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Jesus-Forschung Doppelt oder nichts

»Verfasser unbekannt«, stellen moderne Theologen hinsichtlich aller vier Evangelien einmütig fest. Viele Worte wurden Jesus nachträglich in den Mund gelegt, viele Berichte erweisen sich als Legenden, und im Neuen Testament gibt es einen antijüdischen Trend. Der Jesus der Wort-Gläubigen, so das Fazit im zweiten Teil des Beitrages über die Bibel-Forschung, hat mit dem Jesus der Kritiker nicht sehr viel mehr gemeinsam als den Namen.
Von Werner Harenberg
aus DER SPIEGEL 23/1996

Keines der vier Evangelien ist von einem Zeitgenossen oder gar von einem Augenzeugen und Wegbegleiter Jesu geschrieben worden.

Darüber sind sich die Neutestamentler aller deutschen Universitäten einig, ganz gleich, ob sie evangelisch oder katholisch sind, ob sie wie der Göttinger Gerd Lüdemann mit ihrer Kirche im Streit oder - wie die meisten - im Frieden leben.

Und sie verbergen diese Erkenntnis auch nicht. Theologiestudenten werden mit ihr schon in den ersten Semestern vertraut gemacht. Sie steht in fast jedem Buch, das sich speziell mit der Entstehung des Neuen Testaments oder mit Jesus befaßt.

Auch hinsichtlich vieler anderer Ergebnisse der Bibelkritik stimmen die deutschen Exegeten überein. Bei brisanten Themen äußern sich viele allerdings lieber nur in schwerverständlichen Fachartikeln als in populären Büchern.

Hinzu kommt, daß es unter den Neutestamentlern immer einzelne Abweichungen von der vorherrschenden Meinung gibt, auch etliche Widersprüche, offene Fragen und halbe Wahrheiten, und nicht gerade selten mischen sich in ihrer Arbeit Wissenschaft und Glaube.

Aber all dies ändert nichts daran, daß die neutestamentliche Forschung auf sicherem Fundament steht.

Durchweg nur noch als veraltete Meinung und als Irrtum wird referiert, was schon im 2. Jahrhundert behauptet, noch bis ins 19. Jahrhundert weithin geglaubt und heute nur noch von wenigen konservativen Außenseitern wie Papst Johannes Paul II. aufrechterhalten wird: daß die Evangelien von Aposteln oder zumindest von deren Begleitern oder Schülern verfaßt worden seien.

Obwohl keiner der vier Evangelisten seinen Namen nannte, meinte man schon ziemlich bald, sie zu kennen.

Daß der Jünger, Apostel und frühere Zöllner Matthäus ein Evangelium verfaßt habe, brachte ein Kirchenvater namens Papias auf, der etwa von 70 bis 130 lebte. Ein anderes wurde einem Markus - genauer: einem Johannes Markus - zugeschrieben, der einige Male im Neuen Testament als Begleiter des Paulus erwähnt wird. Und Papias brachte ihn überdies mit dem Apostel Petrus in Verbindung.

Das dritte Evangelium und die Apostelgeschichte erklärte man zu Werken eines Arztes Lukas; er wird von Paulus in einem Brief beiläufig erwähnt. Daß Lukas den Apostel begleitet hat, schloß man daraus, daß er in der Apostelgeschichte von den Reisen des Paulus im Plural berichtet ("Da fuhren wir von Troas ab . . .").

Und auch der Autor des letzten, des Johannes-Evangeliums gab zu Kombinationen Anlaß. Mehrfach erwähnt er einen »Jünger, den Jesus liebhatte«, und im letzten Kapitel wird, wiederum ohne einen Namen zu nennen, auf einen Jünger verwiesen, »der dies alles bezeugt und aufgeschrieben« habe. Um 180 brachte ein Kirchenvater namens Irenäus alles zusammen: Gemeint sei jeweils der Jünger Johannes, und der habe auch das Evangelium geschrieben.

All dies und noch einiges mehr, was über Matthäus und Markus, Lukas und Johannes jahrhundertelang verbreitet wurde, haben die Neutestamentler ins Reich der Legende verbannt. »Verfasser unbekannt«, schreiben sie hinsichtlich aller vier Evangelien, und sie haben viele Gründe dafür. Die wichtigsten:

Das Schlußkapitel des Johannes-Evangeliums, in dem ein Jünger als Gewährsmann oder als Verfasser genannt wird, stammt nicht vom Autor des Evangeliums, sondern wurde später an seinen Text angehängt.

