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»Dieses Vertrauliche, dieses Familiäre«

Die Kneipe um die Ecke, einst totgesagt, ist wieder im Kommen. Weder Fernsehen noch das Promille-Gesetz haben ihr viel anhaben können: Die Zahl der Gaststätten nimmt zu, es wird mehr Bier gezapft, mehr Wein ausgeschenkt als je zuvor. Kneipen-Forscher sind verblüfft: Der Platz an der Theke hat seine Popularität als »sozialer Ort des Geredes« behalten, wo der Bürger kleine Probleme runterschlucken und große Sprüche machen kann.
aus DER SPIEGEL 44/1975

Jeden Morgen Punkt neun stehen beim »Wöllinger« in München-Mittersendling die ersten Gäste vor der Tür. Wasti, 75, und Wendolin, 76, visà-vis vom Altersheim St. Josef, bringen dann schon ein paar Halbe zusammen.

Um die gleiche Zeit, in den Betrieben ringsum ist Frühstückspause, machen auch in der hannoverschen »Odeon-Klause« die Gäste den ersten Zug. Leo Oppen hinterm Tresen kann »nach denen die Uhr stellen, so pünktlich sind die da« -- wie im »Hafentor« zu Hamburg, wo sie dann noch mal nachmittags bei Schichtwechsel kommen.

Dann, wenn es dunkel wird, kommt erst ein Helles, dann noch ein Helles in der ganzen Republik, im Frankfurter »Schwälbchen« heißt es Prostata statt Prost, und wer eine Runde ausgegeben hat, tickt mit dem Finger dreimal auf den Tisch, wie überall im Vaterland.

»Dribb de Bach«, in Frankfurt-Sachsenhausen, werden unterdes in den Äppelwoi-Wirtschaften über dichtbesetzte Holztische hinweg die Bembel geschwenkt. Im Düsseldorfer »Uerigen« muß alle Viertelstunde ein neues Faß Obergäriges angestochen werden. Im Münchner »Augustinerkeller«, 5000 Plätze, 32 Bedienungen, muß man sich, wenn es auf acht Uhr abends geht, »seinen Platz schon ausraufen«, wie der Manager sagt.

Dann hocken sie zusammen oder stehen an der Theke, reden und trinken, trinken und reden, und ein Herr vom Deutschen-Brauerbund, der sich im »Siegel«-Gasthof zu Bonn-Friesdorf an einem der Holztische niederläßt, beschreibt, wie einem so zumute ist: »Hier erlebe ich das Leben mit. Sind drei, vier Stunden um, dann gehe ich nach Hause und sage, das war ein schöner Abend.«

Ob sie Wein oder Weiße trinken, Kölsch oder Pils, ob sie nur auf ein, zwei Glas hereinschauen oder bis zur Polizeistunde und länger bleiben, ob sie einsam meditieren oder rundum diskutieren, ob sie stehen oder sitzen, ob sie Skat spielen oder Doppelkopf, mit Würfeln einen austrudeln oder mit Streichhölzern einen ausraten -- in seinen Kneipen ist das deutsche Volk zu Hause; häufiger als früher und lieber denn je, noch »ne Runde bitte, kehren die Bundesbürger ein.

Es wird mehr getrunken als je zuvor: Binnen zehn Jahren stieg der Verbrauch an Bier in der Bundesrepublik von 122,1 Liter (1965) auf 147 Liter (1974) pro Kopf und Jahr, Kleinkinder und Abstinenzler mitgezählt. Und es gibt Gelegenheiten noch und noch: Angezapft und ausgeschenkt wird in rund 142 000 Gastwirtschaften -- das sind 14 000 mehr als vor zehn Jahren.

Es scheint, als habe die deutsche Kneipe alle Widrigkeiten der Zeitläufe überstanden, die Konkurrenz des Fernsehens und des Flaschenbiers, die Bleibe-schlank-Bewegung wie die Coca-Cola-Ideologie und das Promille-Gesetz dazu. »Gehn wir mal hin? Ja, wir gehn mal hin«, singt Wolf Biermann, und das ist im Osten wie im Westen so.

