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TERRORISMUS »Dramatische Wende«

In einem der aufwendigsten Verfahren der jüngeren Rechtsgeschichte bahnt sich ein Eklat an. Im Prozess gegen die mutmaßlichen Lockerbie-Attentäter mehren sich die Zweifel an der Schuld der Angeklagten. Neue Spuren führen nach Syrien, Deutschland und Norwegen.
aus DER SPIEGEL 45/2000

Lord Advocate Colin Boyd rang sichtbar um Fassung. Am 9. Oktober bat Schottlands Chefankläger die vier Richter, die einen der grausamsten Terrorakte der letzten Jahrzehnte sühnen sollen, »mit Bedauern« und belegter Stimme um eine vorläufige Aussetzung des Verfahrens. Er habe »am 4. Oktober komplexe und hoch sensible« Informationen erhalten, über die er »zurzeit keine weiteren Angaben machen« könne. Die Unterlagen seien »aus einem fremden Land« übersandt worden und für die »Beweisführung im vorliegenden Fall relevant«.

Bei dem »Fall«, der seit dem 3. Mai nach schottischem Recht im niederländischen Kamp Zeist verhandelt wird, handelt es sich um den Bombenanschlag auf eine Boeing 747 der US-Fluggesellschaft Pan American (PanAm). Die Maschine war am 21. Dezember 1988 über der schottischen Ortschaft Lockerbie explodiert. Alle 259 Insassen des Jumbo-Jets »Maid of the Seas« und 11 Dorfbewohner kamen damals ums Leben.

Bislang sehen es die Vertreter der Anklage als gesichert an, dass die libyschen Geheimagenten Amin Chalifa Fuheima und Abd al-Bassit Ali al-Mikrahi die Tat ausgeführt haben. Das Motiv: Rache für einen US-Luftangriff auf Tripolis.

Dennoch, so Boyd, sei es, im Interesse eines »fairen Verfahrens für die Angeklagten« unabdingbar, »schwierige Fragen« zu klären, die sich aus den neuen Papieren ergäben. Erst dann könne weiter verhandelt werden. Das Gericht entsprach seinem Antrag.

Am vergangenen Dienstag wurde der Prozess erneut vertagt - diesmal auf Bitten der Verteidigung. Auch die Anwälte, William Taylor und Richard Keen, die am 23. Oktober von der Staatsanwaltschaft Kopien der Dokumente erhalten hatten, beschränkten sich in ihrer Begründung auf rätselhafte Andeutungen.

Taylor erklärte, Mitarbeiter seiner Kanzlei hätten mehrere Personen in einem europäischen Land befragt, das »zurzeit nicht genannt werden könne«. Die Polizei dieses Staates, der in den Lockerbie-Ermittlungen bislang keine Rolle gespielt habe, sei »kooperativ«, bestehe jedoch für weitere Ermittlungen auf einer formalen Anfrage des Gerichts.

Darüber hinaus müssten Interviews mit weiteren Zeugen im Mittleren Osten, in den USA und Deutschland geführt werden, ehe die Verhandlung fortgesetzt werden können.

Die Geheimniskrämerei auf beiden Seiten ist mehr als nur Prozesstaktik. Terrorismus-Experten wie Vincent Cannistraro, der bis Ende 1990 die Lockerbie-Ermittlungen der amerikanischen Central Intelligence Agency (CIA) leitete, werten sie als »dramatische Wende«.

Ein Eklat bahnt sich an. Nach jahrelangen Ermittlungen, in denen Fahnder gut 15 000 Zeugen aus 50 Ländern vernommen und mehr als 100 000 Beweisstücke untersucht haben, gibt es offenbar Spuren, die bislang übersehen oder ignoriert worden sind. Einer der aufwendigsten Mordprozesse der jüngeren Geschichte, geschätzte Kosten: 1,6 Millionen Mark pro Woche, droht zu platzen.

Vor allem Taylors Andeutung, die neuen Recherchen hätten bislang unbekannte Fakten über eine 1988 in Deutschland operierende palästinensische Terrorgruppe, die »Volksfront für die Befreiung Palästinas- Generalkommando« (PFLP-GC), zu Tage gefördert, alarmierte die Fachwelt.

