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Afghanistan Dolch an der Kehle

Amerikaner und Russen wollen den letzten Stellvertreterkrieg des Ost-West-Konflikts beenden. Ein Attentäter versuchte, das zu verhindern.
aus DER SPIEGEL 46/1991

Das Interview war beendet, Mohammed Sahir Schah, Ex-Monarch von Afghanistan, hatte im römischen Exil die Fragen zur politischen Zukunft seiner Heimat beantwortet, als der Journalist fast höflich ankündigte: »Jetzt muß ich Sie ermorden.«

Den ersten Stoß mit einem länglichen, gekrümmten Dolch konnte das Opfer mit den Händen abwehren, der zweite streifte seine Lippe, der dritte verletzte es an der Kehle. Beim vierten Angriff stieß die Klinge in die Herzgegend - aber ein Zigarrenetui, das der Sahir Schah in der Innentasche seines Jackets trug, rettete ihm das Leben.

Der Privatsekretär des ehemaligen Afghanen-Herrschers und ein Leibwächter überwältigten den Angreifer Jose Paulo Santos de Almeida aus Portugal. Den Anschlag am vorigen Montag begründete der Attentäter so: »Ich bin Moslem; ich wollte verhindern, daß der König nach Afghanistan zurückkehrt.«

Mohammed Sahir Schah, 77, zieht es tatsächlich in die Heimat: »Ich sehne mich sehr danach, meine letzten Jahre in Afghanistan zu verbringen.«

Die Hoffnung könnte sich erfüllen: In Rom war der alte Mann in den vergangenen Wochen zu einer Schlüsselfigur internationaler Absprachen über den Afghanistan-Konflikt aufgestiegen, die nach den Worten von Uno-Generalsekretär Perez de Cuellar ihre »entscheidende Phase« erreicht haben.

Nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages für Kambodscha hoffen vor allem die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten auf eine politische Lösung für den vergessenen Krieg am Hindukusch. _(* Nach seiner Festnahme am vorigen ) _(Montag. )

Mit Hilfe der Uno wollen die ehemaligen Rivalen des Ost-West-Konflikts nun den letzten ihrer Stellvertreterkriege beenden, der trotz des sowjetischen Truppenabzugs vor zweieinhalb Jahren mit unverminderter Härte anhält. Wie Prinz Sihanouk in Kambodscha, kommt Sahir Schah in Kabul als Integrationsfigur ins Spiel.

Der König, den 1973 sein Vetter Prinz Daud gestürzt hatte, soll laut amerikanisch-sowjetischem Friedensplan nach einem Waffenstillstand eine Übergangsregierung anführen, die unter Uno-Aufsicht Wahlen vorbereitet.

Russen und Amerikaner erwarten, daß ihn Afghanistans Bürgerkriegsgruppen als Vermittler akzeptieren. Sahir Schah hegt keine politischen Ambitionen mehr und würde im Konflikt zwischen den regierenden Sozialisten und den antikommunistischen Guerrilleros verschiedener Färbung keine Partei ergreifen.

Vom Verhandlungsgeschick des Königs hinge freilich der schwierige Übergang von der militärischen zur politischen Lösung des Haders ab. Den Mordanschlag auf ihn halten deshalb nur wenige Afghanen für die Tat eines Einzelgängers.

Die Regierung in Kabul vermutet hinter dem Attentat radikale Mudschahidin-Gruppen, die jede Verhandlungslösung als Verrat am Heiligen Krieg verdammen. Der drängendste Verdacht fiel auf den fundamentalistischen Mudschahidin-Führer Gulbuddin Hekmatjar, der zu Sahir Schahs Regierungszeit mehrere Male im Gefängnis saß.

Hintermänner des versuchten Mordes könnten aber auch kommunistische Scharfmacher sein, denen der Versöhnungskurs des Präsidenten Nadschibullah - früher Geheimdienstchef - nicht paßt, oder Ausländer, die vom Bürgerkrieg der Afghanen profitieren: Militärs im Nachbarland Pakistan, wo drei Millionen Afghanistan-Flüchtlinge leben, verdienen als Waffenlieferanten der Mudschahidin-Truppen.

