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Briefe

Draußen vor der Tür
aus DER SPIEGEL 17/1977

Draußen vor der Tür

(Nr. 14/1977, Sonderschulen: In den letzten zehn Jahren verdoppelte sich die Zahl der Sonderschüler in der Bundesrepublik)

Kinder, die in Heimen groß werden müssen oder aus kaputten Familienbeziehungen stammen, weisen oft Entwicklungsrückstände auf, die zu Schulversagen und damit zur Überweisung in die Sonderschule führen. Auch wenn die Rückstände später aufgeholt werden, erfolgt in der Regel keine Rückschulung mehr. Das Kind erhält also allenfalls den Sonderschulabschluß, der heute auf dem Arbeitsmarkt, wie Sie richtig dargestellt haben, nichts wert ist. Also wird der Jugendliche, der bereits in seiner Entwicklung benachteiligt ist, keine Arbeit bekommen. Welche Frustration ein solches Schicksal (wenig Nestwärme, Schulversagen, Ablehnung als Arbeitskraft) in einem jungen Menschen auslösen muß, können wir allenfalls ahnen Die (teure) Quittung läßt nicht auf sich warten: Der Anteil der Schulversager, die im Strafvollzug einsitzen, ist überproportional hoch, und die Kriminalität der arbeitslosen Jugendlichen nimmt, wie eine noch unveröffentlichte Bochumer kriminalgeographische Untersuchung aufzeigt, überproportional zu.

Bochum DR. JUR. HANS-DIETER SCHwIND Professor für Kriminologie und Strafvollzug an der Ruhr-Universität Bochum

Endlich mal einer, der sich für Sonderschüler einsetzt. In allen Diskussionen um Schulreformen und -rereformen werden sie ausgeklammert, vergessen und verdrängt. Den Letzten beißen die Hunde. Das ist schon so wie mit entlassenen Knastologen: Draußen vor der Tür.

Stolberg (Nrdrh.-Westf.) REINHARD GEIS

Lehrer

In dem genannten Artikel zitieren Sie mich in einem völlig unangebrachten Zusammenhang. Daran, daß es heute wesentlich mehr Schulen für geistig behinderte Kinder gibt, läßt sich nicht nachweisen, daß mehr Kinder auf Sonderschulen geschickt werden, als dort hingehören. Im Gegenteil. In diesen Schulen werden Kinder betreut, die vor einigen Jahren noch als völlig bildungsunfähig galten. Richtig ist, daß vor allem die Schule für Lernbehinderte das Stiefkind einer abitur- und hochschulfixierten Öffentlichkeit war und weitgehend immer noch ist.

Düsseldorf FRANZ NIEHL

Die Gleichsetzung von Sonderschulen und Knast ist wenig geeignet, den Problemen des Sonderschulwesens abzuhelfen. Diese liegen -- unter besonderer Berücksichtigung der Schulen für Lernbehinderte -- im gesellschaftlichen Bereich, wo weiterhin alle Anstrengungen unternommen werden müssen, für noch bessere schulische und berufliche Eingliederungen Sorge zu tragen. Was zählt, ist allein der Anspruch des Kindes auf adäquate Betreuung. Auch bei einer weiteren Verbesserung der Schüler-Lehrer-Relation im Bereich der Grundschule wird es speziell lernbehinderte Sonderschüler geben, nicht zuletzt, weil der demokratische Staat der Freiheit des Individuums den Vorrang gibt und damit die Bildung von Randgruppen mit Problemkindern nicht verhindern kann.

Telgte (Nrdrh.-Westf.)

KARL-HEINZ GUMPRICHT Sonderschuldirektor

Es gibt wenige gut ausgebaute Schulen und Einrichtungen der Berufsbildung, die bei der Förderung lernbehinderter Schüler bemerkenswerte Erfolge erzielen. Wer auf den Ausbau solcher Einrichtungen drängt, der stört die sparsamen Politiker arg in ihren Planungen. jeder ist doch darauf erpicht, möglichst viele arbeitslose Akademiker auf die Menschheit loszulassen, und dann fehlen halt die Mittel für das fußkranke Volk der Lernbehinderten. Von Eggenfelden über Werdohl bis Nordfriesland, überall das gleiche Bild: In den ältesten und engsten Buden sitzen die »Hilfsschüler«, weil ein kleiner Geist offenbar auch wenig Raum braucht.

Werdohl (Nrdrh.-Westf.) DIRK HOFFMANN Sonderschullehrer

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