates siedeln.

Während der Invasion kamen nach Angaben der Moskowskije nowosti bisher 2000 Tschetschenen und etwa 1800 Angreifer ums Leben. Bomber und Artillerie zerstörten das Zentrum der Hauptstadt Grosny, auch Schulen, Kindergärten, ein Waisenhaus und ein Altersheim. Sie töteten dabei Hunderte Zivilisten. Den Piloten war gesagt worden, zivile Ziele brauchten nicht geschont zu werden; in Grosny befänden sich außer Banditen keine Menschen mehr, die ansässigen Russen seien deportiert worden.

Zu Silvester rollten 250 Panzer und gepanzerte Fahrzeuge um sich schießend in die Stadt, ohne Infanterieunterstützung. »Rußland ging knietief im Blut in das Jahr 1995«, urteilte die Komsomolskaja prawda: Die oppositionellen Medien, die zornigen Abgeordneten (die eine Delegation nach Grosny geschickt hatten), die verstörte Stimmung unter den Russen offenbarten immerhin, daß die Werte abendländischer Zivilisation auch in Rußland verwurzelt sind - nur eben nicht bei seinen derzeitigen Führern.

Grosny sei unter Kontrolle, der Präsidentenpalast gestürmt, verlas der Sprecher des Staatsfernsehens am Neujahrsabend die Kreml-Version. Doch auf dem Kriegsschauplatz zeigten sich bärtige Tschetschenen vor dem Regierungssitz mit ausgebrannten Trophäen. In den Luken abgeschossener Panzer steckten verkohlte Leichen russischer Soldaten, denen die Flucht nicht mehr gelungen war. Erstmals erlebten die Russen einen Krieg im Fernsehen mit - für die meisten Zuschauer ein Schock.

Den ersten Angriff hatten ein paar tausend Verteidiger blutig zurückgeschlagen. Die Tschetschenen hielten sich exakt an eine Studie aus dem russischen Armee-Jahrbuch, in der Oberst Schamschupow die Taktik zur »Verteidigung einer Stadt« beschreibt: Sie ließen die Panzer passieren und schossen sie dann aus dem Hinterhalt und von den Flanken her mit Panzerfäusten ab. »Die brannten wie Streichhölzer«, berichtete ein Augenzeuge (siehe Seite 120).

Die Invasionstruppe meldete intern 246 Gefallene, 480 Verwundete und den Verlust von mehr als 300 Panzerwagen. Die ehemals Rote Armee, Bezwinger der Hitler-Wehrmacht und jahrzehntelang der Schrecken der Welt, stand erbärmlich bloß da: schlecht gerüstet, schlecht geführt, schlecht motiviert.

Überlebende des mißglückten Sturms wurden in die Keller des Präsidentenpalastes gebracht. Sie hätten laut Kampfauftrag nur ein paar Banditen unschädlich machen sollen, berichtete Hauptmann Alexander Bondarew beim ersten Verhör. Statt dessen seien er und seine Leute »in einen Fleischwolf geraten. Erst da habe ich begriffen: Wir kämpfen gegen ein ganzes Volk«.

Der erste Akt des Grosny-Schlags war derart amateurhaft organisiert, daß Militärexperten schon Absicht vermuteten - als ob der militärisch-industrielle Komplex dem ungedienten Jelzin vorführen wollte, wie verkommen die zweitgrößte Armee der Welt nun sei, wie dringlich mithin ihre Aufrüstung.

Was Moskau an militärischer Professionalität vermissen ließ, machte es an der Propagandafront wett: Obwohl Grosny schon seit Tagen »hermetisch abgeschlossen« war, sickerten vorige Woche angeblich »mehrere hundert Mudschahidin« täglich aus Afghanistan in die Tschetschenen-Hauptstadt durch.

Die gruselige Behauptung, die Tschetschenen hielten Blausäure und andere Kampfstoffe in der Stadt bereit, um den Russen verseuchte Erde zu hinterlassen, mochte nicht einmal der für Chemiewaffen zuständige General des Moskauer Verteidigungsministeriums bestätigen.

