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»Diesmal ist es uns ernst«

Die Hälfte aller Industriearbeiter, 4,3 Millionen Metaller, kämpfen erbittert um höhere Löhne. Wollen die Gewerkschaften verhindern, daß die Teuerung an den Einkommen ihrer Mitglieder zehrt, müssen sie mindestens 7,5 Prozent mehr Lohn durchsetzen. Bundeskanzler Brandt -- einerseits seinen Arbeitnehmer-Wählern verpflichtet, andererseits zu wirtschaftspolitischem Erfolg verurteilt -- kommen Streik und Aussperrung besonders ungelegen.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Die Arbeiter skandieren: »Haut den Bossen auf die Flossen!« Und: »4,5 Prozent ist Lohnraub.« Die Unternehmer hämmern in großformatigen Anzeigen »Krise«, »Preistreiberei«, »Gefahr für die Arbeitsplätze«. Aus Westdeutschlands Fabrikhallen, seit zwei Jahrzehnten fast immer Hort von Harmonie und Partnerschaft zwischen Arbeitern und Kapitalisten, tönen wieder Klassenkampfparolen.

Im dritten Kanzlerjahr des Sozialdemokraten Willy Brandt droht der offene soziale Konflikt: Die größte Einzelgewerkschaft der westlichen Welt, die IG Metall (2,3 Millionen Mitglieder), beschloß Streik, zunächst für das Tarifgebiet Nordbaden/Nordwürttemberg.

Arbeiterführer Otto Brenner sagte den Lohnkrieg an: »Diese Tarifbewegung wird eine der härtesten sein, die wir je erlebt haben.« Vorstandskollege Willi Michels: »Jetzt geht's rund!«

Die Arbeitgeber verkündeten »Rundumverteidigung« (Klöckner-Chef Henle). Am Dienstag vergangener Woche,

* Sitzung der Tarifkommission am 13. November 1971.

vier Stunden nach dem Streikaufruf der Metaller, antworteten sie mit einem Aussperrungsbeschluß. Kurt Neben, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Eisen und Stahl, bekräftigte: »Diesmal ist es uns ernst.«

Kaum ein Lohnstreit der letzten Jahre war so erbittert. Die Unternehmer, deren Erträge tatsächlich in den vergangenen Monaten beträchtlich gesunken sind, klagen, daß die hohen Lohnforderungen sie ruinieren wurden. »Die Existenz der Stahlindustrie«, so sagte Metall-Neben, »steht auf dem Spiel.« Die Arbeitnehmer. deren Realeinkommen durch den Kaufkraftschwund der Mark in den vergangenen Monaten gesunken ist (siehe Graphik Seite 33), fühlen sich betrogen. Bei der Bremer Vulkan-Werft etwa traten bereits in der vorletzten Woche 1500 Schlosser, Schweißer und Monteure in einen spontanen Ausstand und trugen Plakate durchs Werksgelände: »Jahre habt ihr uns verschaukelt -- ab heute wird nicht mehr gegaukelt.« Metaller in Ulm warnten auf Transparenten: »Millionen lassen sich nicht länger gängeln von Millionären.«

Der Lohnkampf in Württemberg mit seinen 948 Metallbetrieben und 555 000 Beschäftigten, von denen fast jeder zweite gewerkschaftlich organisiert ist. soll, das planen die Unternehmer. Daten setzen für die Metall-Lohnrunde in ganz Westdeutschland und für die kommenden Verhandlungen in allen übrigen Wirtschaftszweigen.

Die württembergischen Metaller bilden den Stoßtrupp der Gewerkschaft. Zähigkeit und Geschick ihres Vorsitzenden Willi Bleicher, eines bewährten Klassenkämpfers aus der alten Garde (siehe Seite 36). entscheiden mit über den Ausgang des Lohnkonfliktes.

Weitet sich der regionale Arbeitskampf zu einem bundesweiten Lohnkrieg in der Metallindustrie aus. wäre die Hälfte der westdeutschen Industrie lahmgelegt: 17 000 Betriebe mit 4,3 Millionen Beschäftigten, die 61 Prozent des westdeutschen Industrieexports bestreiten.