»Die Welle, zu Hause zu bleiben und stur auf die Glotze zu sehen, das ist vorbei«, registriert Gastwirt Ferdinand Bock in Hannover. Zwar, »wenn Deutschland spielt«, im Fußball nämlich, oder wenn Columbo nuschelt, bleibt es leer am Tresen, aber gleich danach eilt das Volk »schleunigst in die Kneipe, um darüber zu reden«, freut sich ein Wirt in Frankfurt.

Die Angst vorm Führerscheinentzug währt oft nur bis zum ersten Schluck. Zwar hört Wirtin Gabriele Schupp in der Gonsenheimer »Sportklause« ihre Gäste immer wieder davon reden, aber »dann geht"s munter weiter«. Friedel Kuhls, Wirt am Gifhorner Heidesee, formuliert: »Der Autofahrer trinkt keinen Alkohol, der zieht ein gutes Bier vor.«

»Ruhe, Abspannung und Lehnstuhlbehagen.«

Und auch, daß mittlerweile nur noch 30 Prozent des Biers vom Faß gezapft, 70 Prozent aber aus Dosen und Flaschen getrunken werden, hat das Wirtshaus letztlich nicht erschüttert. Selbst als das Verhältnis noch umgekehrt lautete, ging aus jeder Eckkneipe etwa in Hannover-Linden »sonnabends mindestens ein Hektoliter über die Straße weg«, in Siphons und Kannen, wie Linden-Wirt Rolf Rehm, heute Direktor der Brauerei Wülfel, sich erinnert.

Der Mensch im Wirtshaus lebt ja auch nicht vom Bier allein. Eine Untersuchung der Hamburger »Gesellschaft für Marktforschung« hat ergeben, daß Gaststätten zu fast siebzig Prozent »aus sozialen Motiven« aufgesucht werden -vor allem, »weil ich mal in anderer Umgebung sein möchte«, »um Freunde und Bekannte zu treffen« und, nicht zuletzt, »weil ich dort meinen Stammtisch habe«.

Der »Deutsche Hotel- und Gaststättenverband« fürchtet keineswegs, daß sich daran viel ändert: »Wir glauben nicht«, teilte der Verband dem SPIEGEL mit, »daß die Kneipe an der Ecke verdrängt wird. Mit diesem gastronomischen Angebot wird eine ganz bestimmte Nachfrage angesprochen, die auch für die Zukunft Bestand zu behalten scheint.«

Sicher, Bier gibt"s heute an jeder Tankstelle, badischen Wein auch im ostfriesischen Supermarkt, und längst sind Bierkeller und Weinpinten, diese Urformen des deutschen Gasthauses, umstellt von Pizzerias und Cafeterias, Pubs und Bistros. Cevapcici beim Jugoslawen, Paella beim Spanier, Huhn, Szechuan im »Sommerpalast« -- längst gehört das Exotische zum deutschen Eintopf wie das Hähnchen vom Fließband im »Wienerwald«, das genormte Steak im »Steak-House« und die Hax'n von der Stange im Schnellimbiß. Nur gilt für alle diese Lokalitäten mit all ihren Spezialitäten: Dort ißt man zwar, aber man ist dort nicht.

Denn hängen-, hocken- und sitzenbleiben mag der Bundesbürger nur, wo es womöglich nichts anderes als Rohmops und Solei zu essen gibt, vielleicht noch eine Brezel. Wenn im Ausflugscafé draußen vor der Stadt die Tortenschlacht geschlagen, wenn bei Antonio der Pizza-Ofen aus ist, geht es an deutschen Theken erst richtig los.

