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SOWJET-UNION / DEUTSCHLANDBILD Drang nach Osten

aus DER SPIEGEL 1/1969

(siehe Titelbild)

Es gibt kein Volk auf der ganzen Welt, das so flach, so seelenlos, so stumpfsinnig, so ärgerniserregend wie die Deutschen ist.

Iwan Kirejewski, russischer Publizist des 19. Jahrhunderts.

Zwischen Rhein und Elbe lebt ein Volk von Räubern. In Dingen der Technik teuflisch begabt, bienenfleißig und diszipliniert, hochgerüstet und kriegslüstern, seelenlos und abgründig zugleich, sind sie für den Sowjetbürger die Störenfriede der Welt: die Deutschen.

In ihrer Schlangengrube werden laut offizieller Sowjetpropaganda die meisten Übel dieser Welt ausgebrütet. Satte deutsche Millionäre gieren nach ukrainischem Weizen, monokelige Hitler-Generale sinnen auf Revanche. Christdemokratische Feldprediger segnen Atom- und Bakterienwaffen, an denen insgeheim wasserköpfige Mabuses basteln. Der sowjetische Raketenchef Krylow fühlte sich 1968 an die Situation erinnert, da sich Hitler auf sein Kriegsabenteuer vorbereitete.

Sowjetische Karikaturisten legen dem ungedienten Kiesinger das Ritterkreuz um und setzen dem Widerständler Brandt einen Wehrmachts-Stahlhelm auf. Bonner Politiker tragen Wolfsgesichter; die Bundeswehr ist laut Radio Moskau die »eiserne Faust, die die Grenzen des sozialistischen Europa bedroht«. Das deutsche Lazarettschiff »Helgoland« wird in der »Prawda« zur »Kampfeinheit« für den amerikanischen Vietnam-Krieg.

Der deutsche »Drang nach Osten« ist längst -- mit deutschen Worten -- in den russischen Sprachschatz eingegangen. Am 7. Oktober 1968 erfand die »Iswestija« eine Abwandlung, die sie gleichfalls auf deutsch zitierte: den »Drang nach Norden«. Bonn betreibe eine »schleichende Okkupation« in Skandinavien. Für die Russen war das augenfällig: »Von 25 Wagen, die an uns vorüberfahren, sind stets fast die Hälfte Volkswagen, Opel und Mercedes. Geradezu eine vierrädrige westdeutsche Übermacht auf den Kopenhagener Straßen. Ebenso ist es in den Straßen Oslos und Stockholms.«

Bonn habe den »Blitzkrieg« Israels mitfinanziert; er war nach Ansicht der »Prawda« für die westdeutschen »Werwölfe« das Muster eines lokalen Krieges in Europa. Beide Staaten verbinde »Räuberappetit«, meinte die »Iswestija«. In Israels Negev-Wüste und in der Südafrikanischen Union würden deutsche Atombomben gebaut.

Der Moskauer Propagandasender »Radio Frieden und Fortschritt« meldete am 10. Dezember, in Tel Aviv erwarte man die Ankunft NS-erfahrener westdeutscher Ärzte, »die eine Massensterilisierung der arabischen Bevölkerung organisieren sollen«; gemäß Absprache mit israelischen Behörden liefere Bonn dazu 100 000 Ampullen geeigneter Drogen.

Der Feind im Westen kungelt sogar mit dem Feind im Osten: Die Moskauer »Literaturzeitung« meldete eine »Achse Bonn-Peking« und Strauß-Lin Piao. Danach bauen westdeutsche Techniker chinesische Raketen, westdeutsche Firmen liefern Mao Atommaterial.

In der Sowjet-Presse tauchten neue Kämpfer gegen Moskau auf: Westdeutschlands rebellierende Studenten. Auch sie sind »Werwölfe«, die Karl Marx schmähen. Die »Literaturzeitung« lobte das Vorgehen der West-Berliner Polizei gegen »Lumpen, angeführt von einem gewissen Fritz Teufel, der sich einen Jünger Mao Tsetungs nennt«.

In der Tschechoslowakei spürte die »Iswestija« die verbrecherische Hand Bonns. Sie brachte »neue Fakten der direkten Ermutigung und Hilfe für die tschechoslowakische Konterrevolution von seiten der reaktionärsten Kräfte der Bundesrepublik«.

»Am Rhein bläst man offen zum Sammeln«, warnte das Blatt. »Die Kriegsvorbereitungen gehen unter dem Deckmantel von Manövern vor sich ... Teile der Bundeswehr stellen direkte Kontakte zu den konterrevolutionären Kräften in der Tschechoslowakei her.«

Brandts Außenpolitik folgt laut »Prawda« den Ideen von Strauß, dem »Anführer der revanchistischen, militaristischen Kräfte« und der »Bonner Ultras«. Gerstenmaler, so die »Prawda« Ende Dezember zur Einberufung der Bundesversammlung nach Berlin, »weiß sehr gut, was er tut, wenn er kaltblütig die Durchführung dieser Versammlung plant, an der Neonazis teilnehmen werden und die ausdrücklich im Reichstagsgebäude stattfinden soll, wo die faschistische Bestie schließlich getötet worden ist«.

In der Sowjetpresse führen Deutschlands willenlose Sozialdemokraten ein ausgebeutetes Proletariat und ein Heer von Arbeitslosen in die Kasernen der räuberischen Bundeswehr. Kommunisten sitzen in Zuchthäusern, Intellektuelle werden verfolgt oder gekauft.

An Häuserwänden des Nazireservats prangen allerorts Hakenkreuze. Der wahre Herrscher, der Bundesverband der Deutschen Industrie, hat der Bonner Regierung in 15 Monaten 15 000 Anträge zugeleitet.

»In einigen westdeutschen Städten kann ein Schüler, wenn er ein Geldstück in einen Automaten wirft, einen Hörer abnehmen und eine der barbarischen Reden Hitlers hören«, meldete die Jugendzeitung »Smena«.

In die Kultur trägt die Bonner Bourgeoisie »antihumanistische Ideen und Obskurantismus« (Gewerkschaftszeitung »Trud"), die Kunst »befindet sich in einem fortschreitenden Verfall« ("Woprossy literatury").

Beim Besuch eines Kinos erschrak ein »Trud«-Reporter schon vor der Filmreklame: »Im Schein der Neonlichter tritt die Versuchung an die Menschen heran: 'Leidenschaft -- Habgier -- Verbrechen' ... 'Lulu -- das Laster -- das Verlangen -- Leichen': Von den Plakaten blicken halbnackte Mädchen und Männer mit eckigem Kinn herab.«

Fast noch beängstigender als die Lulu- und Leichenwelt selbst erscheint vielen Russen die -- offenkundige -- Tatsache, daß sich der Deutsche in seiner perversen Heimstatt auch noch wohl fühlt.