Stagflation. die »englische Krankheit«

Das Dilemma der Gewerkschaften in dieser Konjunkturphase ist offenkundig: Setzten sie hohe Lohnforderungen. beispielsweise zehn Prozent durch, dann werden nach Ansicht der Bonner Konjunkturlenker gerade jene wirtschaftspolitischen Ziele gefährdet, die allein 1973 dem Bonner Genossen zum Wahlsieg verhelfen können: relativ stabile Preise, Vollbeschäftigung und wirtschaftliches Wachstum.

Geben die Arbeiterorganisationen jedoch klein bei, riskieren sie den Kampf mit der eigenen Basis: Spontane Streiks wie im September 1969 wären nicht länger auszuschließen.

Die Arbeitgeber. die gegen den Streikbeschluß der württembergischen Metaller in Zeitungsannoncen schrieben. er bedeute eine »Gefahr für alle«, zeigten sich in Wahrheit jedoch mehr interessiert am offenen Kampf als ihre Tarifpartner.

Während die Gewerkschaftler bisher in jedem Schlichtungsgespräch einlenkten und bereit waren, ihre Forderungen zu verkürzen, wiederholten die Arbeitgeber im Bundesgebiet wie vorprogrammierte Gebetsmühlen stets nur ihr erstes Angebot von 4,5 Prozent.

Die magere Offerte läßt die Streiklust der Gewerkschaftsbasis wohl begründet erscheinen. Denn selbst 7,5 Prozent mehr Lohn bei siebenmonatiger Laufzeit des Tarifvertrages -- ein Schlichtungsvorschlag in Baden-Württemberg, den die IG Metall akzeptiert, die Arbeitgeber jedoch ablehnten -- reichen gerade aus, den Arbeitern den Kaufkraftschwund ihres Lohnes zu ersetzen. Die Unruhe in manchen Betrieben und die Gefahr spontaner Streiks wären nicht endgültig gebannt.

Nach bewährtem Brauch stilisierten die Unternehmer die Entscheidung der Gewerkschaften für den Arbeitskampf zum Fanal einer nun unausweichlichen Wirtschaftskrise hoch: Der »Startschuß in die Rezession« ist nach Ansicht des Arbeitgeber-Fachverbandes Gesamtmetall gefallen.

Auch ein sozialdemokratischer Kanzler und eine sozialliberale Koalition haben jene Eigenart des marktwirtschaftlichen Systems nicht aufheben können, die stets den Unternehmern die letzte Entscheidung über Krise oder Wachstum, Rezession oder Vollbeschäftigung überläßt: Nur wenn üppige Gewinne und friedfertige Gewerkschaften die Manager zu neuen Investitionen anregen, sind den Arbeitnehmern sichere Arbeitsplätze gewiß.

Unerwünscht hohe Lohnforderungen und Lohnsteigerungen können die Kapitalisten zwar nicht verhindern, doch sichert die Mechanik der Unternehmerwirtschaft zuverlässig den Arbeitgebern wirksame Abwehrmaßnahmen: in guten Konjunkturphasen werden die höheren Lohnkosten auf die Kosumenten überwälzt. In schlechteren Zeiten bringen Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit die Arbeiter wieder zur Räson.

Doch unnachgiebig und entschlossen vollführen Metaller und ihre Arbeitgeber das Ritual des Lohnkampfes. Neben dem Konflikt in Baden-Württemberg laufen derzeit in 24 weiteren Metall-Tarifgebieten Verhandlungen oder Schlichtungsgespräche. Der Frankfurter Landeszentralbankpräsident Leopold Bröker versucht seit Donnerstag zwischen den hessischen Unternehmern und ihren Kontrahenten von der Gewerkschaft zu vermitteln. In Hamburg mühte sich der ehemalige Präsident des Bremer Landesarbeitsgerichts Professor Hans Galperin bis Freitag vergeblich um einen Tarifkompromiß.