»Zwee bis dreimal die Woche« kommen die Stammgäste in die »Löwenklause«, gleich um die Ecke in Berlin-Spandau, weil sic schließlich »ooch ma entspannen« möchten. Ein Lagerarbeiter kommt fast jeden Abend und hat auch immer Grund, »weeßte, die Frau is ja zu meine Schwester anne See«. Aber nee: »Hier fühl ick mir wohler.«

Klaus Schütz. der Bürgermeister, kann das verstehen. »Wird da«, so hinterfragte er die Kneipe, »nicht bisweilen sinnvoll, in jedem Falle lebhaft diskutiert, kommen da nicht auch öffentliche Probleme zur Sprache oder immerhin ins Gerede? Schon das ist mehr als nichts.«

Doch auch, wenn mal gerade Schweigen herrscht, funktioniert die Kneipe noch immer und verschafft, wie Thomas Mann hei »anderthalb Quart« Bier empfand, »Ruhe, Abspannung und Lehnstuhlbehagen. eine Stimmung von »Es ist vollbracht« und »0 wie wohl ist mir am Abend«.

Im »Riesen« hob schon Barbarossa den Becher.

Daß in den Kneipen, anders als der Politiker es gern hätte, häufig nur Stuß geredet wird und das »0 wie wohl«-Gefühl nur aufkommt, weil einer der eigenen Langeweile, dem Ärger im Büro oder dem nörgelnden Ehepartner entrinnen möchte -- das ändert nichts daran, daß das Kneipenbehagen eben da ist, erklärt es womöglich erst.

Goethe empfand es, er fühlte sich in Auerbachs Keller »ganz kannibalisch wohl, als wie fünfhundert Säuen«, und beim »Stöffche«, dem Apfelwein. empfinden es auch die alten Sachsenhäuser, die schon nachmittags ins »Lorsbacher Tal« oder die »Affentorschänke« ziehen, mit belegter Stulle von daheim und einem geschnitzten Deckel, den sie nach jedem Schluck über das Glas legen, damit nur keine Mücke in den Schoppen fällt.

Im »Riesen« zu Miltenberg am Main, dem wohl ältesten deutschen Gasthof, 1590 neu errichtet, hob schon Barbarossa den Becher, und bis heute sind überall im Land die Namen von Wirtshäusern, und manche Wirtshäuser selber, aus dem 16. Jahrhundert erhalten -- sie sind eben, wie der Historiker Friedrich Rauers in einer zweibändigen »Kulturgeschichte der Gaststätte« belegte, »von zäherer Lebenskraft als jedes andere Unternehmen, sie halten sich wie Dynastien«, überdauerten sie sogar und erhalten immer noch Zulauf, obwohl die Wirtshaustische nun nicht mehr aus schönem Eichenholz, sondern auch schon aus Resopal gemacht sind

Auch daß nun in immer mehr Schänken die sprichwörtliche Bierruhe übertönt wird von Musikboxen, aus denen die Hits leiern. von Spielautomaten mit ihrem Klingklong und vom Geklapper der Tisch-Fußballspiele. zeigt nur, daß die Kneipe anpassungsfähig geblieben und für alle, für alles offen ist. »Paloma blanca«, das schluckt sie auch noch.

Zwar zieht es die Jugend in die Diskotheken, wo Stereo-Getöse und »die totale Ego-Show« jedwede Kommunikation verhindern, zwar sammeln die Jungen sich in Teestuben und »gucken sich durchgeistigt an« -- aber wohin sie von dort einst aufbrechen werden, ist dem SFB-Jugendfunk auch schon klar: in die »einfachen Pinten«, zu »wirklich gewöhnlichen Gesprächen mit Leuten, die man in all den jugendlichen Trödelkneipen nicht trifft«.

»Bei mir verkehrt im Schnitt alles«. behauptet ein Berliner Eck-Kneipier. und so ist es wohl: Im Bierdunst mischen sie sich noch, die kleinen Leute und die großen Macher, der, der nur reden, und der, der nur zuhören will, welche von der CDU wie von der SPD, die Durstigen und die bloßen Säufer.