Moskauer Gerüchtemacher feierten den tschetschenischen Staatssicherheitschef Sultan Gelischanow als Überläufer - er habe sich mit zwei Bataillonen auf die Seite der Russen geschlagen. Gelischanow: »Reiner Quatsch.« Auch Moskaus Mitteilung, die »Dudajew-Banden« verließen fluchtartig Grosny Richtung Süden, hinauf in den Kaukasus, erwies sich als pures Wunschdenken. Dudajews Verhandlungsangebot, formuliert in einem Brief an Rußlands Premier Wiktor Tschernomyrdin, fand wie schon frühere Offerten keinerlei Gehör. Nach der Schmach brauchte der Kreml offenbar unbedingt die Revanche.

Ein Militärexperte malte gar die Apokalypse an die Wand. Rußland sei zu Beginn der vorigen Woche in eine »kritische Lage« geschlittert, die Armeeführung habe »zeitweilig die Kontrolle über die eigenen Truppen verloren - wir standen am Rand eines völligen militärischen Zusammenbruchs«.

Das Unvermögen, mit einer technisch wie zahlenmäßig weit überlegenen Militärmacht eine Provinzstadt einzunehmen, veranlaßte den populärsten General der Streitkräfte, Alexander Lebed, zu einer vernichtenden Kritik.

Der Chef der in Moldawien stationierten 14. Armee urteilte, Verteidigungsminister Pawel Gratschow habe die Armee zwischen zwei Einberufungsphasen in einen Winterkrieg gejagt. Tüchtige Unteroffiziere und Soldaten seien gerade entlassen, die Neueinberufenen dagegen noch gar nicht ausgebildet worden. Eine einheitliche Führung der Militäroperation fehle, Aufklärung und Logistik versagten, sträflich seien die Moral und Kampferfahrung eines Gegners unterschätzt worden, den ein ehemaliger Befehlshaber einer strategischen Bomber-Division führe: »Auf solchen Posten saßen keine Dummköpfe.«

Erst vergangenen Mittwoch wurden Spezialeinheiten in Marsch gesetzt: Aufklärer aus dem Moskauer Militärbezirk, dazu die früher dem KGB unterstellte 27. MotSchützen-Brigade und Sondertruppen aus Zentralrußland. Marineinfanteristen der Nordmeer-Flotte in Murmansk sollen die Tschetschenen so geschickt ausmanövrieren, wie es die Amerikaner mit den Irakern während der »Operation Wüstensturm« in Kuweit taten, verkündete ein hochrangiger Militär.

Doch wie zuvor trafen die russischen Bomben und Raketen - Jelzins Befehlen zuwider - weiterhin meist Zivilisten. Russische Flugzeuge bombardierten genau zur Mittagsstunde den kleinen Bauernmarkt der 30 Kilometer von Grosny entfernten Siedlung Schali. Nach zehn Anflügen war der Dorfanger blutgetränkt, berichtete die Agentur Itar-Tass.

Ob Pilotenfehler oder schierer Terror - am selben Tag wurde auch das Dörfchen Arschty in der mit Tschetschenien sympathisierenden Nachbarrepublik Inguschien heimgesucht: Eine russische Bombe löschte das Leben einer Bäuerin und ihrer drei Töchter aus, sieben Inguschen wurden verwundet.

Im Siegesrausch hatte Jelzin für Tschetschenien bereits eine »Regierung der nationalen Wiedergeburt« eingesetzt. Die verkündete, Dudajews »faschistisches Regime« müsse ohne Erbarmen beseitigt werden. Gleichzeitig gab sie jedoch zu, »zufälliger« oder »fehlerhafter« Beschuß könne zu einem gesamtnationalen Aufstand der Tschetschenen und somit »zu unvorhersehbaren Folgen« führen.

Im Keller des Dudajew-Palastes am Freiheitsplatz zogen bei jedem Bombeneinschlag elf entmutigte Gefangene ihre Köpfe ein: Die Gruppe unter Führung von Oberstleutnant Seregin war auf ihrem Marsch nach Grosny von Dorfbewohnern umzingelt worden und hatte sich kampflos ergeben.