Und im Johannes-Evangelium spricht Jesus ganz anders als in den anderen Evangelien, er hält »lange Reden, die in bisweilen monoton anmutenden Meditationen immer denselben Inhalt haben« - so der Göttinger Neutestamentler und frühere hannoversche Landesbischof Eduard Lohse. Diese Reden sind das literarische Werk des Evangelisten.

Der Autor des Lukas-Evangeliums und der Apostelgeschichte kann kein Begleiter des Paulus gewesen sein, weil er sich über dessen Reisen irrt (wie der Vergleich mit den eigenen Berichten des Paulus zeigt) und weil er weder dessen theologische Grundgedanken noch dessen Briefe kennt.

Das Markus-Evangelium läßt an keiner Stelle vermuten, daß sein Autor den Apostel Petrus gekannt und begleitet haben könnte. Und für »historisch wertlos« hat Philipp Vielhauer, Autor einer »Geschichte der urchristlichen Literatur«, die Papias-Behauptung erklärt, der Apostel Matthäus habe ein Evangelium verfaßt.

Eigentlich müßten die Neutestamentler stets vom »Autor des Matthäus-Evangeliums« statt von Matthäus schreiben oder den Namen in Anführungszeichen setzen. Und ebenso müßten sie mit Markus, Lukas und Johannes verfahren. Aber der Einfachheit halber belassen sie es bei diesen - falschen - Namen (wie es auch in diesem Beitrag geschieht).

Ähnlich negativ wie bei den Evangelien ist die Bilanz auch bei den Briefen, die im Neuen Testament stehen.

Nur sieben Briefe hat Paulus geschrieben, die Autoren von sechs weiteren geben sich als Paulus aus und beteuern zumeist sogar, der Apostel zu sein. Aber am Inhalt ist zu erkennen, daß die Briefe erst nach dem Tode des Paulus geschrieben wurden. Einige korrigieren sogar dessen Ansichten.

Auch die Briefe, die angeblich die Apostel Petrus und Johannes sowie die Jesus-Brüder Jakobus und Judas verfaßt haben, stammen von Unbekannten. Das gilt auch für einen Brief an die Hebräer, in dem kein Autor genannt wird, der aber für einen Paulus-Brief gehalten und nur deshalb ins Neue Testament aufgenommen wurde.

Übereinstimmung besteht bei den Exegeten auch darüber, wann die Evangelien und die Briefe verfaßt wurden. Am ältesten sind die echten Paulus-Briefe. Das Markus-Evangelium wurde etwa 40, das Lukas- und das Matthäus-Evangelium wurden etwa 60 und das Johannes-Evangelium wurde 70 bis 80 Jahre nach dem Tode Jesu geschrieben. Mithin stammt keiner der 27 Teile des Neuen Testaments von einem Augenzeugen, denn auch Paulus - der einzige Apostel unter den Autoren - wurde erst nach der Kreuzigung Christ und hat Jesus nicht gekannt.

In den Jahrzehnten, die zwischen dem Auftreten Jesu und der Niederschrift der Evangelien vergingen, wurden seine Worte und kurze Berichte über seine Taten mündlich weitergegeben. Die Evangelien sind das letzte Stadium einer langen Entwicklung. Deren Autoren stellten die Einzelstücke in künstliche Rahmen, um den Stoff besser erzählen zu können. Zeit- und Ortsangaben wie »alsbald«, »es begab sich«, »am Abend«, »am Meer« oder »auf dem Berg« sind durchweg redaktionelle Hilfsmittel. Weil die Abläufe in den Evangelien nicht historisch sind, läßt sich anhand ihrer Texte keine Biographie Jesu schreiben.

Matthäus und Lukas hatten neben Einzelteilen noch zwei kompakte schriftliche Vorlagen: das Markus-Evangelium und eine weitere Quelle, die nicht erhalten blieb und vornehmlich aus Jesus-Worten bestand. Die ersten drei Evangelien stimmen deshalb weithin überein.