Kein Anlaß, wenn denn schon einer erforderlich ist, der nicht herhalten müßte, die Sitte zu rechtfertigen. Sogar der Tod läßt Kneipen leben, etwa die Schultheiss-Gaststätte am Krematorium in Berlin-Wilmersdorf, wo die Hinterbliebenen, Gießkanne noch in der Hand, sich vor Kummer ein Bier und noch ein Bier bestellen, neue Kundschaft immer wieder die Lokalität inspiziert, »für »ne geplante Trauerfeier«, und Adamo aus der Musikbox tröstet: »Gott sei dank, jetzt bist du da.«

Kein Interieur, das abschreckte; auf solche Holzbänke würde sich niemand zu Hause setzen wollen, keine Enge, die nicht als behaglich empfunden würde -- an den vier Tischen der Stuttgarter »Kiste« drängen sich schon nachmittags an die vierzig Weinzecher. Kein noch so blödes Geschwätz, dem man nicht zuzustimmen sich beeilte. Jeder zehnte Raub trifft späte Zecher.

Mit ziemlicher Regelmäßigkeit fallen immer dieselben Leute in immer dieselben Kneipen ein. In der hannoverschen »Altdeutschen Bierstube«, wo laut Wirt Gerd Rauch alles sein Weihenstephan oder sein Harke trinkt, »was Rang und Namen hat« in der Stadt, gibt es an die vierzig Stammtische, den ältesten seit 25 Jahren, da weiß man genau, »wer was wie und wann trinkt«.

Aber auch der Fremde, der auf der Durchreise ist oder aus einem ganz anderen Viertel kommt, ist nach dem dritten Halben, der vierten Kugel, der fünften Stange kein Fremder mehr. Einer, der einen ausgibt, ist immer gefragt, und wenn alle voll sind, darf auch jeder mitgröhlen: »Oh, du schöhöhöner Wehehesterwald.« Nirgendwo sonst verbrüdern sich die Deutschen so leicht -- und nirgendwo sonst geraten sie so schnell in Streit.

Denn »dieses Vertrauliche, dieses Gemütliche, dieses Familiäre«, das der Brauer Rehm in Hannover bewundert, ist nur die bessere Hälfte des Wirtshauses, die andere besteht aus Zoff und Zank, Reinfall und Rausschmiß.

Ob nun der eine Zecher dem anderen den Bierkrug übern Schädel zieht, wie es in Bayern alle Tage vorkommt, ob der Stammgast dem Wirt beim Knobeln das Messer in den Leib rennt, wie unlängst im holsteinischen Neustadt geschehen. oder ob es für die Ehefrau Prügel setzt, wenn der Ehemann blau nach Hause kommt -- »sicher gut die Hälfte aller Totschlägereien und Körperverletzungen passiert in den Kneipen oder in ihrem Dunstkreis«, wie ein westdeutscher Top-Kriminalist schätzt. Genaues weiß die Polizei nicht anzugeben, die Kriminalstatistiken sind nicht nach Tatorten aufgeschlüsselt.

Soviel steht fest: Jeder zehnte der insgesamt 18 965 Fälle von Raub, die das Bundeskriminalamt letztes Jahr registrierte, war ein sogenannter Zechanschlußraub. Die Räuber hatten Lokalbesuchern vor der Kneipentür oder auf dem Heimweg aufgelauert, sie niedergeschlagen und dann ausgeplündert. Die Opfer, so die gängige Kripo-Erfahrung, sind zumeist sternhagelvoll gewesen und können sich später, so der nordrhein-westfälische Kripo-Mann Johannes Ullrich, kaum an Tatort, Täter und Begleitumstand erinnern.

Denn daß gesoffen wird, gehört nun mal zur Kneipe und macht sie erst, wie ein Berliner Kriminalist es formuliert. zu einem »Pseudohimmel«. Nur ist es eben nicht der Alkoholismus des Einsamen auf der Bettkante, der da zum Zuge kommt, vielmehr, »sie wollen nicht allein Alkohol trinken, sondern vor allem Alkohol nicht allein trinken«, schreibt der Germanist Klaus Laermann über die am Tresen.