Die Wachen zeigten kein Mitleid. 28 seiner Kameraden seien den Russen in die Hände gefallen, »als bei uns die Munition ausging«, berichtete der Hirte Aigumow Wacha. »27 haben sie erschossen und die Leichen zurückgelassen, einen nahmen sie mit in den Stab nach Mosdok. Aber so wird man uns Tschetschenen nie besiegen. Bringt man mich um, werden meine Kinder weiterkämpfen und später die Kinder meiner Kinder«.

Was hat Jelzin dazu getrieben, am Kaukasus einen Flächenbrand zu riskieren, Krieg gegen ein alteingesessenes Volk zu führen, das sich auf einen legitimen Freiheitswillen stützt, und seine moralische Autorität zu verspielen? Wollte er ein Exempel statuieren, um einem drohenden Zerfall seiner ganzen Föderation zu begegnen? Oder glaubte er, seine eigene ins Wanken geratene Herrschaft durch einen vermeintlich leichten Sieg zu festigen?

Was als prächtige kleine Expedition gedacht war, geriet jedenfalls zum bitteren Krieg, in dem Rußlands Hegemonialansprüche unterzugehen drohen. Jelzin steht am Abgrund.

Die Russische Föderation umfaßt 68 »Regionen« - meist russische Siedlungsgebiete - und 21 nichtrussische »Republiken« mit Sonderrechten, zum Beispiel eigener Verfassung und Staatsbürgerschaft. Die russischen Regionen fordern dieselben Kompetenzen samt Steuerhoheit und Verfügung über am Ort gewonnene Rohstoffe. Die Republiken wiederum möchten womöglich noch weitergehen und sich verselbständigen.

Der Krieg um Grosny fördert einen solchen Auflösungsprozeß. Der Gebietschef von Murmansk sträubte sich dagegen, daß »junge, unausgebildete Soldaten in unserer Region rekrutiert werden«. Die Präsidenten aller ethnischen Minderheiten, die in autonomen Republiken leben, verurteilten auf einem Treffen in Tscheboksary (Tschuwaschien) einstimmig das unfriedliche Vorgehen in Tschetschenien.

Die Regionen wie die Republiken zu Bundesländern zu erheben, Rußland gar in eine lockere Konföderation zu verwandeln, schlösse eine starke Zentralgewalt aus - ohne die Rußland aber nicht als militärisch allzeit präsente Weltmacht auftreten kann. Eine allgemeine Desintegration, klagte Vizepremier Schachrai, »könnte Rußland als unabhängigen Darsteller in der Weltgeschichte von der Landkarte tilgen«.

Instabilität der noch immer riesigen Völkergemeinschaft fürchtet auch der Westen. Deshalb das lange, betretene Schweigen der Verantwortlichen von Washington bis Bonn zum Abenteuer ihres Kandidaten einer »Partnerschaft für den Frieden« - was nun recht zynisch klingt.

Das Bonner Krisenszenario sieht nach einem Zerfall der Atommacht Rußland schon unkontrollierbare Cliquen und Gruppen sich des nuklearen Arsenals bemächtigen. Nur sein Freund Boris, so die Weltsicht Kanzler Kohls, könne derzeit einen Rest an Stabilität garantieren: »Es gibt zu ihm im Moment keine Alternative.«

Moskaus Nachbarn aber, wie Polen und die baltischen Staaten, drängt es jetzt um so rascher in die Nato. »Die Russen geben die Rolle des Gendarmen auf dem gesamten Gebiet der ehemaligen Sowjetunion nicht auf«, hieß es im polnischen Rundfunk.

»Wehe uns«, warnte Lettlands Reform-Protagonist Mavriks Vulfsons, »falls das Blutbad von Grosny zur Glorifizierung der angeschlagenen Armee benutzt wird, was zum 50. Jubiläum des Sieges im Zweiten Weltkrieg für Moskau besonders günstig wäre.«

Wie Bonn stufte der Präsident der verbliebenen Supermacht USA, Bill Clinton, Jelzins Krieg als eine innerrussische Angelegenheit ein, die andere Staaten nichts angehe - vielleicht sei ein bißchen zuviel Gewalt dabei geübt worden. Wieviel wäre angemessen?