Die wichtigste Methode der kritischen Exegeten ist es, die einzelnen Stücke älteren Ursprungs wieder aus dem später geschaffenen künstlichen Rahmen der Evangelien zu lösen. Anhand inhaltlicher und formaler Merkmale können die Forscher deren Alter annähernd feststellen - und insbesondere, ob sie aus der Zeit stammen, als Jesus ohne festen Wohnsitz mit seinen Jüngern in Galiläa unterwegs war, oder aus späteren Phasen, als es schon christliche Gemeinden gab. ** Gerd Lüdemann: »Ketzer. Die andere Seite des _(frühen Christentums«. Radius-Verlag, ) _(Stuttgart; 320 Seiten; 68 Mark. ) _(* Links: Gemälde aus dem Stundenbuch ) _(des Herzogs von Berry, um 1415; rechts: ) _(Gemälde von Rembrandt, 1661. )

Wer sich mit den Ergebnissen der Bibelkritik vertraut macht, gewinnt ein ganz anderes, viel lebendigeres Bild von Jesus und den frühen Christen als der andächtige, unkritische Bibelleser.

Dazu Rudolf Augstein in seinem Buch »Jesus Menschensohn": »Interessanteres als das Entstehen der christlichen Religion läßt sich in der Geistesgeschichte schwerlich finden.«

Die Entwicklung verlief längst nicht so harmonisch, wie sie in der Apostelgeschichte dargestellt wird, allerdings auch nicht ganz so dissonant, wie Lüdemann es in einem 1996 erschienenen Buch schildert**. Bei ihm verketzern sich die Christen in Jerusalem auf der einen und Paulus nebst Anhängern auf der anderen Seite wechselseitig so, als hätten sie es mit Anders- oder Ungläubigen zu tun.

Vom ältesten bis zum jüngsten Evangelium gibt es einen starken Trend, die Römer von der Schuld am Tode Jesu zu entlasten oder sogar freizusprechen. Der Statthalter Pilatus wird dabei vom Heiden beinahe zum Christen.

Bei Markus ist er, als ihm Jesus vorgeführt wird, noch ein fast neutral fragender Richter: »Was hat er denn Übles getan?« Bei Matthäus wuchert die Legende: Die Frau des Pilatus träumt, Jesus sei ein Gerechter, und Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld.

Im Lukas-Evangelium beteuert er dreimal, daß er »keine Schuld an diesem Menschen« finde.

Im Johannes-Evangelium schließlich führen Jesus und Pilatus ein Gespräch über das Reich Jesu und philosophieren miteinander (Pilatus: »Was ist Wahrheit?"), und der Ober-Römer sagt den berühmten Spruch über den Delinquenten Jesus: »Sehet, welch ein Mensch!«

Dazu Augstein: »Mit Hilfe der Pilatus-Figur wird der römischen Welt dargelegt, Staat und Christentum seien miteinander vereinbar.«

Dem prorömischen Trend entspricht ein ebenso ausgeprägter antijüdischer. Im Matthäus-Evangelium verfluchen sich die Juden sogar selbst: »Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!«

Dieses Wort, das kein ernstzunehmender Neutestamentler für historisch hält, ist (wie der jüdische Theologe und Schriftsteller Claude Montefiore schrieb) »einer jener Sätze, die schuldig sind an Meeren von Menschenblut und an einem ununterbrochenen Strom von Elend und Verzweiflung«.

Die Evangelien bieten »oft nur ein verzerrtes Bild vom Judentum«, weil sie »in einer Zeit geschrieben wurden, in der aus der innerjüdischen Erneuerungsbewegung um Jesus eine Religion neben dem Judentum geworden war, die mit ihrer Mutterreligion konkurrierte« - so der Heidelberger Neutestamentler Gerd Theißen in seinem Buch »Der Schatten des Galiläers«, das mehr gelesen wird als irgendein anderes neueres Jesus-Buch eines Theologen.

Bibelkritiker können die damals aktuellen Gründe für diese Trends erkennen, Bibelwort-Gläubigen ist dies kaum möglich, sie müssen auch verfälschende Passagen für ewige Wahrheiten halten.

Die ersten Christen wetteiferten mit den Juden auch bei der Lektüre des Alten Testaments. Sie bezogen viele Prophetenworte und andere Stellen auf Jesus, um zu belegen, daß Gott all das, was insbesondere in den letzten Tagen Jesu geschehen war, gewollt hat. »Bibelstellen haben Geschichte produziert«, stellte der Neutestamentler Martin Dibelius fest. Beispiele:

Der Prophet Sacharja verkündete: »Siehe, dein König kommt zu dir und reitet _(* Links: Gemälde von Hans Memling, ) _(zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts; ) _(rechts: Miniatur aus dem Evangelienbuch ) _(Kaiser Heinrichs III., um 1050. )

auf einem Esel und auf einem jungen Füllen.« Im Matthäus-Evangelium steht über den Einzug Jesu in Jerusalem: » . . . und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf.«

Daß man Jesus am Kreuz Wein »mit Galle vermischt« und Essig gab, hat seine Quelle in einem Psalm: »Und sie geben mir Galle zu essen und Essig zu trinken.«

Im Rückblick auf das Leben Jesu schmückten die Christen seine Worte und Taten aus, auch noch von einem Evangelium zum anderen werden die Berichte von Legenden überwuchert. Und viele sind zu Stein geworden wie in der Jerusalemer Kirche über einem Grab, in dem Jesus nie lag.

