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»Diesmal sind wir unterprivilegiert«

aus DER SPIEGEL 39/1972

SPIEGEL: Herr Kiep, Sie planen einen millionenschweren Wahlkampf. Will die Opposition die Macht in Bonn zurückkaufen?

KIEP: Wenn unsere Wahlchancen und unser Wahlerfolg vom Geld abhängen würden, dann hätten wir ganz trübe Aussichten. Denn diesmal sind wir unterprivilegiert: Wir sind in der Opposition. und unsere Mittel sind knapp.

SPIEGEL: Vor drei Jahren hat Ihre Partei 29 Millionen in den Wahlkampf investiert, jetzt sind es mindestens 35 Prozent mehr.

KIEP: Wir sind eben auch Opfer der Inflation. Aber auch die Werbung selber ist anders und teurer geworden. So müssen wir zum Beispiel unsere Anzeigen in den Illustrierten als Farbanzeigen konzipieren und drucken, und das, kostet Geld. Und im übrigen müssen wir für unsere Mannschaft all jene Kosten tragen, die 1969, als wir noch regierten, nicht anfielen, etwa die ganzen Flugkosten, die Autos und die Unterbringung für unsere wahlkämpfenden Spitzenpolitiker.

SPIEGEL: Wie hoch schätzen Sie die Organisationskosten insgesamt?

KIEP: Ich schätze, daß zehn« Millionen Organisationskosten anfallen werden, davon allein eine Million Flugkosten.

SPIEGEL: Obgleich Herr Barzel seit drei Jahren Oppositionsführer ist und seit fast einem Jahr die CDU führt, ist er noch immer unpopulärer, als der Partei gut tut. Wieviel kostet die Politur des Images Ihres Kanzlerkandidaten?

KIEP: Der Kanzlerkandidat der Union, Rainer Barzel. liegt bei Meinungsumfragen näher am amtierenden Bundeskanzler als je ein Oppositionsführer vor ihm; er liegt näher an Brandt, als jemals Brandt an Adenauer, Erhard oder Kiesinger gelegen hat.

SPIEGEL: Dennoch fürchten viele Ihrer Parteifreunde, daß die Person Barzel nicht attraktiv genug ist, also besonders liebevoll und teuer aufpoliert werden muß.

KIEP: In unserem Wahlkampf-Etat gibt es keinen Sonderposten Barzel. Wir wollen unseren Parteivorsitzenden mit möglichst vielen Wählern in einen direkten Kontakt bringen.

SPIEGEL: Der CDU werden die besten Kontakte zu Industrie und Besitzbürgertum nachgesagt. Erweisen sich diese Gruppen auch diesmal als großzügig und spendabel?

KIEP: Es ist eine weitverbreitete Legende, der CDU stehen Divisionen zur Seite, die in grauer Uniform und im Schatten darauf warten, um auf ein Signal der Union anzugreifen. Es ist aber nur eine Legende.

SPIEGEL: Wie steht es mit dem Wirtschaftsrat der CDU, jener parteinahen Organisation, in der sich die Creme der deutschen Wirtschaft organisiert hat?

KIEP: Der Wirtschaftsrat ist eine unabhängige Organisation und keine Vereinigung der CDU. Es gibt zwischen uns und dem Wirtschaftsrat keine finanzielle Verbindung, der Wirtschaftsrat macht der CDU keine Zuwendungen. Ich glaube nicht, daß der Wirtschaftsrat eine große Werbekampagne zugunsten der CDU beabsichtigt, sondern sich besonders für die Erhaltung der Marktwirtschaft einsetzen wird.

SPIEGEL: Sie haben unlängst angekündigt, die CDU verfüge bereits über 30 Millionen Mark für den Wahlkampf. Noch vor wenigen Monaten hatte die Partei Schulden in Millionenhöhe. Wie hat der Schatzmeister diese Millionenflut zustande gebracht? Ist die Industrie, mit oder ohne Wirtschaftsrat, eingesprungen?

KIEP: Wir müssen zunächst einmal davon ausgehen, daß in einem vorher nie gekannten Ausmaß die Spenden aus einer breiten Schicht unseres Volkes, von ganz kleinen Leuten kommen, in einem Ausmaß, wie es die CDU seit 1949 nicht gekannt hat. So sind zum Beispiel auf eine Anzeige hin eine Million Mark gezahlt worden. Dazu kommen in erheblichem Umfang Spenden aus der Wirtschaft, insbesondere aus der mittelständischen Wirtschaft. Das hängt natürlich damit zusammen, daß sich große Teile der Wirtschaft durch die gegenwärtige Politik der SPD/FDP-Koalition. etwa den Zustand der Staatsfinanzen oder der Steuerpolitik, verunsichert fühlen. Der Wunsch nach einem Regierungswechsel ist eben weit verbreitet.

SPIEGEL: Die Wirtschaft gibt der CDU Geld, sie will doch wohl auch etwas dafür sehen.

KIEP: Es ist völlig unvorstellbar, daß ein für das Sammeln von Geld verantwortlicher Schatzmeister Gelder mit Auflagen überhaupt entgegennimmt.

SPIEGEL: Möglicherweise unterliegen dann manche Spender einem Mißverständnis. So steht in einem Rundschreiben des Fachverbandes Stahlblechverarbeitung vom Mai 1972, das sich gegen das von der Regierung geplante schärfere Kartellrecht wendet: »Es wird Sie interessieren, daß wir maßgebliche politische Kräfte für einen Vorstoß in Richtung auf erweiterte Kooperationsmöglichkeiten gewonnen haben -- dies allerdings unter der Voraussetzung, daß die Wahlen im Herbst die politischen Machtverhältnisse in Bonn verändern.«

KIEP: Vielleicht gibt es solche Zusagen von dem einen oder anderen Politiker, Die Partei hat sich verbindlich durch einen kürzlichen Präsidiums-Beschluß für eine Novellierung des Kartellgesetzes ausgesprochen, weil sie weiß, daß ein funktionierendes Kartellrecht ein integraler Bestandteil der Sozialen Marktwirtschaft sein muß. Dieser Beschluß findet sicherlich nicht den ungeteilten Beifall der Industrie. Wie überhaupt die Wirtschaft wissen muß, daß eine mehrheitsfähige Volkspartei CDU nicht Unternehmerpartei sein kann. Im übrigen ist es ein bißchen Butzemann-Taktik, immer von einer unheimlichen, riesigen Masse Industrie zu sprechen, die wie eine geschlossene Phalanx dasteht, um auf die Parteien oder den Staat Druck auszuüben.

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