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SCHWEDEN / STRASSENVERKEHR Drang nach rechts

aus DER SPIEGEL 21/1962

Schwedens Kraftfahrer, als einzige

Automobilisten des europäischen Kontinents kraft Gesetzes immer noch zum Linksfahren gezwungen, trainieren neuerdings für den Rechtsverkehr.

Zu Tausenden rangieren sie Sonntag für Sonntag auf der zweckentfremdeten Betonpiste des Flugplatzes von Skarpnäck nahe - Stockholm, fahren enge Rechts- oder weite Linkskurven, üben sich im Kreisverkehr und folgen bereitwillig den Anweisungen kritischer Polizisten oder weiblicher Hilfskräfte der schwedischen Automobilklubs.

Die Klubs unterstützen mit dieser Fahrschule ein Projekt, das Verkehrsminister Skoglund demnächst dem Reichstag vorlegen will: das Gesetz über die Einführung des Rechtsverkehrs für alle Straßenfahrzeuge*.

Der Gesetzentwurf - Nummer 1961 :62 - enthält sogar schon einen Termin der Umstellung: An einem 2. Mai, morgens um vier Uhr, soll das Linksfahren eingestellt werden.

Die Jahreszahl fehlt noch, und das erklärt den großen Eifer der Automobilklubs, die seit Jahren versuchen, den schwedischen Kraftfahrern die Vorteile des Rechtsverkehrs nahezubringen, und auf möglichst rasche Verabschiedung der Vorlage drängen.

Wenn es freilich nach dem Willen einer kleinen Gruppe konservativer Traditionalisten ginge, müßte Schweden noch auf Jahre hinaus an seinem Links -Anachronismus festhalten. Selbst als der Europarat Mitte 1960 den Schweden und Engländern empfahl, sich im Zeichen der europäischen Integration dem allgemein üblichen Rechtsverkehr anzupassen, lehnten die schwedischen Links -Verfechter ab.

Eine Umstellung, so argumentierten sie, werde zu Massenkollisionen fuhren und die Unfallziffern in die Höhe schnellen lassen. Außerdem werde der Steuerzahler durch eine solche Maßnahme über Gebühr strapaziert.

Der Hinweis auf die hohen Kosten mobilisierte die Klubs. Sie gaben zwar zu, daß die Kosten von Jahr zu Jahr gestiegen seien, spielten den Schwarzen Peter jedoch den Fanatikern des Linksverkehrs zu, die sich schon vor 17 Jahren, als die Motor-Organisationen ihren ersten Vorstoß nach rechts unternahmen, gegen eine Revolution auf der Straße gesträubt hatten.

1945, als es in Schweden nur 50 000 Privatwagen, 4000 veraltete Busse und 800 Straßenbahnen gab, hätte eine Umstellung kaum technische Schwierigkeiten bereitet und lediglich 27 Millionen Kronen (21 Millionen Mark) gekostet. Schwedens damaliger Finanzminister Ernst Wigforss hatte jedoch unter dem Beifall der Konservativen abgelehnt: »Mit diesen Millionen können wir viel Nützlicheres leisten.«

1955, als die Motorklubs eine neue Attacke gegen das Linksfahren starteten, besaß schon jeder zehnte Schwede ein Auto. Weil jedoch die Kosten für eine Umstellung auf 150 Millionen Kronen gestiegen waren, lehnten in einer Volksabstimmung 82,9 Prozent der Wähler (Wahlbeteiligung: 53 Prozent) den Rechtsverkehr ab. Ein Gesetzentwurf der Regierung-Nummer 1954: 30 - verschwand in den Archiven des Verkehrsministeriums.

Fünf Jahre später, nach der Empfehlung des Europarats, mußte der Entwurf auf Drängen der Motorklubs wieder hervorgekramt werden, denn Schwedens Ruf als Touristenland war in Gefahr. »Mindestens 250 000 Touristen meiden jährlich wegen des Linksverkehrs unser Land«, klagte der schwedische Fremdenverkehrsverband.

Obendrein hatte sich Norwegen, dessen Touristenstrom zu 50 Prozent durch Schweden fließt, beim Nordischen Rat unter Berufung auf den schwedischen Linksverkehr wegen »Geschäftsschädigung« beklagt.

Als auch die schwedische Automobilindustrie vorpreschte und ihre Fahrzeuge serienmäßig mit der für den Linksverkehr denkbar ungeeigneten Linkssteuerung ausstattete, wurde Gösta Hall, Direktor der staatlichen Straßenbehörde, von der Regierung mit der Erstellung einer neuen Kostenübersicht beauftragt.

Ende 1961 legte Hall die Zahlen vor, und die Nein-Sager von 1955 erkannten die Fragwürdigkeit ihrer Entscheidung bei der Volksabstimmung: Die Kosten waren auf 340 Millionen Kronen (265 Millionen Mark) gestiegen:

- Rund 175 Millionen Kronen verschlingt der Umbau der 8000 schwedischen Omnibusse, deren Türen von der linken auf die rechte Wagenseite verlegt werden müssen (am Tage X muß sich Schweden einige Hundert Busse von den Nachbarländern ausleihen, da bis zum Augenblick der Umstellung noch Busse mit Linkseinstieg benötigt werden);

- rund 55 Millionen müssen für den Umbau der Straßenbahnwagen aufgewendet werden;

- 83 Millionen werden für Umbauten der Verkehrsflächen benötigt: Parkplätze und Verkehrsinseln müssen verlegt, rund 5000 Ampeln und 200 000 Verkehrsschilder umgestellt werden; um die neuen Leitlinien und Richtungspfeile zu malen, sind 500 000 Kilo Farbe nötig;

- weitere 27 Millionen werden unter anderem die Aufklärung der Verkehrsteilnehmer, der Umbau aller Benzin - und Service-Stationen sowie die Umstellung der schwedischen Militärfahrzeuge verschlingen.

Trotz dieser gewaltigen Summen, erklärte Verkehrsminister Skoglund, müsse die Umstellung nunmehr in Angriff genommen werden.

Obwohl fünf Jahre lang jeder Liter Benzin mit einer zusätzlichen Abgabe von zwei Öre (1,5 Pfennig) belastet werden soll, sprachen sich 62 Institutionen - vom Generalstab bis zum Verband der Radfahrer - für die Revision aus. Selbst der schwedische KP-Chef Hilding Hagberg erklärte: »Da stehe auch ich rechts. Je früher die Umstellung, desto besser und billiger.«

Lediglich der 1955 gegründete »Verein für den Linksverkehr« forderte eine neue Volksabstimmung. Minister Skoglund: »So viel Demokratie kann sich Schweden nicht mehr leisten!«

* Untergrund- und Eisenbahnen sollen von der Umstellung auf den Rechtsverkehr ausgenommen werden.

Rechtsfahrtraining in Schweden: Touristen wollen nicht links fahren

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