Sowjetpublizist Lew Ginsburg in der Moskauer Zeitschrift »Neue Zeit": »In dem muffigen Nylonreich. im Reich der Ungerechtigkeit, Gleichgültigkeit. Raffgier und Bösartigkeit, in den Zwergdörfern mit ihren Ziegelhäuschen, wo im Grün der deutschen Wälder amerikanische Raketen lauern, in den tollen Vampirstädten, wo die violette Reklamenacht heult, dudelt, kreischt und gellt, gibt es nicht wenige, die ehrlich glauben, das sei der Himmel auf Erden.«

Am Bodensee, berichtet die Zeitschrift »Sowjetskaja kultura«, glauben 95 Prozent der Dörfler noch an Hexen und böse Geister. In der Lüneburger Heide wurden 230 Hexen gezählt. Ergebnis: Ein »Klima des Mittelalters« herrscht in Deutschland.,. Monopole, Militarismus und Mächte der Finsternis -- das sind drei Ungeheuer, welche die Menschen in Westdeutschland nicht mit freien Segeln zum Fortschritt, zur Sonne und zur Freiheit fortkommen lassen.«

Mächte der Finsternis, so scheint es, verdunkeln das Deutschlandbild der Russen. Zwischen beiden Völkern irrlichtert ein Geist der Feindschaft, geboren in grausigen Erlebnissen. genährt durch nicht verheilte Traumata, wachgehalten durch rational kaum faßbare Größen -- ein völkerpsychologisches Intim-Verhältnis voller Widersprüche und Irritationen. in dem sich Angst und politisches Kalkül, Tatsachen und Imagination unentwirrbar mischen,

Gewiß hat das russische Bild von jenem deutschen Teilstaat, den Moskau gern genitivisch als »Bundesrepublik Deutschlands« diminuiert, im Kern einen Wahrheitsgehalt.

Er geht zu Lasten der Deutschen mit ihren Nazis in Justiz und Verwaltung, ihren Flüchtlingsparaden und Rechtsansprüchen, ihrem KP-Verbot und ihrer NPD-Duldung. Die Milde, die westdeutsche Richter oft bei der Aburteilung von NS-Verbrechern überfällt. ließ die Moskauer »Neue Zeit« die Rechnung aufmachen: pro Mord eine Freiheitsstrafe von zehn Minuten bis zu 1,5 Tagen, meist schon verbüßt durch Untersuchungshaft.

»Für westdeutsche Richter macht es nicht die geringste Mühe zu beweisen, daß ein beliebiger Henker ein Engel in Menschengestalt ist; das sind für sie Bagatellen«, zürnte die Zeitschrift Sozialistische Gesetzlichkeit«. »Sie müssen sich die Köpfe über weit kompliziertere juristische »Probleme« zerbrechen, zum Beispiel: Stellt ein Kuß ein Bestechungsentgelt dar?«

Die über Wahrheit und Trauma hinausgehende Ingredienz im sowjetischen Deutschlandbild dagegen mag zu Lasten der Sowjets gehen.

Doch eine Schuldverteilung dieser Art kann das Dunkel nicht erhellen. Denn auch Angst, die nicht auf Tatsachen beruht, ist reale Angst. Auf die Frage, ob er in der Bundesrepublik Revanchisten gesehen habe, antwortete der Chruschtschow-Schwiegersohn und -- damalige -- »Iswestija«-Chef Adschubej: »Um den Geruch des faschistischen Revanchismus in die Nase zu bekommen, ist es nicht notwendig. mit dessen Verfechtern Umgang zu pflegen. Revanchistische Gerüche -- und zwar starke Gerüche -- verbreiten sich von Westdeutschland aus ziemlich weit, man kann sagen, daß sie in der ganzen Welt wahrnehmbar sind.«

Und der Historiker Jeschow entgegnete schlicht: »Das sowjetische Volk hat ein Recht auf Argwohn.«

13,6 Millionen sowjetische Gefallene und sieben Millionen getötete Zivilisten des Zweiten Weltkriegs geben den Russen dieses Recht. Das Kriegserlebnis ist der harte Kern ihres Deutschlandbildes. Den »Koschmar« (russisch: Alpdruck) von 1941 sind sie nicht losgeworden.

Sie empfinden es als geschmacklos, wenn Deutsche ihnen vorhalten, daß fast alle Gräber der 2,186 Millionen deutschen Gefallenen in der Sowjet-Union eingeebnet wurden, während in der Bundesrepublik die Gräber von 283 591 gestorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen gepflegt werden -- nicht einmal ein Zehntel der 2,6 Millionen gefangenen Russen, die an Krankheit. Hunger oder Torturen starben: Im Aufrechnen mit Verlustziffern kommen die Deutschen schlecht weg.

Die Russen empfinden es als primitiv, wenn ihnen Deutsche vermeintlichen Widerspruch entgegenhalten: Ihr behauptet, die Bundeswehr sei gefährlich, aber ihr behauptet auch. sie im ersten Streich zerschmettern zu können.

Denn die Russen fürchten nicht, die Deutschen würden wieder bis nach Moskau marschieren, aber sie fürchten, die Deutschen könnten es gleichwohl versuchen und dabei einen Atomkrieg entfesseln. Denn die Deutschen stehen im Ruf, sich beim Anzetteln eines Krieges keine Gedanken über das Ende zu machen.

Die Russen glauben mit Radio Moskau, »daß Westdeutschland gleich nach der ersten Raketen- und Fernsalve vom Antlitz der Erde verschwinden würde«. »Aber«, so ergänzt Autor Besymenski. »wir sind vorsichtig. Wir sind gebrannte Kinder.«

So sicher ein Teil der offiziellen russischen Deutschland-Greuel politischpropagandistische Zwecke verfolgt, so unsicher ist abzuschätzen, inwieweit die Propagandisten selbst an ihre Schreckensbilder glauben oder gar inwieweit sie den gewöhnlichen Sowjetbürger beeinflussen.

Sicher erscheint nur eines: Die Spannung in Mitteleuropa, eine latente Gefahr für den Frieden in der Welt, ist identisch mit der deutsch-russischen Klimakälte. Solange die Beziehungen zwischen Moskau und Bonn unter dem Gefrierpunkt bleiben, ist an eine Lösung der europäischen Probleme nicht zu denken. Dabei spielt es kaum eine Rolle, wie manipuliert, wie stark das offizielle Bild -- oder Zerrbild -- des Deutschen im Sowjetvolk verankert sein mag.

Nach der sowjetischen Intervention in der Tschechoslowakei fühlten sich laut Meinungsumfragen 56 Prozent der Westdeutschen bedroht, 58 Prozent befürworteten trotz Prag eine Politik der Entspannung. Solche Zahlen liegen von der UdSSR nicht vor, da dort solche Umfragen nicht veröffentlicht werden.