Die Wunder wurden immer größer. Bei Markus geht Jesus allein auf dem Wasser, bei Matthäus tritt Petrus hinzu. Bei Lukas erweckt Jesus einen Jüngling zum Leben, der noch im Sarg liegt, bei Johannes einen Toten, der schon »vier Tage im Grabe« war.

Bei Matthäus heilt Jesus einen Kranken, ohne ihn zu sehen, aber er ist immerhin vor Ort. Bei Johannes hilft er einem Kranken über eine Distanz von 27 Kilometern hinweg.

Und auch das Jesus-Bild wird geschönt. Aus seiner Markus-Vorlage strich Matthäus die Stelle, an der Jesu Verwandte ihn für verrückt erklären ("Er ist von Sinnen").

Wieviel oder wie wenig von all dem wissen die Christen, die sonntags unter den Kanzeln sitzen? Darum geht es in der Auseinandersetzung zwischen dem Göttinger Bibelkritiker Lüdemann und seiner von Bischof Horst Hirschler geleiteten Landeskirche, die ihm verbot, künftige Pfarrer zu prüfen.

Lüdemann hat der Kirche vorgeworfen, sie nehme hin oder sorge sogar dafür, daß die Ergebnisse der Bibelkritik in den Gemeinden unbekannt seien. Und er nannte es scheinheilig und schizophren, daß die Kirche ihre künftigen Pfarrer bei der Ordination auf Bekenntnisse verpflichte, die sie nicht mehr glauben könnten.

Lüdemanns Kritik mag zugespitzt und in dem einen oder anderen Punkt unsachlich sein; für die Gegenkritik des Bischofs gilt dies noch weit mehr und in jeder Hinsicht.

Wollte man Hirschler glauben, so müßte man annehmen, daß die Kirchgänger in Niedersachsen mit der modernen Exegese etwa so vertraut sind wie Theologiestudenten.

Doch die meisten Pfarrer sind sich wohl darüber einig, daß die Bibelkritik nicht in die Predigt auf der Kanzel gehöre. Zwar wird sie vielerorts in Gemeindeabenden und Bibelkreisen verbreitet; aber von der Minderheit der Getauften, die sonntags noch in die Kirche geht, ist es wiederum nur eine Minderheit, die sich an diesem kirchlichen Leben beteiligt. Und überdies hängt es vom jeweiligen Pfarrer ab, wieviel kritisches Wissen er seinen wenigen verbliebenen Aktiven vermittelt.

Heuchlerisch mutet es an, wenn Hirschler so tut, als müsse er sich schützend vor seine Pfarrer stellen. Nicht denen, sondern der Kirche hat Lüdemann Schizophrenie und Scheinheiligkeit vorgeworfen.

Geradezu absurd sind Hirschlers Behauptung, der Göttinger habe »70 Jahre Theologie nicht zur Kenntnis genommen«, und seine Unterstellung, Lüdemann glaube: »Wahr ist nur, was ich mit dem Spaten ausgraben kann.«

Was immer man von Lüdemanns Einstellung halten mag, es geht ihm um Glauben und Worte, nicht um Archäologie und Steine.

Und eher katholisch als evangelisch verhält sich der lutherische Landesbischof, wenn er gegen Lüdemann administrativ vorgeht, ihm aber jeden Disput vor Publikum verweigert ("Von einem öffentlichen Schlagabtausch halte ich nichts"). Und sogar zu einem Gespräch unter vier Augen wäre er erst dann bereit, wenn Lüdemann seine Kritik widerrufen würde ("Vorher läuft nichts").

Der hannoversche Bischof versucht überdies, Lüdemann als Einzelkämpfer hinzustellen. Aber der Göttinger Neutestamentler steht nur mit einigen Forderungen allein, etwa denen, das Credo abzuschaffen oder die Bibel nicht mehr »Gottes Wort« zu nennen.