Der Grund: Am 26. Oktober, knapp zwei Monate vor Lockerbie, waren in verschiedenen deutschen Städten 16 Mitglieder der Organisation nach mehrwöchiger Observation festgenommen worden. In einer Wohnung in Frankfurt beschlagnahmten Fahnder ein riesiges Waffenarsenal sowie mehrere Kilo Plastiksprengstoff und TNT.

Im Wagen des Anführers der Gruppe, Hafez Kassem »Dalkamoni«, der in Neuss verhaftet wurde, lag ein zur Bombe umfunktioniertes Radio vom Typ »Toshiba Bombeat«. Die Höllenmaschine hatte einen Höhenzünder, der bei bestimmtem Luftdruck einen Zeitzündmechanismus auslöst. Eine Vorrichtung, die nur dann Sinn ergibt, wenn man ein Flugzeug in der Luft sprengen will.

In einem ähnlichen Gerät derselben Marke war auch der Sprengsatz versteckt, der im Frachtraum der Boeing 747 über Lockerbie explodierte. Mehr als zwei Jahre lang hatten sich die Ermittler deshalb auf die PFLP-GC, ihr Umfeld und ihre politischen Verbindungen im Mittleren Osten konzentriert. Erst im Herbst 1991 waren sie, gewissermaßen über Nacht, auf die libysche Spur umgeschwenkt.

Angehörige der Opfer hatten schon damals geargwöhnt, dass politische Gründe für den jähen Richtungswechsel ausschlaggebend waren. Immerhin lebt der Chef der PFLP-GC, Ahmed Dschibril, in Damaskus und erfreut sich seit Jahrzehnten der Protektion des syrischen Regimes.

Ermittlungen gegen von Syrien unterstützte Terroristen, so der Verdacht, passten 1991 nicht ins außenpolitische Konzept von Amerikanern und Briten. Denn mit dem Einmarsch der Truppen Saddam Husseins in Kuweit im August 1990 hatten sich die Verhältnisse im Nahen Osten geändert. Syrien wurde zum Verbündeten des Westens und schickte Truppen für die Operation »Desert Storm« - ein wichtiger Schritt für die Akzeptanz der Anti-Irak-Koalition in der arabischen Welt.

Auch manche Polizisten und Geheimdienstler, die mit dem Lockerbie-Attentat befasst waren, glauben, die Ermittlungen seien auf dem Altar geostrategischer Überlegungen geopfert worden. Sie sind noch immer überzeugt, dass die Drahtzieher des Anschlags nicht in Tripolis, sondern in Teheran sitzen und die PFLP-GC mit der Ausführung beauftragt haben. Angeblich wollte Ayatollah Chomeini Rache für den versehentlichen Abschuss eines Iran-Air-Jets über dem Persischen Golf durch den US-Raketenkreuzer »Vincennes«. 290 Iraner waren bei dem Unglück im Juli 1988 getötet worden.

Die alte These von der Iran-PFLP-GC-Connection hatte schon vor der Aussetzung des Prozesses in Kamp Zeist zunehmend an Plausibilität gewonnen. Denn den Verteidigern der beiden Libyer war es gelungen, die Anklage in wesentlichen Punkten zu erschüttern.

Beispiel Nr. 1: Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft ist die Bombe, die in einem rotbraunen Samsonite-Hartschalenkoffer im Frachtraum des Jumbos explodierte, vom maltesischen Flughafen Luqa aus auf den Weg gebracht worden.

Die beiden Libyer, die auf der Mittelmeerinsel als Angestellte der Libyan Arab Airlines getarnt arbeiteten, sollen den Bombenkoffer an Bord des Air-Malta-Fluges KM 180 nach Frankfurt geschmuggelt haben. Dort wurde das unbegleitete Gepäckstück, laut Anklage, auf den PanAm-Zubringerflug 103 nach London transferiert, wo es in den Frachtraum der Unglücksmaschine umgeladen worden sei.

