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MÜNCHEN Direkt auf d'Schaufel

Bei der Wahl des Gauweiler-Nachfolgers im Münchner Rathaus erwies sich die rot-grüne Mehrheit als nicht bündnis- und funktionsfähig. *
aus DER SPIEGEL 16/1987

Die Einigung mit den sechs Grünen auf einen gemeinsamen Kandidaten für das Kreisverwaltungsreferat war für den Münchner Oberbürgermeister Georg Kronawitter (SPD) »das Mühsamste, was es überhaupt gibt«. Mal hätten die Grünen ihre Entscheidungstermine nicht eingehalten, mal ihre Entschlüsse kurzfristig wieder umgestoßen.

Doch am Tag der Wahl, dem Mittwoch letzter Woche, haperte es bei der SPD. Einige Genossen verschmähten den eigenen Kandidaten Christian Ude, 39. Völlig überraschend unterlag so der SPD-Favorit Ude (38 Stimmen) dem CSU-Kandidaten Hans-Peter Uhl (41 Stimmen), der nun Nachfolger des zum Staatssekretär aufgestiegenen Aids-Spezialisten Peter Gauweiler wird.

Die rechnerische rot-grüne Mehrheit in München, samt OB 42 Stimmen, hatte sich im Ernst- und Konfliktfall als nicht tragfähig erwiesen. »Ich bedaure das schon«, sagte Oberbürgermeister Kronawitter, 58, nach der mißglückten Referentenwahl, »aber ich wundere mich, daß es nur einer oder zwei von uns waren, die den anderen Kandidaten gewählt haben.«

Die Ursache für das Debakel in der drittgrößten Kommune der Republik sieht Kronawitter hauptsächlich darin »daß die Grünen über Monate hinweg mit uns Katz und Maus gespielt haben«. Der OB: »Nach solchen Belastungs- und Zerreißproben kommt es früher oder später zu einer Entladung.«

Aber das erklärt noch nicht, warum die Entladung zu Lasten eines Genossen ging. Der OB räumt denn ein, daß möglicherweise »alte Rechnungen beglichen wurden«. Denn Christian Ude gehörte Anfang der siebziger Jahre zu den Exponenten jener dogmatischen Linken die »wie Piranhas in Rudeln« (Kronawitter) über die nach jahrelangen fetten Wahlsiegen behäbig gewordene Münchner SPD-Genossenschaft herfielen.

»Bis weit über Mittemacht hinaus wurde gestritten, geschrien, besänftigt und wieder gestritten«, so erinnert sich der Oberbürgermeister in seinem Buch »Mit allen Kniffen und Listen« an diese stürmischen Jahre. Den damaligen SPD-Pressesprecher Ude bringt Autor Kronawitter mit »Täuschung und Heuchelei«, »intellektueller Raffinesse'' und »moralischer Skrupellosigkeit« in Verbindung sowie mit Leuten, »die in Wirklichkeit in der SPD nichts verloren und nichts zu suchen haben«. Die Mitternachtssozialisten

forderten ein »Stadtteil-Rätesystem«, die Kommunalisierung der Wohlfahrtsverbände und der Sozialversicherungen, den Nulltarif für den öffentlichen Verkehr, für Strom, Gas, Wasser, Kanalisation, Müllabfuhr, Straßenreinigung und sogar die Wohnungsnutzung.

Der damalige Münchner SPD-Vorsitzende und mit fast 78 Prozent der Stimmen vom Volk gewählte Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel wurde als »Zampano maximus urbis et orbis« bekämpft und als Parteichef gestürzt, sein OB-Nachfolger Kronawitter nach der ersten Amtsperiode (1972 bis 1978) erst mal in Pension gedrängt.

