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NUMERUS CLAUSUS Doppelt besetzt

Die Professoren verlangen, die Kultusminister verweigern einen Numerus clausus für Informatik. Weder die einen noch die anderen haben ein Konzept, wie es in diesem Zukunftsfach weitergehen soll.
aus DER SPIEGEL 13/1984

Mit einem Anfangsgehalt von 4000 Mark kann jeder rechnen, der Informatik studiert und eine Universität mit dem Diplom dieses Fachs verläßt.

Keine andere Disziplin bietet solche Perspektiven wie die Computerwissenschaft. Es gibt keine arbeitslosen Akademiker dieses Fachs, und es werden derzeit nicht so viele Informatiker ausgebildet, wie die Wirtschaft braucht.

Allerdings scheitern viele auf dem akademischen Weg in diesen Zukunftsberuf. 40 bis 50 Prozent der Abiturienten, die mit dem Studium dieses jüngsten, erst 1969/70 eingerichteten Faches beginnen, halten nicht bis zum Diplom-Examen durch. Zu hoch sind für viele die Anforderungen der Informatik, die als Mischung vor allem aus Mathematik und Elektrotechnik entstand.

Kein anderes Fach hat sich so stürmisch entwickelt, aber es ist auch kein anderes Fach so überlaufen. Der Lehrkörper leidet unter der amtlich so genannten »Überlast«, die ihm die Kultusminister und die Dortmunder Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) aufbürden.

Die Informatik gehört wie die Rechtswissenschaft und die Betriebswirtschaft zu den Fächern, in denen jedem Bewerber ein Studienplatz garantiert wird, obwohl die Nachfrage größer ist als das Angebot (siehe Graphik). Das Informatikstudium begannen im letzten Wintersemester beinahe doppelt so viele Abiturienten, wie die Universitäten nach ihren eigenen Kapazitätsberechnungen aufnehmen können.

Die meisten Informatik-Professoren verlangen deshalb einen bundesweiten Numerus clausus (NC) für ihr Fach, ähnlich dem für Medizin. Er sei, so der Fakultätentag Informatik, »unvermeidlich, um irreversible Schäden zu verhüten«. Die solide Ausbildung der Studenten sei sonst »nicht mehr gewährleistet«, die Forschung »aufs höchste gefährdet«.

Doch die Kultus- und Wissenschaftsminister entschieden anders. Ihre Staatssekretäre und Senatsdirektoren bilden den Verwaltungsausschuß der ZVS (deren höchstes und für diesen Beschluß zuständiges Gremium), und sie lehnten einen NC für Informatik ab.

Eine Sperre für Informatik, für Betriebswirtschaft oder Jura würde - so die Sorge aller Kultuschefs - eine Kettenreaktion auslösen.

Alsbald würden Abiturienten in Nachbarfächer ausweichen und sie überfluten. Binnen weniger Semester käme es zum Numerus clausus für alle Fächer, und Zigtausende von Oberschülern, die nicht mehr studieren dürften, würden mit Haupt- und Realschülern um die ohnehin knappen Lehrstellen kämpfen.

Es wäre überdies absurd, die Computerwirtschaft mit staatlichen Milliarden anzukurbeln und zugleich die Ausbildung der akademischen Fachkräfte zu drosseln. Verschlossene Informatik-Türen ständen auch im Kontrast zur Computerbegeisterung unter Oberschülern, von denen vermutlich viele ihr Hobby zum Beruf machen wollen.

»Ein Numerus clausus im Zukunftsfach Informatik wäre ein volkswirtschaftlicher

und bildungspolitischer Unsinn«, meint der Kaiserslauterer Informatik-Professor Jörg Siekmann, der kritisch über den Abschottungskurs des Fakultätentages denkt. Aber Siekmann fürchtet, »daß es statt des einen Unsinns nur einen anderen Unsinn geben wird: uns lediglich Studenten zu schicken und nicht die Mittel zu geben, sie auszubilden«.

Zwar werden den Überlast-Fächern zusätzliche Gelder bewilligt, vor allem für Zeitverträge mit Lehrkräften. Aber es bedürfte wesentlich höherer Summen und eines Konzepts, wie die Informatik systematisch erweitert werden soll.

Bislang gibt es statt dessen nur vage Sprüche. »An Investitionsmitteln fehlt es nicht«, versicherte etwa Anton Pfeifer (CDU), Staatssekretär im Bonner Wissenschaftsministerium. Aber weder nannte er Zahlen, noch kündigte er gar Zahlungen an.