Ex-Arbeitsminister Hans Katzer, dessen Schlichtungsvorschlag in Nordrhein-Westfalen (7,3 Prozent mehr Lohn für ein Jahr und 40 Prozent eines Monatslohns als obligatorisches Weihnachtsgeld) von den Metallindustriellen abgelehnt wurde, empfahl eine bundesweite Einheitsregelung und sich selber als Bundesschlichter. Doch die Gewerkschafter lehnten ab. Otto Brenner: »Das paßt nur in das Konzept der Bundesregierung, der Industrie und von Katzer selbst.«

Die Gewerkschaften wehren sich gegen die zentrale Schlichtung. weil sie bei einem Scheitern in einen bundesweiten Streik verstrickt würden. Auch der regional begrenzte Konflikt kann indes nach Meinung der Unternehmerverbände die Solidarität gegen die Arbeiter nicht erschüttern.

Viktor Frankenberger, der Vorsitzende des Württemberger Verbandes: »Die Geschlossenheit der Haltung war bei uns im ganzen Bundesgebiet noch nie so gut.« Eine »Kern-Kommission«, die an allen regionalen Tarifverhandlungen teilnimmt, sorgt dafür, daß keiner gegen die Disziplin verstößt. »Wir sollen«, so erklärt der Berliner Metallarbeitgeber-Präsident Dietrich Weyermann« »keine Extratouren fahren.«

Die Gewerkschaften vermuten hinter der Hartnäckigkeit des Gegners unlautere Motive: Die Arbeitgeber-Offerte von 4,5 Prozent mehr Lohn und der Beschluß, Arbeitswillige auszusperren, sei gleichzeitig eine »Demonstration gegen die Regierung« (Frankfurts IG-Metall-Bezirksleiter Hans Pleitgen). Auch der Parlamentarische Staatssekretär im Verkehrsministerium und frühere Betonmischer Manfred Römer, SPD, behauptete: »Die Arbeitgeber wollen doch nur, daß Willy Brandt ein paar Spritzer abkriegt.«

Setzen die Unternehmer ihr Angebot durch, würde ausgerechnet während der Kanzlerschaft eines Sozialdemokraten passieren, was in der Nachkriegszeit noch nie geschah: Westdeutschlands Arbeitnehmer müßten eine Kürzung ihres Reallohns hinnehmen. Ein gelernter Facharbeiter (Lohngruppe 6 b, verheiratet, zwei Kinder, bei der Hamburger Howaldtswerke/Deutsche Werft), der zur Zeit mit acht Überstunden und sechs Stunden Feiertagsarbeit 1600 Mark brutto verdient, würde bei einer 4,5prozentigen Tariflohnerhöhung 40 Mark netto mehr erhalten -- das sind drei Prozent. Da die Preise um sechs Prozent klettern, würde sein Reallohn um drei Prozent sinken.

Otto Brenner ist daher sicher: »Den Arbeitgebern geht es nicht um einen Kompromiß. Sie haben es darauf angelegt, die Einschaltung politischer Stellen zu erzwingen.«

Offiziell dementieren die Unternehmer, daß sie Bonn in den Lohnkampf einschalten wollen. Doch Hanns Martin Schleyer« Vizepräsident des Arbeitgeberverbands (BDA) und Vorstandsmitglied bei Daimler-Benz, hatte schon vorletzte Woche in Bonn vertraulich sondieren lassen, ob Kanzler Brandt oder einer seiner Kabinettsherren bereit· sei, den Tarifstreit zu schlichten. Das Ergebnis war negativ: Kein SPD-Spitzenpolitiker will es auf sich nehmen, zwischen den verfeindeten Tarifparteien zu vermitteln.

Die Zurückhaltung ist verständlich. Denn das Friedensamt brächte die Bundesregierung in eine mißliche Lage: Aus konjunkturpolitischen Gründen müßte die sozialdemokratisch geführte Regierung ein Ergebnis ansteuern, das für ihre Wähler, die Arbeitnehmer, ungünstig ausfällt.

