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KIRCHE Draußen vor der Tür

Die deutschen Bischöfe müssen Ende Februar entscheiden: Riskieren sie über die Abtreibung den Konflikt mit Rom oder den Krach mit den eigenen Gläubigen?
aus DER SPIEGEL 5/1999

Wenn die deutschen Oberhirten sich im emsländischen Lingen Ende Februar versammeln, um zu entscheiden, ob sie ihrem Chef in Rom mehr gehorchen sollen als ihrem seelsorgerlichen Gewissen, haben die Bischöfe vor allem einen Mann zu fürchten - den Kölner Kardinal Joachim Meisner, den seine Feinde »die Faust des Papstes in Deutschland« nennen.

Seit Wochen ist die rheinische Eminenz auf Konfrontationskurs nicht nur zu Staat und Gesellschaft, sondern auch zu Teilen ihrer eigenen Kirche. Seit Wochen wettert Meisner öffentlich und heftig gegen die Abtreibungspille. Er vergleicht Politiker mit Nazi-Mördern, sollten sie die Abtreibungspille »Mifegyne« genehmigen, und setzt ungeniert seine Amtsbrüder unter Druck, endlich, wie von Johannes Paul II. schon vor Jahresfrist gefordert, Frauen in katholischen Beratungsstellen den für eine Abtreibung erforderlichen Beratungsschein nicht mehr auszustellen - und damit aus dem mühsam austarierten staatlichen Konzept zum Schwangerschaftsabbruch auszusteigen.

Vergangene Woche tagten die 27 Leiter der deutschen Diözesen - Bischöfe, Erzbischöfe und Kardinäle - im fränkischen Kloster Himmelspforten, um die Vollversammlung aller 78 Oberhirten, Weihbischöfe inklusive, vorzubereiten und in einer Art Probeabstimmung die derzeitigen Mehrheitsverhältnisse unter den Oberen zu testen. Der Bischofskonferenzvorsitzende Karl Lehmann vermied jedoch zum jetzigen Zeitpunkt eine Festlegung.

Die Herren debattierten über das Kompromißpapier einer Arbeitsgruppe, die von den Bischöfen im vergangenen Jahr eingesetzt wurde, um herauszufinden, wie die Oberhirten dem Verdikt des Papstes Genüge tun, zugleich aber weiterhin bedrängten Frauen helfen können.

Caritas und der Sozialdienst katholischer Frauen, welche die kirchlichen Beratungsstellen tragen, sowie das Zentralkomitee, oberstes Laiengremium der deutschen Katholiken, haben immer wieder vehement an die Bischöfe appelliert, im staatlichen Beratungssystem zu bleiben.

Auch die Mehrheit der Geistlichen selbst will aus pastoralen Gründen dabeisein. »Wenn wir aus dem Beratungssystem aussteigen«, warnt der Limburger Oberhirte Franz Kamphaus, »sind wir draußen vor der Tür. Wir haben viel zu verlieren.«

Die katholischen Beratungsstellen, schlagen die Autoren des Kompromißpapiers vor, könnten den für eine legale Abtreibung notwendigen Beratungsschein mit einem persönlichen »Beratungsbrief« koppeln, in dem der Schwangeren konkrete Hilfe angeboten wird - von ortsnahen Kindergartenplätzen und Krediten oder Zuschüssen bei Wohnraumbeschaffung bis zu Kinderkleidung und Baby-Erstausstattung.

Wenn Frauen dennoch abtreiben, so die Logik, würden sie die Beratung mißbrauchen, dafür könnten dann aber die Bischöfe nichts. Daß die laue Formel dem Vatikan reichen wird, ist allerdings unwahrscheinlich. Wie die Stimmung in Rom ist, soll Lehmann jetzt vorsichtig sondieren.

Meisner hofft, bei der am 22. Februar beginnenden Bischofskonferenz die Mehrheit auf seine Seite ziehen zu können. Zumal die Diskussion um die »sanfte« Abtreibungspille auch Befürworter der staatlichen Beratung verunsichert hat: Mancher Bischof fürchtet, die Pille könnte die Hemmschwelle beim Schwangerschaftsabbruch weiter absenken.

Insider gehen davon aus, daß die Bischofskonferenz in drei etwa gleich große Blöcke gespalten ist: Ein Drittel - darunter neben dem Kölner Meisner der Fuldaer Oberhirte Johannes Dyba, der Münchner Kardinal Friedrich Wetter und der Paderborner Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt - ist voll auf Papst-Linie; ein weiteres Drittel - angeführt vom Vorsitzenden der Bischofskonferenz Karl Lehmann (Mainz) sowie den Bischöfen Hermann Josef Spital (Trier) und Kamphaus - möchte auf jeden Fall verhindern, daß die Kirche die staatliche Schwangerenberatung verläßt und sich damit ins gesellschaftliche Abseits begibt.

Dazwischen liegt die »graue Mitte« - jene Bischöfe, die sich bislang in dem Streit bedeckt halten. Als unberechenbare Größe kommen die 51 Weihbischöfe hinzu, die bei der Vollversammlung ebenfalls mit abstimmen dürfen und nicht unbedingt ihrem jeweiligen Chef folgen müssen.

Zusätzlich unter Druck fühlen sich die deutschen Bischöfe durch das, was sich derzeit im österreichischen Nachbarsprengel abspielt: Dort hat sich die katholische Kirche zwischen erzreaktionären und liberalen Kräften tief gespalten, ausgelöst durch den Skandal um den zurückgetretenen Wiener Kardinal Hans Hermann Groer, der sich an jungen Schutzbefohlenen und Mitbrüdern vergriffen haben soll. Kirchenfunktionäre des Alpenlandes streiten über Abtreibung und Priesterinnen, Bischöfe titulieren sich öffentlich gegenseitig als Lügner, die Gläubigen laufen in Scharen davon.

Daß es über den Streit um die Schwangerenberatung in der deutschen Kirche zu ähnlichen Verhältnissen kommen könnte, ist für viele Kirchenführer eine Horrorvision. Um die Einheit zu wahren, könnte daher mancher von ihnen bereit sein, die eigenen Überzeugungen hintanzustellen. Zusätzlich gemindert werden Standfestigkeit und Streitlust, weil fast die Hälfte der deutschen Bischöfe bis 2005 aus Altersgründen aus dem Amt scheidet.

Der Kölner Kardinal allerdings zählt kaum zu den Friedfertigen. Dafür ist Fundamentalist Joachim Meisner zu fest davon überzeugt, auf der richtigen Seite zu stehen. Sein Credo: »Ich habe die meiste Zeit meines Lebens als Christ im Gegenwind gelebt. Das macht mir nichts aus.«

Unterstützung bekommt er neuerdings vom katholischen Adel. In einem Mahnschreiben an alle Bischöfe fordern 100 Unterzeichner, darunter Freifrauen, Fürstinnen, Prinzessinnen und Grafen - unter ihnen Gloria von Thurn und Taxis sowie Johanna Gräfin von Westphalen -, »daß sich die Kirche aus der Beratung mit Scheinpflicht verabschiedet«. Denn es gelte »zu retten, was zu retten ist«. PETER WENSIERSKI

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