Keine Frage, daß Kontakt und Kommunikation durch Alkohol mitunter erst möglich werden. Wenn sich beim »Wöllinger« in München dienstags die Ortsvereine der Parteien treffen, mittwochs dort der Schachklub spielt, Donnerstag die Naturfreunde vom »Watzmann« und Freitag die Herren vom Gesangverein »Die Sendlinger« erscheinen, dann nicht nur, weil es ein Vereinszimmer, sondern auch, weil es Bier und jenen geometrischen Ort gibt, an dem die unterschiedlichsten Interessen sich kreuzen und aufheben: die Kneipe mit ihrer Theke.

Zwar wollen die Vereinsmeier -- erst mal -- unter sich sein: der katholische Mütterkreis in der Lüner »Hirschtränke«, die Fußballfans am Schalker Markt, die Journalisten bei »Tante Else« in Hamburg, die Juristen in der hannoverschen »Meineidsklause«, die eigentlich, aber das sagt keiner, »Königskrug« heißt. Aber ist die Tagesordnung durch, die Fachsimpelei erschöpft, so beginnt der allgemeine Teil, auf den alle schon gewartet haben, und die geschlossene Gesellschaft -- »Noch sechs Bier und zwei, vier, du auch? Also sechs Korn« -- öffnet sich nach allen Seiten, die eine Kneipe so hat. Als »bergender und schützender Raum« hat Laermann die Kneipe definiert, wo »umweglos und direkt« ein »spontanes Bedürfnis nach Wärme und Anerkennung« befriedigt werde. Und der Hannoveraner Psychologe Alfred Krovoza schließt sich dem an: »Allein vom Zeitbudget ausgehend, wo sollen die Leute sich verständigen über irgendwas. Am Arbeitsplatz geht"s kaum, zu Hause meist auch nicht.« Ein Spandauer Bauarbeiter: »Hier mußte keen Geschirr abwaschen, und quatschen kannste ooch.«

Quatschen, »sich äußern können, wie wirkungslos auch immer« (Krovoza), andern, vor allem aber auch sich selber mal zeigen, wer man ist -- das »egalitäre System wechselseitiger Anerkennung«, das Laermann als Prinzip der Kneipe erkannte, »läßt jedem die Chance, ohne Angst vor Sanktionen zu Wort zu kommen

Am Stammtisch, am Tresen, satt einer, was er dem Chef, dem Polier, der Gattin tagsüber angeblich gesagt hat, wäre er nur der gewesen, der er jetzt ist. »Da habe ich ihm gesagt«, ist ständige Rede, und schlagfertig. couragiert ist sie obendrein. Und wenn einer erzählt, was er so ist, dann macht er mitunter Karriere in einem einzigen Satz, wörtlich mitgehört so: »Sehen Sie mal, ich bin Handwerker, ich bin Heizungsverleger beziehungsweise Wärmetechniker, Zentralheizungsbauer, und ich werde Ihnen was sagen ...

Weil man sich sagen kann, was sich anderswo nicht so sagen läßt, es sei denn, daß keiner zuhört und niemand dran glaubt, ist die Kneipe mehr als Freizeitheim und Versammlungslokal geworden, nämlich, so Laermann, ein »sozialer Ort des Geredes«, und wie er gedeiht, das liegt vor allem am Wirt.

Ohne den ließe sich zwar noch die Rechnung machen, aber alles andere nicht. »Ein Wirt, der ein richtiger Wirt ist«, sagt einer in Karlsruhe, der auch einer ist, »der bestimmt doch die ganze Atmosphäre.« Wenn er einem späten Gast noch selber eine Suppe macht, weil die Küchenfrau nicht mehr da ist, wenn er das Bier erst von der Theke nimmt, wenn die Blume richtig steht, »das spricht sich rum, und dann sagen alle, da muß ich auch mal hin«. Jeden Tag wirft einer die Serviette.