Doch neben der verordneten Agitation erfährt der Sowjetbürger manches andere über die Deutschen. Er bemüht sich, in seiner Presse zwischen den Zeilen zu lesen. Viele Attacken gegen den Westen dienen gescheiten Sowjetjournalisten offenbar nur dazu, dem Leser per Zitat sonst nicht druckbare Informationen über das Ausland zu bieten. Für alte SPIEGEL werden auf dem Schwarzen Markt in Moskau zehn Rubel (44,44 Mark) gezahlt. Der Sowjetbürger erfährt offiziell wenig über die deutsche Teilung, er hält zumeist die DDR für ebenso groß wie die Bundesrepublik. Die Publikation von Landkarten beider Teile Deutschlands meidet die Sowjet-Presse, ein Photo der Berliner Mauer ist noch nie erschienen, der wahre Anlaß für ihre Errichtung nie genannt worden.

Aber die »Deutsche Welle«, der bundesdeutsche Kurzwellensender für Öffentlichkeitsarbeit im Ausland, wird trotz Gegenpropaganda in der sowjetischen Provinzpresse ("Spelunke der Neonazis und Verräter") bis in die mittelasiatische Sowjetrepublik Kasachstan gehört -- die im Kölner Funkhaus aus der UdSSR eintreffenden Hörerbriefe beweisen es.

Deutsche Touristen (1967: etwa 46 000) führen mit Nylonhemden und Kugelschreibern Wohlstand vor. Sowjetische Deutschlandbesucher (1967: etwa 1500) erzählen staunend über die wiederaufgebauten Städte, den Grad der Motorisierung, den Ausrüstungsstand der Industrie.

Bonns ehemaliger Moskau-Botschafter Kroll -- dessen Residenz 1958 Sowjetdemonstranten beschmutzten, wie zehn Jahre später bundesdeutsche Protestler die Sowjetbotschaft in Bad Godesberg -- gelangte zu dem Schluß: »Wenn man bedenkt, welche außerordentlichen Macht- und Beeinflussungsmittel der sowjetischen Propaganda zur Verfügung stehen, mit welcher Konsequenz und Intensität sie geführt wird, dann kann man nur erstaunt darüber sein wie relativ gering ihre Wirkung auf das Volk ist. Der Kraftaufwand steht in keinem Verhältnis zum Ergebnis.«

Er scheint das gewünschte Ergebnis teilweise sogar zu mindern. Denn so scheußlich der Sowjetbürger den deutschen Räuber und Sklavenhalter in seiner Presse abgemalt sieht -- hassen tut er ihn offenbar nicht; kaum ein deutscher Besucher traf bei Sowjetbürgern auf jene persönliche feindselige Stimmungslage, die beispielsweise in manchen Kreisen der französischen Bevölkerung immer noch wach ist.

Der Präsident des Unions-Sowjets, Spiridonow -- 1963 Gastgeber Thomas Dehlers -, sagte bundesdeutschen Gesprächspartnern: »Bei uns gibt es keine Haßgefühle, weil Sie Deutsche sind, und nirgends konnten Sie auf ein unangenehmes Verhalten der Menschen stoßen, die schwerste Verluste im Krieg gehabt haben.«

Und: »Sie werden in Leningrad den Piskarewski-Friedhof sehen, wo der 600 000 (Kriegs-)Toten dieser Stadt gedacht wird. Ich bin selbst Leningrader, und viele meiner nächsten Angehörigen ruhen in diesem Boden, aber ich kann Ihnen versichern, daß Ihnen auch in Leningrad keine Haßgefühle begegnen werden, sondern nur der Wunsch nach besseren Beziehungen.«

Selbst im Krieg wurde den Rotarmisten anfangs nicht der Deutsche schlechthin als Gegner hingestellt, sondern der faschistische Deutsche -- bis Kriegsberichterstatter Ilja Ehrenburg diesen Unterschied bewußt verwischte, um den Kampf geist der Sowjetsoldaten zu stärken.

Nach dem Krieg meditierte Lew Ginsburg beim Blick aus seinem Ost-Berliner Hotelfenster: »Ich konnte den von Scheinwerfern angeleuchteten Reichstag erkennen, neu aufgebaut und vom Pulverrauch reingewaschen. Über der Kuppel, genau da, wo sowjetische Soldaten 1945 das Siegesbanner aufpflanzten, flatterte sorglos die Staatsflagge der BRD ... Vielleicht glauben manche Leute in Westdeutschland, daß wir heute nichts anderes tun können, als durch ein Hotelfenster die Früchte unseres Sieges zu betrachten. Aber sie irren sich. Wir haben gesiegt ...«

Gleichwohl wurde im Land der Sieger Literatur aus dem Land der Besiegten in über 70 Millionen Exemplaren verlegt (darunter die Werke Heinrich Bölls mit fast einer Million). Gleichwohl lernen gegenwärtig etwa neun Millionen russische Schüler Deutsch -- mehr als die Hälfte jener 94 Prozent aller Schüler, die vom fünften Schuljahr an eine Fremdsprache lernen. Nur rund fünf Millionen lernen Englisch, nur etwa eine Million Französisch.

An dieser Stelle irrlichtert das russische Deutschlandbild vollends zum Widerspruch. Denn nicht einmal das Bild einer Brutstätte von Nazis, Räubern und Revanchisten hindert eine uneingestandene Bewunderung. Wenn die Sowjetjugend der Vernunft zuwider -- die das Erlernen der Weltverkehrssprache Englisch gebietet -- Deutsch lernt, dann offenbar in dem emotional begründeten, vom Rat der Großmütter geförderten Glauben, von den Deutschen könne man viel lernen -- vielleicht sogar mit ihnen.

»Im Grunde genommen wünscht sich Iwan Iwanowitsch eine Allianz mit den Deutschen«, fand der langjährige deutsche Korrespondent in Moskau, Heinz Schewe. »'Wenn Deutsche und Russen zusammengehen', so hört man zuweilen im vertraulichen Gespräch, 'dann kann uns nichts mehr passieren. Keine Macht der Welt könnte dagegen aufkommen.'«

Diese deutsch-russische Bündnis-Sehnsucht -- früher auch in der Reichswehr, heute in der DDR gepflegt -- beruht möglicherweise auf einem Minderwertigkeitskomplex« den beide Völker gegenüber lateinischer Rationalität und angelsächsischer Kühle empfinden.

So brachte Adschubej 1964 von einem Besuch bei den Bayern höchst angenehme Erinnerungen mit: »Es scheint tatsächlich so, daß der Herrgott anfänglich dieses Stück Land ernstlich für sich selbst aufheben wollte.« Adschubej pries das »süffige Bier« und die Volkslieder, »die den Zweikampf mit der lärmenden Kakophonie der Jazzindustrie glänzend bestanden haben«. Russen und Deutsche hätten mehr gemeinsam, als er bislang angenommen habe: Sie seien »zum Weinen fähig«.

Die Gefühlsseligkeit hat aber -- für die Russen -- durchaus auch einen realen Grund: Die Deutschen waren für sie jahrhundertelang Vorbilder gewesen, die man bewunderte -- aber nicht allzusehr, weil diese Musterknaben dauernd auf die ersten Bänke drängten.