Tatsächlich verfügt sogar die Bundesrepublik Deutschland - ohne geschlossen siedelnde nationale Minderheiten - laut Grundgesetz über das Instrument des »Bundeszwangs«, um Bundesländer, die sich ihren Pflichten entziehen, zur Räson zu bringen. In der Weimarer Reichsverfassung hieß das »Reichsexekution« und wurde gegen Sachsen und Thüringen mit Militärgewalt vollstreckt.

Inzwischen hat sich freilich im Völkerrecht die Auffassung durchgesetzt, daß das Selbstbestimmungsrecht auch eine Sezession decken kann.

Die KSZE hat das 1975 in Helsinki vereinbart - damals saß Moskaus mutiger Menschenrechtler Sergej Kowaljow, der die Führung jetzt des Völkermords beschuldigt, noch im Gefängnis. 1991 erklärte die KSZE unter russischer Teilnahme die Menschenrechte zu einem »internationalen Anliegen«, einer »nicht ausschließlich inneren Angelegenheit des betreffenden Staates«. Und seit der Budapester KSZE-Versammlung von Anfang Dezember müssen Minderheiten geschützt, Zivilpersonen geschont, Verfassungen gewahrt und Medien respektiert werden.

Mit den Stimmen von zehn Staaten können Beobachter in ein Krisengebiet entsandt werden. Erst als Paris vorige Woche eine Aktivierung der zu einer Organisation (OSZE) aufgewerteten KSZE empfahl, stimmte auch Bonns Außenminister Klaus Kinkel zu.

Bis dahin hielt er dieses Druckmittel für untauglich und teilte Jelzins Urteil, in Tschetschenien herrschten »mafiose Strukturen«, man dürfe das Land nicht »abdriften« lassen, es habe keinen Anspruch auf Unabhängigkeit. Sein (mit über 80 Prozent der Tschetschenen-Stimmen gewählter) Führer Dudajew ist laut Kinkel »kein Superdemokrat«, dessen »Clique« sei Moskau »lange Zeit auf der Nase herumgetanzt«. Über dieselbe Situation im früheren Jugoslawien, zur Lostrennung Bosniens, fällt Kinkel das entgegengesetzte Urteil.

Der Kanzler griff erst mit drei Wochen Verspätung, nach massivem Drängen aus der eigenen Partei, zum Telefon, um eine halbe Stunde lang Jelzin die Sorge »über das Ausmaß der Gewaltanwendung« vorzutragen - ohne ein scharfes Wort. Man könne den Präsidenten »doch nicht für jede Bombe, die da fällt, verantwortlich machen«, so ein Kanzler-Gehilfe voller Mitgefühl.

Da Jelzin jetzt selbst den Bestand seines Reiches in Gefahr bringt, muß er noch andere Gründe für seinen Gewaltakt gehabt haben als die Unversehrtheit der Föderation. Er selbst gab als Anlaß an, Tschetschenien sei ein Hort des organisierten Verbrechens, der Flugzeugentführungen und Mordanschläge; die Bandenkriminalität aus dem Kaukasus bedrohe ganz Rußland von der Ostsee bis zum Pazifik: ein Vorwand auch das.

Plausibler scheint das Interesse des militärisch-industriellen Komplexes, dem Jelzin seit seiner Zeit im Rüstungszentrum Swerdlowsk verbunden ist, an den Erdölvorkommen im Kaspischen Meer; die unabhängige Republik Aserbaidschan möchte den Schatz mit soeben zugesagten Investitionen aus dem Westen von 11,5 Milliarden Mark ausbeuten.

Die russischen Pipelines führen über Tschetschenien, das früher bis zu 90 Prozent des Flugbenzins Rußlands geliefert hat. Zum Chef seiner tschetschenischen »Regierung der Wiedergeburt« ernannte Jelzin denn auch einen Fachmann für den begehrten Rohstoff, Salambek Chadschijew, vormals Manager der sowjetischen Erdölindustrie.