Auch wenn sie jeden Abend »janz schön alle« sind, wie ein Berliner bekennt, und sie »bis mittags im Bett« liegen, wenn Ruhetag ist; auch wenn es ihnen nicht anders geht als Georg Kemminghaus, Pächter der »Hirschtränke« in Lünen, bei dem Max von der Grün notierte: »Immer Schnauze halten, auch wenn es noch so schwer wird, dem andern sagen: Ja, Kurt. du bist der Beste, du hast recht, du bist der Größte« -- »ich würde«, gestand eine Frau Wirtin im Niedersächsischen. »lieber meinen Mann verkaufen als meinen Tresen

Was Frauen und Männer eigentlich motiviert, Leberzirrhose und Plattfüße als Berufsleiden zu riskieren, war bislang noch nicht Gegenstand soziologischer Erhebungen, vermutlich aber verlockt etwas, das der gelernte Kellner und derzeitige Pächter des Kieler Eß- und Bierlokals »Storchnest«, Günter Lampel, 59, die »goldene Freiheit der Selbständigkeit« nennt.

Gelernt haben muß der deutsche Gastwirt nichts. Ob einer Steine gesetzt oder Laster gelenkt hat, Berufssoldat oder Vertreter gewesen ist, für eine Schank-Konzession braucht er außer leidlichem Leumund nur die Teilnahme an einer nachmittäglichen Unterweisung bei seiner Industrie- und Handelskammer nachzuweisen.

Schätzungsweise 60 Prozent der Gastronomen, die in deutschen Eckpinten, Stammtischkneipen und Stehbierhallen zapfen, hatten vordem einen anderen Beruf, den sie leichten Herzens aufgaben, »denn, mein Gott, was ein Wirt kann, das kann ich auch«, wie Kurt Seligmann, Geschäftsführer des Schleswig-Holsteinischen Hotel- und Gaststättenverbandes, diesen Lebenswandel ironisch umschreibt. Und schon kann er ein Faß aufmachen, sofern der Schankraum nur nicht kleiner als 25 Quadratmeter ist und mindestens zwei Urinale zur Verfügung stehen.

Und dann stellt sich heraus, daß eben doch nicht jeder kann, was ein guter Gastwirt können muß. Die meisten scheitern, weil sie in der Wirtschaft nicht richtig wirtschaften können. Willi Germer vom Gaststättenverband in Kiel: »Die denken, ich kriege für einen Schnaps eine Mark, dreißig sind in der Flasche, was kann ich da verdienen.«

Da kann nicht wundernehmen, daß »die Mehrheit der mittelständischen Gastronomen in ihrer Unternehmerrolle überfordert« ist, wie der Düsseldorfer »Verein zur Förderung des Hotel- und Gastgewerbes« konstatiert, und daß jährlich bei »25 bis 30 Prozent der kleinen Klitschen der Inhaber wechselt« (so das Kieler Ordnungsamt). Und 360 Wirte sind es denn auch pro Jahr, die beispielsweise in Hannover die Serviette werfen, einer jeden Tag. Doch die durchhalten, zu einem Stundenlohn von 3,16 Mark. wie einer von ihnen errechnet hat, dürfen sich zu denen zählen, die mit Bieren und Bouletten Soziales bewirken: »Sie förderten«, bezeugte der Düsseldorfer Verein, »in einer Massengesellschaft menschliche Beziehungen.« Werte also, die »nicht in nüchternen Zahlen und DM-Beträgen ausgewiesen werden können«.

Und um so wichtiger wird der Wirt, als die Kneipe zumindest in ihrer Funktion als gesellschaftlicher und geselliger Mittelpunkt im Wohnviertel einen Knacks bekommen hat -- das Leben spielt sich nicht mehr so ausschließlich wie ehedem in dem Dreh ab, in dem man wohnt. Mancherorts mischt sich das Volk eben doch nicht mehr, sondern auch in Lokalen bleiben Cliquen, Klassen, Klüngel unter sich, je nach Masche und Pop-Art, die vorübergehend en vogue ist.