In ihren Schulgeschichtsbüchern lernen die jungen Russen, wie gut Peter der Große mit deutschen Experten fuhr, die er ins Land holte, wie Preußens General Yorck in Tauroggen mit seinem russischen Partner Diebitsch ein Privatbündnis schloß und wie man gemeinsam den wütigen Napoleon stoppte.

Aber: In diesen Schulgeschichtsbüchern steht auch, daß Ende des vorigen Jahrhunderts beinahe jeder zweite höhere Offizier der russischen Armee deutscher Herkunft war und im Außenministerium deutsche Beamte die Mehrheit hatten. Chef der »Dritten Abteilung«, der politischen Polizei und Zensurbehörde des Zaren, war ein Benkendorf, sein Nachfolger hieß Dubbelt. Auf dem Berliner Kongreß 1878 brachte Deutschlands Bismarck die Russen, wie sie meinten, um erkämpfte Positionen auf dem Balkan.

Rußlands radikale Intellektuelle empfanden die zaristische Autokratie als eine deutsche, unrussische Importware. (Umgekehrt trauerte Preußens hochkonservative »Kreuzzeitung« beim Tode des Autokraten Nikolaus I.: »Unser Kaiser ist gestorben.") Der revolutionäre russische Schriftsteller Alexander Herzen, Sohn einer Schwäbin, sah im deutschen Bürokraten das Sinnbild aller Reaktion in Rußland.

Deutschlands Radikale revanchierten sich: Aus Zorn über die konterrevolutionäre Rolle der russischen Regierung 1848 machten Marx und Engels die Russen zum konterrevolutionären Volk. Haß gegen Rußland, schrieb Engels, sei »die erste revolutionäre Leidenschaft der Deutschen«. In dieser Tradition wollte August Bebel bis zu seinem Lebensende gegen Rußland das Gewehr nehmen, rechtfertigte der SPD-Sprecher im Reichstag 1914 den Krieg des Kaisers als Verteidigung der deutschen Kultur gegen die Korruption durch das primitive Rußland.

In ihrer Literatur lesen die Russen -- bei Dostojewski und Turgenjew -, wie liebenswert die Deutschen sind: der Dr. Herzenstube in den »Brüdern Karamasow«, der Lenz in »Rudin«.

Ilja Ehrenburg saß in den zwanziger Jahren im Romanischen Café zu Berlin und notierte: »In Europa gibt es nur eine moderne Stadt -- Berlin. London -- das ist Paradies und Hölle. Berlin aber ist einfach eine große Stadt.«

Aber: In Tolstojs »Anna Karenina« sehen die Russen auch einen anderen Deutschen -- einen Uhrmacher, der kahlköpfig und pedantisch ist und selbst für sein ganzes Leben aufgezogen scheint. Der Dichter Polewoj, der Goethe, Schiller und Herder verehrte, entsetzte sich 1840: »Mein Gott, wo hält sich der geniale Geist Deutschlands versteckt?«

Und Anarchistenvater Bakunin urteilte über die Deutschen: »Von ihrem kulturellen Erbe ist nicht einmal ein Zehntel in ihr Leben eingegangen.« In der Werkstatt eines Berliner Schneiders hatte der Rebell unter dem Preußenadler ein Schild entdeckt: »Unter Deinen Flügeln kann ich ruhig bügeln.«

Bei ihrem Lehrmeister Lenin, dessen Großeltern mütterlicherseits Alexander Blank und Anna Groschopf womöglich Deutsche waren, können die Russen -- in Band 27, Seite 137 der russischen Gesamtausgabe -- den Befehl lesen: »Lerne beim Deutschen!« Das nannte Lenin -- selbst bei den Deutschen Marx, Engels, Kautsky in die Lehre gegangen -- die »Hauptaufgabe unserer Tage«, weil »gerade der Deutsche neben dem bestialischen Imperialismus das Prinzip der Disziplin, der Organisation, des harmonischen Zusammenwirkens auf dem Boden der modernsten Maschinenindustrie, der strengsten Rechnungsführung und Kontrolle verkörpert«.

Selten freilich erwähnen Sowjetpublizisten heute, wie erfolgreich sich diese Zusammenarbeit gestaltete: daß Lenin sich noch von des Kaisers Ludendorff, der seine Ostfront entlasten wollte, nach Rußland transportieren ließ. Und Geheimnis bleibt, daß für die Bolschewiki bei dieser Gelegenheit aus des Kaisers Kasse sogar rund 50 Millionen Goldmark abfielen.

Während Anfang 1919 die deutschen Kommunisten von der Konterrevolution gejagt wurden, verhandelte Lenins Beauftragter Radek von seiner Moabiter Gefängniszelle aus (Radek: »wie ein Ehrengast") mit konterrevolutionären Diplomaten, Militärs und Wirtschaftsführern über eine zukünftige deutsch-russische Kooperation.

Sie kam 1922 zustande: In Rapallo verständigten sich die beiden Verliererstaaten des Weltkriegs hinter dem Rücken der Sieger. Bis heute ist »Rapallo« das Stichwort der Russen für eine Verständigung mit den Deutschen geblieben.

Rapallo, so Adschubej 1964 in der Bundesrepublik, stieß »die erste Bresche in die Mauern der internationalen Isolierung, die man wie Ringe um das besiegte Deutschland wie auch um die Sowjetrepublik gelegt hatte«.

Wieder lernten die Russen gute Deutsche kennen. Tausende deutscher Ingenieure und Facharbeiter legten um 1930 die Grundlagen der Fünfjahrespläne zur Industrialisierung Rußlands. Deutsche Forscher unterrichteten russische Fachkollegen später über die ersten Erkenntnisse der Düsen- und Raketentechnik. Der Erfinder der original-russischen »Stalinorgel« trägt den Namen Langemann.

Reichswehr und Rote Armee halfen sich gegenseitig militarisieren, die deutschen Konzerne halfen Rußland industrialisieren.

Selbst die aufkommenden Nazis erschienen den Sowjets zunächst nicht gar so gefährlich. Daß Rußland die NS-Gefahr damals unterschätzte, mag dazu beigetragen haben, daß es sie heute überschätzt: Hitler galt im Kreml lange Zeit als deutscher Mussolini, als »Faschist«. 1930 erklärte die »Große Sowjet-Enzyklopädie«, die Bedeutung der Nazis für die Bourgeoisie sei gesunken, Hitler spiele keine große Rolle mehr. Radek meinte, der ordinäre Hitler könne so gebildeten Leuten wie den Deutschen niemals gefallen.

Hitlers Methoden gefielen sogar den Sowjetrussen. Von Hitler übernahm Stalin das Muster innerparteilicher Säuberungen, das der Deutsche 1934 mit der Liquidierung Röhms und seiner SA-Führer geliefert hatte. Nach Hitlers Vorbild betrieb Stalin Personenkult und Vaterlands-Propaganda.