Doch im Prozess konnte die Staatsanwaltschaft noch nicht einmal beweisen, dass es am 21. Dezember 1988 an Bord des

Fluges KM 180 einen unbegleiteten Koffer gab. Die Ladeliste stimmte exakt mit der Zahl der von den Passagieren aufgegebenen Gepäckstücke überein. Die als Zeugen geladenen Fluggäste sagten unisono aus, sie hätten ihr Gepäck am jeweiligen Zielflughafen vollständig vorgefunden.

Beispiel Nr. 2: Der Auftritt des Hauptbelastungszeugen Abd al-Madschid Giaka Ende September in Kamp Zeist. Die Aussagen des ehemaligen libyschen Geheimdienstlers gegenüber Angehörigen des amerikanischen Federal Bureau of Investigation (FBI) hatten im November 1991 zu den Haftbefehlen gegen Fuheima und Mikrahi geführt.

Am Vorabend des Attentats will Giaka die Angeklagten mit einem rotbraunen Hartschalenkoffer auf dem Flughafen von Malta gesehen haben. Darüber hinaus hatte er in FBI-Vernehmungen zu Protokoll gegeben, Fuheima sei im Besitz von zehn Kilo Sprengstoff gewesen, die Mikrahi beschafft habe.

Vor Gericht blieb von den belastenden Einlassungen nicht viel übrig. Die Anwälte präsentierten frühere Aussagen des Überläufers, in denen er die Koffer-Episode mal im Oktober, mal im November, mal »irgendwann« im Dezember datierte.

Auch das Datum der Entdeckung des Sprengstoffs, August 1986, passte nicht in die Argumentationskette der Anklage. Hinzu kommt: Das Material, das er in Fuheimas Büro gesehen habe, so Giaka in Kamp Zeist, sei konventionelles TNT gewesen. Der Sprengsatz der Lockerbie-Bombe bestand jedoch aus reinem Plastiksprengstoff der Marke Semtex.

Als absolutes Desaster für Lord Advocate Boyd erwiesen sich Berichte der CIA, mit denen er die Glaubwürdigkeit Giakas untermauern wollte. Die waren den Verteidigern, Skandal im Skandal, nur in zensierter Form übergeben worden; die Anklagevertreter kannten sie in vollem Wortlaut. Erst Ende August erhielten die Anwälte umfassend Akteneinsicht.

Giaka hatte sich, wie aus den Dokumenten hervorgeht, bereits im August 1988 - vier Monate vor Lockerbie - in der US-Botschaft auf Malta als Informant angeboten; angeblich aus Unzufriedenheit über die Zustände im libyschen Geheimdienst. CIA-Leute vor Ort nahmen sich seiner an.

Nach Aktenlage konnte er jedoch seinen Agentenführern keine brauchbaren Informationen über den Anschlag auf den PanAm-Jumbo liefern. Die notierten 1989 resigniert: »Es scheint, dass PanAm 103 im Kreise seiner Kollegen kein Thema ist.« Einer seiner damaligen Kollegen war der Angeklagte Fuheima.

Statt dessen nervte die intern P1 genannte Quelle mit »Enthüllungen« über Oberst Gaddafi und den heutigen maltesischen Präsidenten Guido de Marco. Beide seien Freimaurer, die die Welt ins Unglück stürzen wollten. Die Bedeutung seiner abstrusen Geschichten versuchte P1, laut CIA-Berichten, mit der Behauptung zu untermauern, er sei mit dem letzten libyschen König Idris verwandt.

Im September 1989 waren die US-Geheimen offenbar der Märchen ihres Zuträgers überdrüssig. In einem Bericht, der von den Anwälten im Gericht auszugsweise vorgelesen wurde, regten sie an, die monatlichen Zahlungen von 1000 Dollar an Giaka zu stoppen, wenn er nicht bald brauchbare Informationen liefere. Die blieben aus. Dennoch dauerte es bis Juli 1991, ehe die CIA-Leute ihren Problemfall endgültig los wurden - dank des FBI. Dorthin hatten sie Giaka verwiesen, als dieser wieder einmal um Geld gebettelt hatte.

