Zur Ausgabe
Artikel 33 / 165
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Hören und Sehen DIGITALFILM - »Dich müssen die Wölfe jagen«

Die Zukunft des Filmemachens gehört dem digitalen Medium. Eine schnell wachsende Szene von Underground-Videofilmern attackiert Hollywoods Bastionen.
aus DER SPIEGEL 12/2001

Da nicht alle Männer so sexy sein können wie Keanu Reeves und nicht alle Frauen wie Gwyneth Paltrow über Rehblick und einen telegenen Schwanenhals verfügen, bleibt nur ein Weg zum Ruhm: der hinter die Kamera.

Zunächst ist der wenig beschwerlich, jedenfalls nicht im Kinoland USA: Kauf eine digitale Videokamera, denk dir eine Story für einen lustigen Kurzfilm aus, nimm deine Freunde als Schauspieler und kümmere dich darum, dass dein Werk auf einer Website im Internet erscheint.

Davon gibt es viele: Atomfilms, iFilm, Hypnotic oder Filmfilms. Dort können dann Fans auf dem gesamten Erdball dein Video in einem Fensterchen vorbeiflackern sehen, das je nach Internet-Verbindung des Nutzers so klein ist wie ein Streichholzbriefchen oder so groß wie eine Zigarettenschachtel.

Deine Kunst buhlt im Netz um die Gunst des Publikums mit Trickfilmen wie »Subconscious Masturbation Connection« (iFilm) oder »Go Sick!«, einer Reality-Show, deren Macher zum Beispiel Pizzaboten vor versteckter Kamera von barbusigen Frauen empfangen lassen (Atomfilms).

Anschließend nimm an einem der vielen Talentwettbewerbe im Internet teil. Einige sind gerade schon entschieden worden: Yahoo wird am 22. März die Gewinner seines »Internet Life Online Film Festival« verkünden. Der Gewinner darf sein Projekt bei Metro-Goldwyn-Mayer in Hollywood vorstellen.

Auch Project Greenlight, ein Online-Wettbewerb, bei dem Stars wie Ben Affleck und Matt Damon in der Jury sitzen, hat am 1. März schon den Sieger bekannt gegeben. Im Netz ist unter www.projectgreenlight.com dessen schnulziger Trailer zu sehen, »Stolen Summer«, in dem ein kleiner Junge einem Pfarrer vorlaute Fragen über das Leben stellt. Der 31-jährige Autor Pete Jones bekommt jetzt eine Million Dollar, um einen Spielfilm daraus zu machen, der vom Hollywoodstudio Miramax in die Kinos gebracht wird.

Im vorigen Jahr waren einige der neuen Kurzfilm- und Entertainment-Websites wie Anteye zum Beispiel nach einer Woge heftigsten Hypes untergegangen. Doch die Zeiten seien vorbei, behauptet Mika Salmi, Chef bei Atomfilms.

Fernsehen, Fluglinien und andere Abnehmer wollten ihm allein in diesem Jahr 600 Kurzfilme abnehmen. Unabhängig von der wirtschaftlichen Lage der Entertainment-Start-ups hat der Trend zum neuen Traumberuf Regisseur erst begonnen: Allein 50 000 Kurzfilme kursieren im Netz, wie Beobachter schätzen. Das amerikanische Sundance Festival, das Filmereignis für die Independent-Szene, hat in diesem Jahr zum ersten Mal den extra fürs Web erschaffenen Filmchen eine eigene Kategorie gewidmet. Zwei Oscars gibt es für das Kurzfilm-Genre.

Filmemacher seien die »großen Gewinner des Online-Experiments«, meint Robert Algeri, Gründer der (inzwischen schon wieder eingegangenen) Filmsite Shortbuzz: Sie gewannen mehr Zuschauer »an einem Tag im Web als in einem ganzen Jahr im Filmfest-Zirkus«. Zu den Internet-Erfolgsgeschichten gehört das Dreiminutenstück »405«, in dem eine DC-10-Passagiermaschine bei ihrer Notlandung auf einer Autobahn in Los Angeles einen Autofahrer unangenehm überrascht.

