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Israel »Dr. Papaya kann bleiben«

Von Henryk M. Broder
aus DER SPIEGEL 6/1996

Rose Bilbul hält sich mit beiden Händen am Lenkrad ihres Autos fest, schaut in den Rückspiegel und ruft: »Was will dieser Idiot hinter mir? Mich umbringen?« Ein Lastwagen versucht schon eine Weile, sie zu überholen, was auf der zweispurigen und kurvenreichen Straße nicht einfach ist.

Obwohl 90 Stundenkilometer erlaubt sind, fährt Rose Bilbul nur 60. Zwar kennt sie die Strecke auswendig, und ihr 25 Jahre alter Volvo rollt wie von allein durch die hügelige Landschaft. Aber sie liebt es, die 30-Minuten-Fahrt von ihrer Wohnung in ihr Labor in die Länge zu ziehen: »Seit 1971 fahre ich fast jeden Tag von Jerusalem nach Jericho, und jedes Mal fällt mir etwas auf, das ich noch nie gesehen habe.«

Rose Bilbul pendelt zwischen zwei Welten, die einzige Jüdin, die sich ihre Arbeit mitten in Jericho gesucht hat, eine Frau allein unter lauter Arabern, schutzlos der Gewalt von Terroristen ausgeliefert.

Sogar während der Intifada kam sie regelmäßig nach Jericho, wenn die israelische Armee die Stadt nicht gerade zum Sperrgebiet erklärt hatte. Nie ist ihr etwas zugestoßen. Doch nun, fürchtet sie, könnte sie zu einem Opfer des israelisch-palästinensischen Friedens werden. Und das, obwohl sie das Autonomie-Abkommen, den Rückzug der Israelis aus den besetzten Gebieten, begrüßt: »Es ist schon genug Blut auf beiden Seiten vergossen worden.«

Fünfmal in der Woche fährt Rose Bilbul nach Jericho, freitags bleibt sie zu Hause, und sonntags geht sie in die Universität, um sich Vorlesungen anzuhören. Mit 83 Jahren gehört die promovierte Biochemikerin zu den älteren Semestern der Hebräischen Universität auf dem Skopusberg in Jerusalem. Das stört sie nicht, im Gegenteil: »Die jungen Leute dort sind wunderbar«, womit sie die Studenten und die Professoren meint.

Rose Bilbul wurde im Jahre 1912 als Rose Perl in der Kleinstadt Sighet in Nord-Transsylvanien geboren, das zu jener Zeit noch zu Ungarn gehörte. Ihre Mutter stammte aus Wien, ihr Vater, ein Straßenbauingenieur, war ein Ungar, zu Hause wurde deutsch und ungarisch gesprochen und manchmal auch jiddisch. Nach dem Ersten Weltkrieg kam die Gegend zu Rumänien, Rose lernte Rumänisch auf der Straße, Französisch in der Schule, später in Palästina auch noch Englisch, Hebräisch und Arabisch. »Ich spreche acht Sprachen, und in jeder Sprache kommt mein wunderbarer ungarischer Akzent durch.«

Der ist in der Tat nicht zu überhören; sogar wenn sie arabisch spricht, hört es sich ziemlich ungarisch an.

1938, sie hatte gerade ihren Magister in Pharmazie an der Uni von Bukarest gemacht, kam Rose Perl nach Jerusalem. Sie wollte drei Monate bleiben, »nur um ein paar Kurse an der Universität zu hören, ich war damals keine Zionistin«. Sie fühlte sich wohl in Palästina. »Niemand sagte ,dreckige Jüdin' zu mir, was ich in Bukarest fast täglich zu hören bekam.« Rose blieb, schrieb sich für ein reguläres Studium ein, promovierte 1943 und arbeitete als Chemikerin für die Briten.

Ihre Familie blieb in Sighet. Vater, Mutter und vier Brüder wurden in Auschwitz ermordet, drei Schwestern überlebten, zwei in Auschwitz, eine im Versteck in Budapest. All das erfuhr Rose erst, als der Krieg vorbei war.

