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KIRCHE Dogmatische Härte

Der in Ost-Berlin residierende Joachim Kardinal Meisner legt sich mit West-Berliner Katholiken an. *
aus DER SPIEGEL 33/1986

Jesuitenpater Walter Heinlein, 47, Seelsorger der katholischen Gemeinde Maria Regina Martyrum im Norden West-Berlins, hatte eine Vision.

Treffen sich Jesus und Marx im deutsch-deutschen Grenzgebiet, »der eine beargwöhnt von der Glaubensbehörde, der andere vom Zentralkomitee«. Aufpasser (West) und Aufpasser (Ost) hören das Gespräch mit, denn »beide Seiten benutzen die gleichen Wanzen«. So erfahren sie, daß sich Jesus und Marx, in der Kritik am eigenen Lager einig, gleichlautend fragen: »Warum steht mein Werk noch immer am Anfang?«

Seine Geschichte erzählte der Geistliche den Rias-Hörern in der Morgenandacht. Auch Glaubensbrüder im Bischöflichen Ordinariat saßen am Gerät; sie erzürnten sich über den unbotmäßigen Pater, dessen Konfliktbereitschaft seinen Vorgesetzten Joachim Kardinal Meisner schon lange »sehr traurig« stimmt. Denn nicht zum erstenmal suchte Heinlein den Konflikt mit der Kirchenführung.

So sammelte der Jesuit, nachdem der Vatikan voriges Jahr den brasilianischen Befreiungstheologen Leonardo Boff gemaßregelt hatte, in seiner Gemeinde 144 Unterschriften für eine Protestresolution. Mal demonstrierte Heinlein im geistlichen Gewand gemeinsam mit den Gegnern eines Schießplatzes. Mal mußte ihm der Kardinal schreiben, er sei »verwundert, in Maria Regina Martyrum eine Ministrantin zu sehen« - Heinlein nämlich weigert sich, anders als andere katholische Pfarrer in West-Berlin, weibliche Gottesdiensthelfer zu verstecken, wenn der Kirchenfürst erscheint.

Des Paters Zwist mit der Spitze erreichte zu Pfingsten den Höhepunkt. Heinlein sollte einen Hirtenbrief über die »christliche Familie als Hauskirche« verlesen, obwohl in seinen Gottesdiensten »überwiegend alleinstehende ältere Leute« sitzen, für die »das, was in dem Brief angesprochen wird, 40 bis 50 Jahre zurückliegt«. Mit dem Bemerken, der Kirchenleitung sei wohl »ein kleines Mißgeschick untergekommen«, schickte der Pater den Hirtenbrief unverlesen zurück.

Nun wird Heinlein gefeuert, wegen »mangelnder Kirchlichkeit«. Obwohl die Gemeinde protestiert ("Das ist Willkür, Herr Kardinal"), bleibt das Ordinariat hart: »Pater Heinlein meint, daß er sich nichts vorzuwerfen hat, doch der Bischof sieht das anders.«

Die Auseinandersetzung um den Jesuiten zeigt, wie gespannt das Verhältnis zwischen der im Osten der Stadt ansässigen Kirchenleitung und ihren West-Berliner Gliederungen ist. Anders als die Protestanten, die seit 1972 keine grenzüberschreitenden Kirchenbezirke mehr haben, halten die Katholiken an der Fiktion einer gesamtdeutschen Kirchenorganisation fest - mit einer Diözese, die ganz Berlin umfaßt.

Die 278617 Katholiken West-Berlins erfahren, so Heinlein, daß ihre Kirche gelegentlich »noch viel konservativer ist als in einem Dorf im Schwarzwald«. Die Kirchenaufsicht ist pingelig auf Balance bedacht. Nach innen hält sie auf Abgeschlossenheit gegenüber dem real existierenden Sozialismus und wacht, gestützt auf strenge Hierarchie, nach außen argwöhnisch über »Bewahrung und Einheit«. Gelegentlich kritisiert der Kardinal »totale geistige und geistliche Verwirrung« im Westen der Stadt.

Eine polnische Aussiedlerin, die für sich und ihre minderjährigen Kinder als Reinigungskraft in der Kirche Maria Regina Martyrum den Unterhalt verdienen wollte, bekam die dogmatische Härte des Bischofs zu spüren. Die Frau darf, so das Verdikt, nicht beschäftigt werden - weil sie sich vor 17 Jahren hatte scheiden lassen und wieder heiratete.

Berufsverbot gibt es im westlichen Teil der Diözese selbst gegen katholische DDR-Flüchtlinge. Ihnen wirft das Ordinariat vor, sie hätten »ihre Herde drüben im Stich gelassen«. Das gilt auch für ehemalige DDR-Katholiken, die mit genehmigten Ausreiseanträgen in den Westen gekommen sind. Einem Küster, der zur Pflege seiner kranken Schwester nach West-Berlin übergesiedelt war, verwehrte das Ordinariat die Einstellung in einer Gemeinde.

Der hohe Herr in Ost-Berlin, so beklagten sich Mitglieder der Heinlein-Gemeinde auf einer Protestversammlung, habe »keine Erfahrung, wie offen man hier auch in der Kirche redet«. Und so erntete der Kirchenobere auf den Rausschmiß des Jesuitenpaters unerwartet schroffe Kritik von der Basis.

Der Fall Heinlein, so schrieb Joachim Küchler, Vorsitzender des Pfarrgemeinderates von Maria Regina Martyrum, sei dem »verstockten« Ordinariat lediglich ein »willkommener Anlaß, sein Mütchen zu kühlen«. Und in einer Resolution mit 123 Unterschriften unterbreiteten die _(Im November 1984, als Redner bei einer ) _(Demonstration gegen den Bau eines ) _(Schießplatzes in Gatow, West-Berlin. )

Gemeinde-Ältesten dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Joseph Kardinal Höffner, »daß wir uns für unseren Bischof schämen müssen«.

Auch noch höheren Orts suchen die Berliner Katholiken mittlerweile Schutz. In einem Brief an den Papst ("Lieber Heiliger Vater") klagen sie: »Das Vorgehen unseres Bischofs Joachim ist für uns eine starke Prüfung im Glauben.« _(Mit Papst Johannes Paul II., im Oktober ) _(1982 im Vatikan. )

Im November 1984, als Redner bei einer Demonstration gegen den Baueines Schießplatzes in Gatow, West-Berlin.Mit Papst Johannes Paul II., im Oktober 1982 im Vatikan.

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