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NORMEN / CHINA DIN total

Deutsche Gründlichkeit haben sich die Chinesen zum Vorbild genommen: Sie schlossen einen Vertrag mit dem Berliner Normen-Institut, in dem alles und jedes auf eine Formel gebracht wird.
aus DER SPIEGEL 14/1979

Im unbeheizten Besprechungsraum eines wissenschaftlichen Instituts in Peking, Außentemperatur minus acht Grad Celsius, erläuterte Helmut Reihlen, 44, chinesischen Fachleuten das Wesen deutscher Normen und die »Systematik ihrer Erarbeitung« -- jenes »DIN«, mit dem die Bundesbürger Tag und Nacht leben.

Der Gast aus dem Westen, Direktor des Deutschen Instituts für Normung (DIN), war auf den Frost eingerichtet. Zum Report hatte er »zwei lange warme Unterhosen übereinander« angezogen. Vorsorglich behielt er auch Handschuhe an und konnte so »wenigstens die Kreide ohne klamme Finger greifen«.

An Vorbereitung hatten es auch die gastgebenden Herren von der chinesischen Gesellschaft für Normung, einem noch vergleichsweise, kleinen Pendant des mächtigen DIN, nicht fehlen lassen -- von der Heizung einmal abgesehen. Noch ehe Reihlen seinen Vortrag startete, standen den Anwesenden die chinesische Übersetzung des kompletten Jahresberichtes sowie eine Wandzeitung mit vollständigem Organisationsplan des DIN zur Verfügung -ein mit kunstvollen Schnörkeln gemalter Betriebsaufriß jenes West-Berliner gemeinnützigen Vereins, der das Bundesgebiet und Berlin federführend in den internationalen Normungs-Organisationen vertritt.

Der Aufwand brachte was: Zum Abschluß der Zwei-Wochen-Visite offerierten die Berliner der roten Volksrepublik, als zweitem Land nach Brasilien, ihr gesamtes Oeuvre, DIN total.

Ein erster Kooperationsvertrag für das laufende Jahr sichert den Chinesen Zugang zu der international musterhaften Sammlung technischer Regeln. Maos Nachfolgern, vorerst nur in ihrer genormten Kleidung den Gästen voraus, erschließt sich damit ein Manifest deutscher Gründlichkeit: Von DIN-Normen über die richtige Glühlampenfassung, den einheitlichen Sprossen-Abstand von Kinderbetten, den verbrauchergerechten Staubsauger oder auch, wenn's beliebt, die »Kritikalitätssicherheit bei der Herstellung und Handhabung von Kernbrennstoffen«, lauter Know-how über das Made in Germany.

Vereinbart wurden »auf der Grundlage der Partnerschaft und der Gemeinsamkeit der Interessen« gegenseitiger Normen-, Schriften- und Erfahrungsaustausch ohne Einschränkung, ebenso periodische Besuche und Gegenbesuche von Experten. DIN-Präsident Ministerialdirektor Professor Hans Koch paraphierte noch an Ort und Stelle einen Fünf-Jahres-Vertrag über die künftige »bilaterale Zusammenarbeit« (geschätzte Kosten: zwischen 600 000 bis 1,2 Millionen Mark). Das Vertragswerk wurde inzwischen auch vom 45köpfigen Präsidium genehmigt.

Ob im Reich der Mitte künftig »Haushaltsherde für Stadtgas« (Norm DIN 3360 aus dem Jahre 1955) gefragt sind oder nur die richtigen Borsten für Besen, Bürsten oder Pinsel ("Nur vom Wildschwein stammendes Besteckungsmaterial darf als 'Wildschweinborsten' bezeichnet werden"); ob die »Anforderungen an eine analytische Rauchmaschine« zum Nikotin-Test Interesse wecken oder vielleicht die Normen über rutschsichere Keramik im Badezimmer -- nachschlagen genügt.

Die fernöstlichen Partner werden sich freilich beim Studium (der West-Vorlage an ein neues Vokabular zu gewöhnen haben. Begriffe wie Verbraucherschutz, Umweltschutz oder Arbeitsschutz haben längst den einst als eine Art Rationalisierungskuratorium verstandenen 700-Mann-Betrieb umgeprägt. Seine Manager wollen mit ihren Regeln auch »Schutz vor der Technik« (Reihlen) bieten, und ein »Verbraucherrat« darf seit 1974 mitbestimmen, für Reihlen eine nicht immer kalkulierbare, doch »echte Größe«.

Einzuschätzen ist indessen der wirtschaftliche Hintergrund des Vertrags mit den Chinesen. Intensive Beschäftigung der Partner in Peking mit den inzwischen gut 20 000 DIN-Normen und Norm-Entwürfen könnte, so die Hoffnung der Deutschen, verstärkt Lust auf die Einfuhr derart genormter Investitionsgüter machen. Reihlen jedenfalls glaubt an »eine echte Chance für den deutschen Export«.

