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BUNDESHAUPTSTADT Doller Mann

Bonns Parlamentarier finden ihre Hauptstadt zu provinziell. Nun soll sich Brasiliens Stararchitekt Oscar Niemeyer etwas dagegen einfallen lassen.
aus DER SPIEGEL 4/1972

Hermann Schmitt-Vockenhausen (HSV), schwergewichtiger Vizepräsident des Deutschen Bundestages, geriet ins Schwärmen: »Ein ganz doller Mann.«

Die Begeisterung des rechten Sozialdemokraten gilt dem brasilianischen Stararchitekten und Kommunisten, Oscar Niemeyer. Aufmerksam hatte der Parlamentarier im vergangenen November während einer Studienreise durch Brasilien den Regierungssitz Brasilia durchstreift, der nach Niemeyers Plänen mitten in die Wildnis gebaut worden war.

Am Ende der Dienstreise, die der schwäbische Parteifreund und Pfarrer Karl-Hans Kern dem stets unternehmenslustigen Schmitt-Vockenhausen nahegelegt hatte, stand für den HSV fest: Niemeyer soll das neue Bonner Parlament bauen.

In der Tat könnte Lenin-Preisträger Niemeyer, dem Architektur-Papst Walter Gropius einst »tropische Phantasie« nachsagte, die provinzielle Bonner Skyline aufpolieren. Denn der 64jährige Baumeister kann eindrucksvolle Kreationen vorweisen. So arbeitete er am New Yorker UN-Palast mit, entwarf in Brasilien Fabriken und Denkmäler, die in die Architekturgeschichte eingingen, und errichtete im Berliner Hansa-Viertel ein eigenwilliges Appartementhaus. Brasilias öffentliche Gebäude wurden auf Niemeyers Zeichenblock konzipiert.

Schmitt-Vockenhausen entschloß sich: »Wenn bei uns ein Regierungsviertel entsteht, darf man so was nicht dem Ehmke und der Bundesbaudirektion überlassen.

Bis 1969 hatte die Bundesbauverwaltung streng darauf geachtet, daß der fiktive Hauptstadt-Anspruch Berlins in Bonn nicht architektonisch untergraben werde. Erst das sozialliberale Kabinett verfügte den Stopp der verschämten Behelfsplanung und beschloß zugleich, einen »Ideenwettbewerb« für ein neues Regierungsviertel auszuschreiben.

Der Raum für eine angemessene Unterkunft der Bonner Staatsmacht ist freilich begrenzt. Die zum Wettstreit ausgeschriebene Zone mißt zwar in der Länge vier Kilometer -- wie die Mali. Längsachse des Washingtoner Regierungsdistrikts zwischen Kapitol und Lincoln-Memorial. Doch der weitaus größte Teil des Geländes zwischen Postministerium und Plittersdorf kann kaum noch verändert werden.

So bleiben die Präsidentenvilla Hammerschmidt und das Kanzlerpalais Schaumburg als Relikte jüngster staatlicher Tradition erhalten. Auch das unzweckmäßige neue Abgeordnetenhochhaus »Langer Eugen« sowie die halbfertigen Ministerien für Justiz und Bildung werden als verfehlte Planung überdauern.

Um so wichtiger nimmt Amateurplaner Schmitt-Vockenhausen den Neubau des Bundestagsplenums« denn der Haupttrakt des jetzigen Bundeshauses stammt aus den 30er Jahren und war für eine Pädagogische Akademie bestimmt. Der Vize-Hausherr glaubt, nur ein Architekt von der Qualität Niemeyers, der in jüngster Zeit die Pariser Zentrale der KP Frankreichs gebaut hat, könne den hohen Rang des Parlaments angemessen dokumentieren. Nächste Woche will er in Paris denn auch Kontakt mit Niemeyer aufnehmen.

Das HSV-Projekt einer begrenzten Latein-Amerikanisierung des westdeutschen Hauptstädtchens stößt freilich auf Widerstand. Zwar konnte der rührige Werber seinen Präsidenten Kai-Uwe von Hassel für Niemeyer einnehmen. Und auch Carlo Schmid, schöngeistiger SPD-Kollege aus dem Bundestagspräsidium, hat erkannt: »Natürlich läßt sich Frankreich in Paris und Brasilien in Brasilia besser darstellen. Aber auch in Bonn kann man zeigen, welchen Rang die staatlichen Organe haben.«

Doch der ehemalige Bundestagsdirektor Hans Troßmann, jetzt Beauftragter für den Neubau, warnt: »Das muß sehr überlegt werden, ob ein nationales Parlament nicht Sache von deutschen Architekten ist.«

Selbst der eher weltläufige Chef der Abteilung Bauwesen im Finanzministerium, Horst-Peter Oltmanns, der nach eigenem Bekunden »mit offenem Mund durch Brasilia gelaufen« ist, findet: »Wir übertreiben jetzt allmählich unsere Internationalität.«

Der Sozialdemokrat aus dem hessischen Vockenhausen aber mag sich von seinem Enthusiasmus für die große Welt des Oscar Niemeyer nicht abbringen lassen. In Brasilia nämlich hatte er ein zweites Schlüsselerlebnis. Nach einer Besichtigung der deutschen Botschaft, eines Werks des deutschen Baumeisters Hans Scharoun, urteilte er: »Als Feldscheune ausgezeichnet.«

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