»7,5 Prozent auf ein Jahr«, so ein Kanzler-Berater, »wäre für die Regierung ganz gut, für die Gewerkschaften aber ziemlich mies.«

Denn der Lohnkampf der Metaller entbrennt zur Unzeit. Den Gewerkschaften bleibt in der gegenwärtigen Abschwungphase nur die Wahl zwischen zwei gleichermaßen ungünstigen Alternativen. Verzichten sie auf harte Lohnforderungen, vermindern sich die Realeinkommen der Arbeitnehmer. Kräftige Lohnaufschläge jedoch könnten die ohnehin abflauende Konjunktur lähmen. Schillers Ministerialdirektor Wilhelm Hankel: »Die Gewerkschaften halten den Schlüssel für Konjunktur und Währung in der Hand.«

Die unfreiwillig übernommene Schlüsselrolle kommt den Gewerkschaften ungelegener denn je: Noch nie in der Nachkriegsgeschichte war der Kurs zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation, zwischen Krise und Wachstum schwerer auszumachen als heute; noch nie waren sich Wirtschaftsanalytiker und Konjunkturpropheten über den rechten wirtschaftspolitischen Weg so uneins wie heute. Privatbankier Alwin Münchmeyer, Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken: »Konjunkturpolitik ist zur Zeit die Kunst, vierspännig durch ein Nadelöhr zu fahren.«

Bislang mißlang Willy Brandts Konjunkturlenker Karl Schiller dieses Kabinettstück. Zur Halbzeit der sozialliberalen Regierung steigen die Preise mit der Inflationsrate von sechs Prozent, taumelt die Wirtschaft am Rande einer Rezession und sind Westdeutschlands Arbeitnehmer von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit bedroht. Klaus Dieter Arndt, SPD-MdB und Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, diagnostizierte: »Die Konjunktur befindet sich im freien Fall.«

Trotz aller Stabilisierungsversuche (Aufwertung der Mark, Kursfreigabe und Konjunkturzuschlag) müssen die Sparer in Kauf nehmen, daß die Teuerung ihre Sparguthaben annagt, weil die Inflationsrate den Zins übersteigt.

Zugleich klagen Westdeutschlands Wirtschaftsführer über schmerzliche Gewinneinbußen, die ihre Investitionen und damit die Wachstumschancen ihrer Betriebe bedrohen. So rechnete die Münchner Siemens AG vor, jedes Prozent Lohn- und Gehaltserhöhung koste die Firmenkasse 30 Millionen Mark. Ein Tarifabschluß von sieben Prozent zehre mithin fast den ganzen Überschuß des letzten Geschäftsjahres (213 Millionen) auf.

Auch die Maschinenfabrik J. M. Voith aus Heidenheim glaubt nach Ansicht ihres Vorstands einen weiteren Anstieg der Lohnkosten nicht mehr verkraften zu können: »Wir sind unter den gegebenen Verhältnissen schon heute im Export kaum noch konkurrenzfähig.«

Die Herren aus den Vorstandsetagen können sich sogar auf unverdächtige Zeugen berufen. Ludwig Poullain, Präsident der Westdeutschen Landesbank und wirtschaftspolitischer Gelegenheitsberater des Bundeskanzlers, findet die Stimmung der Wirtschaft »ausgesprochen miserabel«.

Klaus Dieter Arndt, bis Herbst 1970 Staatssekretär im Bonner Wirtschaftsministerium, konstatiert: »Die Gewinnlage der deutschen Unternehmen, insbesondere der Unternehmen der Industrie, kann nicht auf dem gegenwärtigen Niveau bleiben; sie muß sich in nächster Zukunft erheblich verbessern, damit diese Unternehmen auch wieder die Kraft haben, weiter für die wirtschaftliche Entwicklung dieses Landes investieren und sorgen zu können.«

Für die Arbeitsgemeinschaft der deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute hat die Krise bereits begonnen. Die Konjunkturanalytiker ermittelten, daß die Kapazitätsauslastung der deutschen Industrie im Oktober auf 85 Prozent gefallen ist -- und damit auf den Stand vom Herbst 1966, als die schärfste Rezession der Nachkriegszeit einsetzte.