1939 verbündeten sich Hitler und Stalin: Sie teilten sich Polen -- für die Sowjet-Union in heutiger Lesart ein notwendiger Schritt, mit dem sie die Zeit für die Vorbereitung auf den Kampf gegen den Hitlerismus gewann.

Kurz vor Hitlers Angriff auf Rußland hatte Stalin den deutschen Botschafter Schulenburg und den stellvertretenden Militärattaché Dr. Krebs öffentlich, auf dem Moskauer Bahnsteig, demonstrativ umarmt: »Wir wollen immer Freunde bleiben!« Als Stalin im Juni 1941 endlich von Hitlers Angriff erfuhr, glaubte er zunächst an eine »Provokation«, blieb er tagelang entscheidungsunfähig -- so behauptete jetzt die Moskauer Zeitschrift »Snamja«.

Im Krieg begegneten sich die beiden Völker unmittelbar: Hoffnungsvoll begrüßten ukrainische Dorfälteste die deutschen Okkupanten mit Salz und Brot. Die deutschen Rassenfanatiker aber nannten die Russen »Untermenschen«, bauten Galgen auf die Märkte, ließen Millionen Kriegsgefangene verhungern und verheerten Rußlands beste Provinzen.

Gleichwohl schien Stalin seinen Glauben an die traditionelle Freundschaft mit den Deutschen nicht verloren zu haben. Ehe er sich 1943 in Teheran mit den Westalliierten über die Zerstückelung Deutschlands einigte, versuchte er es angeblich noch einmal mit den Deutschen:

Im Juni 1943 soll der Leiter der Europa-Abteilung des sowjetischen Außenkommissariats, Alexandrow, in Stockholm über einen Verbindungsmann namens Clauss Kontakt zu dem Ostexperten Ministerialdirigent Peter Kleist gesucht haben. Clauss laut Kleist: »Ich garantiere Ihnen: Wenn Deutschland auf die Grenze von 1939 eingeht, so können Sie in acht Tagen Frieden haben.«

Im August 1943 machte ein NKWD-General Melnikow kriegsgefangenen deutschen Generalen vom »Bund deutscher Offiziere« Hoffnung auf die Reichsgrenzen von 1938.

In der Stunde des Sieges 1945 sprach Stalin nicht von Rache oder Beute, sondern: »Die Hitler kommen und gehen, das deutsche Volk aber bleibt.« Im Potsdamer Abkommen mit den Westalliierten, dem eigentlichen Siegespreis Stalins, ließ er die deutsche Staatseinheit festlegen.

Zugleich aber handelte sich Stalin Bedingungen aus, die eine Restauration der alten Machtstrukturen im deutschen Staat, in Armee und Industrie ein für allemal verhindern sollten: »Entnazifizierung«, »Entmilitarisierung«, »Dekartellisierung«.

Doch für die Westdeutschen bot sich die Gelegenheit, ihre in Rußland begangenen Verbrechen zu vergessen -- im Zeichen des Antikommunismus: Als die Westalliierten in Frontstellung zur UdSSR gingen, nutzten sie Westdeutschland als vorgeschobenen Posten; der Kalte Krieg teilte die Deutschen. Im westdeutschen Separat-

* In Stukenbrok/Senne.

staat bezogen ehemalige Nationalsozialisten wieder Positionen bis in die Spitze der Regierung, die Bundesrepublik wurde remilitarisiert.

Stalin selbst versuchte, das noch zu verhindern: 1952, ein Jahr vor seinem Tode, empfahl er die Wiedervereinigung durch einen Friedensvertrag, wenn Westdeutschland auf Militärbündnisse verzichte. Zur Überraschung der Russen schlugen die Westdeutschen -- um ihr eigenes Sicherheitsbedürfnis zu befriedigen -- das russische Angebot aus.

Am 15. Januar 1955 boten Stalins Nachfolger noch einmal an: Wiedervereinigung durch freie gesamtdeutsche Wahlen unter internationaler Kontrolle -- wenn die Bundesrepublik auf den bevorstehenden Beitritt zur Nato verzichte und die Pariser Verträge nicht unterzeichne. »Im Falle der Ratifizierung der Pariser Abkommen«, so hieß es in der Moskauer Erklärung, »übernimmt der Bundestag die schwere Verantwortung für das Fortbestehen der Spaltung Deutschlands.« Der Bundestag ratifizierte die Pariser Verträge und Adenauer holte sich in Moskau die Anerkennung seines Teilstaats.

Seither erläutert die Sowjetpresse ihren Lesern die Wohltaten der deutschen Teilung und der Erhaltung des Status quo in Mitteleuropa. Seither erklärt Moskau, Verhandlungspartner der Westdeutschen für die Wiedervereinigung sei die DDR, mit der Bonn nicht sprechen will. Seither glauben die Russen den Schwüren der Westdeutschen nicht mehr, sie strebten die Wiedervereinigung nur mit friedlichen Mitteln an: Da alle von Moskau gewiesenen Wege nicht begangen wurden, unterstellt die UdSSR, Bonn wolle den Status quo gewaltsam ändern. Das ist der deutsche »Revanchismus«.

»Die Revanchisten tarnen ihre aggressiven Bestrebungen mit der edlen Losung, allen Nationen das Recht auf Selbstbestimmung gewähren zu wollen, obgleich sie sehr wohl begreifen, daß das Prinzip der Selbstbestimmung auf die deutsche Frage nicht anwendbar ist«, erklärte Chruschtschow im Juni 1964 aus Anlaß der Unterzeichnung eines Freundschaftsvertrages mit der DDR -- der eine Kündigungsklausel für den Fall der Wiedervereinigung enthält.

Wenige Tage nachdem Konrad Adenauer das Sowjetangebot von 1955 abgelehnt hatte, mußte Sowjet-Premier Malenkow zurücktreten. 1964 schickte Chruschtschow seinen Schwiegersohn Adschubej in die Bundesrepublik -- als Quartiermacher für sich selbst. Es schien, als ob die Russen ihre Suche nach dem guten Deutschen wieder aufgenommen hätten.

Sowjetjournalisten bereisten in Rudeln die Bundesrepublik. »Eine der Hauptaufgaben bestand in der Klärung der Frage, ob eine Verbesserung der Beziehungen zwischen der BRD und der UdSSR möglich ist«, erläuterte einer der sowjetischen Besucher. Sein Resultat: »Der Wunsch, die Beziehungen zu verbessern, die Kontakte zu entwickeln, »mit den Russen zu sprechen« und mit ihnen befreundet zu sein, ist unverkennbar.«

Die Reisenden entdeckten, daß »zur Zeit« keine Arbeitslosigkeit in Westdeutschland herrsche. Adschubej: »Die Mehrheit der Arbeiter in der Bundesrepublik wird offenbar auskömmlich bezahlt.«

Die Russen rügten vorwiegend Randerscheinungen in Deutschlands Bundesrepublik. Autor Besymenski ("So starb Adolf Hitler") vermißte für 10 000 Arbeiterinnen der Firma Grundig einen Kindergarten, und Adschubej stellte fest: Die ärztliche Betreuung der westdeutschen Bevölkerung sei »so teuer, daß man es vorzieht, erst gar nicht krank zu werden!«

Das Ruhrgebiet ähnele dem ukrainischen Industriezentrum Donbas, berichtete ein Beobachter seiner Zeitung, nur fehlten an der Ruhr die schmucken weißen Häuschen der Sowjetarbeiter mit ihren Obstgärten.

