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BAYERN Dös Luada

Hundert Jahre nach dem Tod des Bayernkönigs Ludwig II. enthüllen Liebesbriefe eine delikate Affäre seiner Braut. *
aus DER SPIEGEL 6/1986

Ein und All! Inbegriff meiner Seligkeit!«, pflegte König Ludwig II. in Briefen an den »Urquell des Lebenslichtes zu schwärmen, denn dieser war ihm nun mal »höchstes Gut! Alles!«

Prinzessin Sophie Charlotte, damals 19 und frisch verlobt mit der fast gleichaltrigen Majestät, stand ihrem hochwohlgeborenen Bräutigam in der Liebesglut nicht nach. »Ich liebe dich so innigst«, gelobte sie unentwegt, »ich habe das Herz so voll, als müßte es zerspringen.«

Die feurigen Schwüre widmeten die Brautleute nicht einander, sondern einem dritten und vierten. Das Herz des Monarchen gehörte dem Komponisten Richard Wagner, dem »mit Inbrunst geliebten einzigen Freund«. Die Prinzessin hatte sich, ausgerechnet beim Anfertigen des offiziellen Brautbilds, in den zwirbelbärtigen Münchner Photographen Edgar Hanfstaengl verguckt.

Die Treulose ließ für den unstandesgemäßen Geliebten mehrmals eine heimliche »Partie arrangiren« und sorgte sich hernach brieflich, »ob du glücklich und unbemerkt zum Palais hinauskamst«. Doch die Prinzessin war sich auch ihres »unbarmherzigen Schicksals« bewußt, daß durch die königliche Verlobung ihre »Freiheit in Feßeln geschlagen« sei.

Zuweilen ermahnte die angehende Königin ihren »theuren Edgar« auch, die Liebesbotschaften ja sorgfältig zu verwahren: »Wenn ein Mensch meine Briefe fände - ein schauerlicher Gedanke!«

Der teure Edgar, der einige Jahre nach dem hochadeligen Techtelmechtel die bürgerliche Berlinerin Katharina Heine heiratete, verwahrte rund ein Dutzend der heimlichen Liebesbriefe in einem Umschlag mit der Aufschrift: »Ungelesen verbrennen.«

Der handschriftliche Imperativ wirkte wie ein Gütesiegel: Die Briefe blieben unverbrannt und werden nun nach über hundert Jahren unter dem Titel »König Ludwig II. und seine verbrannte Braut« _(Heinz Gebhardt: »König Ludwig II. und ) _(seine verbrannte Braut. ) _(Unveröffentlichte Liebesbriefe ) _(Prinzessin Sophie''s an Edgar ) _(Hanfstaengl«. Ludwig Verlag, ) _(Pfaffenhofen; 180 Seiten; 29,80 Mark. )

als Lesestoff dargeboten.

Der heiße Nachlaß hatte wohlverwahrt in den Archiven des Münchner Kunstverlags gelegen. Nicht einmal Sohn Ernst »Putzi« Hanfstaengl, der unter Adolf Hitler zum Auslandspressechef avancierte, mochte das Geheimnis brechen. Erst die ebenfalls mit Hitler engbefreundete Tochter Erna, die als letztes der fünf Kinder von Edgar Hanfstaengl 1981 starb, übergab kurz vor ihrem Tod die heimlichen Papiere der Öffentlichkeit.

Das Buch kommt gerade rechtzeitig zum bevorstehenden 100. Todestag des Bayernkönigs, der postum zu einer operettenhaften Kultfigur im Isar-Freistaat und weltweit als »crazy king« zu einer Art Inbegriff der Monarchie wurde. Die in Faksimile wiedergegebenen Briefe der Königsbraut könnten zur Rehabilitierung des Monarchen beitragen, der 1886, mit 41 Jahren, im Starnberger See versunken ist.

Buchautor Heinz Gebhardt, der auch bei den drei Dutzend Ludwigs-Vereinen in Bayern recherchiert hatte, wird jedenfalls schon vor Erscheinen seiner Enthüllungen von den Königstreuen »umarmt und erdrückt«; nun sei endlich erwiesen, daß nicht der König an der mißglückten Verbindung schuld war, sondern »daß es die Sophie war, dös Luada«.

Allerdings hielt der »jungfräuliche König«, wie er sich selber bezeichnete, stets auf Distanz zur »Sinnlichkeit des weiblichen Geschlechts«. Beim feierlichen Verlobungsball am 22. Februar 1867 im Bayerischen Außenministerium blieb der scheue Ludwig nur eine knappe Stunde, bis er »mitten im Gewühl der Gäste« grußlos entschwand. Mit der Kutsche fuhr er zum Schloß Berg, immer wieder ausrufend: »Lieber spring ich in den Alpsee ... lieber in den Alpsee.«

Nun war das Bayernvolk von seinem jungen König ja schon allerhand Hallodri gewohnt. Statt den Landtag zu eröffnen, reiste Ludwig zum Beispiel lieber mit dem Schnellzug zum Bodensee um mit Freunden eine königlich-bayrische Bergtour zu unternehmen. Während der Mobilmachung gegen Preußen im Jahre 1866 versteckte er sich auf der Roseninsel im Starnberger See und ließ die Minister mit ihren Akten im Kahn anrudern. Und während die verbündeten Österreicher bei Königgrätz vernichtend geschlagen wurden, ergötzte sich der Monarch an nächtlichen Feuerwerken.

Eine Braut zu verschmähen, paßte eigentlich nicht in das Weltbild der Wittelsbacher. Ludwigs Großvater hatte seine Liebesaffäre mit der spanischen Tänzerin Lola Montez so weit getrieben, daß er auf den Thron verzichten mußte. Sophies Vater, Herzog Max in Bayern, zu seiner Zeit einer der populärsten Wittelsbacher, hatte außer acht ehelichen mindestens noch zwei uneheliche Kinder.

Ganz anders Ludwig II. Er empfand die Ehe, wie er seinem gut 30 Jahre älteren Freund Wagner anvertraute, »wie eine Alp«, eine »Lebensgefährliche Krankheit«, die ihn »folterte« und verfolgte »wie ein düsterer Traum«.

Die junge Braut und Cousine Sophie sah sich denn auch »zuweilen außerstande, seinen Schwärmereien zu folgen, denn seine Ansprüche waren oft sehr merkwürdige«. Bald zerbrach das Verlöbnis mit dem König, dem deshalb »ein düsteres Bild verweht« und »so wohl zu Muthe« war, denn »Gott sei gedankt, nicht ging das Entsetzliche in Erfüllung!«

Auch Prinzessin Sophie, die ihrem Liebhaber so eindringlich versichert hatte, »der Tag meiner Trauung steht wie ein schwarzer Schatten vor meiner Seele«, blieb schließlich doch einigermaßen standesbewußt und heiratete den französischen Herzog von Alencon. Der allerdings ließ sie bald wegen ihrer »exaltierten Zustände« in eine österreichische Irrenanstalt bringen, die auf »sexuelle Abartigkeiten« spezialisiert war.

Später trat sie in Paris in ein Kloster ein; 1897 fiel König Ludwigs einstige Braut bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung einem Großbrand zum Opfer.

Heinz Gebhardt: »König Ludwig II. und seine verbrannte Braut.Unveröffentlichte Liebesbriefe Prinzessin Sophie''s an EdgarHanfstaengl«. Ludwig Verlag, Pfaffenhofen; 180 Seiten; 29,80 Mark.

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