Am 13. Juli arrangierten sie für ihn, auf einem US-Kriegsschiff vor der Küste Maltas, ein Treffen mit ihren Kollegen von der Bundespolizei. Ab dem 14. Juli erinnerte sich Giaka an alles, was ihm im Verlauf seiner dreijährigen CIA-Karriere nicht eingefallen war.

Harold Hendershot, der FBI-Mann, der ihn damals vernommen hatte, musste in Zeist gleich nach seinem Schützling in den Zeugenstand. Entsprechend elend war sein Auftritt. Er räumte ein, dass Giakas Aussagen bezüglich des Koffers zunächst »vage« gewesen seien. In den folgenden Monaten habe er seine Ausführungen jedoch zunehmend präzisiert.

Danach wurde Hendershot, der von Anfang an bei den Lockerbie-Ermittlungen dabei war, immer wortkarger. Als die Verteidiger Taylor und Keen ihn nach einem PFLP-GC-Angehörigen befragten, den er 1989 in Schweden vernommen hatte, ließ ihn sein Gedächtnis ganz im Stich.

Kaum glaubhaft, denn Mohammed Abu Talb war damals der Hauptverdächtige. Zum Zeitpunkt der Vernehmung saß er bereits in schwedischer Haft, wegen mehrerer Bombenattentate in Skandinavien. Auf Antrag der Lockerbie-Ermittler durchsuchten schwedische Polizisten, im Beisein Hendershots, die Wohnung des PFLP-GC-Mannes in Uppsala.

Sie fanden Schaltuhren, barometrische Zünder und einen Taschenkalender, in dem das Datum 21. Dezember 1988 dick umkreist war - der Tag des Anschlags auf den PanAm-Clipper »Maid of the Seas«. Darüber hinaus war das Apartment voll mit Kleidungsstücken aus Malta.

Doch aus all dem konnte, wollte oder durfte Hendershot vor Gericht keine Schlüsse ziehen. Dabei galten die Funde den Fahndern damals als entscheidender Durchbruch. Denn auch in dem Koffer, in dem die Bombe explodierte, hatten sich, wie kriminaltechnische Untersuchungen ergaben, Textilien gleicher Herkunft befunden.

Fest steht ebenfalls, dass der PFLP-GC- Terrorist im Herbst 1988 mehrfach nach Malta und Zypern reiste - meist dann, wenn auch Dalkamoni, der Chef des in Deutschland operierenden Kommandos, auf den Inseln weilte.

Vielleicht kann ja Abu Talb, der in Schweden zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, dazu gebracht werden, dem Gericht zu erklären, wie all diese Einzelheiten zusammenhängen. Er soll, auf Antrag der Verteidigung, nach der Prozessunterbrechung in Kamp Zeist aussagen.

Bis dahin dürften, so Taylor am vergangenen Dienstag, die neuen Hinweise so weit ausrecherchiert sein, dass er sie verwenden kann, wenn er den Palästinenser ins Kreuzverhör nimmt. Dann könnte es nicht nur für die Schotten und Amerikaner, sondern auch für die Deutschen eng werden.

Denn die Gemeinschaftsaktion von Bundeskriminalamt (BKA), Bundesnachrichtendienst (BND) und Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) gegen die PFLP-GC im Herbst 1988 war nicht der große Schlag gegen den Terrorismus, als den ihn die Behörden gern darstellen.

Fast alle Erfolge des Unternehmens mit dem Codenamen »Herbstlaub« wurden durch Schlamperei und mangelnde Koordination in kürzester Zeit wieder zunichte gemacht. Was die Polizisten, die die Terroristen verhafteten, nicht wussten: In der Gruppe war ein Agent des jordanischen Geheimdienstes. Beim BND soll man darüber im Bilde gewesen sein, hatte es aber offenbar nicht für nötig gehalten, dies den Kollegen im BfV und im BKA mitzuteilen. Pikanterweise handelte es sich bei dem Mann um den Bombenbastler der Truppe, Marwan Khreesat.

Der wurde, als seine echte Identität klar war, aus der Untersuchungshaft entlassen und setzte sich ab. Um seine Tarnung zu wahren, wurden auch andere Mitglieder des Kommandos auf freien Fuß gesetzt. Nur Dalkamoni und sein Stellvertreter blieben in Haft.