In den meisten exegetischen Erkenntnissen stimmt er mit seinen Fachkollegen überein.

Der Konsens erstreckt sich von dem Senior der katholischen Neutestamentler, dem Freiburger Anton Vögtle, der Mitte März mit 85 Jahren starb, bis zu Lüdemann, der sich mehr als Historiker denn als Theologe versteht. Grundverschieden ist nur die Sprache, und darauf legt es der Göttinger auch an, auf die Gefahr hin, daß seine Kollegen auf Distanz gehen.

Lüdemann: »Ich sage, Jesus ist im Grabe verwest. Andere sagen, die Überlieferung vom leeren Grab ist sekundär. Inhaltlich ist das kein Unterschied. Aber über mich redet man, über die anderen nicht. Und ich muß die Leute aufregen, sonst ändere ich nichts.«

Mit seiner Behauptung, lediglich 15 Prozent der Worte Jesu in den Evangelien stammten wirklich von ihm, hat Lüdemann zahlreiche Christen geschockt. Viele seiner Fachkollegen bezweifeln, daß man den Anteil so präzise angeben kann und soll. Aber sie sind sich überwiegend darin einig, daß viele Jesus-Worte _(* Siebdruck von Andy Warhol nach ) _(Leonardo da Vinci, 1986. )

entweder stark von der Überlieferung geprägt oder ihm sogar erst nach seinem Tode zugeschrieben wurden.

Die Autoren der Evangelien behandelten die Worte nicht wie Ikonen, sondern nahmen sich die Freiheit, sie je nach ihrem Konzept und entsprechend der Situation in den Gemeinden zu streichen, zu verändern oder zu ergänzen.

Jesus hat nicht an eine Mission über Israel hinaus gedacht und auch nicht an die Schaffung einer Kirche. Deshalb stammt weder das Wort von Petrus als dem Felsen, auf den er seine Kirche baue, von ihm noch der Auftrag an die Jünger, alle Welt zu christianisieren.

Stark verändert wurden jene Worte, mit denen Jesus beim letzten Mahl mit den Jüngern die heiligste Handlung eingesetzt haben soll, die es in den beiden großen Kirchen gibt: das Abendmahl (evangelisch) oder die Eucharistie (katholisch).

Jesus hat nicht gefordert: »Trinket alle daraus, das ist mein Blut.« Und er hat auch nicht gesagt, daß sein Blut »vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden«, also zum Heil der Menschen.

Und den Jesus am Kreuz ließen die Evangelisten jeweils ein anderes letztes Wort sprechen, das ihrem eigenen theologischen Konzept entsprach.

Wenn sogar die Worte Jesu beim letzten Abendmahl und am Kreuz nicht authentisch sind, bleibt dann von der Botschaft nicht zuwenig, um noch an ihn als den Christus zu glauben?

Für viele wird es so sein. Der Marburger Neutestamentler Rudolf Bultmann (1884 bis 1976), der berühmteste aller Bibelkritiker, sah es nicht so: »So wenig wir vom Leben und der Persönlichkeit Jesu wissen, von seiner Verkündigung wissen wir so viel, daß wir uns ein zusammenhängendes Bild machen können.«

Bultmann hat 1926 ein Buch »Jesus« geschrieben, das noch heute im Handel ist. In der Einleitung teilt er mit, er stütze sich nur auf jene Äußerungen Jesu »aus der ältesten Schicht der Überlieferung«, die »nach überwiegender Wahrscheinlichkeit« von ihm selbst stammen. Solche Jesus-Worte gebe es im Johannes-Evangelium nicht, deshalb verzichte er auf jedes Zitat aus diesem Evangelium.

Was blieb, reichte für ein Jesus-Buch, das noch immer lesenswerter ist als viele Jesus-Bücher anderer Theologen, die seither geschrieben wurden.

Nichts ist Bultmann wichtiger, als zu zeigen, wie aktuell die Botschaft Jesu für heutige Christen sei. Und mehrfach betont er, sie zwinge zur Entscheidung.

Entscheidung? Dieses Wort paßt nicht zu den heutigen Kirchen.

In sie wird man hineingeboren, und ein Christenleben lang wird keine einzige Entscheidung verlangt. Nur wer die Kirche verlassen will, muß handeln: sich beim Amtsgericht oder Standesamt abmelden. Sonst kann jeder tun und lassen, glauben oder bezweifeln, was er will.