Anfang 1947 lernte Rose Perl in Jerusalem Simon Bilbul kennen, einen irakischen Juden mit Oxford-Examen, der in Beirut lebte und für eine amerikanische Firma arbeitete. Er lud sie zum Skifahren in den Libanon ein. Am 18. Februar 1947 traf Rose Perl in Beirut ein, am 23. wurde sie Frau Bilbul.

Es lebte sich gut im Libanon, wenn man von den ortsbedingten Schwierigkeiten absah. Die Kinder der Bilbuls konnten keine libanesischen Staatsbürger werden, weil der Vater einen irakischen Paß hatte. Und die irakische Botschaft weigerte sich, die Kinder als Iraker zu registrieren, weil deren Mutter eine »Palästinenserin« sei, eine Jüdin dazu. 1956, als die libanesische Regierung während der Suezkrise ausländische Juden in Lagern internierte, suchten die Bilbuls Zuflucht in den USA.

»God bless America, wir wurden außerhalb der Quote aufgenommen, weil ich eine Wissenschaftlerin war.«

Anfang der sechziger Jahre kehrten die Bilbuls mit amerikanischen Pässen nach Beirut zurück, und Ende 1970 zogen sie von Beirut nach Israel. »Das war damals ganz einfach. Man flog über Zypern und mußte nicht einmal das Flugzeug wechseln. Die Stewardeß sagte: Passagiere nach Tel Aviv können in der Maschine bleiben.« Der Möbelcontainer wurde über Athen geschickt. Kaum in Jerusalem, fährt Rose Bilbul nach Jericho. Schon in den vierziger Jahren war sie von dem Ort und der Vegetation in der Jordan-Senke fasziniert. Vor allem eine Frucht hatte es ihr angetan: die Papaya. »Das Enzym der Jericho-Papaya ist zehnmal stärker als bei jeder anderen Papaya-Sorte.«

Rose Bilbul mietet ein Haus, pachtet neun Dunum Land, pflanzt 1800 Papaya-Bäume und richtet ein Labor ein. Aus der Milch der unreifen Frucht stellt sie Naturkosmetik her, eine Handcreme, eine Gesichtscreme und ein Shampoo. Die Produkte werden über Apotheken und Reformhäuser vertrieben.

Rose Bilbul macht sich als »Dr. Papaya« einen Namen. Die israelischen Zeitungen schreiben über sie: Ist sie eine jüdische Mutter Courage oder eine Verrückte?

»In 25 Jahren bin ich nicht einmal angegriffen worden, ich kenne alle Leute hier und alle kennen mich«, berichtet die alte Dame. Fragt man in der Stadt nach »Dr. Papaya«, wird einem sofort der Weg zu ihrem Haus in der »Straße der Blumen« gezeigt. Sie bezahlt ihre Arbeiter ordentlich, hilft deren Frauen, wenn sie ein Problem haben, über das sie mit ihren Männern nicht sprechen können, und bringt den Kindern korbweise Brötchen mit, die sie aus dem King David Hotel in Jerusalem abschleppt. Und wenn sie mit den Einheimischen spricht, dann hört sich ihr Arabisch stark ungarisch an. Aber das stört weder sie noch jene.

Doch seit einiger Zeit scheint die Idylle bedroht. Jericho ist inzwischen von der palästinensischen Autonomiebehörde übernommen worden; auch das Amt, das für die Verwaltung von Immobilien zuständig ist, deren Besitzer im Ausland leben, wird von palästinensischen Beamten geführt. Im September 1994 bekommt Rose Bilbul einen Brief, in dem ihr mitgeteilt wird, der Pachtvertrag für das Haus und die neun Dunum Land werde nicht verlängert. Mit dem Brief geht sie zu Dr. SaIb Irakat, in Arafats Kabinett Minister für lokale Verwaltung. Er schreibt auf den Brief: »Vertrag verlängern!« Das Ministerwort wirkt.

