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TRINKWASSER Diskretes Gelb

Wasser aus Kupferrohren, die weitgehend die Uralt-Bleirohre in den Haushalten ersetzt haben, kann für Kleinkinder tödlich sein. *
aus DER SPIEGEL 40/1988

Die Gefahr, warnte »vorsorglich« das bayrische Innenministerium, lauert im Wasserhahn. Vor allem Eltern von Kleinstkindern erhielten den »dringenden Rat«, Baby-Nahrung frühmorgens nicht mit dem ersten Strahl aus der Leitung anzurühren - sofern das Trinkwasser im Haus durch Kupferrohre fließt.

Der Alarmruf versetzte nicht nur die Eltern von Säuglingen, sondern auch die Klempner- und Kupferbranche in helle Aufregung. Otto von Franque, Geschäftsführer des Deutschen Kupfer-Instituts in Berlin, trommelte schleunigst Verbands- und Handwerksfunktionäre zusammen, die bei den Ministerialen protestierten: Die Verlautbarung sei »unkorrekt« und »fatal in der Wirkung«, sie bedürfe dringend einer Richtigstellung. Kupferlobbyist Franque formulierte sie sogleich. Tenor: Der »bewährte Werkstoff« Kupfer sei keineswegs gefährlich, sondern zähle, im Gegenteil, zu den »lebenswichtigen Spurenelementen«.

Franque hat allen Grund zur Sorge: Galten Wasserleitungen aus dem rötlich schimmernden Halbedelmetall in der Tat noch bis vor kurzem als gefahrloser Ersatz für die giftigen Uralt-Bleirohre, so ist die Branche, die jährlich 70 000 Tonnen Kupfer für den Baubedarf verkauft und allein 70 Prozent aller neuinstallierten Wasserleitungsrohre herstellt, nunmehr in Verruf geraten.

Gelöstes Kupfer im Trinkwasser, fanden Mediziner heraus, kann eine frühkindliche Leberzirrhose verursachen - eine Krankheit, an der nach Untersuchungen des Münchner Kinderarztes Rudolf Eife, 49, in den letzten Jahren bereits sechs Säuglinge gestorben sind.

Alarmiert von den Mediziner-Funden, starten die Bayern nun ein breitangelegtes Untersuchungsprogramm. »Flächendeckend«, berichtet Alfons Metzger, Sprecher des Münchner Innenministeriums, soll das »Kupfer im Wasser« aufgespürt werden. Das Bundesgesundheitsamt (BGA) in Berlin plant unterdessen, mit Hilfe von Tierversuchen die geheimnisvolle Baby-Krankheit zu erforschen.

Vor zwei Jahren war Eife, Oberarzt der Münchner Universitätskinderklinik, das seltsame Leiden erstmals aufgefallen. Damals fand sich bei einem gelbsüchtigen Baby eine »ausgeprägte Kupferspeicherung« (Eife) in der Leber. Nachforschungen bei den Eltern, Bauersleuten aus Niederbayern, ergaben, daß ihr zweites Baby, 1982 geboren, im Leberkoma gestorben war. Und beim ältesten Sproß, 1979 geboren, wurden Symptome einer Immunstörung entdeckt.

Die Münchner Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung entdeckte schließlich, wie der Mediziner Peter Schramel, 48, berichtet, den Grund für die merkwürdigen Zusammenhänge: Die Bauersleute waren von ihrem alten Hof in einen benachbarten Neubau umgezogen. Dort sprudelte das Trinkwasser wie zuvor aus einem eigenen Brunnen, doch durch neue Kupferleitungen. Keines der Kinder wurde gestillt, die Baby-Milch rührte die Mutter mit Leitungswasser an. Das aber ist, so Eife, »stark

sauer« und weist hohe Kupferkonzentrationen auf.

In Niederbayern, der Oberpfalz und im Emsland spürten die Ärzte daraufhin elf weitere Fälle von »frühkindlicher Kupfervergiftung« auf, fünf Kinder waren bereits gestorben. Alle Babys wiesen die gleichen Symptome auf: Die Haut zeigte »diskrete Gelbfärbung«, die Kinder wirkten »weniger gut gediehen«, sie waren blaß, müde und apathisch, berichtet der Münchner Kinderarzt.

Parallelen auch sonst: Alle Familien wohnen in Regionen mit kalkarmen Böden, versorgen sich per Kupferleitung mit eigenem Brunnenwasser, keines der Babys wurde gestillt. Das Wasser hatte durchweg eine zu hohe Konzentration von Wasserstoff-Ionen, somit einen zu niedrigen pH-Wert, war teils mit Nitraten und Salzen belastet. Vom sauren Wasser wurde das Kupfer vermutlich aus den Rohren gewaschen, jeder Liter aus der Leitung transportierte bis zu zehn Milligramm des Metalls.

»Mit diesem Kupferangebot«, weiß Mediziner Schramel, »wird ein normaler Erwachsener fertig.« Babys jedoch nehmen dreimal soviel Flüssigkeit pro Kilogramm Körpergewicht auf, und damit auch entsprechend mehr Kupfer. Daß der Stoff die Leber von Kindern schwer angreifen kann, ist aus Regionen wie Indien bekannt, wo aus Kupfergefäßen gegessen wurde (Indian Childhood Cirrhosis). Häufige Durchfallerkrankungen bei Kleinkindern wurden vor Jahren auch in Schweden auf Kupfer zurückgeführt, das von saurem Trinkwasser aus den Leitungsrohren herausgewaschen worden war.