Sicher ist, daß die Chinesen der geballten DIN-Fülle nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen haben, Ihr technisches Ordnungssystem umfaßt gerade 1900 Normen, knapp die Hälfte eines einzigen Jahres-Ausstoßes der Berliner. Zwar bemühen sie sich derzeit »um produktionsintensivere einheitliche Schuhgrößen«, wollen auch unterschiedliche »Stromspannungsreihen« egalisieren oder fixe Qualitäts-Kriterien für ihre Stahlproduktion erarbeiten; doch für den Berliner DIN-Direktor sind das aus deutscher Sicht »längst abgelaufene Schuhsohlen«, allenfalls Indiz für den »enormen Nachholbedarf, der da befriedigt sein will«.

Die Deutschen beherrschen solche Regeltechnik -- die, so die Norm über die Normung, »planmäßige, durch die interessierten Kreise gemeinschaftlich durchgeführte Vereinheitlichung von materiellen und immateriellen Gegenständen zum Nutzen der Allgemeinheit« -- seit den Tagen Hindenburgs. Der oberste Heeresleiter hatte im Spätsommer 1916 durch Straffung die Produktion von Geschützen, Munition und Maschinengewehren angetrieben und erwies sich, auch das noch, als geistiger Vater deutscher Normung.

Das DIN, damals noch der »Normallienausschuß für den Maschinenbau«, folgte schon ein Jahr später. Damals wie heute war den Normern an »Freiwilligkeit, Öffentlichkeit« (Reihlen) gelegen, auch wenn die Gründungsmitglieder, Borsig-Generaldirektor, Stahlwerker und Eisenbahner etwa, zunächst mal ihre eigene technische Umwelt formten, »Kegelstifte« beispielsweise, die Norm DIN 1.

Acht Jahre später schon empfahl eine Norm DIN 476 einheitliche Papiergrößen. Am DIN-A4-Bogen insbesondere, 21,0 mal 29,7 Zentimeter groll, zeigte sich fortan, daß diese Art von »Empfehlungen« auch ohne gesetzlichen Zwang ins allgemeine Bewußtsein gelangen. Die Mehrzahl der Normen allerdings wird in derzeit 3900 Fachausschüssen von 40 000 ehrenamtlichen Fachleuten für Fachleute erdacht und vom gemeinnützigen Verein DIN koordiniert.

Nicht wenige der Formeln sind, kaum ausgedruckt, schon überholt wie jenes DIN-Schema, das der Philharmonie-Architekt und Berliner Stadtbaurat Hans Scharoun 1945 beantragt hatte. Ihm war es im zerbombten Nachkriegs-Berlin um die »Aufarbeitung von Ziegeltrümmern als Baumaterial für den Wiederaufbau« gegangen, und dem damals zuständigen Normen-Ausschuß geriet sogar das zur Norm, ein halbes Jahr nach Kriegsende.

So abstrakt und mitunter abstrus sich das DIN-Vokabular auch ausnimmt: Nicht nur im inländischen Wirtschaftsleben, sondern zunehmend im internationalen Handel fördert die Einheitlichkeit das Geschäft. Gerade die Begradigung allerdings, in der Normer-Sprache »Harmonisierung«, macht in der Praxis Probleme. So diskutierten etwa die Mitglieder einer »Internationalen Elektrotechnischen Kommission« mehrere Jahre lang darüber, ob der deutsche Schuko-Stecker durch einen flacheren dreipoligen »Interstecker« abzulösen sei. In der Schlußabstimmung kam weder für das eine noch das andere System eine Mehrheit zustande, es blieb jeweils beim alten.

Eine Normen-Runde über die europäischen »Abmessungen von Schlafdecken« brachte es schließlich auf 34 verschiedene Größen. Der Grund: Der »gebrauchsfertige' konfektionierte textile Gegenstand«, der nach Definition »das Wohlbefinden des Benutzers durch Erhaltung der erforderlichen Körperwärme« sichern soll, wird von Land zu Land unterschiedlich eingeschlagen -- die Deutschen etwa ziehen ihn in ihre Bettbezüge ein, die Briten dagegen wickeln ihn um die Matratzen an den Seiten und am Fußende.

Die Bedeutung von Normen für einen funktionierenden Markt ist indessen unbestritten. Und besonders im Verkehr mit Entwicklungsländern, glaubt Reihlen, läßt sich damit Politik machen: Die Standard-Systeme der Industrienationen seien auf einem technologischen Niveau angesiedelt, »das Länder der Dritten Welt nicht oder nur schwer erreichen würden«; mithin müsse Beistand geleistet werden.

Bei den neuen chinesischen Partnern wollen die Berliner das behutsam angehen lassen. So sichert zwar DIN jede Hilfestellung beim Ausbau des chinesischen Normenwerkes zu, den »Austausch von Lehrgangsmaterialien« ebenso wie Schulung und Betreuung von Fachleuten des Arbeitsgebietes »Klassifizierung und Katalogisierung, Maschinenbaunormung«. Doch »die Festlegung der genormten Niveaus«, erläutert Reihlen, werde »in vollem Umfang den Chinesen selbst überlassen bleiben«.

Für sich behalten wollen die Deutschen auch -- wie Reihlen, nebenbei Präses der Regionalsynode der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, unter Brüdern witzelte -- einen ideologischen Leitsatz ihrer Arbeit. Aus 3. Mose 19, 36: »Rechte Waage, rechtes Gewicht, rechter Scheffel und rechtes Maß sollen bei euch sein.«

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