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Kuba Donald Duck entdeckt

Botschaftsflüchtlinge machen Castro nervös - Kuba verliert die letzten Freunde.
aus DER SPIEGEL 30/1990

Beim Empfang der französischen Botschaft in Havanna zum Nationalfeiertag am 14. Juli feierte Fidel Castro den Sturm auf die Bastille mit - auch für ihn ist die Attacke auf die monarchistische Herrschaft eine revolutionäre Tat.

Kritiker seiner eigenen Herrschaft strafte Kubas Staatschef dagegen mit zorniger Verachtung. Als »Lumpen und vaterlandslose Gesellen« beschimpfte er jene rund zwei Dutzend Landsleute, die seit Anfang des Monats in und um ausländische Vertretungen Katz und Maus mit Polizisten und Diplomaten spielen. Dissidenten flüchteten in die Botschaften Italiens, Spaniens und der Tschechoslowakei, nahmen sogar Diplomaten als Geiseln, ein Kubaner wurde, schon auf dem Gelände der US-Vertretung, abgefangen und verprügelt.

Wenn Europa solche »Asozialen« wirklich aufnehmen wolle, so Castro, solle es ihnen doch bitte schön Visa ausstellen. Auch gegen ein Einwanderungsbüro der Europäischen Gemeinschaft in Havanna hätte er nichts einzuwenden.

In Madrid, Rom und Prag wuchs die Besorgnis, dem Massenansturm von Albanern auf westliche Botschaften in Tirana könnte nun ein weiterer Massenexodus in ihre Vertretungen auf Kuba folgen.

Dort wecken Botschaftsinvasionen schmerzliche Erinnerungen: Als 10 800 Kubaner vor zehn Jahren die Botschaft Perus in Havanna stürmten, um der realsozialistischen Mangelwirtschaft zu entfliehen, ließ Castro überraschend alle Ausreisewilligen ziehen. Mehr als 120 000 Kubaner nutzten die Chance und setzten sich zumeist nach Miami ab, darunter Hunderte von Schwerverbrechern. Boshaft rühmte sich Castro danach, daß er so mit einem Schlag all seine Gauner losgeworden sei.

Mit der Strategie, Unzufriedene abzuschieben, hielt Castro den Widerstand im Land klein. Weitere 20 000 Kubaner dürften nach einem Abkommen mit den USA jährlich ins kapitalistische Feindesland ausreisen - leider aber, so Havanna, hielten sich die Amerikaner nicht daran. Ihr Bedarf an Kubanern, die in Miami auch Mafia und Drogenmarkt beherrschen, ist gedeckt. Auch vier der Flüchtlinge, die vergangene Woche in die spanische Botschaft eindrangen, hatten bereits einen Ausreisestempel der kubanischen Behörden im Paß - sie verließen das Gebäude freiwillig, nachdem sie die Spanier um Visa gebeten hatten.

Fünf Flüchtlingen, die gewaltsam in das Appartement des tschechoslowakischen Geschäftsträgers Jan Dömök eingedrungen waren, verweigerte die Regierung von Vaclav Havel die Anerkennung als Asylanten - am Donnerstag ergaben sie sich der kubanischen Polizei. Nur fünf von über einem Dutzend Flüchtlingen in der Botschaft gehören einer Dissidentengruppe an, der Organisation »Pro Arte Libre«. Andere kamen, wie die in der Botschaft Italiens, weil sie der wirtschaftlichen und sozialen Situation auf der Insel entfliehen wollten.

Der Verdruß über die marode Inselwirtschaft, die durch den Ausfall der Lieferungen aus bisherigen Bruderländern noch miserabler wurde, ist so groß geworden, daß selbst Carlos Aldana, Chefideologe der Kommunistischen Partei und Nummer drei des Systems nach Fidel und seinem Bruder Raul Castro, ein wenig Druck ablassen will.

Es habe gewisse »Haltungen von Intoleranz« gegeben, gestand er Anfang des Monats ein. »Wir haben gesehen, was in Osteuropa passiert, wenn Menschen 50 Jahre lang isoliert werden und dann plötzlich Walt Disney und Donald Duck entdecken«, verkündete er, noch immer mit aller Arroganz der Macht.

Doch eine politische Liberalisierung, das Mehrparteiensystem, die Marktwirtschaft und freie Wahlen bleiben tabu. Wer das System in Frage stellt, wird drakonisch verfolgt. Am Mittwoch vergangener Woche erst verurteilte ein Provinzgericht elf Menschenrechtler wegen * Beim Staatsbesuch des spanischen Ministerpräsidenten 1986 in Havanna. »konterrevolutionärer Verbrechen« zu Strafen zwischen 3 Jahren Hausarrest und 15 Jahren Gefängnis.

Wie nervös die Regierung in Havanna auf den zunehmenden Druck reagiert, zeigte sie im Laufe der vergangenen Woche. Am Freitag beschuldigte Castro die Bonner Regierung, sie provoziere Kubaner zur Flucht in die Botschaften. Zuvor ruinierte er mit einer Flut von Beschimpfungen die traditionell guten Beziehungen zur sozialistischen Regierung von Felipe Gonzalez in Madrid, nachdem Außenminister Francisco Fernandez Ordonez angekündigt hatte, seine Botschaft gewähre auch weiterhin Flüchtlingen Asyl.

Sollte es tatsächlich zu einem zweiten Massenexodus kommen, so Ordonez, würde dies, anders als vor zehn Jahren, Castros Sturz nur beschleunigen: »So hat der Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Europa begonnen.«

Ordonez benehme sich wie ein »verängstigter Kolonialverwalter« und leide unter »historischem Gedächtnisschwund«, ließ Castro die ehemalige Kolonialmacht beschimpfen. Offensichtlich sei die spanische Regierung bereit, ihr Land in eine »Kloake« zu verwandeln, wenn sie all das »Lumpenpack« aufnehmen wolle. Daraufhin war es auch mit der spanischen Geduld vorbei. Am Mittwoch berief Madrid seinen Botschafter zurück, Konsultationen der spanisch-kubanischen Wirtschaftskommission werden ausgesetzt - faktisch bedeutet das eine Unterbrechung der spanischen Entwicklungshilfe; jetzt ist Castro ganz allein.

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