Strategisch dient der Kaukasus zudem als Rußlands Tor zum Süden, als Glacis vor der Türkei und dem Iran, deren Einfluß auf die turksprachigen Moslemrepubliken Moskau fürchtet. »Die tschetschenischen Ereignisse zwingen uns, zur Frage der Autorität der Armee zurückzukehren«, drohte der Sekretär des Sicherheitsrats Oleg Lobow, ein Jelzin-Kumpan aus Swerdlowsker Zeiten. »Für die Armee werden alle nötigen Mittel bereitgestellt«, empfahl er sich der demotivierten Truppe: »Sie wird zu einer der besten der Welt - wie es immer war, weil Rußland traditionell ein Militärstaat ist.«

Den letzten Anstoß für Jelzins Marschbefehl nach Grosny dürfte die Einsicht geliefert haben, daß dem Präsidenten in Moskau die Macht entgleitet. Die Wirtschaftsreformen sind zum Stillstand gekommen, jeder weitere Fortschritt stößt auf den gesammelten Widerstand der alten Nomenklatura, die ihren Monopolbesitz an der Großindustrie nicht preisgeben mag. Breite Wählerschichten, denen Jelzin einmal als Volksheld galt, wenden sich von ihm ab. Das Volk will nicht mitmarschieren in Jelzins Katastroika.

Auf dem Moskauer Militärflughafen Tschkalowsk treffen jeden Tag aus dem kaukasischen Feldquartier Mosdok Transportmaschinen mit der gefürchteten »Fracht 200« ein. So heißen die zwei Meter langen Holzkisten, benagelt mit weiß-blau-rotem Trikolorepapier - Särge an der Heimatfront Gefallener. Sie werden im Ritualni-Saal des Burdenko-Militärkrankenhauses aufgestapelt, oft ohne Wissen der Angehörigen.

Die Abgeordnete Ella Pamfilowa bezeugte öffentlich nach einem Besuch in Mosdok, dicht an der tschetschenischen Grenze, die Verbrennung Dutzender Leichen, damit sie »die Statistik nicht verderben«. Mit dem Blutvergießen habe sich der Präsident »um die letzte Chance gebracht, 1996 wiedergewählt zu werden«, befand Kowaljow.

So sucht Jelzin, einst das Bollwerk der Reformer und Demokraten, nach neuen Verbündeten: Abgesandte obskurer Patriotenvereine, Anhänger des Hitler-Fans Alexander Barkaschow und Parteigenossen Schirinowskis gehen jetzt im Kreml aus und ein: »Ich habe lange gedacht, daß die um Audienzen betteln«, äußert ein Jelzin-Berater, »bis ich verstanden habe: Sie sind gerufen worden.«

Sie alle leiden darunter, daß ihr Vaterland etwa auf den Umfang der Zeit Peters des Großen schrumpft und um 300 Jahre Expansion zurückgeworfen wird. Arkadij Wolski, ein politischer Wortführer des militär-industriellen Komplexes, berief zum Jahresende 1994 einen Kongreß zur Wiedervereinigung der Sowjetunion ein.

Für alle Rückwärtsgerichteten in Rußland ist aber der Besitz des Kaukasus eine Sache der nationalen Größe. Da erinnert sich jeder Radikal-Patriot, daß schon die Zarin Katharina die Große 1784 in Ossetien die stolze Feste »Wladikawkas« gegründet hat, zu deutsch: »Beherrsche den Kaukasus«. Dagegen organisierte Mansur Uschurma, ein Tschetschene, den Widerstand der Bergvölker.

Ein Stützpunkt, den der Zarengeneral Jermolow baute, wurde nach Iwan dem Schrecklichen benannt, dessen Beiname auf russisch »Grosny« lautet - heute Tschetscheniens Hauptstadt. Der Krieg zur Unterwerfung der Kaukasus-Völker währte 35 Jahre und kostete ebenso viele Soldaten, wie Jelzin jetzt auf Grosny angesetzt hat. Nach jedem Massenaufstand ließen die Zaren Tausende Tschetschenen deportieren - zuletzt 1913. Noch mehr suchten im Osmanischen Reich Zuflucht, dessen Wiederentstehung Moskaus Geopolitiker wie einen Alptraum fürchten.