In Trier wurden den Sowjetgästen zwar über 20 Weinsorten vorgesetzt, im Geburtshaus von Karl Marx fehlte aber wegen der Renovierungsarbeiten in einigen Zimmern die elektrische Beleuchtung.« Im Geburtszimmer des Prometheus brennt kein Licht«, klagte die »Iswestija«, »die Restaurierung verlief offenbar außerhalb des 'Wirtschaftswunders' und dauerte mehr als 15 Jahre.« Über Stuttgart urteilten die sowjetischen Besucher: »Die Stadt Schillers ist längst zu einer Stadt Daimlers und Boschs geworden.«

Kein Zweifel: Die Sowjetmenschen fahndeten nach einer verlorenen Zeit. Sie suchten das Dichter-Deutschland des Biedermeier wie Lew Ginsburg, der Entdecker der »Nylonstädte«. Ihm hatte man in Hamburg zwar das Bismarck-Denkmal, Banken und Reeperbahn vorgeführt, den Namen Heinrich Heines aber fand er weder in den Reiseführern noch in der Liste berühmter Bürger.

Ginsburg, dem in Heines Geburtsort Düsseldorf wiederum das Bismarck-Denkmal vorgeführt wurde: »In vielen Ländern kennen die Menschen den Namen »Düsseldorf« nur dank Heine. Allein, in Düsseldorf selbst mißt man dem keinerlei Bedeutung zu.«

In Badenweiler fanden russische Touristen kein Denkmal des dort gestorbenen russischen Dichters Tschechow -- das im Ersten Weltkrieg eingeschmolzene Monument wurde erst nach dem russischen Reisebericht von der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde neu aufgestellt.

Lediglich am Parkhotel. stießen sie auf eine verrottete Tafel: »Hier lebte Anton Tschechoff im Juli 1904.« Auf die Rüge der Russen, der Dichter sei dort gestorben, kam die Antwort: »Tschechows Zimmer wird seither ständig vermietet. Wer würde in einem Hotel mit Sterbezimmern absteigen?«

In einem anderen Tschechow-Domizil in Badenweiler -- früher die »Villa Friederike«, heute »Hotel Eckerlin« -- wiesen die Russen eine Deutsche auf den literarischen Bezug hin. Antwort: »Was Sie nicht sagen! Die Herrschaften werden sich aber freuen! Schreiben Sie doch bitte viel darüber, machen Sie für unser Hotel Reklame!«

Bestürzt entdeckten die Russen, daß die Deutschen offenbar ein Volk seelenloser Krämer geworden sind, das -- laut Meinungsumfrage -- unter »Puschkin« mehrheitlich einen Wodka versteht.

Die Russen fanden zwar auch Bedenklicheres: Im ehemaligen Konzentrationslager Dachau traf ein Journalist zwei junge Schaulustige, die vor dem Krematorium darüber fachsimpelten, daß, »wenn die Konstrukteure diese oder jene technischen Details berücksichtigt hätten, die Ofen noch bedeutend mehr Leichen hätten verarbeiten können«.

»Bild«-Chef Peter Boenisch, so erzählte eine Sowjet-Pressedelegation aus dem Jahr 1964, habe geäußert: »Man hat uns einmal gezwungen, bedingungslos zu kapitulieren, ein zweites Mal werden wir nicht kapitulieren!«

Sowjetdichter Baklanow erinnerte sich der Begegnung mit einem deutschen Jungen im Jahr 1945: »In jenen Tagen war der Bengel vierzehn und noch im Stimmbruch. Sie waren damals alle im Stimmwechsel. Heute hat sich ihre Stimme gefestigt. Und mit dieser erstarkten Stimme verkünden sie der Welt abermals, wie sehr man sie gekränkt.«

Aber das Resumé der Reisenden von 1964 war doch positiv. In der »Prawda« berichteten sie: »Während unseres Aufenthaltes in der BRD versuchten wir die Frage zu klären: Ist eine Herstellung guter Beziehungen zwischen der Sowjet-Union und der BRD möglich? Bei uns entstand der Eindruck: Schwierig, aber möglich.«

Und Adschubej warb: »Es ist besser, eine Kerze anzuzünden, als einander in der Dunkelheit zu hassen.« In der Sowjetpresse ging wieder der »Geist von Rapallo« um.

Wenig später mußte Chruschtschow abdanken. Adschubej verlor seinen Chef-Posten bei der »Iswestija«. Der neue Regierungschef Kossygin nannte zwar sogleich die Bundesrepublik ein Land, in dem »Revanchisten und Militaristen den außenpolitischen Kurs sehr beeinflussen Der Kreml protestierte zwar in Bonn gegen den Versuch, die »vollständige Amnestie der Naziverbrecher zu verschleiern«. Der Warschauer Pakt stellte eine »Bedrohung durch den westdeutschen Imperialismus« fest.

Aber wieder reisten Sowjetjournalisten als Spähtrupps durch das rheinische Revanchisten-Reich. Der Deutschland-Spezialist des Moskauer »Instituts für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen«, Professor Melnikow alias Melamid, berichtete -- wie vorher Adschubej -- in »Nowy mir«, daß die »zweite Industriemacht der imperialistischen Welt« schon seit Jahren keine Arbeitslosigkeit mehr kenne.

Die Arbeiter können laut Melnikow »nicht nur Waren kaufen, die für den unmittelbaren Lebensunterhalt notwendig sind, sondern auch langlebige Konsumgüter: Tonbandgeräte, Fernseher und sogar Autos«. Die Kapitalisten gewährten nun Lohnerhöhungen ("Almosen für die Massen"), um soziale Konflikte zu ersticken.

Melnikow bemerkte erstmals, »daß in Westdeutschland eine neue Kultur entsteht, eine neue Literatur und hauptsächlich eine neue Weltanschauung, die sich nicht nur gegen den Faschismus, sondern auch gegen den Revanchismus richtet ... Wir glauben, daß die gesunden Kräfte in der westdeutschen Gesellschaft die Oberhand gewinnen werden«.

