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DR. BRUNO KREISKY

aus DER SPIEGEL 8/1961

DR. BRUNO KREISKY

gehört als österreichischer Außenminister und Vorstandsmitglied der Sozialistischen Partei Osterreichs zu den führenden Sozialisten Europas. Als »Ideenspritze des Wiener Ballhausplatzes - dies sein Spitzname - ist der Mann mit dem Charme des Wiener Großbürgers und dem leicht aristokratisch gefärbten Schönbrunner Deutsch wiederholt über die engen Grenzen österreichischer Außenpolitik hinausgedrungen, so als er sich im letzten Jahr bemühte, eine Zusammenkunft zwischen seinem ehemaligen Gefährten im Skandinavien-Exil, Willy Brandt, und Chruschtschow zu vermitteln.

Als Abkömmling einer deutsch-liberalen Politiker-Familie 1911 in Wien geboren, trat der Sohn eines Industriemanagers mit 16 Jahren der Sozialistischen Arbeiterjugend bei und studierte später an der Juristischen Fakultät der Wiener Universität. Bald geriet er, Nachkomme des Leibarztes Wallensteins, mit dem Austrofaschismus in Konflikt und wurde wegen illegaler Tätigkeit für die damals verbotene Sozialistische Partei zweimal in den Kerker geworfen. Er schaffte"im Sommer 1938 noch eben sein Doktor examen, bevor ihn die Gestapo suchte - und seine Wohnung leer fand.

Nach der Rückkehr aus dem schwedischen Exil widmete er sich neben seiner Parteiarbeit der Außenpolitik und' gelangte 1953 nach zweijähriger Dienstzeit im Amt des österreichischen Bundespräsidenten als ' AAStaatssekretär ins Wiener Bundeskanzleramt. Im Sommer 1959 wurde er der erste echte Außenminister Osterreichs seit 41 Jahren - bis dahin war das Außenministerium eine Sektion des Bundeskanzleramts, dessen Chef der eigentliche Außenminister war.

DAS SÜDTIROL-PROBLEM avancierte just in jenem Sommer 1959, da Bruno Kreisky das Außenministerium übernahm, zum Zentralthema der österreichischen Außenpolitik. Das Obst- und Weinparadies an der oberen Etsch, fünfmal so groß wie das Saarland, war noch dem Ende des Ersten Weltkriegs vom österreichischen (Nord-)Tirol abgetrennt und dem italienischen Staat einverleibt worden, obwohl sich die Südtiroler - eine große Mehrheit der Bevölkerung - diesem Annexionsakt widersetzten. Die faschistischen Herren Südtirols setzten ein erbarmungsloses Italianisierungsprogramm durch

- später diskret unterstützt von ihrem Achsenpartner Hitler, der freiwillig auf Südtirol verzichtete und schließlich sogar die Südtiroler zwang, sich für die Heimkehr ins Reich oder für Italien zu entscheiden.

Die deutschsprachigen Südtiroler sahen sich von den italienischen Einwanderermassen immer stärker zurückgedrängt: Hatte noch die letzte Volkszählung in der k. u. k. Monarchie (1910) 224000 Deutschsprachige und 6 000 Italiener in Südtirol registriert, so stehen heute 216 000 Deutschsprachige und 120000 Italiener einander gegenüber. Gleichwohl forderte die Regierung Osterreichs nach Kriegsende auf einer Alliierten-Konferenz in Paris die Rückgabe Südtirols.

DIE ALLIIERTEN lehnten zwar offiziell ab, drängten aber den österreichischen Außenminister Gruber und seinen italienischen Kollegen De Gasperi am 5. September 1946 zum Abschluß eines Vertrages, in dem Rom den Südtirolern eine Selbstverwaltung zugestand. Dieses Abkommen war jedoch bald, wie der italienische Journalist Montanelli witzelte, »noch umstrittener als der Talmud": Während Österreich behauptete, Italien habe den Südtirolern eine Sonderautonomie versprochen, vereinigte Rom das deutschsprachige Südtirol mit dem norditalienischen Trient zu einer autonomen, aber italienisch beherrschten Region Trentino-Bozen. Je mehr die italienische Verwaltung die Rechte Südtirols beschnitt, desto leidenschaftlicher nahm sich Wien der Südtiroler Interessen an. Nachdem Italien alle diplomatischen Bemühungen Wiens um Klärung des Gruber-De-Gasperi-Abkommens zurückgewiesen hatte, alarmierte Außenminister Kreisky die internationale Öffentlichkeit. Im Herbst 1960 brachte er das Thema Südtirol vor die Uno-Vollversammlung, die freilich wenig Interesse zeigte und beiden Ländern den Weg zweiseitiger Verhandlungen nahelegte.

Bei den ersten Verhandlungen in Mailand Ende Januar wiesen die Italiener abermals die österreichische Forderung zurück, den Südtirolern Autonomie zuzugestehen. Dennoch hofft Bruno Kreisky, daß noch eine Lösung gefunden wird, bevor sich Südtirol in ein »mitteleuropäisches Algerien« verwandelt. Unterhändler Kreisky: »Das einzige, was ich im-Gefängnis gelernt habe, ist mit Leuten auszukommen, die ich nicht mag.«

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