Sofern nur die Reinheit der Lehre gewahrt schien, nahmen die jungen, oft aus der Außerparlamentarischen Opposition (Apo) rekrutierten Linken Mißerfolge bei den Wahlen »apathisch hin wie graues Novemberwetter« (Kronawitter). Nacheinander verlor der linke Münchner Parteivorstand alle elf Direktmandate für den Landtag und 1978 auch die traditionelle Mehrheit im Münchner Rathaus.

Doch Georg Kronawitter, der in seinem Leben gern immer wieder mal eine »Phase des dolce far niente« einlegte und als Frühpensionär mit 75 Prozent seiner OB-Bezüge ganz gut ausgestattet gewesen wäre, wollte nicht kampflos aufgeben. Er machte sich, wie einst seine linken Widersacher, auf zu einem langen Marsch zurück in die Münchner Institutionen. »Erst waren wir nur drei von 420«, erinnert sich Kronawitter an die Neuanfänge in seinem Ortsverein, doch am Ende war der populäre Schorsch wieder OB-Kandidat in München.

Im Wahlkampf suchte Kronawitter der eigentlich gern Psychologie studiert hätte, den unmittelbaren Kontakt mit dem Volk. »In elf Monaten habe ich in der Fußgängerzone mit 300000 Leuten gesprochen«, rühmt sich der OB, »und

auf der Straße wird nun einmal der Wahlkampf entschieden.« Die Zeitungen könnten da schreiben, was sie wollten, und könnten daran nicht viel ändern - »net amoi da SPIAGL«.

Tatsächlich wurde Kronawitter 1984 mit über 58 Prozent der Stimmen wieder zum Münchner Oberbürgermeister gewählt. Seine Partei eroberte allerdings nur noch 35 von 80 Sitzen im Rathaus genausoviel wie die CSU. Mit der FDP (vier Sitze) und den Grünen (sechs Sitze) waren nun klare Mehrheiten nicht mehr so einfach herzustellen.

Während sich die Grünen wie die Christsozialen aus Profilierungsgründen gegen allzu festgefügte Koalitionsabsprachen wehrten, entwickelte Kronawitter ein »offenes System« der wechselnden Mehrheiten. »Die sind mir mit ihrem Abscheu vor Koalitionen direkt auf d'Schaufel g'sprungen«, freut sich der Oberbürgermeister.

Seither übt sich Kronawitter in der Kunst, »Situationen zu schaffen, wo niemand gut nein sagen kann«. Bei der Rettung eines Parks vor Bebauung oder der Verlegung einer neuen Straße aus einem Waldgebiet halfen gern die Grünen mit; bei der Verabschiedung des Haushalts mit hohen Investitionssummen wurde die CSU von der Wirtschaft zur Mithilfe gedrängt.

So schuf der OB allmählich ein oszillierendes Allparteiensystem. »Die Sensation ist doch nicht das Lavieren«, sagt Kronawitter, »sondern das, was wirklich geschehen ist.« Und das sei »in den drei Jahren der bisherigen Amtszeit mehr als in den sechs Jahren der ersten Amtszeit«.

Georg Kronawitter, der sich beim Bergwandern mit seiner Tochter Isabelle, 16, fit hält und vor Dienst- und Parteigeschäften oft schon eine Dreiradltour mit seinem Sohn Florian, 5, hinter

sich hat, sieht auch nach der schiefgegangenen Personalentscheidung vom Mittwoch sein offenes System »eigentlich nicht verletzt«. Er will auch künftig »nicht die Bündnisfrage stellen', sondern wie bisher »lieber fragen: Wer macht mit?«

Während er sich früher nicht selten fragte, »warum ich diese Ochsentour auf mich genommen habe«, hat Kronawitter mittlerweile an dem politischen Ringelspiel im Rathaus so viel Spaß gefunden, daß er es gar nicht mehr- wie geplant - nach seiner Amtszeit »vielleicht im Landtag a bißl langsamer« angehen lassen will. Kronawitter: »Jetzt bin ich entschlossen, in drei Jahren noch einmal anzutreten.«

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