Nur in der Konsumgüterindustrie sind Geschäftslage und Gewinnerwartungen wegen des hohen Einkommenszuwachses (nach einer Schätzung des Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts der Gewerkschaften steigen Löhne und Gehälter 1971 um 12,5 Prozent) nach wie vor so gut, daß dort vorerst kein Einbruch zu erwarten ist. In diesem Wirtschaftsbereich ist deshalb sogar, so das Münchner Ifo-Institut« mit »einer Beschleunigung des Preisanstiegs« zu rechnen.

Besonders harte Zeiten stehen hingegen jenen Investitionsgüter-Konzernen und -Fabriken bevor, die nun im Arbeitskampf mit Otto Brenners Metallern stehen. Rückläufige Auftragseingänge, schrumpfende Produktion und zum Teil schon Kurzarbeit markieren dort bereits die konjunkturelle Talfahrt (siehe Graphik Seite 31).

So sank im Maschinenbau die Nachfrage im vergangenen Jahr um mehr als 15 Prozent, die Auftragsreserven reichen nur noch für fünfeinhalb Monate. Der Maschinenbau fertigte im Oktober fünf Prozent weniger als im Vorjahr. Das Ifo-Institut prognostiziert: »Die Abwärtsbewegung wird sich vermutlich während des Winterhalbjahres verstärken.«

Auch die Stahlindustrie meidet schon seit Monaten neue Einstellungssperren, Kurzarbeit, Entlassungen und sogar Werkstillegungen. In den ersten zehn Monaten dieses Jahres produzierten die Metaller zehn Prozent weniger Stahl als im Vorjahr. Branchenkenner prophezeien, daß in den kommenden Monaten die Hochöfen an Rhein und Ruhr noch weniger beschickt werden, weil ausländische Importeure zunehmend den deutschen Stahlmarkt erobern.

Im September kam jede dritte Tonne Stahl aus Italien, Frankreich oder anderen Industrieländern (Ende 1970 lag der Importanteil noch bei 20 Prozent). Ein von den Gewerkschaften in den Aufsichtsrat eines Stahlkonzerns entsandter Funktionär analysiert die Bilanz des Konzerns: »Die haben noch nie so lange und so tief in den roten Zahlen gesteckt wie zur Zeit. Wenn das so weitergeht, können die Anfang des Jahres sogar in Liquiditätsschwierigkeiten kommen.«

Die Börse, feinfühliges Barometer für die Profite der Wirtschaft, hat die

* Bei der Bekanntgabe des IG-Metall-Streikbeschlusses am 16. November 1971.

Stahlflaute bereits vorweggenommen: Börsenjobber kalkulieren bei der Bewertung von Stahlaktien bereits über 50 Prozent Gewinnschrumpfung ein.

Nach den jüngsten Schätzungen der Aktienanalytiker wird eine Mannesmann-Aktie (Nennwert: 100 Mark) statt wie im vergangenen Jahr 26 nur noch 18 Mark abwerfen. Die Stahlkonzerne Hoesch und Thyssen müssen vermutlich ihre Dividenden 1970/71 halbieren.

Der Konkurrenz geht es noch schlechter: »Klöckner und Rheinstahl werden ... 1971 nicht mal mehr eine Mark Gewinn ausweisen« ("Frankfurter Börsenbriefe").

Auch die konjunkturentscheidende Automobilindustrie, bei der einschließlich der Zubehör-Produzenten jeder siebte Arbeitnehmer in Lohn steht, ist nach neuesten Analysen nicht mehr das, was sie einmal war. Die Ifo-Experten sagen für das nächste Jahr einen Umschlag der »Konsumentenstimmung« voraus, weil die Kosten des neudeutschen Wohlstandssymbols (Kfz-Preise, Werkstattkosten, Versicherung und Benzin) in den nächsten Monaten selbst hartnäckige Autofans verschrecken würden.

