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»Dort kam keiner lebend heraus«

aus DER SPIEGEL 42/1992

Im schwachen Schein einer Kerze versammeln sich Moslems aus Banja Luka. Zehn Quadratmeter Fluchtraum verteidigt die islamische Hilfsorganisation Merhamed in der von Serben regierten Stadt.

Jeden Tag treffen neue Berichte ein von Greueltaten und Mord, von Verzweiflung und Vertreibung im nordbosnischen Krieg. An diesem Abend ist Asad gekommen, Zeuge des Massakers in der Schlucht von Korcanski Stijene. Er ist einer von acht Überlebenden. Bevor er zu sprechen beginnt, verriegeln die Moslems die Tür.

»Wir standen mit dem Rücken zum Abgrund«, sagt der junge Mann, »hinter uns die 300 Meter tiefe Schlucht. Als der Armeeoffizier den serbischen Milizen Schießbefehl gab, sprang ich ins Leere. Ich überschlug mich. Über mir dröhnten die Salven der Maschinenpistolen, verletzte Kameraden schrien. Während ich mich tot stellte, versuchte einer schwerverletzt zu fliehen. Sie streckten ihn nieder.« Asad wartete, bis die Nacht einbrach. Am nächsten Morgen sah er, »wie mehrere Lastwagen Felsbrocken in die Todesschlucht kippten«.

Asad schätzt, daß an die 250 Moslems, die aus dem Lager Trnopolje mit Bussen herangekarrt worden waren, an jenem 21. August in Korcanski Stijene hingerichtet worden sind. Das Rote Kreuz will ihn und die anderen Überlebenden, die sich seither bei Freunden verstecken, ins Ausland bringen - als Kronzeugen für serbische Kriegsverbrechen. So lange bangen sie weiter um ihr Leben.

Als zwei Streifenwagen mit aufgeblendeten Scheinwerfern vorbeirollen, bläst einer der Männer hastig die Kerze aus. Erst in der vergangenen Nacht ist Hodscha Zahid Makic, der Geistliche, auf dem Nachhauseweg von der Moschee erschossen worden.

Der bosnische Krieg ist in seinem siebten Monat und der Winter nicht mehr weit. Die ethnische »Säuberung« ganzer Landstriche durch Vertreibung, Lagerhaft und Mord hält an. Während die Politiker an der zukünftigen Gestalt Bosniens basteln, schaffen die Schergen vollendete Tatsachen.

Asad ist den Leidensweg der meisten Moslems im Norden Bosniens gegangen, wo die Serben nun auch noch mit der Einnahme von Bosanski Brod rücksichtslos einen Korridor freikämpfen, der vom Mutterland in die eroberte kroatische Krajina führt. Asad hat 75 Tage im Schreckenslager Omarska mit seinen Folterräumen für Intellektuelle verbracht.

»Dort«, sagt Asad, »kam keiner mehr lebend heraus.« Die Aufseher hätten über die Art der Folter bestimmt: »bis auf die Eier« hieß zu Tode quälen. »Tischkante« bedeutete schnellen Tod durch Erschießen. »Wir steckten die Finger in die Ohren, wenn die Gefolterten schrien«, sagt der junge Mann.

Seine Erzählungen bestätigen die Gerüchte von der mittelalterlichen Grausamkeit, mit der die moslemischen Gefangenen in den Lagern behandelt werden. Einige seien mit den Genitalien an einen Kran gebunden und hochgezogen, andere von scharfen Hunden entmannt worden. Viele hätten schmutziges Motoröl trinken müssen.

In einem Dorf nahe Prijedor, sagt einer in die Stille hinein, haben serbische Bauern inzwischen mit offenem Protest gedroht - der Gestank der Leichen, die dort lastwagenweise in einen alten Bergwerkstollen gekippt wurden, sei nicht mehr auszuhalten.

Philippos Papaphilippou vom Flüchtlingskommissariat der Uno in Banja Luka räumt ein, ohnmächtig der Vertreibung von 3000 Moslems aus Bosanski Petrovac zugesehen zu haben - es war die Rache für 16 getötete serbische Soldaten. Auf dem Weg nach Travnik wurde der Treck von serbischen Scharfschützen beschossen. Die Uno wollte keinen Begleitschutz garantieren. Dies sei durch ihr Mandat nicht gedeckt.

»Sie werden nicht gezwungen zu gehen, aber sie können auch nicht mehr bleiben«, beschreibt der Grieche kryptisch die panische Flucht von Menschen, in deren Stadt Häuser angezündet wurden und Leichen in den Straßen lagen.

