Donald Trump und die Ukraineaffäre Der eine Deal zu viel

Hat ein Telefonat das Potenzial, die Präsidentschaft von Donald Trump zu beenden? Lesen Sie hier die SPIEGEL-Titelgeschichte.
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Von Christian Esch, Roland Nelles, René Pfister, Marc Pitzke, Maximilian Popp, Alexander Sarovic, Christoph Scheuermann

Der 25. Juli 2019 ist nach allem, was man weiß, ein erfreulicher Tag im Leben des Donald Trump. Der Präsident ist an diesem Donnerstagmorgen wieder einmal sehr früh aufgewacht. Um kurz nach vier twittert er einige Schnipsel aus dem Programm seines Lieblingssenders Fox News, die ihm besonders gut gefallen haben. Ausnahmsweise hält auch die Titelseite der "New York Times" gute Nachrichten für ihn bereit. Dort ist zu lesen, dass der Auftritt des Russland-Sonderermittlers Robert Mueller vor dem Kongress am Tag zuvor so kläglich war, dass Trump wohl kein Amtsenthebungsverfahren fürchten muss.

Die Welt stellt sich für den Präsidenten an jenem Morgen so dar: Es ist erwiesen, dass russische Hacker im US-Wahlkampf 2016 eine riesige Desinformationskampagne lostraten, um ihn, Donald Trump, zu unterstützen und Hillary Clinton zu schaden. Es ist erwiesen, dass Trump bereit war, die Hilfe der Russen in Anspruch zu nehmen. Belegt sind zudem mehr als 100 Kontakte zwischen Trumps Wahlkampfteam und den Russen.

Außerdem köcheln viele kleinere Verfehlungen. Da ist die Tatsache, dass Trump Schweigegeld an eine Pornodarstellerin zahlte, um eine Affäre zu verheimlichen, da ist auch Trumps früherer Anwalt, der von seinem Boss aufgefordert wurde, das amerikanische Volk zu belügen.

In normalen Zeiten würde womöglich schon einer dieser Skandale genügen, um den Präsidenten zu Fall zu bringen. An Trump indes perlt alles ab, als wäre er unverwundbar. Als stimmte sein Spruch, er könnte auf der Fifth Avenue in New York einen Mann erschießen und würde doch keinen einzigen Wähler verlieren. Wohl in dieser Stimmung führt Trump ein Telefonat mit dem neuen ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj.

Das Gespräch zwischen Selenskyj und Trump wird zum Beginn der Ukraineaffäre, die lange schwelt und sich dann, in dieser Woche, in einer politischen Explosion entlädt. Das Telefonat wird zum Urknall des Skandals, der nun ziemlich sicher in ein Amtsenthebungsverfahren gegen den 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten münden wird. So haben es die Demokraten um Nancy Pelosi entschieden, die Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses.

Trump und Selenskyj sind zwei Männer, deren Karrieren unterschiedlicher kaum sein könnten. Selenskyj ist seit Mitte Mai im Amt, 41 Jahre alt, er hat bis vor Kurzem als Schauspieler und Komiker gearbeitet. Die Präsidentschaftswahlen gewann er auch deshalb, weil sein Volk genug von dem quälenden Krieg in der Ostukraine hat. Selenskyj tritt als Reformer auf, er will die Ukraine nach Jahren der Krise und Korruption aufpäppeln, er will auch unabhängiger von Russland werden. Dafür braucht er die Unterstützung der USA. Vor allem: Er braucht Geld.

Trump ist 73 und das Gegenteil eines Reformers. Nicht lange vor dem Telefongespräch wies er sein Außen- und sein Verteidigungsministerium an, knapp 400 Millionen Dollar an Finanzhilfen einzufrieren, die für die Ukraine vorgesehen waren.

Sein eigentliches Ziel ist offenbar Joe Biden, der frühere Vizepräsident, der laut Umfragen die größte Chance auf eine Nominierung als Präsidentschaftskandidat der Demokraten hat. Trump glaubt, dass Biden eine entscheidende Schwachstelle hat: seinen Sohn Hunter Biden, der Geschäfte in der Ukraine machte. Trump will, dass Selenskyj ihm in dieser Angelegenheit hilft. Er hofft wohl auf einen Deal mit der Ukraine: Geld gegen Wahlkampfhilfe.

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