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MINISTER Doppelte Nullösung

Die hessische Ministerin Irmgard Reichhardt, voriges Jahr noch Wunderwaffe des Regierungschefs Walter Wallmann, entpuppt sich als Fehlbesetzung. *
aus DER SPIEGEL 12/1988

Walter Wallmann hatte eine Frau gefunden, deren Tugenden er über alles lobte. Irmgard Reichhardt, 52, sei nicht nur eine »charmante Dame«, schwärmte der hessische CDU-Chef, sondern auch eine »erfahrene Frau«, die sich »den handfesten Problemen immer wieder zugewandt hat«.

Zwei Wochen vor der Landtagswahl im vorigen Jahr präsentierte Wallmann die Präsidentin des Deutschen Landfrauenverbandes als eine Kraft, die den Landwirten »aus der Krise« helfen werde: Die Bauern würden von ihr »nicht leere Sprüche« hören, sondern »Taten sehen«.

Wallmanns Vertrauen ging so weit, daß er der »Meisterin der ländlichen Hauswirtschaft« im Falle des Wahlsieges ein Ministeramt versprach. Dahinter steckte, trotz aller Überschwenglichkeit, nur nüchternes Kalkül: Die parteilose Irmgard Reichhardt sollte Stimmen von den 46 000 organisierten hessischen Landfrauen und deren Anhang einbringen.

Jetzt, nicht ganz ein Jahr nach der knapp gewonnenen Wahl, ist das Verhältnis des Ministerpräsidenten zu der Ministerin merklich abgekühlt. Die Chefin des Landwirtschaftsressorts ist offensichtlich überfordert und zur Belastung für das Wiesbadener Kabinett und die CDU geworden, in die sie inzwischen eingetreten ist.

Oppositionelle Abgeordnete höhnen im Landtag über die Schwächen der Ministerin für Landwirtschaft, Forsten und Naturschutz. Mit der »Rhetorik einer Kreissäge«, so der Grüne Chris Boppel, lese sie in Debatten stets vom Blatt ab und lasse keine Zwischenfragen zu, um sich nicht zu verhaspeln.

Der sozialdemokratische Agrarfachmann Peter Hartherz warf der Ressortchefin im Landtagsplenum vor, sie trage nur »das vor, was die Büchsenspanner aufgeschrieben haben«. Bei den Beratungen im Landwirtschaftsausschuß sei mit der Ministerin nicht sehr viel anzufangen. Hartherz: »Bei einfachen Fragen blättert die Ministerin nervös in ihren Unterlagen, schnappt sich irgendein Stück Papier und liest ohne Rücksicht auf den Text eine Antwort auf eine Frage vor, die überhaupt nicht gestellt worden ist.«

Wegen Irmgard Reichhardt erntet Ministerpräsident Wallmann Spott auch aus den eigenen Reihen. Er habe der Ministerin den politisch ebenso unerfahrenen Rudolf Maurer, vorher Abteilungsleiter im rheinland-pfälzischen Landwirtschaftsministerium, als Staatssekretär beigegeben, kritisierte der agrarpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Dietrich Möller. Das Gespann, so Möller in interner Runde, sei eine »doppelte Nulllösung«.

Aktionen des Ministerbüros, die das Ansehen der Chefin in der Öffentlichkeit aufbessern sollen, geraten nicht selten daneben.

So lud Frau Reichhardt am Tag der Welthungerhilfe zu einem festlichen Essen mit Weinprobe ins Kloster Eberbach und bat dabei um eine Spende von 50 Mark für die Hungernden in Eritrea. Viele Empfänger der Einladung fanden die Veranstaltung geschmacklos und kamen nicht.

Geradezu komische Ratschläge erhielten die Bauern, die wie in anderen Bundesländern wegen des Preisverfalls für ihre Produkte gegen die Agrarpolitik der Union meutern. Sie sollten doch, empfahl die Landwirtschaftsministerin auf einem CDU-Treffen in Friedberg, ihre Produktion beispielsweise auf Tapioka umstellen, aus Maniokknollen gewonnene Stärke. Interessierte Landwirte erfuhren aus dem Biologie-Lexikon, daß die Maniokpflanze bislang nur in den Tropen gedeiht.

Auch eine großangelegte Kampagne der Agrarministerin zur Einführung eines »Gütezeichens für Wildbret aus Hessen« mißglückte. Das neue Markenzeichen sollte dem Verbraucher die Gewißheit geben, der Verzehr des Fleisches sei »nicht mit einem gesundheitlichen Risiko verbunden«. Gleichzeitig aber warnte das Sozialministerium vor der hohen Strahlenbelastung gerade in Wildfleisch.

Die Ministerin, die turnusmäßig in dieser Woche der Agrarministerkonferenz vorsteht, brachte auch Bundesumweltminister Klaus Töpfer in Verlegenheit.

Die Wiesbadener Opposition wollte wissen, ob das Landwirtschaftsministerium endlich ein Gutachten für das Projekt eines Nationalparks in Nordhessen, ein rot-grünes Vermächtnis, bei der Bundesforschungsanstalt für Naturschutz und Landschaftsökologie eingeholt habe. Frau Reichhardt klärte das Parlament auf: Die Bundesbehörde habe auf Anfrage mitgeteilt, daß »sie sich wegen völliger Auslastung ihrer Untersuchungskapazität« dazu nicht in der Lage sehe.

Töpfer wies den Vorwurf verärgert zurück. Zu keinem Zeitpunkt, ließ er die Ministerin wissen, habe seine Behörde den Auftrag abgelehnt. Und Irmgard Reichhardt selbst, schrieb Töpfer, sei »in dieser Angelegenheit bisher nicht an mich herangetreten«.

Inzwischen hat die Ministerin den Plan ganz aufgegeben. Umweltschützer wie die grüne Abgeordnete Irene Soltwedel werfen der Kabinettsdame den »großen Kahlschlag in der Naturschutzpolitik« vor. So wurde unter Irmgard Reichhardts Verantwortung der Biotopenschutz vernachlässigt, das Programm für Motorrallyes in freier Wildbahn aber erweitert.

Die Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz beklagte sich, daß die Ministerin ohne Rücksprache eine »Bestandsregelung von Rabenvögeln« verordnet habe: Danach dürfen Jagdschutzberechtigte und ihre Gäste zur »Abwendung erheblicher landwirtschaftlicher Schäden« Rabenkrähen, Eichelhäher und Elstern außerhalb der Brutzeit erlegen.

Die Initiative brachte der Ministerin, die wie ihr Staatssekretär Maurer selbst gern auf die Pirsch geht, wenigstens in Jägerkreisen ungeteilten Beifall ein. Dort fühle sie sich auch wohl, spottet ein sozialdemokratischer Mitarbeiter ihres Hauses, weil sie »unbeschadet Böcke schießen kann«.

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