NS-DOKUMENTE Dinarisch mit Einschlag
An früher erlittenen Blessuren gab Karl Otto Koch, Sohn eines Standesbeamten, die Ahnen arisch bis 1789, zu Protokoll: 1916 einen »Bajonettstich in die linke Hand«, 1918 »Gewehrdurchschuß durch die linke Schulter«
Für das »Zeugungsschema« des späteren NS-Parteigenossen, Mitgliedsnummer 475 586, bescheinigte ein SS-Arzt die »normale Anzahl lebender Spermen im Ejakulat«; als Erscheinungsbild notierte das Sippenamt »dinarisch mit nordischem Einschlag«. Und Lebensgefährtin Ilse, geborene Köhler, NSDAP-Mitglied 1130 836, nachmals neben dem Gatten berüchtigte Kommandeuse des KZ Buchenwald, hatte, amtlich attestiert, weder »Klumpfuß« noch »Leistenbruch«, dafür 3000 Mark Ehe-Einstand und guten Nachbarn-Leumund: »Ein wertvoller Mensch.«
Solche Intimdaten der NS-Funktionäre liegen -- noch 31 Jahre nach Kriegsende -- in Deutschlands gewaltigstem Personenarchiv unter strengem Verschluß der einstigen Sieger.
Was penible Akribie nationalsozialistischer Buchhalter einst von den Kochs wie dem Großteil der mehr als zehn Millionen eingeschriebenen NS-Mitglieder speicherte -- in Karteien, Korrespondenzen, Listen und Beurteilungen -, wird 27 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik noch immer von Amerikanern bewacht, gewälzt und gesichert: im Berliner Stadtbezirk Zehlendorf' Wasserkäfersteig 1, hinter Stacheldraht -- im sogenannten Berlin Document Center.
Beim besatzungsrechtlichen Relikt soll es, geht es nach dem Willen Bonns, auch vorläufig bleiben. »Die Bundesregierung«, verkündete AA-Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski noch kürzlich auf Fragen seines SPD-Parteifreundes Karl-Heinz Hansen, »hält es zur Zeit nicht für opportun, die Verhandlungen in dieser Sache konkret fortzuführen.«
Verhandelt werden soll die Frage, unter welchen Modalitäten das Koblenzer Bundesarchiv die US-gehüteten NS-Selekte von hundert Millionen Blatt in eigene Regie übernehmen darf.
»Nach fachlichen Vorstellungen«, so Bundesarchiv-Präsident Professor Hans Booms, sollte das »besser heute als morgen« geschehen. Doch verhandelt wird, was im Bonner Plenum freilich bislang nur den beharrlich nachfassenden linken Studiendirektor i. R. Hansen zu interessieren scheint' bereits im neunten Jahr.
Schon 1967 signalisierte das US-Außenministerium die Freigabe des Berliner Restes einstmals beschlagnahmten NS-Papiers. Denn die brisante Dossiertonnage, buchstäblich in der Papiermühle und in Fluchtgüterzügen erbeutet, sollte dem mündig gewordenen Rechtsnachfolger des Dritten Reiches zu eigener Aufarbeitung überlassen werden.
Zwar hatten bis dahin die bislang 25 amerikanischen Center-Chefs laut interner Dienstanweisung unter anderem auch schon Informationspflicht gegenüber »Behörden der amerikanischen, deutschen, alliierten und anderer Regierungen«. Wie etwa der CIA -- über Postbox New York 09742 -- wurden auch westdeutsche Staatsschützer, Kriminaler oder Staatsanwälte prompt bedient, wurden noch 1975 monatlich bis zu 2000 Anfragen von Rentensachbearbeitern durch die fünfzig, zumeist deutschen Hilfskräfte erledigt.
Doch der umfassende Durchblick gelang bundesdeutschen Vergangenheitsbewältigern in den Kellergewölben der ehemaligen Gestapo-Abhörzentrale bei der Fülle des Verwahrten letztlich nie. Die 28 biographischen Einzelsammlungen, dazu allein 909 Mikrofilmrollen über NS-Offiziere' 101 über Nazi-Richter, 447 über den berüchtigten Volksgerichtshof, wurden auch den US-Archivaren erst nach jahrelanger Beschäftigung -- so ein Bediensteter -- »auswertbar und transparent«, So lagern in Zehlendorf beispielsweise
* die NSDAP-Mitgliederkartei, zu 90 Prozent komplett, mehr als zehn Millionen blaue, gelbe und grüne Karteikarten im Original;
* 1,5 Millionen Blatt Parteikorrespondenz, ergiebig bis hin zu den Gehaltsstreifen NS-Besoldeter;
* die Personalunterlagen der Allgemeinen wie der Waffen-SS ab Untersturmführer, vollständig zu 70 Prozent, wie der SA (Sturmabteilung), eine Viertelmillion Blatt, penibel sortiert mit jeweiliger Vita, Lichtbild und Laufbahnunterlagen;
* handschriftliche Huldigungen so manches Zeitgenossen an Führer und Vorgesetzte -- etwa in den komplett gesammelten 238 600 Dossiers des Rasse- und Siedlungshauptamtes.
Doch den Bonner Erben ist offenbar schon die Aussicht auf den geballten Nachlaß peinlich -- die seit Jahren demonstrierte politische Einsilbigkeit in dieser Frage verstärkte noch diesen Eindruck.
1970 scheiterte das Projekt an den »Bedingungen« der Amerikaner. Mal mußte Rücksicht auf die politische »Geographie« genommen werden -- so Außenstaatssekretär Moersch. Mal hing der Hausherrnwechsel im -- ohnehin von Bonn finanzierten -- Document Center nur noch von Formalien ab: von der »Prüfung ... finanzieller und haushaltswirtschaftlicher Fragen« oder »Fragen der Sicherung des Archivs gegen gewaltsame Übergriffe« etwa, wie Bundesaußenminister Genscher noch im Oktober 1974 brieflich dem Frager Hansen Hoffnung machte.
Zu jenem Zeitpunkt indes hatte Genscher gerade einen anderen Kraftakt demonstrativer Verlagerung von Bundespräsenz nach West-Berlin hinter sich: die Einrichtung einer kompletten neuen Bundesbehörde, des Umweltbundesamtes. Und das vorhersehbare östliche Donnergrollen lieferte diesmal sowohl Bonn als auch Washington den Grund für unbestimmte Wiedervorlage. Seit jenem Datum zumindest, bestätigt Daniel Simon von der Berliner US-Mission, seien alle Verhandlungen »zum Stillstand« gekommen.
Ob indes die Ost-Berliner Antifaschisten selber wegen einer künftigen Bundesarchiv-Filiale ins Lamentieren geraten werden, steht dahin. Denn auch den Autoren diverser NS-Braunbücher dürfte der politische Nutzen eines solchen »Danaergeschenks« (Eichmann-Jäger Simon Wiesenthal) durchaus geläufig sein.
In Bonn zumindest sieht MdB Hansen. für jahrelanges Taktieren letztlich nur noch einen Grund: »Ehemaligen NS-Dienern, die heute wieder dem Staat dienen und ihn gegen »Radikale' Schützen, peinliche Erhellungen ihrer dunklen Vergangenheit zu ersparen«.
Denn heute schon liegt das Durchschnittsalter eines Großteils der vom Document Center erfaßten Ex-Nazis über 70 Jahre. Und »in den neunziger Jahren«, schätzt Bundesarchiv-Präsident Booms, dürfte sich das Problem »ohnehin von selbst bereinigt haben« -- dann biologisch.