Zur Ausgabe
Artikel 63 / 117
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Rußland Doppeltes Lottchen

General Lebed wollte Präsident werden. Nun hat er sich mit seiner Partei überworfen - Ende der Karriere?
aus DER SPIEGEL 6/1996

Die Nachricht an den »verehrten Herrn General« kam per Boten: Alexander Lebed, 45, Präsidentschaftskandidat und Duma-Abgeordneter, hatte zu Dienstbeginn am vorigen Montag sein Büro im Hochhaus Nr. 15 an Moskaus Neuem Arbat zu verlassen und den weißen Wolga-Dienstwagen zurückzugeben.

Der General a. D. hatte keinen Zugriff zum Bürosafe mehr, der Code war geändert. Seinen engsten Mitarbeitern wurden die Wohnungen gekündigt.

Den Räumungsbefehl überbrachte Lebed-Berater Wladimir Rykow, früher KGB-Offizier. Es war seine letzte Amtshandlung: Auch auf seine Dienste, meldete er, dürfe Lebed nicht länger rechnen.

Angeordnet hatte dies zwei Zimmer weiter auf der 13. Büroetage Jurij Skokow, Oberhaupt jenes »Kongresses Russischer Gemeinschaften« (KRO), für den Lebed sechs Wochen zuvor als Spitzenmann in die Duma-Wahl gezogen war. Die Partei versteht sich als Sachwalter der 25 Millionen Russen, die in ehemaligen Sowjetrepubliken leben und dort mit der Auflösung der UdSSR 1991 zu Ausländern geworden sind.

Skokows »Scheidung auf italienisch« (Lebed) beendete einen kurzen, opportunistischen Männerbund. Zehn Wochen lang hatte das Wahlkämpfer-Duo Skokow/Lebed wie das doppelte Lottchen von den Wahlplakaten gelächelt und dem Volk die Wiedergeburt der russischen Idee versprochen: der bärbeißige Soldat Lebed, den Präsident Boris Jelzin ein halbes Jahr zuvor wegen seines Eigensinns aus der Armee entlassen hatte, und der frühere Rüstungsdirektor, der unter Jelzin 1992 zum Sekretär des Sicherheitsrates auf- und 1993 wieder abgestiegen war.

Der blasse Apparatschik Skokow, von politischen Ambitionen getrieben, jedoch gänzlich unpopulär, wollte den General als Zugpferd nutzen: Lebed hatte sich als Kommandeur der in Moldawien stationierten 14. russischen Armee mit Entschlossenheit und taktischem Geschick landesweit beliebt gemacht, weil er den Bürgerkrieg am Dnjestr ohne Blutbad befriedete.

Skokow richtete dem wackeren, doch politisch naiven Haudegen ein Dienstzimmer in Sichtweite des Kreml ein, besorgte ihm ein Auto, zwei Fahrer und eine vierköpfige Leibwache und kaufte Wohnungen für Lebeds Mitarbeiter. Er trat dem neuen Mitregenten sogar die eigene Sekretärin ab. Die Kosten trugen Skokows alte Kameraden aus Schwerindustrie und Bankwesen.

Umfragen katapultierten die KRO-Partei in eine Favoritenposition. Meinungsforscher sagten dem Bündnis dank Lebed bis zu 20 Prozent der Stimmen voraus. Sie irrten.

Die Duma-Wahl am 17. Dezember endete für KRO mit einem Fiasko, Listenführer Skokow scheiterte an der Fünfprozenthürde. Mit vier weiteren KRO-Abgeordneten zog Lebed dennoch ins neue Parlament: Im Wahlkreis Tula, wo er drei Jahre jene berühmte Luftlandedivision befehligt hatte, die beim Putsch 1991 Jelzin an der Macht hielt, hatte der bullige Lebed zwei Drittel aller Stimmen auf sich gezogen.

Bei der Manöverkritik auf einer KRO-Tagung Mitte Januar zeigte Skokow Reue und verzichtete auf eigene Ambitionen für die im Juni anstehende Präsidentenwahl. Er empfahl, Lebed als Kandidaten der KRO aufzustellen - einen »sehr anständigen Mann«.

Im engsten Kreis freilich befand der Rüstungslobbyist, seinem erfolgreicheren Partner mangele es an »Reife« fürs Präsidentenamt - und drehte ihm sachte den Geldhahn zu. KRO-Aktivisten in der Provinz warten bis heute auf Mittel für Unterschriftensammlungen, dem General bröckelt so die Basis weg: Unentgeltlich mag kaum jemand die nötige Million Unterstützerstimmen für Lebeds Kandidatur zusammentragen.

Lebeds Umgebung vermutet ein abgekartetes Spiel: Jelzin, zur Wiederwahl entschlossen, habe bei einem Geheimtreffen Skokow überredet, den gefährlichen Rivalen Lebed kaltzustellen. Denn in Umfragen rangiert Lebed wie die Mitbewerber Sjuganow (Kommunisten), Jawlinski (Reformbündnis Jabloko) und Schirinowski (rechtsradikale Liberaldemokraten) deutlich vor dem amtierenden Präsidenten.

Moskauer Insider hatten stets den arglosen Lebed vor dem durchtriebenen Skokow gewarnt: Der liebäugele mit dem Posten des Premiers und sei dafür bereit, auch Lebed zu opfern.

Seit dem Bruch sucht der General hektisch nach neuen Verbündeten. Ein halbstündiges Gespräch mit dem Wirtschaftsreformer Grigorij Jawlinski scheiterte - obwohl sich Jawlinski anfangs um eine Partnerschaft mit Lebed bemüht hatte. Denn ein Tandem Lebed/Jawlinski hätte außer Rußlands Patrioten auch liberale Intellektuelle und Unternehmer an sich binden können.

Politischen Ränken nicht gewachsen, entschied Lebed vorige Woche im Alleingang, ohne Rücksprache mit seinem Stab, sich der Duma-Fraktion »Volksmacht« anzuschließen. Die führt der frühere UdSSR-Ministerpräsident Nikolai Ryschkow, die Gruppe will bei der Präsidentenwahl den kommunistischen Kandidaten unterstützen.

Da bleibt Lebed allenfalls die Chance, Verteidigungsminister zu werden.

Zur Ausgabe
Artikel 63 / 117
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.