In Deutschland dagegen, so Kinderarzt Eife, war die Kupfervergiftung bisher eine »übersehene Krankheit«. Der Mediziner will nicht ausschließen, »daß die Erkrankung in der Vergangenheit häufiger aufgetreten ist, jedoch nicht erkannt wurde«. Wahrscheinlich sei auch, daß derzeit mehr Kinder als bekannt an Kupfervergiftung leiden.

Die Münchner Mediziner suchen derzeit im Auftrag des Bundesgesundheitsamtes nach einem noch »unbekannten Faktor« (Eife), der den Ausbruch des Leberleidens mit auslösen könnte. Bezahlt wird die Untersuchung allerdings, mit 50 000 Mark, hauptsächlich vom Kupfer-Institut.

Kupferlobbyist Franque sieht, verständlich, »keinen Kausalzusammenhang« zwischen seinem Metall und den Erkrankungen. Wenn das Baby-Sterben allein von Überdosen Kupfer in saurem Wasser verursacht werde, argumentiert auch BGA-Experte Ulrich Hässelbarth, »müßten wir doch wesentlich mehr Todesfälle haben«.

Vorstellbar sei, daß einige Kinder, erblich bedingt, auf Kupfer überempfindlich reagiert hätten. Eine solche »genetische Disposition« hält Eife dagegen für »eher unwahrscheinlich«. In Indien jedenfalls hätten sich dafür keine Anhaltspunkte ergeben.

Falls sich herausstellt, daß schon die Kombination Kupferrohr und saures Wasser tödlich sein kann für Säuglinge, muß republikweit Alarm ausgelöst werden: Das Trinkwasser nämlich wird, so prophezeien Wissenschaftler, landauf, landab immer saurer.

Dafür sorgen etwa die sechs Millionen Tonnen Schwefel- und Stickoxide, die jedes Jahr aus Kraftwerks- und Industrieschloten in die Luft geblasen werden. Acht Millionen Tonnen Kohlenmonoxid aus Autoabgasen sowie Düngemittel kommen hinzu.

Vor allem aufgrund der sauren Niederschläge sinkt in vielen Gewässern und Flüssen von Mittelgebirgsregionen bereits der pH-Wert, ihr Säuregehalt nähert sich dem von Weinessig und Zitronensaft. Eine »großräumige Übersäuerung des Trinkwassers«, warnt der Göttinger Geowissenschaftler Bernhard Ulrich, werde die Folge sein.

Das saure Wasser aber, darin sind sich die Experten einig, wird nicht nur das Kupfer aus den Rohrleitungen waschen, sondern auch eine Vielzahl der ungleich giftigeren Schwermetalle mobilisieren: etwa Cadmium und Blei. In den Quellbächen, die der Sösetalsperre im Harz zufließen, dem Trinkwasserreservoir für mehr als hundert Städte und Gemeinden von Göttingen bis Bremen, fand der Göttinger Geochemiker Hartmut Heinrichs eine bis zu 36fache Anreicherung von Blei und Cadmium. Der nahe gelegene Oderteich (pH-Wert: unter vier) wies gar eine um das 360fache erhöhte Aluminiumkonzentration im Wasser auf.

Versauern und vergiftet werden, so warnt der Mainzer Geograph Manfred Krieter, »gerade unsere vorzüglichsten Trinkwässer«. Denn gefährdet sind ausgerechnet jene Gebiete, die noch intakt erscheinen: entlegene Bergregionen in der Eifel, im Harz, im Bayerischen Wald oder im Schwarzwald, aber auch die norddeutsche Tiefebene.

Die kalkarmen Gesteine dort können die Säuren, die aus der Luft herabregnen, nicht abpuffern. Im Schwarzwald und in der näheren Umgebung, so hat das baden-württembergische Umweltministerium festgestellt, bieten bereits 30 Gemeinden Trinkwasser an, dessen pH-Wert unter der gesetzlich festgelegten Norm (6,5) liegt. In 16 dieser Ortschaften fanden die Behörden in Proben, die aus Wasserhähnen in Privatwohnungen genommen wurden, überhöhte Kupferwerte.

Viel zu saures Leitungswasser floß auch aus zwei städtischen Quellen der Nordschwarzwald-Gemeinde Neuenbürg in die Haushalte. Auf öffentlichen Druck hin entschieden die Behörden, die Brunnen, die voriges Jahr noch geprüft worden waren, stillzulegen. Die Gemeinde kauft ihr Trinkwasser nun in der Nachbarschaft ein. Die 40 nichtgestillten Säuglinge in der Stadt stehen unter ärztlicher Beobachtung.

Nachdenklich reagieren Beamte im BGA. »Kann sein«, so der Amtstoxikologe Hermann Dieter, »daß die Empfehlung für Kupferleitungen voreilig war.« Doch es mangelt an Alternativen.

Zwar seien Rohre aus Polyäthylen oder Edelstahl denkbar, sagt Hässelbarth. Höchste hygienische Ansprüche aber könnten nur zwei Werkstoffe erfüllen, die »leider zu weich, zu biegsam und zu schlecht zu schweißen« sind: Gold und Platin.

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