In Prijedor sind von ehemals 50 000 Moslems knapp 60 Prozent geflohen, in Sanski Most sank ihre Zahl von 30 000 auf 9000, in Bosanski Novi harren noch ganze 1600 aus. Banja Luka, das einstige kulturelle Zentrum Nordbosniens, haben 25 000 Moslems und Kroaten verlassen. Ihre Häuser müssen die Flüchtlinge zu Spottpreisen verkaufen und ihr Eigentum dem serbischen Staat vermachen. In Autobussen fuhren sie in die nächstgelegene, noch moslemisch gehaltene Stadt. Wenn auch die fällt, geht die Irrfahrt weiter.

»Die Aussiedlung von Moslems und Kroaten muß forciert werden«, sagt Momcilo Bulajic, der Leiter des Aufnahmelagers für serbische Flüchtlinge in Banja Luka. Schließlich warteten in der Stadt 17 000 Serben auf Ersatz für ihre Häuser, aus denen sie von der Gegenseite vertrieben worden seien.

In der Tat scheint der Wahnsinn alle Kriegsparteien gleichermaßen befallen zu haben. Regelmäßig treffen in Banja Luka serbische Konvois aus den moslemisch kontrollierten Städten Bihac, Tuzla und Travnik ein. Was die Menschen von den Umständen ihrer Vertreibung erzählen, gleicht den moslemischen Berichten über serbische Greuel. Bihac soll inzwischen »serbenfrei« sein, in anderen Städten seien nur noch wenige hundert geblieben.

Die unheilige Allianz zwischen Deutschland, seinen traditionellen Verbündeten und dem Vatikan, der »germanisch-katholische Block«, sei an allem schuld, sagt ein alter serbischer Bauer. Seit zwei Monaten lebt er mit 15 anderen Flüchtlingen in einem kahlen Nebenraum des Volkstheaters von Banja Luka. Sie schlafen auf Matratzen am Boden, ihr verbliebener Besitz ist in Plastiktüten verstaut.

In einer Ecke kauern zwei Moslems und beteuern, wie sehr sie die »islamische Aggression« gegen das serbische Volk bedauern. Niemand weiß, wie sie hier hereingerieten, ob sie von den Kriegswirren angespült oder zu Propagandazwecken eingeschleust worden sind. Sie wurden inzwischen umgetauft - auf Dusan und Zoran, damit alles seine orthodoxe Ordnung hat.

Die Moslems von Banja Luka haben das Vertrauen zu ihrem kroatischen Bündnispartner verloren. Wenige Tage nach dem Geheimtreffen von Serbenführer Radovan Karadzic und dem Kroaten Mate Boban im Mai sei den Serben im Norden Bosniens ein spektakulärer Durchbruch gelungen, obwohl bis dahin die kroatische Armee deutlich überlegen war.

Die Lebensader des geplanten Großserbiens ist an manchen Stellen kaum einen Kilometer breit. Über den Korridor rasen Tankzüge aus der Raffinerie von Pancevo, Panzerkolonnen und Omnibusse mit frischen Truppen ins Kriegsgebiet. Die Bauern auf den umliegenden Feldern tragen Uniform und das Gewehr über der Schulter.

»Mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln« werde die Artillerie auch weiter eingreifen, wo immer ein Serbe bedroht sei, sagt Oberstleutnant Bozo Novak. Er ist Vize-Kommandierender der ehemals jugoslawischen Luftwaffe, die nun im Dienst der Serben die moslemischen Städte und Dörfer in Asche legt. Das von der Uno am Freitag verhängte Flugverbot für Kampfflugzeuge im bosnischen Luftraum schreckt Novak nicht: »Die könnten uns auch das Atmen verbieten«, sagt er zornig, »und wir würden es trotzdem tun.«

Die Soldaten, die in der finsteren Lounge des Hotels Bosna Wache schieben und auf Einhaltung der Sperrstunde dringen, fürchten, daß ihr oberster Kommandierender, Serbenführer Karadzic, schon zu lange taktiert. Sie sprechen davon, daß Moslems und Kroaten aufrüsten und die Gegenoffensive planen. Putschgerüchte gegen Karadzic machen die Runde.

»Der Krieg wird so lange dauern, bis eine Seite kapituliert«, sagt einer der Männer finster. Es ist Mile Knezevic, der serbische Dichter aus Banja Luka. Auch er hat sich für die Uniform entschieden, um zu verhindern, daß sein Alptraum und der aller Serben wahr wird: »Die Deutschen«, sagt Knezevic, »wollen uns ausrotten. Wir sind die Juden vom Balkan.«

Und dann fügt er noch pathetisch hinzu: »Niemand ist auf unserer Seite - außer Gott. Doch der ist immer mit den Gerechten.«

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_203_ Bosnien-Herzegowina: Von Serben besetzte Gebiete

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