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SPANIEN Drastische Methoden

Etwa 10 000 Spanier haben Lepra - Behörden und Öffentlichkeit verdrängen die Krankheit. *
aus DER SPIEGEL 1/1988

Wohlversteckt hinter schroffen Bergrücken, durch eine übermannshohe Mauer vor Einblicken geschützt, liegt die Krankenstation: ein burgartiges Bettenhaus, Wohngebäude und Forschungslabors verteilt zwischen Pinien, Oliven- und Mandelbäumen auf einem Areal von 74 Hektar.

Die Patienten, die dort so sorgsam verborgen gehalten werden, gleichen oft Gestalten aus einem Gruselfilm. Ihre Züge sind zur Fratze entstellt, sie haben dicke, wie in tückischem Grinsen aufgerissene Münder, Löwengesichter ohne Nase, Gliedmaßen sind verstümmelt oder amputiert. Sie leiden an Lepra, dem Aussatz, der jahrtausendealten Geißel der Menschheit.

Doch diese Kolonie gehört nicht ins elende Indien oder in eines der Hungerländer Afrikas. Das »Sanatorio de Fontilles«, wo jährlich an die 500 Kranke behandelt werden, liegt nahe am spanischen Ferienparadies Costa Blanca. Die Touristen begegnen den grauenerregenden Kranken nie.

Längst glaubten Europäer die Seuche aus ihren Breiten verbannt. Doch laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es in Europa seit 20 Jahren eine etwa gleichbleibende Zahl von Aussätzigen, und Spanien führt in der europäischen Lepra-Statistik der WHO mit etwa einem Drittel aller registrierten Fälle. Nach Schätzungen von Experten leben heute 8000 bis 10 000 Leprakranke meist unentdeckt überall im Land.

Diesen Makel scheinen die spanischen Behörden vertuschen zu wollen. So notiert das Gesundheitsministerium in Madrid schon seit Jahren nicht mehr die Gesamtzahl der Leprösen, sondern hält nur noch Neuerkrankungen fest: 31 waren es 1986, 18 weniger als im Vorjahr. Offizielle Begründung für die verharmlosende Zähltaktik: »Die Kompetenz für das Gesundheitswesen wurde auf die 17 autonomen Regionen übertragen.«

Zur Beschönigung meint das Lieblingsreiseland von Millionen Sonnenhungrigen Anlaß zu haben. Denn die Seuche, im Mittelalter Symbol für Gottes Strafe, schreckt auch Aufgeklärte ab: Die entstellten Aussätzigen versinnbildlichen Elend und Unheil. Aus Angst vor Ansteckung wurden sie seit je gemieden wie die personifizierte Pest.

Dabei ist diese Berührungsscheu weitgehend grundlos: Gesunde können selbst bei intensivem Kontakt mit Kranken kaum vom Aussatz befallen werden. Nur wer ein defektes Immunsystem hat - bei 20 Prozent der Weltbevölkerung ist das angeboren -, kann sich infizieren.

Seit jeher war Lepra daher Begleiterin des Elends. Sie kam mit Karawanen, Kreuzzügen und Konquistadoren, Flüchtlingen und Soldaten. Wo Menschen lange Zeit eng zusammengepfercht leben, ohne Möglichkeit, auf Hygiene zu achten, geschwächt durch mangelhafte Ernährung, greift sie um sich.

Nach der Ansteckung können zwei bis fünf Jahre vergehen, bevor die Lepra ausbricht. Erstes Anzeichen sind weiße Flecken, später Knoten auf der Haut im Gesicht und an Gliedmaßen. Nach und nach verlieren die Nervenzellen ihre Sensibilität, können auch nicht mehr zwischen heiß und kalt unterscheiden. Deshalb verbrennt und verstümmelt sich der Kranke, ohne Schmerz zu empfinden. Unbehandelt vereitern die selbstbeigebrachten Wunden, Gliedmaßen fallen ab, das Gesicht verkratert. Schließlich breitet sich die Nervenlähmung auf den ganzen Organismus aus. So verfault der Aussätzige bei lebendigem Leib.