Die beiden Filmemacher Bruce Banit und Jeremy Hunt schätzen, dass ihr Werk allein im ersten Monat, als es noch auf ihrer eigenen Website stand, 100 000-mal heruntergeladen wurde. Später bot iFilm den Streifen an - ein halbes Jahr später war er mit weit über drei Millionen Klicks der meistgesehene Kurzfilm auf der Website. Die beiden Filmemacher wurden von der angesehenen Hollywood-Agentur Creative Artists angeworben.

Jeder derzeit handelsübliche PC kann diese Filme problemlos empfangen und ruckelfrei abspielen. Aber neben der Chance, ihr Werk schnell und preiswert zu verbreiten, ebnet die technische Entwicklung den Möchtegern-Spielbergs noch auf andere Weise den Weg zum Regiestuhl: Digitales Video (DV), das Einfrieren der Bilder in An/Aus-Impulse, vereinfacht und verbilligt das Filmemachen derart dramatisch gegenüber dem fotochemischen Verfahren, dass das Wort Revolution selbst im überdrehten Hollywood nicht übertrieben klingt.

Beim Sundance Festival waren 23 Filme auf DV gedreht, 6 mehr als im vorigen Jahr, auf der Berlinale wurden 9 Digitalwerke gezeigt. Das neue Format verbreitet sich so schnell, dass Traditionalisten bereits das Ende des herkömmlichen Films bejammern wie einst Musikliebhaber den Tod der Langspielplatte aus Vinyl.

Derweil schwören Profis wie Wim Wenders und allen voran George Lucas auf DV. »Die Zukunft des Geschichtenerzählens in Bildern gehört dem digitalen Medium«, glaubt Wenders. Und Lucas hat einmal gesagt, er weine dem Zelluloid keine Träne nach: »Ich mag Film. Aber ich mag auch viktorianische Häuser. Das heißt nicht, dass ich immer noch Außenklos benutze.«

Der Däne Lars von Trier hat seinen letzten Film »Dancer in the Dark«, in dem Bjørk die Hauptrolle spielt, digital aufgenommen, der Schauspieler Ethan Hawke hat sich gerade mit einem DV-Film in einen Regisseur verwandelt. Und Spike Lee behauptet, er habe »Bamboozled«, seine böse Satire auf die US-Fernsehindustrie, doppelt so schnell und für die Hälfte dessen produziert, was der Film im 35-Millimeter-Format gekostet hätte.

Die Filmemacher sparen vor allem am Material: Eine Stunde Band im Mini-DV-Format kostet zehn Dollar (in Deutschland 15 bis 20 Mark), während herkömmlicher Film ungefähr auf 2400 Dollar pro Stunde kommt, inklusive Entwickeln das Doppelte.

Schon deswegen bedeutet DV für Amateur-Regisseure das pure Paradies. »Ich habe meinen Film für 5000 Dollar gemacht«, berichtet Stuart Maschwitz, Mitgründer von The Orphanage, einer Produktionsfirma für Digitalfilme und Spezialeffekte in San Francisco. Das Resultat: »The Last Birthday Card«, ein 20-minütiger Action-Streifen über zwei Profikiller. Seine digitale Herkunft verrät sich höchstens dem eingeweihten Zuschauer, und auch dem nur in winzigen Augenblicken.

»Ich wollte nicht, dass es aussieht wie Video.« Deswegen hat Maschwitz gezaubert. Das kann er gut, weil er in seinem vorigen Job die Weltraumschlacht für George Lucas' letzte Star-Wars-Episode erschaffen hatte. Und so schwebt jetzt, in der dramatischsten Szene seines Films, ein Helikopter in eine ansonsten stille San Franciscoer Wohnstraße und bombardiert, Aug in Aug, einen der beiden Killer, der sich in seiner Wohnung sicher wähnte (Trailer: www.theorphanage.com).