Nach der Tragödie von Lockerbie meldete sich Khreesat über Mittelsmänner beim BKA und wies mehrfach darauf hin, dass er während seines Aufenthalts in Deutschland fünf Bomben konstruiert habe. Im Rahmen der Aktion »Herbstlaub« war aber nur eine gefunden worden. Der Gipfel der Schlamperei: Drei weitere wurden erst im Frühjahr 1989 gefunden - bei erneuten Durchsuchungen der ehemaligen Verstecke der Gruppe. Eine blieb verschwunden. Die Schotten und Amerikaner gingen damals davon aus, dass sie den PanAm-Jumbo zerstörte und 270 Menschen den Tod brachte.

Eine These, die nicht völlig aus der Luft gegriffen war und die im Kontext der neuen Entwicklungen wieder aktuell werden könnte. Denn auch im Nachklapp zur Aktion »Herbstlaub« dauerte die Pannenserie der Sicherheitsbehörden an. Als Beamte einige der entlassenen Terroristen weiter observierten, fiel ihnen auf, dass sich einer von ihnen »mit einem radioähnlichen Gegenstand« im Gepäck, per Bahn über Wien nach Belgrad absetzte. Niemand stoppte ihn.

Jugoslawien war 1988 ein wichtiger Stützpunkt für die PFLP-GC. Dort residierte der Quartiermeister und Sprengstofflieferant Dalkamonis, Mobdi Goben, genannt der Professor. Anfang Dezember stürmten jugoslawische Polizisten, nach Hinweisen deutscher Behörden, sein Haus in Krusevac. Die Ausbeute der Razzia: 7,5 Kilo Semtex-Plastiksprengstoff, zwei Kilo TNT, 484 Bombenzünder und Dutzende Meter Sprengkabel.

Die Jugoslawen lieferten Goben jedoch nicht an die Bundesrepublik aus, sondern setzten ihn in ein Flugzeug nach Damaskus. Was dann geschah, liegt bis heute im Dunkeln. Das könnte schon bald anders sein.

Nach SPIEGEL-Informationen soll es sich bei den geheimnisvollen neuen Unterlagen »aus einem fremden Land« um Aufzeichnungen und Dokumente Mobdi Gobens handeln.

Den hat es angeblich auf verschlungenen Pfaden nach Norwegen verschlagen, wo er vor nicht allzu langer Zeit eines natürlichen Todes gestorben sein soll. Einer seiner Vertrauten, so ein Ermittler, habe die Papiere der dortigen Polizei übergeben.

Ob sie echt sind, steht dahin. Angesichts der Aufregung bei Staatsanwaltschaft und Verteidigung spricht einiges dafür. Mikrahis Anwalt Taylor scheint überzeugt, eine Art Nibelungenschatz gehoben zu haben. Den Richtern gegenüber gab er an, das Konvolut enthalte Angaben über Bau- und Funktionsweise der Bombe und erkläre auch, »wie die Bombe an Bord des Flugzeuges gekommen sei«. GUNTHER LATSCH

Der Kompromiss-Prozess

Das Verfahren gegen die beiden Libyer ist ein Novum in der Rechtsgeschichte - Ergebnis eines politischen Kuhhandels.

Nachdem Amerikaner und Schotten 1991 Haftbefehl gegen die mutmaßlichen Attentäter erlassen hatten, weigerte sich der libysche Staatschef Muammar al-Gaddafi, die Beschuldigten auszuliefern. Die Folge: Ein Embargo-Beschluss der Vereinten Nationen.

1993 erklärten sich die Libyer zur Auslieferung bereit, aber nur in ein »neutrales Land«. Amerikaner und Briten lehnten ab.

1994 schlug Robert Black, Rechtsprofessor an der Universität Edinburgh, ein schottisches Gericht in den Niederlanden, dem Sitz des Internationalen Gerichtshofs, vor.

Libyen akzeptierte, schließlich 1999 auch die USA und Großbritannien. Kamp Zeist, ein ehemaliger Militärstützpunkt, wurde zum Gerichtssitz umgebaut.

* Mit dem späteren Staatspräsidenten Ali Akbar HaschemiRafsandschani.

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