Die sollen nun zur Aufgabe ihres Kampfes gezwungen werden. Im September hatten der sowjetische Außenminister Boris Pankin und sein amerikanischer Kollege James Baker beschlossen, vom 1. Januar 1992 an ihren jeweiligen Schützlingen in Afghanistan keine Waffen mehr zu liefern: Moskau unterstützt das Regime in Kabul mit Rüstungs- und Wirtschaftshilfe im Wert von jährlich vier Milliarden Dollar. Der US-Senat gewährt den Mudschahidin jedes Jahr 600 Millionen Dollar. Dazu kommen weitere Millionenbeträge aus Saudi-Arabien.

Die Hoffnungen, Afghanistans verfeindete Politiker an den Verhandlungstisch zu bringen, sind nach dem gescheiterten Putsch in der Sowjetunion noch einmal gestiegen. Seit dem Sturz der Hardliner im Moskauer Verteidigungsministerium signalisieren die Russen endgültig ihre Bereitschaft, Nadschibullah als Präsidenten fallenzulassen.

Doch die Einigung der Großmächte auf den König als Makler zerbrach die Front der Moslem-Partisanen, die sich ohnehin nur im Widerstand gegen Nadschibullah einig ist. »Wir müssen eigene Vorschläge machen, sonst kann es keine Verhandlungen geben«, erklärte der Chef einer Allianz von Exil-Parteien in Pakistan, Professor Sibghatullah Modschadadi. Er plädierte dafür, einer Einladung nach Moskau zu folgen.

Hauptgegner jeder Verhandlungslösung bleibt der Radikale Hekmatjar. Der Partisanenführer erklärte, daß keine am »Heiligen Krieg beteiligte islamische Partei« ihren Namen verdiene, wenn sie »den Willen zeigt, sich mit den Russen zu einigen«.

Dennoch scheint eine Rückkehr des Monarchen nicht mehr ausgeschlossen. Sahir Schah, der sich während seiner 40jährigen Herrschaft um ein gutes Verhältnis zu den kommunistischen Nachbarn bemüht hatte, genießt noch immer hohe Achtung bei seinen Landsleuten. »Als Sahir Schah König war, hatten wir Frieden«, sagen heute viele.

Bei einer Umfrage unter Flüchtlingen in pakistanischen Lagern wünschten sich 72 Prozent die Heimkehr des Herrschers, der die drei kommunistischen Putsche in Kabul und den Einmarsch der sowjetischen Armee im Dezember 1979 von seinem italienischen Exil aus erlebt hatte.

Dort suchte ihn erstmals 1988, als die Russen ihren Truppenabzug aus Afghanistan begonnen hatten, der sowjetische Vize-Außenminister Jurij Woronzow auf. Im Dezember 1989 kam der damalige Außenminister Eduard Schewardnadse und bestärkte den alten Herrn, seine künftige Rolle als »afghanischer Patriot« anzunehmen.

Als solchen umwirbt ihn nun auch das Nadschibullah-Regime. Der von den Sowjets eingesetzte Präsident gab dem König und 22 Familienmitgliedern im September die 1978 entzogene Staatsbürgerschaft zurück. Kabuls Botschaften wurden angewiesen, den vertriebenen Feudalherren Pässe auszustellen. Ein Mitarbeiter Nadschibullahs behauptet, zwischen dem Regierungschef in Kabul und dem König im Exil bestünden regelmäßige Brief- und Telefonkontakte.

Schon fürchten viele Afghanen, Sahir Schah lasse sich von Nadschibullah vereinnahmen. »Er hätte erklären müssen, daß er die Aberkennung seiner Staatsbürgerschaft nie anerkannt habe«, kritisiert ein ehemaliger Minister im westlichen Exil. Eine »politische Rolle« sollte der Ex-König »nur im Umfeld der Mudschahidin-Gruppen« spielen.

Doch Sahir Schah will für alle Afghanen da sein. Wenige Tage nach dem Mordanschlag konnte er das Krankenhaus verlassen und sich zurückmelden: Er halte sich bereit, ließ der Monarch a. D. bekanntgeben, seiner »moralischen Pflicht« fürs Volk nachzukommen. o

* Nach seiner Festnahme am vorigen Montag.

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