Filmregisseur Gerassimow meldet »zwei Strömungen« in Westdeutschland, zwei Gesichter: »Das eine ist stur und gefährlich, es löst Besorgnis aus, läßt an mögliche folgenschwere Entwicklungen denken, das andere ist Wohlwollen, Frieden, Verständigung und Freundschaft. Welches dieser Gesichter wird obsiegen? In der Antwort auf diese Frage liegt die Zukunft des deutschen Volkes, und nicht nur des deutschen ...«

Offenbar hielten die Russen das westdeutsche Volk für besser als dessen Regierung. Im Juli 1966 verabschiedeten die Warschau-Pakt-Staaten in Bukarest eine Resolution, in der sie die Auflösung der Militärblöcke und den Rückzug aller fremden Truppen vorschlugen. Die Lösung der »Frage der Vereinigung der beiden deutschen Staaten« sollte über Entspannung, Annäherung und Abrüstung führen; von einem »zukünftigen vereinigten Deutschland« war die Rede.

Im August 1966 versicherte Premier Kossygin: »Was die BRD betrifft, so ist es der Sowjet-Union keineswegs darum zu tun, sie aus dem Kreis der Länder auszuschließen, die wir an der Erhöhung der europäischen Sicherheit mitwirken sehen möchten.«

Und Pawel Naumow, ehemals Korrespondent der »Prawda"« schrieb: »Würden verantwortliche Politiker der BRD den Mut finden und die Haltlosigkeit ihrer gesamten politischen Nachkriegskonzeption eingestehen, niemand in Europa würde einen Freudentanz auf ihren Gebeinen vollführen. Im Gegenteil: Die westdeutschen Politiker würden bestimmt überall -- im Osten wie im Westen Europas -- eine wohlwollende Einstellung finden, die Beziehungen zu ihnen in Achtung und unter Berücksichtigung der beiderseitigen Interessen zu gestalten.«

Im Dezember 1966 entdeckte Radio Moskau erstmals »neue Akzente und Nuancen« in einer Bonner Regierungserklärung: Das Kabinett der Großen Koalition hatte eine neue Politik gegenüber dem Osten verkündet -- die Politik der Entspannung. Die Hallstein-Doktrin schien zu fallen -- das hatte Moskau immer verlangt. Auf der Nato-Ratssitzung vom 15. bis zum 16. Dezember 1966 in Paris begründete Brandt seine neue Entspannungspolitik gegenüber Osteuropa.

Doch der Nato blieb er treu. Noch an demselben Tag erklärte die »Prawda": »Das Programm der westdeutschen Regierung zeigt vor allem das Festhalten am alten Kurs.« Eine Woche später klagte Radio Moskau Bonn der »Vorbereitung neuer Kriegsabenteuer« an. Und schon brach eine Kampagne gegen die Bundesrepublik los, die alle Sowjetpropaganda des Kalten Krieges zu Adenauers Zeiten in den Schatten stellte. Sie währt bis heute.

»Niemand kann garantieren, daß die Bonner Militaristen im Revanche-Rausch nicht einen Konflikt an der Grenze der DDR oder in West-Berlin auslösen werden«, warnte Radio Moskau am 12. Januar 1967. »Niemand kann davor sicher sein, daß nicht irgendein Besessener in Bundeswehruniform in ein amerikanisches Arsenal in der Bundesrepublik eindringen kann, um sich eine Atombombe zu verschaffen und sie an der Grenze der CSSR oder der DDR hochgehen zu lassen.«

Als Kiesinger erklärte: »Die Sowjet-Union will mindestens den Status quo in Europa erhalten ... Wir müssen den Status quo zu verändern versuchen«, antwortete ihm Radio Moskau: »Hier ist die Frage angebracht, ob sich die Politiker in Bayern und am Rhein keine Gedanken darüber gemacht haben, daß diese Erklärung des Kanzlers als eine Kriegserklärung aufgenommen werden kann und daß man im Osten den entsprechenden Schluß daraus ziehen wird. Mit dem unverantwortlichen und herausfordernden Aufruf des Bonner Kanzlers ... wird unverhohlen die verbrecherische hitlerische Expansionspolitik in Europa durch Bonn wieder zur Welt gebracht.«

Nach der Intervention in der Tschechoslowakei schlug die Propaganda-Woge vollends über Westdeutschland zusammen: Prag wurde nur deshalb von den Russen okkupiert, weil die Bonner es sonst okkupiert hätten, versicherte ein leitender »Prawda«-Redakteur ernsthaft dem SPIEGEL.

»Die Drahtzieher der Nato sind darauf aus, die mißlungenen Versuche, die Integrität der sozialistischen Gemeinschaft zu untergraben, durch offene aggressive Tätigkeit des Atlantikblocks wettzumachen«, erklärte die »Prawda«. »Ein solcher Versuch wurde in der Tschechoslowakei unternommen. Doch die Diversion mißlang. Das Komplott Nato -- Bonn wurde durch das entschlossene Vorgehen der verbündeten sozialistischen Länder rechtzeitig unterbunden.«

Militärblatt »Roter Stern": »Schließlich ist heute allgemein bekannt« daß die Aktionen der Konterrevolution in der CSSR mit direkter Unterstützung imperialistischer Kräfte des Westens, vor allem der Bundesrepublik, vorbereitet worden sind.«

So eindeutig propagandistisch dieses russische Urteil erscheint, so eindeutig enthüllt es, daß im deutsch-russischen Verständnis zwei Optiken und vielleicht auch zwei Wahrheiten konkurrieren. Denn ein sowjetischer Beobachter konnte in den Wochen vor der Intervention in der CSSR durchaus den Eindruck haben, daß sich das Land in den Händen der Westdeutschen befinde -- nicht in den Händen der Bundeswehr, aber in denen der Touristen.

Tourismus ist für Sowjetmenschen etwas staatlich Gelenktes, Massentourismus verfolgt politische Zwecke. Selbst Kenner der sowjetischen Mentalität können nicht analysieren, inwieweit Sowjet-Diplomaten wissen daß westliche Touristen ihre Reiseziele nach eigenem Gusto wählen -- auch wenn sie plötzlich in Scharen nach Prag fahren.

Vergebens bemühte sich Außenminister Brandt, seine neue Ostpolitik zu erklären: »Tatsächlich war es so, daß die Vertreter der sowjetischen Regierung von uns Mitte Dezember vergangenen Jahres erfahren haben, daß wir Delegationen nach Prag, nach Budapest und nach Bukarest schicken würden und daß sie, bitte, die Vertreter der sowjetischen Regierung, nicht glauben sollten, wir seien so töricht zu meinen, wir könnten eine Osteuropa-Politik als eine Politik der Intrige innerhalb des Blocks und gegen die Sowjet-Union betreiben.«

»Und damals hat man dafür Verständnis gehabt«, berichtete Brandt in einem Fernseh-Interview. »Dann ist in Moskau was passiert. Ich war nicht dabei, ich kann also auch nicht genau wissen, was.«

Brandt vermutete, Ost-Berlin habe »angestachelt«. Dafür spricht, daß die DDR bereits den geplanten Redneraustausch mit den Sozialdemokraten abgeblasen hatte und in Berlin Weihnachts-Passierscheine verweigerte. Im Januar 1967 empfing Ulbricht dann den Sowjet-Marschall Gretschko und zweimal den Sowjetbotschafter Abrassimow. DDR-Außenminister Winzer erschien zweimal in Moskau.

