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Briefe

Direkt am Pulverfaß
aus DER SPIEGEL 31/1992

Direkt am Pulverfaß

(Nr. 28 bis 30/1992, SPIEGEL-Serie: Jugoslawiens Tragödie)

Zur propagandistischen Vorbereitung des serbischen Angriffskrieges gehörte nicht nur die Überführung der Gebeine des Königs Lazar in das Kloster Ravanica auf dem Amselfeld durch Milosevic am 600. Jahrestag der Schlacht, sondern auch der Film »Kosovo 1389«, der die alten Kosovo-Epen in neuer Form präsentiert und mit dem das jugoslawische Filmfestival von Pula im August 1989 eröffnet wurde. Der Held des Filmes ist Vuk Milos, ein blonder Strahlebold, der in dem Leonardo da Vinci nachempfundenen Abendmahl vor der Schlacht, das in Christus-Analogie den Kampf der Serben gegen die Heiden deutlich machen soll, die Position des Lieblingsjüngers Johannes einnimmt. Milos begibt sich dann während der Schlacht ins türkische Lager und tötet den Sultan Murad. Dabei rammt er dem Sultan, einem alten Mann, den Dolch in den Leib, bis das Gedärm herausquillt. Und diese sadistische Szene wird dann noch und noch wiederholt, in Großaufnahme, in Zeitlupe, bis auch der letzte Zuschauer die Botschaften des Films begriffen hat. Die politische: Der »Milos-Sohn« Slobodan Milosevic ist der wiedergeborene Vuk Milos von 1389 und als Milos II. heute der legitime Führer aller Serben. Und die militärische: Jeder Serbe soll sich an Vuk Milos ein Beispiel nehmen und dem nächstbesten Moslem ein Messer in den Leib rammen. Ich habe heute noch das Gegröle der Soldaten in der Arena von Pula im Ohr, als Vuk Milos das Messer zog und zustieß. Der Krieg in Bosnien zeigt, daß die Botschaft des Films »Kosovo 1389« angekommen ist, zumindest bei den Serben. *UNTERSCHRIFT: Augsburg DR. LENZ PRÜTTING Chefdramaturg des Stadttheaters

Die Perfektion in der Wiedergabe geschichtlich fundierter Hintergrundinformationen über die jugoslawische Tragödie wäre in Heft 30 auf Seite 132 noch treffender geworden, wenn Ihnen nicht ein Ausrutscher zum Foto des angeblichen kroatischen Erzbischofs Stepinac unterlaufen wäre. Das Foto in Ihrer hervorragenden dokumentarischen Serie zeigt in der Mitte nicht Erzbischof Stepinac, sondern den vom Vatikan im Sommer 1941 nach Zagreb entsandten Benediktiner Guiseppe Ramiro Marcone. Marcone, als ständiger Delegat des Heiligen Stuhls, übte in Zagreb die Funktion eines Nuntius aus und war als päpstlicher »Visitator« genauestens über die am serbischen Volk begangenen himmelschreienden Verbrechen informiert: Der Papst hat aus dieser geschichtlichen Tatsache nichts gelernt; sein heute in Zagreb weilender Kardinal Kuharic will weder von den im Zweiten Weltkrieg noch von den heute fortgesetzten Ausrottungspraktiken der kroatischen Führung etwas hören. *UNTERSCHRIFT: Wiesbaden NENAD TOMIC

Abgesehen davon, daß sich die Bundesrepublik mit der Anerkennung von Slowenien und Kroatien bereits hervorgetan hat, sollte man nicht vergessen, daß West- beziehungsweise Mitteleuropa direkt am Rande eines Pulverfasses sitzen; wenn dieses explodiert, dann glaube ich kaum, daß man nur mit humanitärer Hilfe und Scheckbuchpolitik davonkommen kann. *UNTERSCHRIFT: München MICHAEL ERHARDT

In Ihrer SPIEGEL-Ausgabe 28/1992, Seite 149 stellen Sie Ante Pavelic, Marschall Antonescu und Tiso mit Admiral Horthy als »Vasall Hitlers« auf eine Stufe. Dabei war Horthy seit 1920 - also lange vor Hitler - Reichsverweser von Ungarn. Er löste die Räterepublik ab und verhinderte damit die Entstehung einer Sowjetrepublik im Herzen Europas schon damals und ist vielleicht gerade deshalb der kommunistischen Geschichtsschreibung besonders unsympathisch. Die anderen erwähnten Herren dagegen waren ein Produkt der Hitler-Jahre und seine treuen Unterstützer. *UNTERSCHRIFT: München PAUL GRAF VON DEGENFELD-SCHONBURG *BEILAGE: Einer Teilauflage dieser SPIEGEL-Ausgabe ist eine Postkarte der Firma Siemens Nixdorf, München, beigeklebt.

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