Gerade in sind immer andere solcher Mode-Pinten, in Hamburg etwa zur Zeit das »Cuneo« in der schlimmen und daher schicken Davidstraße auf St. Pauli« wo Mimen, Schreiber, Werber und Modelle Tintenfisch speisen. Oder die Düsseldorfer Brauerei »Zur Uel«, wo sich öfter etwas tut, was die Gäste, meist von der Kunstakademie, »spontane action« nennen -- beispielsweise wenn ein Äthiopier namens Manna einen Informationsabend über seine afrikanische Heimat veranstaltet, dazu gibt"s »Kotelett normande« für 7,20 Mark.

Und wer nicht anders als »links« kann, kaut sein Schmalzbrot in einer der linken Kneipen, in denen, nach Darstellung des Blättchens »das da«, die Sitzgelegenheiten so auszusehen haben, »als hätte man sie vom Sperrmüll geholt. Auf solchen Stühlen ruht man nicht einfach, man trägt nach des langen Abends Plage mit dem wunden Arsch das beruhigende Gefühl nach Hause, der Konsumgesellschaft getrotzt zu haben«.

Auf A 1 singen

die »Drei Besoffskis«.

Andersartige werden in solchen Chambres séparées nur selten akzeptiert, bei Arrivierten wie bei Frustrierten würde sieh ein Arbeiter im Blaumann ebenso wie einer vom Mittleren Dienst im Polohemd fehl an der Theke fühlen. Gleichwohl, wie die Exklusivität der Etablissements auch geartet sein mag -- für ihre Klientel bedeuten sie dasselbe wie die Allerweltskneipen für jedermann: einen Fixpunkt fürs Ego, Hauptsache, man hockt zusammen:

Auf harten Bänken ohne Lehne wie in der Fellbacher Weinkneipe »Mack«, bei kaltem Kotelett, warmem Kartoffelsalat und einer grantigen Wirtin zum Wein, wie im Stuttgarter »Widmer«, oder bei Altbier, das, halb erst ausgetrunken, ungefragt durch ein neues ersetzt wird, wie im Düsseldorfer »Uerigen«.

Anheimelnd merkwürdigerweise auch Lokale vom Schlag des Hamburger »Kornhauskeller«, wo gleichfalls schon zum Frühstück Redakteure nebst Rentnern beim Bier und Skat ein Vergnügen finden, das jedenfalls durch die Örtlichkeit nicht zu erklären ist: Halb unter der Erde kauern sie auf hölzernen Bänken, die so schmal sind, daß mancher schon nüchtern unter den Tisch gerutscht ist.

Und in Hannover-Linden, wo es fast so viele Kneipen wie Straßenecken gibt. finden es die Opas, den Spazierstock zwischen den Knien, schlechthin fabelhaft, daß fast überall, in der »Gemütlichen Ecke« oder bei »Otto«, endlich renoviert worden ist und sie, wie bei sich in der Küche, von Plastik umgeben sind oder von gleich fünf verschiedenen Tapeten, eine moderner als die andere, bei »Ännchen«.

Was tut"s? Bier wie Korn kosten siebzig Pfennig und ergeben zusammen ein »Rezept«, wer reinkommt, klopft zur Begrüßung mit den Knöcheln auf die Tischplatte, auf A 1 an der Musikbox kann man den »Puff von Barcelona«, gesungen von den »Drei Besoffskis«, drücken, hinterm Tresen stecken am Gläserregal die Ansichtskarten der Ferienreisenden, zu Weihnachten gibt"s vom Wirt was von Melitta für die Frauen und einen Vierfarbstift für die Männer, und nach dem dritten Rezept blickt ein jeder schon halb ergriffen in die Runde: »Alles klar?«

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