Zar Nikolaus I. befahl, den Eingeborenen beizubringen, »Russisch zu sprechen, zu denken und zu fühlen«. Seinem General Paskewitsch trug er »die Befriedung der Bergvölker und die Ausrottung der Unbotmäßigen« auf.

Rußlands Jung-Intellektuelle zogen in den Kolonialkrieg und lernten oftmals, die unterworfenen Völkerschaften zu bewundern. Die Dichter Puschkin, Lermontow und Tolstoi waren dabei. Der erste pries seinen blutigen Kommandeur Jermolow, von dem noch heute eine Büste in Grosny steht: »Erniedrige dich, Kaukasus, Jermolow ist im Anmarsch.«

Über die Einheimischen schrieb er: »Dolch und Säbel sind bei ihnen Körperglieder, und ein Kind lernt früher die Waffen zu gebrauchen als zu sprechen. Mord ist bei ihnen eine ganz gewöhnliche Geste.«

Lermontow staunte über die Tschetschenen: »Was ist das für ein Volk! Diebisch und gastfrei, bettelnd und fürstliche Geschenke verteilend.« Und: »Ihr Gott heißt Freiheit, ihr Gesetz ist der Krieg. Ihr Haß ist grenzenlos wie die Liebe.«

»Das war kein Haß«, analysierte Leo Tolstoi die Widerstandskraft der Bergvölker, »sondern eine Nichtanerkennung dieser russischen Hunde als Menschen und so ein Abscheu, Ekel und Befremden vor der unsinnigen Brutalität dieser Wesen, daß das Bedürfnis, sie zu vernichten, wie das Bedürfnis einer Vernichtung von Ratten, giftigen Spinnen und Wölfen ein ebenso natürliches Gefühl wie der Selbsterhaltungstrieb war.«

Solch Widerborstige zu befrieden gelang auch den Kommunisten nicht. Stalin hatte speziell den Tschetschenen im Dezember 1917 versprochen: »Von nun an sollen eure Religion und Sitten, eure nationalen und kulturellen Einrichtungen frei und unantastbar sein! Entfaltet euer nationales Leben frei und ungehindert!« Sogar das islamische Gesetz, die Scharia, versprach er zu respektieren - alles Betrug (Dudajew schwor seinen Amtseid auf den Koran).

Bei der Zwangskollektivierung führten ganze Distrikte 1929/30 Krieg gegen die Sowjetmacht. Nach einer Verhaftungsaktion der Geheimpolizei 1937 fochten Tausende als Partisanen, gegen ihre Verstecke wurde zum erstenmal die Luftwaffe eingesetzt. Dann kam 1942 die deutsche Wehrmacht.

Sie gelangte bis an die Grenze des »autonomen Gebiets« der Tschetschenen. Die Deutschen betrieben im Kaukasus eine andere Besatzungspolitik als etwa in der Ukraine. Kolchosen wurden aufgelöst, Moscheen geöffnet, Zeitungen zugelassen. Zum Moslemfest Bairam in Kislowodsk beschenkten die Einheimischen die Deutschen fürstlich, nahmen den General Köstring auf die Arme und schleuderten ihn begeistert immer wieder in die Luft.

Nach einigen Monaten mußten die Deutschen den Rückzug antreten. Goebbels' Zeitung Das Reich schrieb von den vielen »neuen Verbündeten« im Kaukasus, die zurückgeblieben seien. Der Artikel wurde Tage später zurückgezogen, weil damit »die Existenz verschiedener Nationalitäten gefährdet werde«.

So war es. Die Sowjets kamen wieder und deportierten mehrere Kaukasus-Völker nach Kasachstan. Hunderttausend Rotarmisten trieben 1944 eine halbe Million Tschetschenen und Inguschen in die Güterwagen. Jede Familie durfte nur 20 Kilo Gepäck mitnehmen. Bergbauern, die den Häschern entgangen waren, wurden aufgespürt und vernichtet; so verbrannten 700 Bewohner des Dorfes Chaibach - heute ein Nationalheiligtum - lebendig in einer Scheune.