Da überdies das Auslandsgeschäft wegen der weltweiten Konjunkturabschwächung und des für Exporteure ungünstigen Wechselkurses der Mark abzubröckeln beginne und ausländische Autofabrikanten immer aggressiver in den deutschen Markt drängen, müsse die Branche schon bald mit einer unerwarteten Krise rechnen: »Wir erwarten für 1972 einen realen Produktionsrückgang im Fahrzeugbau in einer Größenordnung von fünf Prozent.«

Wirtschaftsminister Schiller mochte sich auf Zahlen nicht festlegen: »Wir erleben ohne Zweifel eine deutliche Abkühlung des Konjunkturklimas. Und die Unternehmererwartungen ... sind durch Sorgen um Kosten und Erlöse geprägt.« Otto Brenner will derlei düstere Aussichten nicht gelten lassen. »Wir stehen nicht am Fuße einer Rezession. Das ist professionelle Schwarzmalerei.« Doch wie weit die Rezession auch immer fortgeschritten ist -- riskant scheint der Arbeitskampf in jedem Fall.

Stehen erst einmal die Räder bei den Metallern still, dann droht der gesamten Wirtschaft eine raschere Fahrt ins Konjunkturtief. Bei einem langen Ausstand der Schlüsselbranche Metall gerieten auch Abnehmer und Lieferanten der Metallindustrie in den Sog des Streiks. Die Stahlkocher würden weniger Kohle ordern, die Gummiindustrie könnte keine Reifen mehr absetzen, die Chemie bliebe auf ihrer Kunststoffproduktion für Autos und Kühlschränke, Fernsehapparate und Küchengeräte sitzen. Weit über die Metallbranche hinaus könnte ein Produktionsstopp der Metallindustrie »die weitere Abkühlung beschleunigen« (Schillers Konjunktur-Berater Otto Schlecht).

Auch Wirtschaftszweige, die zur Metallindustrie keine Geschäftsbeziehungen haben, werden durch den Lohnkampf vermutlich schneller in die Rezession gleiten. Denn leere Fabrikhallen und Schlagzeilen über Streik und Aussperrung werden auch branchenfremde Manager zu der Annahme verleiten, »daß sich der gesamtwirtschaftliche Konjunkturtrend jäh nach unten senkt« (Arthur Krumper, Leiter der Ifo-Konjunkturabteilung).

Selbst ein nur kurzer, für die Gewerkschaften aber erfolgreicher Streik muß sich unter den Systemzwängen der kapitalistischen Marktwirtschaft nicht unbedingt für die Arbeitnehmer rentieren. Denn ein zusätzlicher Lohnkosten-Druck, der die Gewinne der Unternehmen noch weiter schrumpfen läßt, könnte die Bereitschaft zu neuen Investitionen lähmen. Karosserie-Klempner bei Klöckner, Elektromonteure bei Bosch und Computer-Spezialisten bei IBM müssen dann um ihre Arbeitsplätze fürchten.

Die andere Alternative ist für Brenners Metaller und alle westdeutschen Arbeitnehmer fast ebenso schmerzlich: Die Unternehmer könnten versuchen, die höheren Lohnkosten auf die Preise zu überwälzen, um so wenigstens das Geld für langfristig geplante Investitionen hereinzuholen. Dann würde der hart erkämpfte Verdienstzuwachs schnell durch weitere Teuerungen aufgezehrt werden.

Sosehr ein hoher Metallabschluß die bislang nahezu erfolglosen Versuche Karl Schillers zusätzlich erschweren würde, endlich die Inflation zu stoppen, ohne die Arbeitsplätze zu gefährden, so ungelegen kommt ein harter Arbeitskampf Bonns Währungspolitikern. Denn ein jäher Konjunktureinbruch zwingt die Bundesregierung, in den internationalen Verhandlungen um ein neues System fester Wechselkurse auf Eile zu drängen.