In Spanien wütete die Epidemie seit dem 16. Jahrhundert besonders in der Gegend, wo um 1909 die Leprakolonie Fontilles entstand. In dem 600 Einwohner zählenden Dorf Parcent beispielsweise suchte »el mal« (das Übel) nahezu jede Familie heim. Die Kranken wurden verstoßen, so sehr fürchtete man, durch Kontakt selbst krank zu werden. In Hütten am Rande des Dorfes oder in die umliegenden Terrassenfelder mußten sie sich zurückziehen. Nur nachts geisterten sie durch die Gassen. Andere wurden in Berghöhlen - genannt »cuevas del miedo« (Höhlen der Angst) - gesteckt. Die Bauern bekreuzigten sich, bevor sie Körbe mit Essen durch den Eingangsschacht abseilten.

Nach dem Bürgerkrieg, in den vierziger Jahren, als das Land hungerte, brach erneut eine Leprawelle über Spanien herein. Erst der Wirtschaftsboom der sechziger und siebziger Jahre verbesserte die Lebensbedingungen. Selbst in den klassischen Elendszonen Andalusien, Valencia und Extremadura sowie in den Armenvierteln der großen Zentren Barcelona und Madrid verebbte die Seuche. In den vergangenen Jahren aber ließen Massenarbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise sie erneut aufflackern.

Gegenwärtig grassiert die Lepra besonders unter den etwa 300 000 Zigeunern Spaniens. Weil ihr klassisches Gewerbe als Pferdehändler oder Hausierer nichts mehr einbringt, vegetieren sie häufig zwischen Müllhalden am Rande der Städte in Wellblech- und Papphütten dahin - idealer Nährboden für die Infektion. Aus Scheu vor dem Arztbesuch lassen viele die Krankheit fortschreiten.

Dabei ist Lepra heute heilbar, selbst die bösartigste, sogenannte lepromatöse Form kann durch eine Kombinationstherapie gestoppt werden, die Ansteckungsgefahr wird so innerhalb von Tagen beseitigt. Jedoch gelingt es bisher noch nicht, das Leprabakterium restlos abzutöten. Daher müssen die Patienten - selbst wenn sie als geheilt gelten, weil die Krankheit zum Stillstand gekommen ist - zeitlebens ihr Medikament schlucken, um Rückfälle zu vermeiden.

In Fontilles, Europas größtem Leprazentrum, experimentiert seit fünf Jahren ein Forscherteam unter dem britischen Spezialisten John Lawson Stanford, um einen Impfstoff gegen die Seuche zu entwickeln. Da es nicht gelang, Leprabakterien außerhalb des menschlichen Organismus zu züchten, arbeiten die Ärzte mit einem verwandten Erreger. Doch bis zur Marktreife benötigen die Forscher noch Testreihen über weitere fünf Jahre. Erst dann gibt es Hoffnung, den Aussatz zu besiegen.

Noch haben alle drei spanischen Leprastationen gut zu tun: Fontilles in der Provinz Alicante beherbergt ständig an die 150 Patienten, in Trillo, 130 Kilometer von Madrid entfernt, werden 100 Aussätzige stationär betreut, in Tafira auf Gran Canaria etwa 40. Kaum ein Spanier weiß von diesen Behandlungszentren. Über Lepra im eigenen Land schweigen auch die Behörden, Medien und die Kranken selbst. Die Mehrzahl läßt sich heute ambulant kurieren, kosmetische Chirurgie macht zerstörte Gesichtszüge wieder menschlich, so daß sie nicht mehr als abstoßend auffallen.

Auch wenn die meisten spanischen Leprakranken heute bei ihren Familien leben und einen Beruf ausüben können,

schämen sie sich ihres Leidens und setzen alles daran, es zu verbergen. Deshalb werden im Sanatorium Fontilles geheilte, aber vom Aussatz bereits gezeichnete Patienten nicht entlassen. Meist würden sie kein Zuhause mehr vorfinden. So bewohnen sie Appartements in der Leprakolonie und versorgen sich so weit wie möglich selbst.

Jenseits der hohen Mauern, die das Tal der Aussätzigen umgeben, in den Nachbarorten Murla, Alcalali, Pedreguer und selbst im einstigen Lepra-Dorf Parcent ist die Krankheit tabu: »Das gab es mal vor 200 Jahren«, wimmeln die Alten alle Fragen ab.

Um die Isolation seiner Schützlinge zu durchbrechen, greift Jesuitenpater Juan Costa, der Fontilles leitet, zu drastischen Methoden: Er lädt die Honoratioren der Gegend zu einer Paella in das Sanatorium ein. Dann essen unter den strengen Augen des Paters Gäste und Kranke gemeinsam aus einer großen Pfanne.

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