In jenen Tagen wurde in der Ortschaft Perwomaisk ein Knabe namens Dschochar Dudi Musi geboren, der gleich darauf mit seiner Familie nach Mittelasien abtransportiert wurde. Unter seinem russifizierten Namen Dudajew ist er heute der Präsident Tschetscheniens.

Nach 13 Jahren Verbannung durften die Überlebenden - ohne Entschuldigung und ohne Entschädigung - in den Kaukasus heimkehren, wo sich weithin Russen und christliche Osseten ihr Land angeeignet hatten. Dudajew begann eine Militärkarriere, er wurde einziger tschetschenischer Sowjetgeneral. Viele seiner Landsleute aber widmeten sich fortan der Schattenwirtschaft, hielten sich an die Solidarität ihres Clans, »dehnten ihre Unternehmungen nach Moskau und in andere Städte Rußlands aus«, so 1991 eine internationale Untersuchungskommission, »wo sie als die ,kaukasische Mafia' bekannt wurden« (siehe Seite 122).

Rußlands Rassisten erscheinen die Tschetschenen als Inbegriff der Kriminalität. An solche wirren Emotionen appelliert Jelzin. Seine Überlebenstaktik aber übt er genauso wie seine Feinde: Bindung an den schützenden Clan.

Durch einen 3000 Mitarbeiter starken Apparat von der Wirklichkeit im Lande abgeschottet wie früher die Sowjetführer, reagiert Jelzin nur noch auf jene Informationen, die Gehilfen »mit Körperzugang« (Kreml-Jargon für die unmittelbare Führerumgebung) durchlassen. Früher umgab sich Jelzin mit einem großen Kreis höchst unterschiedlicher Ratgeber: Demokraten, Radikalreformern, Ex-Kommunisten, Geschäftsleuten. Heute hört er nur noch auf einen Klüngel von Schmeichlern und Intriganten, die im Grosny-Feldzug zu seinen Komplizen wurden.

Mächtigste Hofschranze mit Generalsepauletten ist der Chef der Leibwache, Alexander Korschakow. Doch »niemand sollte sich wundern«, spottet die Politologin Lilija Schewzowa, »wenn es morgen die Krankenschwester oder ein Masseur ist«.

Schatten Korschakow, hervorgegangen aus der ehemaligen 9. KGB-Verwaltung (Personenschutz), folgt Jelzin bereits seit dessen Versetzung von Swerdlowsk nach Moskau ins ZK-Sekretariat 1985. Er blieb bei ihm, als der Chef 1988 vom Parteiolymp fiel, auch »ohne Bezahlung«. Korschakow ging mit Jelzin angeln und spielte mit ihm Tennis, kutschierte ihn im Privatwagen, vertrieb ihm die Zeit in schlaflosen Nächten; er stand neben ihm auf dem Panzer, als Jelzin 1991 Moskau gegen die Putschisten mobilisierte.

Korschakow zeichne sich durch »einen scharfen Verstand« aus, er sei ein »hervorragender, klarer Kopf«, preist Jelzin den Freund. Der Gorilla durfte zum Garde-Kommandeur aufsteigen. Ein frustrierter Kreml-Beamter beschreibt ihn als »antiwestlich, antidemokratisch und grob«.

Ungeniert mischt sich der Personenschützer in die Staatsgeschäfte ein: Ende vergangenen Jahres ließ er von seinen Pistoleros den mächtigen Most-Konzern, der den unabhängigen Fernsehsender NTW mitfinanziert, aufmischen und dessen Mitarbeiter verprügeln; die Kaufleute unterstützen einen potentiellen Herausforderer Jelzins, den Moskauer Oberbürgermeister Luschkow. Wenig später diktierte Korschakow einen Brief an Premier Tschernomyrdin mit Anweisungen, das vaterländische Ölgeschäft künftig ohne westliche Einmischung zu organisieren.