Ein Jahr später, im August 1995, will Rose Bilbul den Vertrag wieder erneuern. Diesmal wird ihr mitgeteilt, sie müsse einen neuen Antrag auf Verpachtung stellen. Sie unterschreibt ein Papier und wartet. Mehrere Nachfragen bleiben ohne Ergebnis. Im Oktober 1995 wird ihr das Wasser abgestellt. Sie geht zur Stadtverwaltung und fragt: »Warum bekomme ich kein Wasser mehr?« Niemand möchte ihr die Frage beantworten. Sie wendet sich wieder an Irakat. Er sagt, der Besitzer des Grundstücks, ein Arzt in Amman, wolle das Stück Land wiederhaben, um darauf eine Klinik zu errichten. Doch er, Irakat, werde schon dafür sorgen, daß »Dr. Papaya« eine andere Parzelle bekomme.

Rose Bilbul spricht mit Tarik el-Saki, der in der palästinensischen Autonomiebehörde für die Bearbeitung von Ansprüchen der Alteigentümer zuständig sein soll. Sie besucht Ilan Baruch im israelischen Außenministerium, stellvertretender Leiter der Abteilung »Friedensprozeß und Naher Osten« und Leiter des Referats »Palästinensische Autonomie«. Sie möchte die neun Dunum, die sie seit 25 Jahren bebaut, wenigstens so lange weiter nutzen, wie der Alteigentümer aus Amman nichts damit anfängt. »Ich wurde von Pontius zu Pilatus geschickt. Keiner wollte mir helfen.«

»Es ist ein delikates Problem«, sagt Ilan Baruch. »Wir haben uns die Sache überlegt und sind zu dem Schluß gekommen, daß wir Rose Bilbul schaden könnten, wenn wir den Fall allzu hoch hängen.« Wahrscheinlich seien die Ansprüche der Alteigentümer »begründet«, man habe deswegen den US-Konsul in Jerusalem gebeten, mit den Palästinensern zu reden, schließlich sei Rose Bilbul eine amerikanische Staatsangehörige. »Wir wollen nicht übereilt handeln. Wir versuchen, eine Lösung zu finden. Wir halten viel von Rose Bilbul. Wir lieben sie alle. Wir möchten, daß sie in Jericho bleiben kann«, so Baruch.

Das sagt auch Irakat. »Wir alle lieben Dr. Papaya. Sie ist eine von uns. Wir tun, was wir können, um ihr zu helfen.« Der Mann, dem das Land gehört, habe sich an das Gericht in Jericho gewandt, und das habe seinen Anspruch anerkannt. »Wenn er nicht möchte, daß sein Land bebaut wird, können wir nichts machen.« Doch will Irakat dafür sorgen, daß »Dr. Papaya« ein anderes Stück Land bekommt, auf dem sie ihre Bäume pflanzen kann, gleich nach den Wahlen werde er sich persönlich darum kümmern.

»Bukra mischmisch!« ruft Rose Bilbul auf arabisch, als sie von Irakats Versprechen hört, »bukra mischmisch!« Das heißt wörtlich »Morgen gibt es Aprikosen« und bedeutet soviel wie: »Ich glaube kein Wort.«

Anfang September 1995 schreibt Rose Bilbul an Jassir Arafat. Sie beglückwünscht den »Dear Chairman« zur Geburt seiner Tochter ("Es gibt keine größere Freude, als einem Kind beim Aufwachen zuzusehen"), schickt ihm als Geschenk ein Bild von Jericho aus dem Jahre 1944 und bittet um einen Termin für eine Audienz, »damit ich Ihnen meine Lage erklären kann«; ohne die Hilfe des PLO-Vorsitzenden werde es ihr kaum möglich sein, in Jericho zu bleiben. Was nicht nur für sie wichtig wäre, sondern »auch ein Beleg dafür, daß Israelis und Palästinenser friedlich zusammenleben können«. Arafats Antwort steht noch aus. Y

Ein Brief mit einem Geschenk für Arafat

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