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Doppelte Abschußquote

aus DER SPIEGEL 32/1990

Erich Mielke, 82, ist »Held der DDR«, mehrfacher Träger des Karl-Marx- und des Scharnhorst-Ordens - die Auszeichnungen wurden in kultartigen Weihehandlungen jeweils für hervorragende Verdienste bei der »Gewährleistung des sicheren Schutzes der DDR« verliehen. Der Sohn einer »Berliner Arbeiterfamilie« war Mitgründer der einst allmächtigen Staatssicherheit in der Tradition der sowjetischen Kommission zur Abwehr von Konterrevolutionären ("Tscheka"), die 1917 unter Feliks Dzierzynski als erster kommunistischer Geheimdienst gegründet worden war. Mielke war von 1957 an Stasi-Minister (zuletzt im Rang eines Armeegenerals), Mitglied des SED-Politbüros, hat mit Walter Ulbricht und Erich Honecker den Aufstieg und Fall des zweiten deutschen Staates wesentlich geprägt.

Der Greis, der nach medizinischem Gutachten an »cerebraler Insuffizienz« leidet und vorletzte Woche zum zweiten Mal in Untersuchungshaft genommen worden ist, hat in seiner Amtszeit den »tschekistischen Klassenauftrag« mit einem solchen Übersoll erfüllt, daß sich seine Feindbilder schließlich mehr nach innen als nach außen richteten. Er mißtraute jedem, ließ selbst engste Mitarbeiter wie den langjährigen Spionagechef Markus Wolf bespitzeln.

Zeugnis der makabren Karriere liefern Bilddokumente aus einer Privatschatulle des Ministers - rund 100 dieser Fotos, offenbar beim Sturm auf die MfS-Zentrale in der Ost-Berliner Normannenstraße am 16. Januar von DDR-Demonstranten aufgefunden, gelangten jetzt an den SPIEGEL.

Die Bildmotive aus dem Innersten des Stasi-Ministeriums belegen vor allem die Kumpanei einer Kamarilla von Uniformträgern mit Staatsopportunisten. Erstmals liegt im Westen Bildmaterial über Generalspersonal vor, das bundesdeutschen Geheimdiensten bisher allenfalls dem Namen nach bekannt war - es zeigt die ständige Entourage des Ministers, darunter zum Beispiel Mielkes langjährigen persönlichen Referenten, Generalleutnant Carlsohn, oder den Generalobersten Bruno Beater (gestorben 1982), der als Vorgänger von Generalleutnant Gerhard Neiber zuständig war für die Stasi-Hauptabteilung XXII ("Terrorismusabwehr") und die Einbürgerung alter RAF-Täter in der DDR.

Einigen Raum in dem Stasi-Album, nostalgischen Sammlungen von Alt-Nazis nicht unähnlich, nimmt das Weidwerk ein: Mielke, wie Honecker leidenschaftlicher Jäger, ließ das Halali von Angehörigen des ihm unterstehenden Wachregiments »Feliks Dzierzynski« bewachen - die Stasi-Aufpasser mußten zur Tarnung Jägeruniform tragen. Die gigantische Strecke von Wild, die nach der Hatz der Öffentlichkeit vorgeführt wurde, ist gelegentlich angereichert worden: So berichteten Arbeiter aus dem VEB Fleischkombinat Erfurt einmal, daß sie tiefgefrorene Hasen vorsorglich auftauen mußten, die fürs repräsentative Foto zurechtgelegt werden sollten. Für dieses Verfahren gab es eine planwirtschaftskonforme Bezeichnung: »Doppelte Abschußquote«. o

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