Korschakow unterstehen heute 30 000 Prätorianer. Er berät seinen Schützling bei politischen Personalentscheidungen und führt die Einstellungsgespräche mitunter selbst. Er konzipiert bereits einen neuen, allgewaltigen Staatssicherheitsdienst nach KGB-Vorbild. Er organisiert Lauschangriffe auf Konkurrenten im Kreml-Apparat, von denen im Dienst kaum noch einer frei zu sprechen wagt. »Korschakow ist der Kaderchef der Kriegspartei«, flüsterte einer von ihnen vorige Woche einem Duma-Deputierten zu, den er für dieses Bekenntnis auf die Toilette gebeten hatte.

So dicht schirmt der innere Kreis Jelzin ab, daß kaum noch auszumachen ist, ob er der Chef oder der Gefangene des Küchenkabinetts ist. Aber vor seinem Volk und der Welt trägt der Präsident - wie angeschlagen, wie schlecht informiert auch immer - die Verantwortung.

Korschakow war es auch, der als Statthalter für Tschetschenien Nikolai Jegorow, 43, empfahl. Der vormalige Gouverneur des Kuban in Krasnodar und heutige Nationalitätenminister stand noch vor sechs Jahren einem Kolchos in seiner südrussischen Heimat vor. Der bullige Tatmensch, der nach dem Urteil eines Freundes »nur auf Sieg setzt und weiß, daß Siege vernichtend sein müssen«, hat im Nordkaukasus offenkundig Familieninteressen zu vertreten: Jegorows Tochter ist mit dem Tschetschenen Alexander Baschanow verheiratet. Der Clan des Schwiegersohns gehört zur Anti-Dudajew-Opposition, der Jegorow um jeden Preis an die Macht in Grosny verhelfen möchte.

Als Jegorow im vergangenen Jahr für den Föderationsrat kandidierte, hieß sein Slogan »Reicher Kuban - reiches Rußland«. Durch den Kaukasus-Feldzug, argwöhnt ein Moskauer Tschetschene, wolle Jelzins Statthalter nun selbst »zum reichen Mann werden«.

Armes Rußland. Bislang belastet das militärische Abenteuer samt allen Folgekosten bereits mit rund zehn Billionen Rubel (vier Milliarden Mark) den ohnehin stark defizitären Haushalt für 1995. Weitere zwei, drei Wochen Krieg würden nach Einschätzung des Publizisten Otto Lazis die Verschleuderung von rund einem Prozent des russischen Sozialprodukts bedeuten. Das Tschernomyrdin-Kabinett aber möchte mehr als zehn Prozent seines Budgets durch ausländische Kredite finanzieren.

Hier liegt die bislang ungenutzte Chance des Westens, der nationalen Regierungen wie auch des Weltwährungsfonds: Jelzin im gleichen Tempo das Vertrauen zu entziehen, in dem er sich von demokratischen Prinzipien und Reformen absetzt.

Dieser Preis kümmert Jelzin bislang wenig, erst will er die Tschetschenen niederringen. Die Brutalität des Ex-Kommunisten, der das Todeshaus des letzten Zaren hatte schleifen lassen, hatte zu Sowjetzeiten Chef Gorbatschow schon gerügt und wurde dann selbst Opfer, als Jelzin ihn nach dem Putsch von 1991 vor dem russischen Parlament herabwürdigte.

Auch viele Tressenträger, die wahre Macht im Land, verletzt das Bild eines außer Kontrolle geratenen Oberkommandierenden. Manche sinnen über einen Militärputsch nach. Generaloberst Eduard Worobjow, Vizechef der Landstreitkräfte, verweigerte in Tschetschenien seinem Kriegsherrn den Gehorsam: Er könne sich nach 38 Dienstjahren »nicht die Uniform beflecken«.

Der Brave trat von seinem Posten zurück, mit den Worten: »Ich habe die Ehre.« Er behielt sein Gesicht.

[Grafiktext]

S. 125 Chronik der russischen Eroberungen im Kaukasus

[GrafiktextEnde]

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