Die rund zehnprozentige De-facto-Aufwertung der deutschen Mark, die sich nach der Freigabe der Wechselkurse einpendelte, würde verhindern, daß Exportaufträge die nachlassende Inlandsnachfrage zumindest teilweise ersetzen und so das Ausmaß der Arbeitslosigkeit mindern.

Karl Schiller wäre dann gezwungen, einseitig die Mark auf einen neuen niedrigeren Kurs festzuschreiben und damit internationalen Unmut sowie erneut heißes Auslandsgeld zu riskieren, das den noch nicht gebremsten Preisauftrieb weiter anheizen würde. Wilhelm Hankel, Leiter der Abteilung Geld und Kredit im Wirtschaftsministerium, klagt: »Eine explosive Lohnpolitik belastet die deutsche Währungspolitik ganz furchtbar.«

Die Belastungsprobe scheint kaum abwendbar. Denn anders als in den Gründerjahren der Republik, als Deutschlands Geldadel seine Industrie-Vermögen anhäufte, können sich Regierung und Wirtschaft nicht länger auf die staatstragende Bescheidenheit der Gewerkschaften verlassen.

Westdeutschlands Arbeitnehmer, die bis zu den spontanen Septemberstreiks von 1969 zu den gefügigsten dieser Welt zählten, offenbarten plötzlich eine bisher nie vermutete Neigung zum Kampf. Der Aufstand gegen die Disziplin, der sich zunächst nur gegen die Unternehmer zu richten schien, veränderte auch das Verhältnis der Basis zu den »hauptamtlichen Funktionären. Unvermittelt sahen sich die Führungskader der Gewerkschaften einem neuen, kritischen Klassenbewußtsein der Lohnabhängigen gegenüber: 46 Prozent aller Arbeiter, so recherchierte das Soziologische Forschungsinstitut der Universität Göttingen, bemängeln, die Lohnpolitik der Organisation sei zu weich.

Drei Viertel der Befragten gaben zu Protokoll, die Gewerkschaften sollten aus dem ersten großen spontanen Ausstand in der Bundesrepublik Lehren ziehen: »Eine entschiedenere Vertretung der ökonomischen Interessen und kürzere Laufzeit der Tarifverträge.«

Mehr noch: 81 Prozent all jener, die damals mitgestreikt hatten, versicherten, sie würden auch bei einem von den Gewerkschaften mißbilligten Ausstand wieder mitmachen. Die Göttinger Soziologen folgerten: »Sollten sich die Gewerkschaften »künftig nicht aktiv genug für die Interessen der Arbeiter einsetzen, dann sind diese bereit, ihre Forderungen auch ohne die Verbände oder sogar auch gegen deren ausdrückliches Votum durchzusetzen.«

So müssen die Gewerkschaften einen in ihrer Nachkriegsgeschichte einmaligen Balanceakt austarieren: Bedrängt von ihren selbstbewußten Mitgliedern und herausgefordert von der Unnachgiebigkeit der Unternehmer, können die Arbeiterführer weniger politische Rücksicht auf die konjunkturellen Nöte der sozialdemokratisch geführten Regierung nehmen, als ihnen lieb ist.

DGB-Chef Heinz Oskar Vetter kündigte in der letzten Woche bereits eine schärfere Gangart der Arbeitnehmerverbände an: »Wir müssen bei uns manchen Rostflecken abklopfen.«

Doch selbst wenn der Konflikt in der Metallindustrie rasch und reibungslos beigelegt würde -- der nächste Lohnkampf ist bereits programmiert. Noch in dieser Woche präsentiert Heinz Kluncker, Vorsitzender der Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr, die Forderung seiner 977 031 Mitglieder starken Organisation.

Kluncker, der im letzten Jahr fast 16 Prozent Lohnzuwachs erkämpfte und dessen Staatsbedienstete Kurzarbeit und Entlassung nicht zu fürchten brauchen, warnte vorsorglich Finanzminister und Stadtkämmerer. Beizeiten besann er sich seiner wirksamsten Streiktruppe, der Müllarbeiter: »Wohlstand ohne abgefahrenen Wohlstandsmüll macht auch keinen Spaß.«

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