Doch mit Ost-Berliner Pressionen allein läßt sich Moskaus Ungewitter gegen Bonn schwerlich erklären. Der neuen deutschen Ostpolitik haftete vielmehr ein Geburtsmakel an, der sie in Moskau sogleich diskreditieren mußte: Die Deutschen hatten ihre Entspannungsoffensive dort begonnen, wo sie auf der Gegenseite die größte Bereitschaft zum Gespräch vermuteten -- in Rumänien.

Aber: Rumänien hatte sich seit Jahren von Moskau abgesetzt und scheint -- als einziger Ostblockstaat -- Gebietsansprüche (Bessarabien) gegenüber der Sowjet-Union zu erheben. Allen Bonner Beteuerungen zum Trotz konnte Moskau sehr wohl den Ein-

* Nach einer Demonstration am 23. Juni 1958.

** Nach einer Demonstration am 21. August 1968.

druck gewinnen, die Deutschen wollten den Ostblock unterwandern.

Andererseits machen es die fast exotisch klingenden Anklagen der sowjetischen Zeitungen und Noten wahrscheinlich, daß die Sowjet-Union -- jenseits aller berechtigten Sorgen -- auch den deutschen Universal-Sündenbock nicht verlieren wollte, daß der notorische Friedensstörer als Bindemittel des sowjetischen Machtbereichs gebraucht wird.

Vor einem Jahrhundert schon bemerkte Bakunin, »daß. wenn es keine Deutschen gäbe, man sie erfinden müßte«. Und Chruschtschow sagte dem Bonner Botschafter Kroll, die deutsche Forderung nach Revision der Grenzen lasse Polen und Tschechen sich noch stärker an die Sowjet-Union klammern: »Natürlich ist uns das nicht unwillkommen.« Und auch innerhalb der UdSSR dient der Propaganda-Anteil am offiziellen Deutschenbild offensichtlich dazu, das Sowjetvolk zu überzeugen, daß die Verlierer des letzten Krieges nicht besser dastehen als die Sowjet-Sieger:

Die Deutschen, die Muster-Menschen von einst, verfallen moralisch -- das soll die Sowjetbürger trösten angesichts der eigenen Halbstarken und Alkoholiker, der landeseigenen Korruption und das Schwarzen Marktes. In der Bundesrepublik schmachtet das Volk unter der kapitalistischen Ausbeutung -- das läßt einen Sowjetbürger die eigenen, oft kümmerlichen Arbeits- und Wohnverhältnisse vergessen.

In Westdeutschland wird die politische Opposition verfolgt -- was zählen da schon ein paar Sowjetstudenten, die für ihren Protest auf dem Roten Platz büßen müssen. In Bonn ist der Staatsmonopolismus verwirklicht -- nicht nur daheim im Sowjetreich; die Bundeswehr sitzt auf dem Sprung, ihre Nachbarn zu überfallen -- die Sowjetarmee will die Nachbarn nur davor schützen.

Doch das sowjetische Deutschlandbild hat als innen- und außenpolitischer Integrationsfaktor nur begrenzte Wirkung: So waren die Tschechen im Begriff gewesen, ihre Furcht vor den Deutschen zu verlieren. Als einzige positive Ostblockstimme hatte die Prager Jugendzeitung »Mladá fronta« in Kiesingers Regierungserklärung »gewisse positive Momente und Tendenzen vorwärtszuschreiten, besonders in einigen außenpolitischen Fragen« bemerkt, denn. »Zum erstenmal verurteilt eine Bundesregierung offen die Vernichtungspolitik Hitlers gegenüber der Tschechoslowakei.«

Tschechische Publizisten, Künstler und Wirtschaftsexperten hatten sich bei Besuchen in der Bundesrepublik überzeugen lassen, daß die Mehrheit der Westdeutschen für ihre Vertriebenenfunktionäre keinen neuen Krieg riskiert -- und daß die Bundesrepublik ein verlockender Wirtschaftspartner sein kann.

So wurde »die »neue Ostpolitik« Bonns« für die »Iswestija« »eine Art Pseudonym für den Export der Konterrevolution in die sozialistischen Länder«.

Und die Moskauer »Literaturzeitung« bekannte sich zu einer neuen These der Kollektivschuld: Sie erklärte alle Bundesdeutschen zu Revanchisten (siebe Kasten Seite 65). Zwischen Regierung und Volk wird kein Unterschied mehr gemacht -- alle tragen sie die Verantwortung für die Bundespolitik.

Das in Sowjet-Augen gute Deutschland, die DDR, kann das Bild vom häßlichen Deutschen kaum korrigieren. Sie ist zwar in der Agitation das positive Gegenbild zur Bundesrepublik und steht ständig auf Friedenswacht, aber die DDR-Genossen sind bei den Russen nicht beliebt.

Im Gegenteil: DDR-Touristen in der Sowjet-Union pflegen das Urbild des Deutschen im Ausland. Bedenkenlos ohne das schlechte Gewissen der Bundesbürger, eher sogar in bewußter Opposition -- demonstrieren sie den Russen, daß die DDR im sowjetischen Machtbereich den höchsten Lebensstandard hat, daß es hei ihnen keinen Schlendrian gibt und sogar die Kollektivierung der Landwirtschaft ein Erfolg war. Ungezwungen beschweren sich DDR-Bürger in Moskauer Restaurants über die lässige Bedienung und unterhalten sich laut über das rückständige Entwicklungsland«.

So findet der Deutsche keinen festen Standort im Blick des Sowjetbürgers. Sein Land bleibt rätselhaft. Auf der einen Seite ist es »ein höchst wohnliches Land, das seine Reichtümer jahrhundertelang gespeichert hat: ein Land, in dem die größte Entfernung von einer Bahnstation zur anderen nie mehr als 20 Kilometer beträgt; ein Land mit sorgfältig gehegten Wäldern, mit völliger Elektrifizierung, mit vorzüglichen Ernteerträgen«, lobte Pawel Naumow ("Bonn -- Macht und Ohnmacht").

Auf der anderen Seite aber fand ein Reporter Tscharni von der Zeitschrift »Literarisches Rußland« selbst in Bayern, am Altar der Münchner Theatiner-Kirche, Barbarisches.

Tscharni: »An ihm sind deutlich erkennbar drei Buchstaben zu lesen: B.M.W. Es sind die Buchstaben einer bekannten Autofirma. Sowohl Gott als auch die Gemeindemitglieder -- was noch wichtiger ist -- sollen sich somit auch hier an die fromme Firma erinnern.«

Der Altar in der Theatiner-Kirche ist -- mit den Buchstaben B.M.V. -- der Seligen Jungfrau Maria ("Beatae Mariae Virgini") geweiht.

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