Und Jesus gibt es gleich doppelt, man muß sich nicht für den einen oder anderen entscheiden. Doch die beiden haben nicht sehr viel mehr gemeinsam als den Namen.

Der eine ist der Jesus der Bibelwort-Gläubigen, der andere ist der Jesus der Bibelkritiker.

Jesus I ist in Bethlehem geboren, Jesus II in Nazareth.

Der eine ist der einzige Sohn der Jungfrau Maria, der andere ist einer von fünf Söhnen des Ehepaares Maria und Josef.

Der eine hat Wunder vollbracht, die keinem anderen möglich waren, der andere hat allenfalls Kranke geheilt und Dämonen ausgetrieben (was damals ziemlich das gleiche war).

Der eine war unfehlbar, der andere hat sich geirrt, zum Beispiel darin, daß er das Ende der Welt nahe glaubte.

Der eine ließ sich als Gottes Sohn, als Messias und sogar als »den Herrn« verehren, wie es im Alten Testament nur Gott allein vorbehalten war, und er hielt sich für den »Menschensohn« in dem Sinne, daß er der Richter und Retter in der Endzeit sein werde. Der andere nahm keinen dieser Titel für sich in Anspruch.

Der eine hat seine Jünger in alle Welt geschickt und damit einen Erfolg gehabt, der in der Geschichte kaum seinesgleichen kennt. Der andere wollte nur Israel bekehren und ist damit gescheitert.

Der eine wollte die Kirche, der andere das Reich Gottes (wie es ähnlich schon vor hundert Jahren der französische Bibelkritiker Alfred Loisy formulierte).

Der eine sah voraus, daß er sterben und nach drei Tagen auferstehen würde, und ging in den Tod, weil Gott ihn - seinen Sohn - opferte, der Sünden der Menschen wegen. Der andere wußte von all dem nichts, nahm seinen Tod in Kauf und starb für seine Überzeugung wie viele vor und nach ihm.

Der eine hat alles gesagt, was als sein Wort im Neuen Testament steht, der andere hat vieles anders oder gar nicht gesagt.

Gewiß, an dem Bibel-Jesus wird retuschiert. Es wird entfernt, was auch viele der Allerfrömmsten nicht mehr glauben können, sogar der katholische Bischof Walter Kasper (Rottenburg-Stuttgart) hat in seinem Jesus-Buch die Wunder bis auf einen Rest gestrichen. Aber solche Korrekturen ändern nichts daran, daß dieser Jesus mehr Gott ist als Mensch.

Gewiß, die Bibelkritiker sind auch Theologen, und deshalb mischen viele (allzu viele) ihren ernüchternden Erkenntnissen fromme Zutaten bei, die den Rest-Christen helfen sollen, ihre harte Kost zu verdauen. Aber das ändert nichts daran, daß ihr Jesus ein Mensch war und kein Übermensch und schon gar nicht ein halber Gott.

Manche, die hierzulande in den oberen Etagen der Kirchen sitzen, meinen, einen Ausweg gefunden zu haben, wie ihren Gläubigen eine Entscheidung für den einen oder den anderen Jesus erspart werden kann:

Es komme, zum Beispiel, gar nicht darauf an, ob ein Wort von Jesus stamme oder ob die Gemeinde es ihm zugesprochen habe, sie habe damit doch in seinem Geiste gehandelt.

Wer so alles für gleich gültig erklärt, der erklärt für gleichgültig, was Jesus einst wirklich gesagt und gewollt hat.

Er nimmt Abschied von Jesus.

Statthalter Pilatus wird vom Heiden beinahe zum Christen

Bleibt zuwenig, um noch an Christus zu glauben?

[Grafiktext]

Entstehungszeit und Autoren der Evangelien und der anderen Teile

des Neuen Testaments

[GrafiktextEnde]

** Gerd Lüdemann: »Ketzer. Die andere Seite des frühenChristentums«. Radius-Verlag, Stuttgart; 320 Seiten; 68 Mark.* Links: Gemälde aus dem Stundenbuch des Herzogs von Berry, um 1415;rechts: Gemälde von Rembrandt, 1661.* Links: Gemälde von Hans Memling, zweite Hälfte des 15.Jahrhunderts; rechts: Miniatur aus dem Evangelienbuch KaiserHeinrichs III., um 1050.* Siebdruck von Andy Warhol nach Leonardo da Vinci, 1986.

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