Es fehlt auch an einer Analyse, mit der erhebliche Diskrepanzen aufgedeckt würden. Oft sind sie die Folge von Egoismen einiger Länder oder Hochschulen.

Bevor die ZVS die bundesweite Verteilung der Informatik-Bewerber übernahm, gab es an einigen Universitäten einen lokalen NC, andere blieben offen. Auch flossen Investitionsmittel teils spärlich, teils üppig. Folge: An den Universitäten Hamburg, Bremen und Frankfurt zum Beispiel gibt es nur etwa so viele Studienplätze für Informatik wie allein an der Universität Karlsruhe.

Ungeprüft blieben die Argumente der Informatik-Professoren für einen NC. Manche sind grotesk, etwa: 600 Studienanfänger seien für Karlsruhe schon deshalb zuviel, weil die Universität keinen Raum besitze, in den sie allesamt passen - als ob die Einführungsvorlesung nicht doppelt oder in einem Festsaal gehalten werden könnte.

Andere Argumente sind schwach. Ein Mangel an Computern, ohnehin selten, ließe sich schon wegen des Eigeninteresses der Hersteller beheben. Sie wollen die künftigen Informatiker an ihre Fabrikate gewöhnen und liefern deshalb oft zu kulanten Bedingungen.

Ein Argument allerdings hat Gewicht: Der Personalmangel ist eklatant. Junge Wissenschaftler werden von der Industrie mit doppelten Gehältern abgeworben, und manche Lehrstühle stehen drei oder vier Semester lang leer. Dazu der Karlsruher Dekan Peter Deussen: »Selbst wenn wir das Geld für neue Lehrstühle bekämen, fänden wir gar nicht die Leute, sie zu besetzen.«

Überlassen es die Kultusminister allein den Informatik-Lehrkräften, den Studentenansturm zu bewältigen, droht statt des amtlichen ein heimlicher Numerus clausus. Etliche Professoren würden, auch wenn ihre Sprecher es heute abstreiten, der Versuchung nicht widerstehen können, nach einer Devise zu handeln, die Siekmann für »zynisch und gefährlich« hält:

»Was zuviel ist, wird rausgeprüft.« _(ohne die Bewerber, die einen zugeteilten ) _(Studienplatz nicht angenommen haben )

[Grafiktext]

Geringste Chancen: Zahn- und Tiermedizin Angebot und Nachfrage in den begehrtesten Studienfächern Die Dortmunder ZVS vergibt in Fächern mit starkem Abiturienten-Andrang die Studienplätze nach drei verschiedenen Verfahren: Nach Abiturnote, Los und Test wird die Auswahl unter den Bewerbern für Medizin, Zahnmedizin und Tiermedizin getroffen. Nach Abiturnote und Wartezeit werden die Plätze für Biologie, Pharmazie, Psychologie, Architektur und einige kleinere Fächer vergeben. (Zahlen für das Wintersemester 1983/84) Fach Bewerber Studienplätze Bewerber je Platz Medizin 5:1 Zahnmedizin 7:1 Tiermedizin 7:1 Biologie 2:1 Psychologie 2:1 Architektur 5:1 Pharmazie 4:1 Während in diesen NC-Studienfächern die Hälfte oder sogar die Mehrheit der Bewerber abgewiesen wird, erhalten alle Bewerber für Betriebswirtschaft, Informatik, Rechtswissenschaft, Volkswirtschaft sowie für einige kleinere Fächer einen Studienplatz, allerdings oft nicht an der Universität ihrer Wahl. Die ZVS verteilt die Bewerber so auf die Universitäten, daß die »Überlast« im jeweiligen Fach an allen Hochschulen etwa gleich ist. Volkswirtschaft ist von diesen Fächern das einzige mit derzeit mehr Plätzen als Bewerbern. Fach Bewerber »Normale« Studienplätze »Überlast«-Plätze Auslastung Rechtswissen- 125% schaft Betriebswirtschaft 130% Informatik 180% Volkswirtschaft 70% In keinem anderen Fach hat sich die Studentenzahl in den letzten Jahren so erhöht wie in der Informatik. Die Zahl der Studienanfänger: INFORMATIK 1973 1974 1975 1976 1977 1978 1979 1980 1981 1982 1983

[GrafiktextEnde]

ohne die Bewerber, die einen zugeteilten Studienplatz nichtangenommen haben

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