Der Hubschrauber stammt aus einem digitalen Katalog - er ist virtuell von den Rotoren bis zum Piloten. Der Computer hat ihn olivgrün eingefärbt, hat ihn so niedrig über dem Erdboden rattern und, bei splitterndem Glas, Entsetzen verbreiten lassen. »So einen Action-Streifen in Spielfilmlänge auf traditionelle Art zu drehen«, sagt Maschwitz, »hätte mich viele, viele Millionen Dollar gekostet.«

Auch für die Drehorte hat der Jungregisseur dank der neuen Technik kaum löhnen müssen: Für eine Hotelszene etwa musste Maschwitz keine Drehgebühren bezahlen, sondern bloß als Gast das Zimmer mieten. Was er brauchte für den Dreh, schleppte er in einem unauffälligen Koffer an der Rezeption vorbei - undenkbar mit den monströsen 35-Millimeter-Kameras und der Crew von Beleuchtern und Toningenieuren beim herkömmlichen Film.

Digitale Daten lassen sich - anders als die Chemie auf Filmmaterial - von Computern dramatisch verändern. »Ich kann den Look des Films im Nachhinein gestalten«, erklärt Maschwitz, »ich reserviere zum Beispiel Rot für die Szenen, in denen sich Tod ankündigt.« Alle Feinheiten besorgt der Rechner: Kontrast und Tiefenschärfe, zartere Übergänge, wärmere Farben, kühleres Licht und die Geschwindigkeit, mit der die Einzelbilder laufen. Das ist der deutlichste Unterschied zwischen Video und Kino: Bei Letzterem vergeht, und daran ist das Publikum gewöhnt, mehr Zeit zwischen den einzelnen Bildern. Ins Auge strömen weniger Bildinformationen pro Sekunde - das schafft Raum für die ganz eigene Realität des Spielfilms.

Aber nicht jeder kann zaubern wie Maschwitz, und meistens sehen Digitalvideos so billig aus wie Privatbilder über die ersten Schritte des Kleinkinds daheim. Das finden auch Kritiker wie der Kameramann John Bailey ("Der große Frust"), der kürzlich digital gedreht hat. »Ich habe nichts dabei gefunden, was ich nicht besser und genauso schnell auf Film hätte machen können.«

Gerade weil die Bänder so billig sind, produzieren die Regisseure oft Berge nutzlosen Materials, im Fall des Independent-Films »Some Body« haben die Macher hundert Stunden aufgenommen. Sie brauchten ein Jahr lang sechs Stunden täglich, um das Material aufzuarbeiten und zu schneiden.

So, wie Textverarbeitungsprogramme jedes Geschreibsel gleich schick und gedruckt aussehen lassen und dazu verleiten, das einmal Verfasste so stehen zu lassen, anstatt zu feilen, kann die elektronische Scheinperfektion den Film-amateur verführen. Digitaltechnik ist Hochstapelei: Sie lässt die Spreu auf den ersten Blick wie Weizen wirken.

»Digitalvideo ist ein zweischneidiges Schwert«, findet auch Maschwitz. Es macht vielen kreativen Leuten das Filmen erst möglich, andererseits ist es zu einfach.« Seiner Theorie nach ist ein Film erst dann gut, wenn der Regisseur gelitten hat wie Steven Spielberg, als er den »Weißen Hai« drehte: Der Legende nach musste er jeden Morgen gezwungen werden, sein Panikkoma zu überwinden und aufzustehen.

»Egal, ob du in DV oder in 35 Millimeter drehst«, sagt Maschwitz, »nach wie vor muss dieser Teil des Gehirns beteiligt sein, der nur arbeitet, wenn dich die Wölfe jagen.« RAFAELA VON BREDOW

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 33 / 165
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel